Baumwollfeld

Baumwollfeld

Nachdem mich die zunehmend kühlen Winternächte der nördlichen Hemisphäre auf meinem Weg durch den Iran immer wieder einzuholen drohten, gelange ich auf meiner letzten Etappe von Shiraz nach Bandar Abbas endgültig in die immer warmen bzw. heißen Regionen am Persischen Golf. Die arabischen Nachbarstaaten bezeichnen ihn übrigens neuerdings als Arabischen Golf, eine weitere Differenz, die immer wieder zu Reibungen mit dem Iran geführt hat.

Bandar Abbas, die wichtigste Hafenstadt des Landes, will zunächst gar nicht überzeugen. Zwielichtige Gassen und Gestalten umgeben von zumeist heruntergekommenen billigen Zweckbauten reihen sich um die Hauptstraße der Stadt, die, wie in fast allen anderen Städten des Landes auch, Imam Khomeini Straße heißt. Die Hotels sind voll oder teuer und ich irre zwei Stunden durch die Hitze, bevor ich mich zähneknirschend in einem der preisintensiveren Unterkünfte niederlasse. Statt einer entspannten Strandatmosphäre, die ich mir für meine letzten Tage im Iran und meine Wartezeit auf die Fähre gewünscht hätte, finde ich mich in einer hektischen, lauten, baulich unattraktiven und scheinbar reizlosen Küstenstadt wieder. Hätte ich gewusst, dass ich aufgrund von Problemen mit der Polizei und dem Fährenfahrplan fast eine ganze Woche hier ausharren muss, wäre ich vermutlich gleich weiter gezogen.

Bandar Markt 4

Bandar Markt 4

Das erste Gefühl bei der Ankunft ist jedoch trügerisch, das hatte ich schon des öfteren erlebt. Alles ist neu, fremd und ungewohnt. Menschen sehen anders aus und in rein interessierte Blicke interpretiere ich Missgunst oder Abneigung. Solange ich keine Bleibe habe, kein Dach über dem Kopf, fühle ich mich angreifbar und bedürftig. Selten habe ich jedoch den Sympathieumschwung so stark erlebt wie in Bandar. Nach Sonnenuntergang begebe ich mich auf Nahrungssuche und schlendere durch die Markt- und Basargegend, die sich zwischen Hauptstraße und Küste in verwinkelten Gassen verliert. Die gnadenlose Hitze des Tages macht die Nacht zur idealen Zeit für Erledigungen und Geschäfte aller Art. Mit der Dunkelheit erwacht hier das Leben. Die Mischung der Menschen ist vielfältig. Zu den Iranern, gesellen sich Araber und sehr dunkelhäutige fast afrikanisch aussehende Menschen, die eine ebenso vielfältige wie chaotische Warenauswahl anbieten. Verbrauchte und sonnengebrannte alte Männer sitzen überall am Straßenrand und bieten allerlei herkunftsdubiose Waren von goldenen Uhren über chinesisches Spielzeug bis zuUnterwäsche an. Vor den Läden auf Küstenseite stapeln sich scheinbar gerade gelieferte Boxen mit Tiefkühltruhen und Mikrowellen und überall schieben Männer überladene Handkarren durch die Mengen. Frauen hinter Gurken- und Tomatenbergen schreien und zetern, muskulöse und sehnige Fischer zerhacken Fische, in feinste Tücher gehüllte Araberinnen beäugen Schmuck, ein paar Greise sitzen um eine Wasserpfeife und ich bin glücklicher Besitzer eines weiteren Bananenshakes und genieße das Durcheinander. Die Mischung der Eindrücke ergibt eine besondere Stimmung, ein Hafenflair der etwas anrüchiges, zwielichtiges hat. Schmuggeln ist hier an der Tagesordnung und jeder scheint hier nach der nächsten günstigen Gelegenheit Ausschau zu halten. Bandar lebt. Ich bin fasziniert davon und stelle überrascht fest, das ich kaum einen Marktbummel auf meiner Reise mehr genossen habe, als den Nachtbummel durch Bandar.

Auch hier werde ich immer wieder von interessierten, meist jungen Leuten angesprochen, die Englisch reden und sich austauschen wollen. Wieder sind meine Gesprächspartner unzufrieden mit ihrer Isolation und denken ans Auswandern. Man blickt über den Golf zu den reichen arabischen Emiraten, die sich durch geschickte Entscheidungen und großzügige Öffnung (und Öl), Wohlstand, Wissen und Chancen ins Land geholt haben. Chancen die man im Iran nicht findet. Nicht nur einmal höre ich Aussagen wie “Ich will lieber frei sein, als Moslem”, aber es ist nicht der Islam, der unfrei macht. Wir sind nicht mehr die, die wir 1979 (Revolution) waren, sagt R. mein selbsternannter, hochgebildeter Reiseführer in Shiraz. Er drängt sich mir zwar etwas auf, aber die Menge an Wissen, gepaart mit den passenden Zitaten von Hafes oder Saadi beeindrucken und ich lasse mich von ihm willig durch die Stadt führen. Ich lobe die Iraner für ihre Herzlichkeit und für den auffälligen sozialen und warmen Umgang miteinander. Auch nach drei Wochen hier empfinde ich den Unterschied zur deutschen “Das ist mein Zaun”-Gesellschaft frappierend stark. R. sieht die Werte aber schwinden. Die Religion verliert trotz islamischer Führung und Propaganda zunehmend an Bedeutung und mit ihr scheinen die sozialen islamischen Grundgedanken in den Hintergrund zu treten. Die Moscheen sind leerer, die zahllosen Läden mit Technik von Fernseher zum Handy aber überfüllt. Moderne Konsumkultur hat auch den Iran längst erreicht.

Schuhmacher/putzer

Schuhmacher/putzer

Dennoch, Iraner sind außergewöhnlich herzliche, freundliche, interessierte und hilfsbereite Menschen, die aus meiner Erfahrung trotz ideologisch halsstarriger Führung nicht den objektiven Blick auf die Welt verloren haben. Man liebt Deutschland und kennt zumindest ein paar Fußballspieler. Ich fühle mich immer willkommen und im Gegensatz zu so vielen anderen touristischeren Ländern geht es meist nicht darum, ein begonnenes Gespräch in ein Verkaufsgespräch zu verwandeln. Das hundert mal gehörte “Hallo and welcome to Iran” ist und bleibt nichts weiter als ein Willkommensgruß. Inwiefern mein Blick auf die Iraner und deren Einstellungen auf eine Mehrheit verallgemeinerbar ist, bleibt jedoch fraglich. Natürlich interagiere ich vor allem mit den mir und dem Westen allgemein positiv eingestellten Menschen, mit ähnlichen, meist regierungskritischen Auffassungen. Welchen Anteil diese an der Gesamtbevölkerung haben, vermag ich nicht zu sagen. Doch bis zu letzt, auf der Fähre nach Scharjah, sitze ich umgeben von Männern und Frauen, die einstimmig und überzeugt lieber heute als morgen der elitären Ayatollahschaft den Rücken kehren würden.

Apropos Fähre, ich hatte ja bereits während meines Passmalheurs Bekanntschaft mit der Bürokratie im Lande gemacht. Was ich durchmachen machen musste, um mein Motorrad auf die Fähre zu bekommen, lässt jedoch selbst diese Erfahrung vergleichsweise lächerlich erscheinen. Ich will euch nicht mit den Details langweilen, daher hier die traurige Zusammenfassung in Zahlen. Von der ersten Ankunft im Büro der Reederei bis zur Abfahrt der Fähre waren 2 Tage, 23!!!! verschiedene Stationen, ca. 12 verschiedene Unterlagen (ohne Kopien), mindestens ebenso viele Stempel und noch mehr Unterschriften nötig. Keiner kennt den gesamten Prozess von Anfang bis Ende, die meisten wissen nur was sie selbst tun und welche Voraussetzungen in Form von Unterlagen und Unterschriften dafür nötig sind. Wenige haben den Überblick über eine Gruppe von Stationen. Diese können einen dann eine gewisse Zeit lang führen und sicherstellen, dass man bei Ankunft in der nächsten Station alles nötige bereit hat und nicht wieder woanders hin muss. Ich schätze, dass ich unterm Strich außer meiner eigenen Zeit mindestens 6 reine Mannstunden von diversen Angestellten und Helfern verbraucht habe. Meist benötigt man eine bestimmte Person, um weiter zu kommen. Ist diese gerade nicht da, was bei 23 Stationen häufig passiert, oder gerade beschäftigt, hängt man fest. Was im Einzelnen auf den Stationen passiert, weiß ich nicht, aber im Wesentlichen ist es eine Zollangelegenheit. Nur einmal am Anfang des gesamten Prozesses, hat ein Mann einmal aus der Tür auf das Motorrad geschaut und gesehen, dass es sich tatsächlich um eine Yamaha handelt. Der gesamte Rest ist reine Papierbefriedigung.

Strandschischastand

Strandschischastand

In der milden Brise der frühen und meiner vorletzten Nacht sitze ich am felsigen Strand vom Bandar Abbas und ziehe genüsslich an meiner Wasserpfeife, die ich von einem kleinen Stand mieten konnte. Ich beobachte die Frachtschiffe vor mir in der Bucht, während hinter mir der Tumult des nahe gelegenen Basars tobt und der Muezzin in der eigenen iranischen Weise singt. Eine Gruppe Iraner setzt sich neben mich auf einen mitgebrachten Teppich und man bietet mir Kuchen an. Wir lachen über meine Photos und unsere Verständigungsschwierigkeiten. Der Iran schafft es bis zuletzt, mich immer wieder positiv zu überraschen.

Zehn Wochen nach meinem Aufbruch in Berlin komme ich in Dubai an und wundere mich über die verflogene Zeit und die immerhin 12500 verfahrenen Kilometer. Hunderte von Begegnungen und tägliche neue Eindrücke und Herausforderungen hat mir der Ausflug geschenkt und mir wieder eindrucksvoll bestätigt, dass ich keine persönlich nachhaltigere und erfüllendere Art kenne, verdientes Geld wieder auszugeben oder sagen wir mal in Erinnerungen und Erfahrungen anzulegen. Ich hatte es im Vorfeld nicht anders erwartet, freue mich aber es wieder bestätigt bekommen zu haben, die Menschen auf die man unterwegs trifft, sind fast ausnahmslos herzlich und überraschen oft mit Güte und Freundlichkeit weit jenseits dem, was wir als normal empfinden würden. Das gilt insbesondere für den Iran. Schurken habe ich im angeblichen Schurkenstaat jedenfalls keine gefunden, nicht einmal während meines Gefängnisbesuches. Nein, man ist nicht verrückt, hier Urlaub zu machen, um den häufig im Vorfeld geäußerten Bedenken zu widersprechen. Verrückt ist, das viele glauben es wäre verrückt. Statistisch gehört der Iran zu den sichersten Reiseländern überhaupt und jenseits der Statistik vermutlich zu den herzlichsten.

Ach, fast hätte ich es vergessen. Die Tenere. Sie hat gehalten was sie versprochen hat und mir viel Freude bereitet. Es gab auf der gesamten Fahrt nicht einmal den Hinweis auf ein mögliches Problemchen, kein verbrauchtes Öl oder Wasser, kein Klappern oder sonstige seltsame Geräusche. Sie fuhr am letzten Tag genauso wie am ersten, nicht besonders aufregend, aber stoisch zuverlässig, selbst in gröberen Geländeinlagen. Die ideale Begleitung für diese Tour.
.. und die Nächste ;) .

In diesem Sinne, Danke an alle fürs Mitlesen und bis zum nächsten Mal :) .

Ich hatte den Abschlussartikel bereits formuliert. Eine runde und positive Sache hätte es werden können, doch meine Erlebnisse der letzten Tage im Iran zwingen mich, diesen Beitrag einzuschieben. Die Geschichte geht so:

Am geplant vorletzten Tag, dem Tag bevor mich die Fähre in die Vereinigten Arabischen Emirate bringen sollte, entscheide ich mich, einen Ausflug auf Hormus Island, einer kleinen, rauen und ruhigen Insel mit einer sehenswerten, portugiesischen Festung, zu machen. Auf der morgendlichen, 30-minütigen Fahrt in einem kleinen Schnellboot treffe ich Ali, einen Informatikstudent, der zu einer Lesung auf die kleine Uni der Insel fährt. Überrascht, dass es überhaupt eine Schuleinrichtung in dem winzigen Ort gibt, nehme ich seine Einladung zur Besichtigung der Uni an. Spontan aktuellen Planänderungen zu folgen, hatte sich bislang immer ausgezahlt. Diesmal sollte es anders kommen.

Schüler Demo 2

Schüler Demo 2

Da das Freitagsgebet ansteht, verlassen die meisten Schüler gerade das Gelände und es gibt wenig zusehen. Wir folgen ihnen zur Hauptstraße des andernfalls vermutlich schläfrigen Ortes und treffen dort auf eine kleine Demonstration von Schülern im Alter zwischen etwa 6 und 14  Jahren. Sie tragen die Uniformen ihrer Klassenstufen und halten Poster und Banner mit meist persischen Aufschriften oder Bildern von  Khomeini und Khamenei. Die einzigen englisch beschrifteten Schilder, beinhalten den Slogan “Down with U.S.A.” und sind in großer Anzahl zu sehen. Am Start des kleinen Schülerumzugs spricht ein Mann in grünem Militäranzug recht energisch in ein Megaphon. Die Prozession erinnert mich doch recht stark an ideologisch gesteuerte Umzüge aus meiner Kindheit. Wir trugen blaue Halstücher und Poster mit Erich Honecker und Karl Marx drauf. Der Anblick einer Gruppe 5-6 Jähriger, die passend zu ihrer froschgrünen Uniform in großer Anzahl grüne Anti-USA Banner tragen, schockiert mich allerdings. In frühesten, unschuldigen Alter wird organisiert ein Hass gesät, der bei Vielen zu genau der Pauschalabneigung gegenüber einer Bevölkerungsgruppe führen wird, die die Basis für Missverständnisse und Kriege sind. Ein Hass der gegen rationale Argumente und andere Ansichten blind macht. Was ich sehe, ist die Bild gewordene Scheuklappenideologie einer Regierung, die in krassen Gegensatz zu den Meinungen und Ansichten aller  Iraner steht, die ich in den vergangenen drei Wochen kennenlernen durfte.

In diesem Zusammenhang sind mir auch einige Propagandavideos im Fernsehen aufgefallen. Zwei Beispiele:
Eines zeigt abwechselnd die Bilder der gestürzten Diktatoren Nordafrikas auf Dominosteinen und Mitschnitte aus den dazugehörigen Massendemonstrationen, die zur Befreiung geführt haben. Ein Stein nach dem anderen fällt mit lautem Krachen zu Boden. Dann sieht man weitere Demonstrationen und letztlich alle Dominosteine erneut hintereinander aufgereiht. Am Ende der Reihe stehen aber drei Weitere, die die Bilder der Herrscher von Bahrein, Jemen und Saudi Arabien zeigen. Die Steine fallen erneut und einer kippt den anderen. Die letzten drei stehen noch, aber kippeln stark und fallen fast. Das Video zeigt deutlich wie isoliert der Iran nicht nur gegenüber dem Westen, sondern auch gegenüber vielen Staaten der Arabischen Liga dasteht, mit denen es ebenfalls größere Differenzen gibt.
Ein weiteres Video zeigt abwechselnd einerseits Iraner bei Demonstrationen und symbolträchtige Bilder, wie brennende amerikanische oder kraftvoll wehende iranische Flaggen und andererseits amerikanische Soldaten und Panzer in meist sehr aggressiven Bildern in denen insbesondere die Brutalität gegen einzelne, schutzlose Einheimische gezeigt wird. Die Botschaft ist auch ohne Verständnis der eingeblendeten Texte eindeutig. Wir sind der Fels und das Gewissen gegen die amerikanischen Aggressoren. Dass die Amerikaner maßgeblich daran beteiligt waren, in den gezeigten Bildern die beiden feindlich gesinnten Nachbarn Iran’s, Irak unter Hussein und Afghanistan unter den Taliban, zu beseitigen, ist dabei irrelevant.

Ich mache einige Bilder der kleinen Demonstranten, als ein Soldat herüberkommt und uns zu seinem Vorgesetzten herüberbittet. Da ich keinen Pass bei mir trage, dieser wird meist vom Hotel einbehalten, werden Ali und ich ohne weitere Worte zum Quartier der Grenzpatrouillien abtransportiert. Mit diesem Schritt wird ein bürokratischer Vorgang in Gang gesetzt, der selbst Douglas Adams’ Vogon hätte erblassen lassen. Wir werden jeweils zweimal über den “Vorgang” ausgefragt. Es entstehen 4 handgeschriebene A4 Schriftstücke, mit Unterschriften, Stempeln und unseren Fingerabdrücken. Ich versuche immer wieder anzuregen, das Hotel anzurufen, um mich und mein Visum bestätigen zu lassen, stoße aber lediglich auf Unverständnis. Ein derartiges Vorgehen entspricht offenbar nicht dem korrekten, offiziellen Vorgang. Etwa zwei Stunden später sitzen wir wieder im Auto, setzen Ali an der Uni ab und fahren weiter Richtung Hafen. Mein einziges Sprachrohr ins Persische ist damit abhanden gekommen. Der Offizier auf dem Beifahrersitz fragt mich, ob ich den Koran mag und zieht aus seinem Kuli ein kleines Rollpapier heraus, dass offenbar eine Passage des Koran enthält. Er küsst es und berührt es mit der Stirn. Natürlich liebe ich den Koran! Deutschland ist gut, sagt er, schließlich sind wir auch Arier. Das die in diesem Zusammenhang häufig in verbindung gebrachten Nazis zum Ariertum eine etwas andere Definition hatten, ist ihm vermutlich nicht bekannt. USA, Großbrittanien und Israel sind schlecht, sagt er sehr abfällig und macht dabei die Halsdurchtrennhandsymbolik und ich bin heilfroh ein Deutscher zu sein. Nein, natürlich mag ich die Amis auch nicht, bestätige ich rückradlos. Er fängt an mit einer Hand Schussgestiken auszuführen und mich über den Rückspiegel abzuschießen und will wissen ob ich Schusswaffen mag und lacht dabei. Mir wird zunehmend mulmiger. Als wir am Hafen vorbeifahren und in eine kleine vollkommen leere Nebenstraße Richtung Strand abbiegen, kriege ich es endgültig mit Angst zu tun. Man wird mich doch nicht einfach kaltblütig abknallen? Nein, das kann nicht sein, schließlich bin ich Arier und Landsmann von Klinsmann und Ballack. Wir halten neben einem verlassen aussehenden Gebäudekomplex und der Fahrer steigt schweigend aus.
(Werbeunterbrechung :) )
Kurze Zeit später kommt er mit zwei kalten Colaflaschen zurück und drückt mir eine lächelnd in die Hand.

Zur Nachbarinsel Qeshm Island will man mich bringen. Hier befindet sich die Polizei, die jetzt scheinbar offiziell zuständig für meinen Fall ist. Da es kein Boot nach Qeshm Island gibt, nehmen wir das Schnellboot zurück nach Bandar, um dann von hier eine Fähre (50 Minuten) zu nehmen. Zwischendurch bin ich also nur etwa 10 Gehminuten von meinem Hotel entfernt, darf aber trotz allem Drängen und Erklärungsversuchen nicht meinen Pass einsammeln, bzw. einsammeln lassen. Mein Bringersoldat führt strikt seinen Befehl aus und liefert mich in einem deutlich größeren Revier auf Qeshm Island ab. Wieder gehen die Fragen von vorne los, wieder gucken sich alle meine Fotos an, wieder werden Zettel geschrieben. Ein Vorgang der sich noch etliche Male von Neuem mit neuen Personen wiederholen wird. Schließlich nimmt man mir alle Gegenstände ab und ich werde in eine Zelle abgeführt. Der einzige Licht- und Luftzugang ist ein kleines von außen schließbares Fenster in der Stahltür, die mit schwerem Krachen zufällt. Ich starre meinem Türwärter entrüstet und verständnislos an. Ich bin ein harmloser Tourist, dass kann doch nicht eurer Ernst sein, protestiere ich jetzt sehr sauer. “I am sorry” sagt er. Viel hilft das nicht. Mit diesem Moment fühle ich mich verständlicherweise als Gefangener und beginne automatisch in der Zelle auf- und abzulaufen und mir alle möglichen Ausgänge auszumalen. Meine größte Sorge gilt meinem Rechner im Hotelzimmer. Wenn ich an einen akribischen Beamten gerate, könnte er mein Hotelzimmer und damit mein Laptop durchsuchen lassen, auf dem die eine oder andere irankritische Bemerkung zu finden wäre.

Nach zwei aktiv auf und ab gelaufenen Stunden werde ich in den Vorraum der Zelle geholt. Der hilfsbereite Reviermullah spricht etwas Russisch und versucht zu vermitteln. Außer dass ich nicht mehr in die Zelle zurück muss, sondern von nun an im abgeschlossenen Vorraum sitzen kann, kommt aber nicht viel heraus. Zusätzlich zur Passproblematik hätte ich angeblich auch keine Fotos auf Hormus Island machen dürfen, da es sich um eine Grenzregion handelt. Zwei angeblich wichtige Personen in Zivil kommen herein, und schauen sich eine Stunde lang meine Bilder an. “No problem” sagen sie am Ende lächelnd und verschwinden. Ich bleibe weiter eingeschlossen.

Weitere zwei Stunden später werde ich ins Büro eines Polizeibeamten geholt, der mich mit seiner nicht zu überbietenden lethargischen Art fast in den Wahnsinn treibt. Wieder Fragen, wieder A4-Zettel, die jetzt mit Blaupausen (ewig nicht gesehen) vervielfacht werden. Allein der Vorgang zwei vorgedruckte Vorgangszettel gegen das Licht gehalten genau übereinanderzulegen, mit einer Nadel zu fixieren und das Blaupapier dazwischen zu legen, dauert eine gute Minute. Im Schneckentempo nimmt er rosa Ordner aus dem Schrank, locht die bislang entstandenen Zettel und heftet sie einzeln! ein. Die Löcher sind nicht genau mittig, also noch einmal von vorne mit einem anderen Ordner. Die Reihenfolge der Seiten stimmt nicht, also wieder von vorne, diesmal mit Nummerierung auf der Rückseite der Zettel. Nach etwa 45 Minuten liegen zwei Ordner fertig vor ihm und er macht eine ganze Weile einfach gar nichts, um dann in einem Anfängerbuch für Windows XP! herumzublättern. Rechner gibt es hier weit und breit keinen. Mir platzt der Kragen. Ich breche das Schweigen und versuche in Erfahrung zu bringen, worauf wir eigentlich warten, was als nächstes passiert und wie lange alles noch dauern wird. Er versteht mich nicht, bzw. gibt unverständliche Antworten. Im Laufe der kommenden Stunde schauen immer wieder neue Gesichter ins Zimmer, fragen wieder von Neuem, schauen sich wieder alle Bilder an. Alle sind gut gelaunt und man bietet mir immer wieder Tee und Kekse an. Keiner hat wirklich irgend etwas zu tun und keiner scheint wirklich nachvollziehen zu können, warum ich offensichtlich unglücklich mit meiner Situation bin.

Es ist bereits dunkel als ich wieder in die Vorzelle gebracht werde und mir wird klar, dass ich die Nacht hier verbringen werde.  Frustriert und sauer beschwere ich mich lautstark über meine Situation. Man muss mich nicht wörtlich verstehen, um zu wissen was ich sage. “I am sorry” – ja super. Ich werde zunehmend bockiger. Nein ich will euer dämliches Hühnchen nicht, ich will frei sein, denke ich und verschmähe den Teller in meiner Zelle. Ich will nicht gefüttert werden wie ein Haustier und überlege bereits, ob es Sinn macht einen Hungerstreik zu beginnen. Das unangenehme Gefühl eingesperrt in einem fremden Land, im Iran, zu sein, ergreift mich zunehmend. Ich laufe den Großteil der Nacht in meiner Zelle auf und ab und blicke böse in die ständig neugierig herein blickenden Gesichter der Soldaten. Ich fühle mich wie ein Tiger hinter Gittern.

Ich kann es schlicht nicht fassen, als ich es am kommenden Morgen wieder ertragen muss, meinem lahmen Polizisten bei der Prozedur der Beschriftung eines vollen A4-Zettels zuschauen zu müssen. Ein scheinbar höher gestellter Angestellter kommt herein und muss sich mittlerweile durch einen größeren Stapel handgeschriebener Zettel arbeiten, um meinen komplizierten Fall zu durchschauen. Es kommt etwas Bewegung ins Spiel. Man packt die mir entwendeten Sachen ein und ich steige mit zwei Polizisten in ein Auto. Wohin es geht weiß ich nicht. Fahren wir zum Hafen? Kann ich gehen? Nein.

Wir kommen zum Gericht. Ich befinde mich unter einer größeren Menge mit Handschellen versehener Personen, die meist recht unglücklich aussehen und mit militärischer oder polizeilicher Begleitung, die ihrerseits die gleichen rosafarbenen Ordner tragen, wartend im Gang sitzen. In einer Vorauswahl wird auf dem Flur entschieden, dass mein Ordner offenbar höhere Priorität hat und in einen Raum gebracht werden darf. Nach einer halben Stunde wird mein Name gerufen. Alle Zettel im Ordner haben jetzt einen neuen Stempel erhalten. Mit der neuen Errungenschaft stiefeln wir durch die drängelnde Menge in die obere Etage und dürfen offenbar direkt zur Entscheidungsquelle vordringen. Ein großzügiger Raum wird dominiert von einem Holzpult mit dem Relief einer Waage auf der Vorderseite und einem voluminösen Lederstuhl dahinter. Darin sitzt ein recht junger Richter, der einen unglaublichen Aktionismus an den Tag legt. Er versprüht ein persisches Redefeuerwerk in den Raum und scheint mit drei Leuten und zwei Telefonen gleichzeitig zu reden, während andere ihm neue rosa Ordner hinlegen und er Dinge schreibt bzw. unterzeichnet. Die gesamte Angestelltenschaft wirkt im Vergleich wie Kleinkinder, die im Buddelkasten spielen und Papa nach der Schaufel fragen. Alle warten auf die ihnen zustehenden fünf Aufmerksamkeitssekunden, während die Angeklagten im Raum unterwürfig und schuldig dreinblicken. Ein faszinierendes Schauspiel, dass ich von dem mir zugewiesenen VIP-Schuldigenstuhl beobachten darf.

Er überfliegt meinen Ordner und erkundigt sich als erstes, ob wir mittlerweile meinen Pass bzw. ein Fax davon haben. Als die Frage verneint wird, blickt er meine Begleiter verständnislos an. Ich hätte ihn umarmen können. Endlich ein logisch denkender Mensch. Innerhalb von fünf Minuten ist das Fax da. Wir verbringen noch eine Viertelstunde um die Verwirrungen der verschiedenen Zeitrechnungen und Zeitstempel im Visum zu lösen, dann scheint alles geklärt. Ein Schriftführer erstellt nochmals zwei neue A4-Zettel, die ich mit meinem Fingerabdruck unterzeichnen muss. Ein neuer Stempel für alle Zettel und die Unterschrift des Richters sprechen mich frei. Fast, denn zunächst müssen wir für eine weitere Unterschrift wieder zurück zur ersten Station, dann nochmal zum Richter und schließlich zu einer weiteren, bislang unbekannten Tür, hinter der wir unsere Ordner endgültig gegen eine Quittung abgeben können. Fertig. Nach 24 Stunden darf ich ungehindert meiner Wege gehen. Die Rückfahrt ins chaotische Bandar Abbas fühlt sich im Kontrast zu den letzten Stunden wie nach Hause fahren an. Freiheit, was für ein Genuss.

Rückblickend kann ich mich, mit Ausnahme des übertriebenen Kerkers, nicht über eine schlechte Behandlung beschweren. Inkompetenz, vielschichtige Hierarchien und bodenlose, hirnfreie, strikt prozessorientierte Bürokratie haben meinen unkomplizierten Fall hoffnungslos aufgebläht und die Zeit vieler Menschen verschwendet. Die Erfahrung hat mir auch einen Einblick in ideologiefreundliche Schichten des Iran und deren interne Prozesse gewährt. Alarmierend finde ich, wie wenig der Einzelne den Gesamtprozess hinterfragt und lediglich auf sein eigenes korrektes Verhalten im Umgang mit dem nächsten Vorgesetzten bedacht ist. Es ging keinem darum das eigentliche “Problem” zu beheben oder auch nur zu versuchen es zu verstehen. Jeder war nur darauf bedacht keine Fehler im jeweiligen Vorgangsabschnitt zu machen und alles zu dokumentieren. Dass alle immer sehr nett waren, hilft einem dann nicht weiter. Wenn man hinter Gittern sitzt, freut man sich nicht wirklich, wenn Leute Kaffee oder heiße Schokolade mit Keksen bringen.

Mittlerweile bin ich im übrigen wohlbehalten in Dubai angelangt, aber einen letzten Eintrag zum persischen Golf und dem lebhaften Bandar Abbas reiche ich in Kürze nach.

Lotfollah Moschee

Lotfollah Moschee

Mit beachtlichem Umweg Richtung Nordosten, mache ich mich auf den Weg Richtung Esfahan, der Perle des Orients. Die Aussage bezieht sich in erster Linie auf den zentralen riesigen (weltweit zweitgrößten) Platz, den Dashq-e Jahan und in der Tat, man spürt sofort das Besondere. Umgeben von zwei der schönsten Moscheen der Welt und hunderte kleiner Handwerkerläden, die zum Bummeln einladen, kann man ohne Probleme einen guten halben Tag allein hier verbringen. Die Imam Moschee gehört sicher zu den beeindruckendsten Gebäuden, in die ich je meinen Fuß gesetzt habe. Eine atemberaubende Vielfalt der typisch blauen Fliesenmuster, ist hier in verschwenderischer Menge zu bewundern. Ich befinde mich allein in der großen Haupthallte, spiele mit schnalzenden Zungenlauten mit dem Echo und genieße die grandiose Akkustik. 12 Echos kann man wohl hören, über dreißig sind technisch nachweißbar.

Dashq-e Jahan

Dashq-e Jahan

Sehr schade!, dass es keine Cafes oder Restaurants auf dem Platz gibt. Cafes sind als Orte des Müßigganges von der religiösen Führung (nicht ganz offizielle Interpretation) ungern gesehen und wurden in den vergangenen Jahren geschlossen. Auch die ehemals in großer Vielzahl vorhandenen Teestuben um den weiter südlich gelegenen Fluss sind alle zu. Ich habe auch immer noch keine guten Essensoptionen für mich entdeckt. Auf der Straße gibt es nichts außer unattraktive Wurst- und Fleischimbisse bzw. Pizza und Burgerläden, beides in unterdurchschnittlicher Qulität. Die wenigen Restaurants, die teils schwer zu finden sind, bieten, wenn überhaupt, ein einziges vegetarisches Gericht an. Dieses besteht lediglich aus einer akzeptablen Auberginenpaste und Brot. Wenig aufregend. Auch den Fleischesern dürften die Kebabs langsam aus den Ohren kommen. Ab Shiraz findet man wenigstens Samosas mit Kartoffelfüllungen und Falafelbrote. Mehr als einmal gehe ich hungrig und unzufrieden ins Bett.

Esfahans Basar ist eine der besten Möglichkeiten einen persischen Teppich zu erwerben. Mit etwas stümperhaften theoretischen Vorwissen wage ich mich in einen der größeren Läden und befinde mich nach kurzer Zeit in einem recht professionellen Verkaufsgespräch. Ein Teppich nach dem anderen wird aufgefaltet und präsentiert, für gut befunden oder ausgeschlossen und nach einer halben Stunde habe ich tatsächlich das recht gute Gefühl in all der Vielfalt zu einem Stück vorgedrungen zu sein, das mir zusagt. Ein preisgünstiger Nomadenteppich startet im Verkaufsgepräch dennoch bei 600 € und ich hab ehrlich gesagt nicht die geringste Ahnung was er wohl tatsächlich wert ist. Am Ende zahle ich mit 350€ vermutlich immer noch zuviel, aber das Bauchgefühl ist ein gutes und darauf kommt es an. Von nun an bin ich um einiges schwerer beladen, aber bei absehbar zwei verbleibenden Stationen ist die Mühe überschaubar.

Relief in Persepolis

Relief in Persepolis

Nach Shiraz kommt man in erster Linie wegen Persepolis, der ehemaligen Prunkstadt des ersten persischen Reiches. Als eines meiner lang geplanten Tourhighlightes ist es zunächst etwas ernüchternd. Ein Haufen alter Steine, der einem einiges an Phantasie abverlangt, um die ehemalige Pracht zu erahnen. Überragend aber sind die außergewöhnlich gut erhaltenen Reliefs in den Wänden der Gebäude. Insebesondere wenn man bedenkt, das diese vor gut 2500 Jahren dort eingehämmert wurden.

Achämidengräber

Achämidengräber

Beeindruckender empfand ich die in den Fels gehauenen Gräber der vier größten Herrscher der Achämeniden, die kaum von ihrem ursprünglichen Aussehen eingebüßt haben. Die Perser waren Zoroastrier und bestatteten ihre Toten auf sogenannten Türmen des Schweigens in denen die Leichen von Geiern und Vögeln zerlegt wurden. Die Grüfte der Könige enthielten demnach nur die Knochen der Herscher. Der Ort strahlt eine Ruhe und Ewigkeit aus.

Durch die recht wenigen Kontakte zu anderen und den reibungslosen, fast unspäktakulären Ablauf fallen die Eindrücke im Vergleich zur Wüstenetappe und vorallem zu meinen bevorstehenden Erlebnissen etwas zurück und das obwohl ich gerade hier die stärksten Impressionen erwartet hätte. Es kommt eben immer anders als man denkt! Ich bin derweil bereits in Bandar Abbas am persischen Golf angelangt. Mehr dazu gibt es schon sehr bald!

Endlos

Endlos

Ich schalte den Motor aus und setze den Helm ab. Vor mir und im Rückspiegel verliert sich die Straße in einer endlos scheinenden Linie im Horizont. Links und rechts ist nichts als Sand und flimmernde Wüstenebenen. Der langsam abkühlende Motor tickt, ansonsten ist es still. Nicht leise oder ruhig sondern absolut geräuschlos, kein Rascheln von Pflanzen, kein entferntes Rauschen oder Motorbrummen, kein Zirpen oder Zwitschern, totale Stille, einfach Nichts. Draußen sein, heißt hören, sagt intuitiv die Erfahrung und die Ruhe wirkt unwirklich, wie ein Traum. Ich gehe einige Schritte und das Knirschen des Sandes unter meinen Stiefeln wirkt pur und unvermischt. Ich stehe einige Minuten, blicke zum Horizont und sehe und höre absolut keine Veränderung. Noch besser als das Auskosten dieses Momentes der absoluten Reduzierung jeglicher Reize, ist die Gewissheit, dass nichts Plötzliches diesen Moment beenden wird. Dafür bin ich hier. Allein dafür war es den Umweg wert.

Die Fahrbahnmarkierungen fliegen vorbei, ansonsten verändert sich auch während der Fahrt nicht viel. Nur der Wind vereitelt die Illusion auf einem Fahrband zu sein, das wie in einer Simulation unter dem Motorrad abgespult wird. Am Ende das Blickfeldes zeichnen sich die Umrisse von Bergen ab. Es wird eine weitere Stunde schnurgerader Fahrt mit konstanten 110 km/h dauern, bis ich sie tatsächlich erreiche. Ich lasse die Gedanken schweifen und genieße die Weite, als ein Auto auf der rechten Fahrbahnseite auftaucht. Ich beobachte es, während es langsam näherrückt. Eine Person geht zum Straßenrand, wartet auf mich und streckt dann langsam die Hand mit der Kelle aus. Nein!, sprichwörtlich mitten in der Wüste werde ich geblitzt!? 80 hätte ich fahren dürfen, lächerlich auf der offen Wüstenstraße.

Atrappe

es hätte auch eine Atrappe sein können

Zunächst werde ich aufgefordert mein Licht auszuschalten. Das Licht ist leider nicht manuell abschaltbar bei der Tenere. Ein Umstand der sehr viele entgegen kommende Fahrzeuge verwirrt und mit Lichthupen quittiert wird. Ich winke daraufhin meist nur zurück. In der Stadt fahren ständig Leute auf meiner Höhe und weisen mich auf das Licht hin. Ich kann ihnen natürlich nicht ohne Weiteres verständlich machen, dass es nicht abzuschalten ist und es ist eine Frage der Ausdauer des Fahrers, bis er mich für begriffsstutzig erklärt und aufgibt. In Teheran wollte sich einer einfach nicht davon abbringen lassen, mich zur nächsten Werkstatt zu fahren. Es ist einfach keine gute Innovation diesen Schalter bei einer Fernreiseenduro wegzulassen! Nachdem ich diesen Missstand meines Motorrades auch meiner Polizeistreife verständlich gemacht habe, werde ich darauf hingewiesen, dass ich zu schnell war. Ich komme mir zwar etwas dämlich vor, tue aber dennoch als würde ich nicht so recht verstehen. Mit Blick auf meinen Pass und die deutsche Zulassung weiß man aber scheinbar nicht so recht mit mir umzugehen oder ist einfach nur nachsichtig und ich werde schließlich mit der international verständlichen, vertikalen auf und ab Handbewegung zum langsamer fahren, zurück auf die Straße entlassen.

Garmeh 2

Garmeh 2

Erstes Ziel meiner Wüstenfahrt ist eine kleine Oase namens Garmeh. Aus einem Berg fließt Wasser und verwandelt die trockene Einöde in fruchtbares von Palmen übersätes Land. Ein paar Dutzend Lehmhäuschen in unterschiedlichem Zustand und einige bewirtschaftete Felder schmiegen sich in die Palmenvielfalt. Einige Alte sitzen im Schatten und schauen recht unbeteiligt zu mir herüber. Touristen sind keine Ausnahme hier. Es gibt zwei kleine Gasthäuser im Dorf, die seit einigen Jahren Rucksackreisende und Ausflügler aus Teheran anziehen. Die Ruhe der Wüste liegt auch über dem Dorf. Alles geschieht sehr langsam hier. Keiner hat es eilig. Alles scheint Zeit zu haben. Entspannter kann ich mir meinen Übernachtungsort kaum vorstellen und kehre im wunderschön sanierten Gasthaus der Familie Maziar ein. Für eine Nacht genieße ich die Idylle und Einsamkeit der Oase, 300 Kilometer von der nächsten größeren Stadt entfernt.

So eintönig die Wüste auch sein mag, sie verändert sich im Laufe der Durchfahrt doch auf vielfältige Weise. Man sieht Sanddünen, endlos flaches verkrustetes Land, Felsen und Berge und rote und graue Sandstrukturen, die an Mondlandschaften erinnern. Immer wieder halte ich an und laufe ein Stück in die sureale Welt. Zwischendurch gibt es kleine sandfarbene Dörfer, die Reste von Festungen und Siedlungen und ganze Geisterstädte, die verlassen in der Wüste darauf warten, im Laufe der Jahrhunderte endgültig zu verfallen. Interessant sind auch recht große Burgen, die hunderte von winzigen Räumen haben und aufgrund der weichen Linien der Lehmbauweise, innen und außen wie organisch gewachsene, wabenartige Lebensräume wirken.

Ich in Yazd

Ich in Yazd

Auch Yazd, die größte Stadt in der Wüste und angeblich der älteste permanent bewohnte Ort der Welt, hat eine ähnliche obgleich deutlich größere Altstadt. Weiche Lehmstrukturen und Windtürme, die recht effektiv die warme Luft aus dem Innern in einem angenehmen Luftstrom abtransportieren, prägen das Stadtbild. Ich komme im Silk Road Hotel unter, dass durch seinen wunderbar grünen und platzverschwenderischen Innenhof zum Plaudern mit anderen Gästen und stundenlangem Lesen und Teetrinken einlädt. Alle die den Iran besuchen, scheinen irgendwann hierher zu kommen und so treffe ich ein deutsches Paar aus Berlin (Kreuzberg 36!), einen Schweizer, einen Österreicher, der es mit Fahrrad bis hierher geschafft hat, zwei Dänen, zwei Niederländer im Allrad-Toyota und diverse mehr. Keiner hat hier schlechte Erfahrungen gemacht und jeder ist bezaubert von der Schönheit des Landes und seiner Menschen!

Paul umringt von Schulmädchen

Paul umringt von Schulmädchen

Einer der Gäste ist Paul, ein Australier. Als ich ihn zum ersten Mal in den Hof kommen sah, verschlug es mit glatt die Sprache. Paul hatte ich während meiner Afrikatour drei mal unabhängig von einander im Senegal, in Ghana und in Togo getroffen und plötzlich steht er wieder hier vor mir. Keiner von uns hatte die geringste Ahnung das der andere im Iran unterwegs ist. Der Zufall ist geradezu überwältigend. Zusammen schwelgen wir in Afrikaerinnerungen und vertilgen täglich drei bis vier der herausragend guten Bananenshakes, mit Eis und Kokos- und Pistazienraspeln. Hmm.

Kees und Natahlie (schlafen gerade oben)

Kees und Natahlie (schlafen gerade oben)

Eine Nacht in der Wüste, dass muss noch sein zum Abschlus der Wüstenetappe und so machen sich Paul und ich auf der Tenere auf, um irgendwo im freien einsam in die Sterne zu starren. Das zumindest war der Plan. Nach einem Abstecher nach ChakChak, einer Pilgerstätte der Zoroastrier, fahren wir durch einsame Wüstenstrassen auf der Suche nach einer Lagerstätte, als wir am Berghang einen weißen Toyota LandCruiser sehen. Die Niederländer Kees und Nathalie hatten die gleiche Idee und haben sich ausgerechnet in dieselbe Region begeben. Außer uns gibt es weit und breit niemanden und wird es bis zum Morgengrauen auch nicht geben. Da kann man nicht einfach vorbeifahren, denken wir und nehmen dem Pärchen die einsame Wüstenromantik. Statt spartanischem Wüstenausflug sitzen wir auf Stühlen und essen holändische Tütentomatensuppe vom beleuchteten Campingtisch, zu dem wir lokales Brot und Salat beisteuern und schwatzen den ganzen Abend angeregt über Reisen und Reiseerlebnisse. Anders als erwartet, aber man muss die Gegebenheiten eben so nehmen wie sie kommen. Auch schön.

Als nächstes steht nichts weniger als die Perle des Orients und die bedeutendste Sehenswürdigkeit des Iran’s auf dem Program. Dranbleiben also.

Da hatte ich doch im vergangenen Post die Auflösung des Bilderrätsels vergessen. Es handelt sich um eine Skulptur von Aha Hosseini . Diese und eine Reihe anderer sehr ausdrucksstarker Skulpturen befinden sich im Azerbaijan Museum in Tabriz.

Bilderrätsel Auflösung

Bilderrätsel Auflösung

 

Sauer Frucht Stand

Sauer Frucht Stand

Ich in interessierter Lehrergruppe

Ich in interessierter Lehrergruppe

Bei frischen zehn Grad Celsius mache ich mich auf den Weg in die Hauptstadt. Eiskalter Wind fegt über die mehrspurige Verbindungsstraße von Zanjan nach Teheran, kühlt mich bis auf die Knochen aus und vernebelt die Sicht mit aufgewirbeltem Sand. Zusammen mit ausgetrockneten Buschresten fliegen Plastetüten, Pappkartons und diverser anderer flugtauglicher Müll über die Fahrbahn. Kein angenehmer Einstieg in die 15-Millionen Metropole. Während die Straße zunehmend voller wird, fahren immer wieder Fahrzeuge auf meiner Höhe und die Insassen winken und hupen. Die Wilkommensfreude der Iraner ist ungebrochen und immer wieder bemerkenswert. Kaum vergeht ein Halt an dem nicht Leute auf mich zukommen, mit mir reden und mir etwas zum Essen geben und seien es nur iranische Tütenchips , kein Cafebesuch in dem sich nicht Leute zu mir an den Tisch bzw. auf den Teppich setzten und keine Fahrt, in der kein Mopedfahrer mich begrüßt und fragt ob er mir helfen können.

praktisch eigentlich

praktisch eigentlich

Ich wühle mich langsam, aber flüssiger als befürchtet, in die Eingeweide der Stadt vor und kann gar nicht genug betonen, wie dankbar ich über die Führung via GPS bin. Die Karten für den Iran sind nicht immer korrekt aber recht brauchbar und nehmen in erster Linie der Navigation in großen Städten den Schrecken. Ganz nach meinem Motto “Mitfließen ist besser als zu vorsichtig fahren” passe ich mich einigermaßen dem Verkehrschaos an und kämpfe zusammen mit den anderen Moppedfahrern um jeden Zentimeter zwischen den Blechlawinen. Jeder Raum wird genutzt. Da dies auch die Bürgersteige beinhaltet, sind diese meist mit Blockaden ausgestattet, um die Mopeds von der Durchfahrt zu hindern. Nicht nur einmal fährt mir ein Auto mit der Stoßstange ans Hinterrad, um bloß keinen Zentimeter zu verschenken.

ein Eingang zum Teheran Basar

ein Eingang zum Teheran Basar

Auch in Teheran begebe ich mich auf den Basar, der der Größte und Bedeutendste des Landes ist. Seit der Türkei habe ich viele gesehen und während der Grand Basar in Istanbul kaum an Majestätik und Prunk zu übertreffen ist, sich aber sehr touristisch geprägt anfühlt, imponiert der Teheraner Basar neben der Größe durch Authentizität. Er ist eine Stadt in der Stadt. Dutzende einzelne Basare sind zusammen mit einen ganzen Stadtviertel zu einem fast vollständig überdachten Gesamthandelsplatz verschmolzen. Hat man sich einmal beim Bummeln in den Innereien verloren, ist es schwieriger als man denken würde, wieder auf die offene Straße zurückzufinden. Die Laden- und Produktdichte ist überwältigend. Neben den zahllosen Läden, die sich nach Rubriken in die labyrinthischen Strukturen gruppieren, gibt es auch Banken und Moscheen. Es fahren natürlich keine Autos in den engen Basarwegen, also schieben Transporteure mit Schubwagen die Produkte durch das Gassengewirr an seinen Bestimmungsort. Das Basarleben wird hier echt gelebt und der Basar ist nach wie vor einer der bedeutendsten Warenumschlagplätze des Landes.

Ich befinde mich in der Altstadt, die neben dem Basar auch den Golestanpalast mit beeindruckenden Spiegelsälen und andere Sehenswürdigkeiten enthält, im Verhältnis zum neueren und wohlhabenden Norden aber deutlich heruntergekommener und unansehnlicher ist. Über diverse Freundesverbindungen habe ich eine Kontakt, L., in der Stadt, mit dem ich mich im nördlichen Teil verabrede. Auf der Fahrt dorthin wird mir bewusst, wie riesig Teheran eigentlich ist. In dicht verworrenen Straßennetzen arbeite ich mich 10 Kilometer Richtung Norden und befinde mich gefühlt immer noch mitten in der Innenstadt. Hier ist das eigentliche Teheran, sagt mein neuer Freund und rümpft die Nase über die Ecke in der ich untergekommen bin. Teheran ist viel zu groß, um es es unter einen beschreibenden Hut zu bringen.

Wir fahren gemeinsam in die Wohnung eines Freundes und ich erhalte die Gelegenheit in ein mir völlig fremdes Iranbild, das hinter den Wohnungstüren, Einblick zu nehmen. Frauen sitzen mir plötzlich ohne Kopftuch gegenüber. In Teheran ist der Dresscode der Frauen noch deutlich lockerer als in Tabriz, aber eine Frau ohne Kopftuch gibt es dennoch nicht, auch wenn viele das Kopftuch. derart fadenscheinig auf den hintersten Teil der aufgesteckten Haare werfen, dass es kaum als Kopfbedeckung im eigentlichen Sinne durchgeht. Hinter verschlossenen Türen wird aber nicht nur das Kopftuch abgenommen, sonder auch die Hose ausgezogen, um im luftigen, aufreizenden Kleidchen Platz zu nehmen. Verklemmt ist anders und verhüllt sowieso. Hinter iranischen Wohnungstüren spielt sich eine andere Realität ab, eine in der es Alkohol genauso wie Drogen gibt und man “eigentlich nicht richtig Moslem” ist. Es gibt keine Clubs oder Diskos und eine MTV geprägte Generation tanzt und feiert in privaten Wohnzimmern. “Das sind richtige Moslems” meint L. und zeigt auf eine vollständig (außer Gesicht) verhüllte Frau. Diese gibt es genauso und auch zahlreich und die Wohnungstür hinter die ich blicken konnte, ist auch nur eine von Millionen.

Ich erzähle, das man in Deutschland bzw. im Westen denkt, ich bin verrückt, wenn ich in den Iran fahre und ernte natürlich Missverständnis. Warum?, weil das uns vermittelte Bild ein negatives und stark vereinfachtes ist und weil Islam auf eine Art kommuniziert wird, die bei oberflächlichem Medienkonsum als Bedrohung wahrgenommen werden kann und im schlimmsten Fall mit Fundamentalismus und Terrorismus gleichgesetzt wird. Blickt man etwas genauer auf die geschichtliche Entwicklungen im vergangenen Jahrhundert verwundert es eher, dass die islamische Welt nicht viel abweisender und aggressiver auf die Westmächte und die Invasion westlicher Kultur reagiert hat, als mit Anschlägen extremer Splittergruppen und auch das wir ganz sicher nicht die Guten sind. Naja, oberflächliches Geschwafel, man könnte einen Buchband zur Thematik schreiben.

Alle mit denen ich bislang über die Thematik reden konnte, rümpfen jedoch die Nase über ihren Präsidenten oder ihre religiöse Führung. Man denkt es sind 90% der Bevölkerung, die lieber früher als später eine neue Regierung hätten. Inwiefern das nur der Blick einer bestimmten Gruppe ist, kann ich unmöglich beurteilen. Nach Jahren islamischer Prägung  schwefelt aber auch hier das Bedürfnis nach einer Lockerung, einer Öffnung nach Außen und mehr Freiheit. Eine recht ausgeprägte Internetfilterung hilft nicht unbedingt, um seiner Meinung öffentlich Luft zu machen, aber untereinander tauscht man sich natürlich aus. Nach Syrien, ist der Iran dran höre ich, aber ich spüre keinen revolutionären Funken. Hätte man diesen in Tunesien oder Ägypten gespürt?

Nach 2 wunderbaren Abenden im nördlichen Teil der Stadt und einer zusätzlichen Nacht bei meinen neuen Freunden, in denen ich neben der Gastfreundschaft der Iraner auch gutes Essen und exklusiveres Teheran kennen lernen durfte, geht es nun weiter ins Landesinnere. Der logische Weg von hier aus würde mich auf gut ausgebauten Straßen weiter in den Süden über Qom nach Esfahan führen, man kann aber auch mit großem Umweg und Oasenabstechern einmal quer durch die Wüste fahren. Nun ratet mal für welchen Weg ich mich entschieden habe ;) .

Zunächst galt es nochmals einen 2535 Meter Pass auf zahllosen Haarnadelkurven zu erklimmen, um in den abgelegenen Süden Armeniens und zum einzigen Grenzübergang zum Iran vorzudringen. Umgeben von hohen Felsungetümen, liegt der verstacheldrahtete Übergang in einer entrückten Welt und flößt Respekt ein. Die Armenier lassen mich zunächst mein gesamtes Gepäck ausräumen, lassen mich dann aber gehen und rufen noch “Grüße an Merkel” hinterher. Auf Iranischer Seite ist der Einreisestempel schnell im Pass, die Bearbeitung des Carnets, also des Einreisedokumentes für das Motorrad wird mich noch weitere eineinhalb Stunden festsetzen. Es ist immer wieder erstaunlich wie viel Stirnrunzeln, Kollegen fragen und allgemeines Rätselraten dieses Dokument hervorruft. In Afrika hatten wir schon diverse Grenzbeamte beim Ausfüllen unter die Arme greifen müssen.

Ich nutze die Wartezeit, um etwas Bargeld an einem Wechselschalter umzutauschen. Der Iran verfügt zwar über Banken mit Geldautomaten, allerdings ohne Anschluss ans internationale Finanzsystem. Kreditkarten, EC-Karten, Traveler Checks, alles Fehlanzeige. Wer in den Iran einreist, muss die gesamte während des Aufenthaltes benötigte Geldmenge in Bar mitbringen! Das ist natürlich kein Geheimnis und macht mich theoretisch zu einem überaus attraktiven Ziel. Ich muss also auf die viel gelobte Güte und Ehrlichkeit der Iraner vertrauen.

Irgendwann bin ich durch die letzte Schranke und inklusive der Tenere im Iran angekommen. Wir fahren entlang dem Grenzfluss durchs Arastal, das seit Jahrhunderten immer wieder Zeuge militärischer Auseinandersetzungen geworden ist und nach wie vor auf beiden Seiten mit etlichen Wachtürmen und militärischen Grenzstationen überseht ist. Ich fühle mich plötzlich sehr weit weg von zuhause.

Nussladen in Tabriz

Nussladen in Tabriz

Tabris, die erste größere Stadt auf meinem Weg und sinnvoller erster Übernachtungsort, quält mich zunächst mit dichtem Verkehr und ausgebuchten Hotels. Ganze zehn Guesthouses bzw. Hotels, klappere ich ab, bevor ich etwas finde, was nicht voll, zu teuer oder zu ranzig ist. Direkt an der sehr befahrenen Komeini Street, muss ich mich zwar mit Lärm und Abgasen abfinden, aber irgendwann fehlt dann einfach die Kraft zum Weitersuchen. Auch in den kommenden Nächten werde ich mich etwas schwer tun mit den Unterkünften. Günstige Unterkünfte sind zwar zu haben, der Standard ist aber greulich und auf fensterlose Löcher, mit stinkendem Hockeklo ohne Licht und eine Etage tiefer kann ich mich einfach nicht einlassen. Ich habe nichts gegen einfach, von mir aus auch sehr einfach, aber sauber und ein wenig liebevoll und herzlich sollte es trotzdem sein.

Ich schlendere durch die Stadt, um die ersten Eindrücke auf mich wirken zu lassen. Hier mal eine Auswahl:
Die Ampeln zeigen nicht Rot,Gelb und Grün an, sondern blinken abwechselnd in der Mitte und dann versetzt die beiden Äußeren. Farblich gibt es dabei verschiedene Kombinationen, alle Gelb, Mitte Gelb und außen rot, Mitte rot und außen gelb. Grundsätzlich kümmert sich aber sowieso niemand um irgendwelche Regeln, jeder geht und fährt wie er will, bei Rot oder nicht, den Kreisverkehr links oder rechts rum, die Einbahnstraßen in beide Richtungen usw.. Das Datum ist hier ein anderes. Das Jahr beginnt im März, die Zeitrechnung mit dem Gang Mohammeds nach Medina. Der 18.10.2011 ist z.b. der 1390/07/26. Ein Euro entspricht etwa 17000 Rials. Umgangssprachlich wird aber oft mit Toman gerechnet. Einen Toman gibt es im Grunde nicht, aber er ist immer ein Zehntel des Rial-Wertes. Da beides verwendet, aber nur die Zahl gesagt wird, muss man also ein ungefähres Gefühl haben, was jetzt denn nun eigentlich gemeint ist. Als dritte Möglichkeit werden die zehntausender einfach weggelassen, man sagt also einfach 2 und meint dann 20000.

Straßenverkäufer mit Kartoffel-Ei-Brot

Straßenverkäufer mit Kartoffel-Ei-Brot

Entgegen meiner Erwartung sind Frauen nicht verhüllt. Man sieht Jeans und hohe Schuhe, taillierte Kleider und farbige Kopftücher. Konservativer aber genauso oft zu sehen sind zurückhaltende Farben (schwarz, blau), während die Abaya mit einer Hand am Kinn zusammengehalten wird.
Einladend aussehende Restaurants im westlichen Sinne gibt es nicht. Die Stadt ist voll mit kleinen, wenig attraktiven Imbissen, die nichts Vegetarisches anbieten. Auch die in den Vitrinen zur Schau gestellten Wurststapel sehen wenig appetitlich aus. Dafür gibt es Straßenverkäufer die eine Kartoffel mit einem gekochten Ei, Salz und diversen Gewürzen stampfen und in flachem Brot handlich einrollen. Gut, das passt erstmal.
Überall sind leckere Saftläden zu finden, die mit einer großen Vielfalt diverser Obststapel gefüllt sind. Man muss lediglich auf eine, oder eine Auswahl verschiedener Früchte zeigen und bekommt einen frisch gepressten und falls mehrere, gemischten Saft. Lecker und 100% ausländerkompatibel.

Wasserpfeifenkneipe

Wasserpfeifenkneipe

Auf dem Weg zurück ins Hotel halte ich an einer Schischa Stube. Klein und ungemütlich, wie die meisten Etablissements hier, sind Tische in einer Reihe aufgestellt, hinter denen Männer jeder mit einer Schischa und einem Tee sitzen, wie Hühner auf der Stange. Ich will mir das genauer ansehen und setze mich dazu. Ich zeige dem Wirt auf das was mein Nachbar und alle anderen haben und erhalte kurz darauf ebenfalls ein “Gedeck”. Mit Papier rolle ich mir ein Mundstück und den Tee gieße ich in die Untertasse und schlurfe ihn dann mit einem Stück Zucker aus derselben. Alles vom Nachbar abgeguckt! So sitze ich eine gute halbe Stunde, ziehe bedächtig an meiner Schischa und versuche das gleiche Pfeiffgeräusch beim Ausatmen zu erzeugen wie die anderen. Sobald ein Tee geleert ist, bekomme automatisch den Nächsten gereicht. Anfangs errege ich noch Interesse und wir tauschen die üblichen Fragen/Antworten aus, dann gehöre ich zur Männerrunde dazu.

“Hey Mister”, “Hello my friend” tönt es hier ständig und da es keinem darum geht, mir etwas verkaufen zu wollen, bleibe ich stehen und erwidere den Gruß. Wir tauschen kurz Floskeln aus und lächeln dabei. Im Allgemeinen spricht keiner ein verwertbares Englisch und die Konversationen sind recht schnell erschöpft. In einer dieser Begegnungen mit zwei jungen Eisverkäufern flüstert der eine dem anderen etwas ins Ohr, worauf beide mit der entsprechend passenden Handgeste “Heil Hitler” sagen und daraufhin in Gekicher ausbrechen. Ich bin etwas perplex, weiß aber auch nicht anders zu reagieren, als etwas verlegen zu Lachen. Iran ist dafür bekannt anti-israelische Kräfte in der Region (Hisbolla, Hamas) zu unterstützen und es ist ein sehr fragwürdiges Vergnügen eine Verbindung zueinander auf Basis Nazideutschlands aufzubauen.

Dorf im Sandsturm

Dorf im Sandsturm

Landschaftlich war der Iran bislang eher ernüchternd, vermüllt, staubig, stinkend, und windig. Normalerweise ist meine Fahrt von etlichen Pausen unterbrochen. Ich mache Fotos oder betrachte Dinge genauer, die ich in der Vorbeifahrt nur flüchtig aufschnappen konnte. Hier suche ich dringend nach Pausemöglichkeiten und finde einfach keine. Staub, Wind und Müll machen Stopps außerhalb von Städten unattraktiv und auch innerhalb gibt es nichts Nettes, keine Teehäuschen, keine Stühle oder Bänke. Also fahre ich weiter und weiter, bis zu meinen geplanten Stopps. Anstrengend. Busse und Laster pusten dicken, schwarzen Rauch auf die Strassen und hüllen Städte und Landstraßen in Smog und Gestank. Manchmal kann ich die Luft einfach nicht so lange anhalten, wie ich möchte.

Ganz so schwarz möchte ich aber nicht enden, denn das Beste hier sind die Menschen.  Man kommt mit vielen, freundlichen Leuten in Kontakt, die nur “Hallo” und “Willkommen im Iran” sagen wollen. Kaum stehe ich kurz rum oder blicke in eine Karte, kommt auch schon jemand und fragt mich ob er mir helfen könne. Beckenbauer und Klinsmann werden immer wieder genannt (we auch schon in Afrika – Junge haben die einen Bekanntheitsgrad). Iran fühlt sich zunächst ungewohnter und schwieriger an als vergangene Länder, aber die Menschen um mich herum geben mir das gute Gefühl, dass es bei Schwierigkeiten nicht an Hilfsbereiten mageln wird.

Mit Abstechern über die eine oder andere Sehenswürdigkeit werde ich morgen voraussichtlich in Teheran angekommen sein und einige Tage in der Hauptstadt verweilen, bevor es weiter ins Landesinnere und in die Wüste geht. Sehen wir mal was der Iran in seinem Kernland zu bieten hat.

Angst vor ...

Angst wovor? Auflösungsbild im kommenden Beitrag! :)

Herbstimmung 1

Herbstimmung 1

Diesmal wurde der Schalter Richtung Herbst umgelegt. Nach dem grünen Tiflis wechseln die Bäume ihre Farbe zu gelb und rot. Die Straßen sind bereits überseht mit Laub und ich fahre durch einen bunten, wirbelnden Blätterregen. Nur die immer noch sehr warmen 26 Grad (Nachts allerdings sehr frisch) verhindern, dass ich mich gänzlich nach Herbstdeutschland versetzt fühle.

Armenien hat es nicht gerade leicht im Umfeld seiner Nachbarn. Die Grenzen zur Türkei sind geschlossen (Genozitkonflikt) und die Grenzen zu Aserbaidschan im Osten und im Westen sind ebenfalls geschlossen (Bergkarabachkonflikt). Mit Russland haben sie zwar gute Beziehungen, aber keine Grenze – schlecht. Dazwischen liegt Georgien, was wiederum schlechte Beziehungen mit Russland (Kaukasuskrieg) und eine halb geschlossene Grenze (bestehend aus einem! Grenzübergang mitten im Kaukasus) hat – noch schlechter. Zugang zu offenem Gewässer haben sie ebenfalls nicht – prinzipiell immer ganz schlecht. Bleibt noch die islamische Republik Iran im Süden, die sich ihrerseits vielen Sanktionen durch den Westen ausgesetzt sieht. Keine einfache Position, um sich frei zu entwickeln, zumal es bei keinem der Konflikte in der Region nach einer Lösung in naher Zukunft aussieht. “Its complicated” sagt Irakli, mein sympathischer Gastgeber in Tiflis. Kompliziert und festgefahren, kein Wunder, wenn es schleppender vorangeht, als möglich.

Sowjet Kino

Sowjet Kino

Ich lege eine langsame Gangart ein und unterbreche die Fahrt nach Jerewan, der Hauptstadt des Landes (von der ich selbst nie gehört hatte), für einen Zwischenstop in Dijilan. Eine der schönsten Gegenden des Landes soll es sein, Pensionen und B&Bs soll es geben und sowjetische Künstler und Denker hat es seit eh und je in die mit Laubwald bewachsenen Berge gezogen, liest man. Soweit stimmt das auch alles, aber die Realität weicht von der geweckten Assoziaten dennoch weit ab. Der Ort wird durch Sowjetarchitektur geprägt, die ihre Blütezeit seit langem überschritten hat. Das Kino ist verlassen und hinter der Eingangstür stapeln sich Zementsäcke. Die Fenster des Einkaufzentrums im Zentrum splittern und werden durch improvisierte Holzklammern zusammengehalten. Vom einstigen Warenhaus der Stadt ist nur noch ein einfacher Supermarkt im Keller geöffnet, der Rest steht leer. Kioske sind geschlossen, die Fenster verstaubt. Eine wuchtige Zementbushaltestelle verfällt. Ein verrostetes Stahlrohr sprießt hervor, der Rest wird von Moos bewohnt. Ein einzelner Mann wartet darin. Es ist still. Hier und da trotten ein paar Menschen die Bürgersteige entlang. Laub fliegt durch die Straßen.
Man kann sie förmlich noch sehen, die leuchtenden Kinderaugen mit dem Softeis in der Hand, die auf ausgestellte Spielwaren in den Schaufenstern starren. Geschäftiges Treiben, ein Kommen und Gehen im Zentrum, Menschen die am Brunnenrand sitzen und sich in der Sonne ausruhen. Heute sitzt keiner am Brunnen. Er sprüht noch Wasser, scheint aber auch nicht so richtig zu wissen warum eigentlich. Wie auf einem verlassenem Rummel fühlt es sich an. Ein wenig melancholisch, man spürt die Zeit und die Veränderung. Es macht ruhig, aber es ist auch schön, irgendwie friedlich.

Mit Erkältung und in strömenden Regen kämpfe ich mich nach Jerewan. Groß sind meine Erwartungen nicht an eine Stadt, die in erster Linie eine Planstadt aus Sowjetzeiten ist und praktisch keine historischen Viertel oder Gebäude aus seiner langen Geschichte übrig hat. Ich komme in einem familienbetriebenen Hostel (Glide Hostel) unter und fühle mich nach kurzer Zeit bereits wie der Sohn der Familie. Die Betten sind bemerkenswert schlecht (man spürt praktisch jede Feder und den darunterliegenden Rost), aber ich fühle mich wohl und stelle einmal mehr fest, wie unwichtig die “harten” Faktoren sind, solange man herzlich aufgenommen wird . Der Name Glide-Hostel ist entstanden, weil der Sohn der Familie ein Paraglider ist und entsprechend Flüge im bergreichen Armenien anbietet. Nach einem Abend über Paragliding-Videos und mit meinen Erinnerungen an eigene Sprünge, bin ich einmal mehr zur der Überzeugung gelangt, dass ich das bei Gelegenheit auch probieren sollte!

Streetart Yerevan

Streetart Jerewan

Überladen mit guten Tipps für Jerewan und Umgebung, mache ich mich auf, die Stadt zu erkunden. Sie ist großzügig angelegt und grün, geschäftig aber entspannt, überseht mit Cafés, Ausstellungen und allerlei Ständen und Fußgängerzonen. Man begegnet Streetart und Straßenmusikern, sieht Liebespaare in den Parks und singende Mädchengruppen, die durch die Straßen ziehen. Die Frauen fallen mir besonders ins Auge. Sie sind nicht außergewöhnlich schön, aber geben sich diesbezüglich außergewöhnlich große Mühe und häufig mit aufmerksamkeitserregenden Erfolg. In Anbetracht der Nähe des verhüllenden Iran, genieße ich daher die schöne Aussicht und erlaufe die Stadt so weit es Füße und Gesundheitszustand zulassen. Kiew und Tiflis haben eine und Jerewan hat auch eine bekommen, eine riesige, schwerttragende Eisenfrau, die über der Stadt thront. Mutter Ukraine, Georgien und Armenien heißen sie, sehen aber eher kämpferisch als mütterlich aus, aber wer will schon eine übergroße metallene Hausfrau mit Besen über der Stadt sehen. Das wäre aber doch zumindest mal ein pazifistisches Signal, vielleicht sollten wir eine auf den Müggelbergen haben, oder besser ein Mann mit Staubsauger!? Die beeindruckendste Schwertfrau aus den Hipzeiten der Kampfweiber dürfte aber wohl die in Wolgograd sein, aber das ist eine andere Reise.

Ararat

Ararat

Thronen tut vor allem einer über der Stadt, der gewaltige Ararat, der höchste Berg der Türkei. Ich hatte schon bedauert, ihn bei der Türkeidurchfahrt nicht in meine Route pressen zu können, mir war aber nicht bewusst, wie gewaltig sich dieser Berg in riesigem Umkreis in Szene setzt und auch von Jerewan gut zu sehen ist. Ein Whisky, Bier, eine Bank, Hotels, Cafes, Yoghurt und vieles mehr tragen seinen Namen hier.

Verkehrstechnisch geht es nach all den Suizidfanatikern Georgiens in Armenien wieder etwas ruhiger zu, wären da nicht die Marschrutkas. Marschrutkas sind 10-Sitzer Transporter, von denen es unzählbar viele gibt und die nach Bedarf halten und Leute aufnehmen bzw. absetzen. Was grundsätzlich der günstigen und flexiblen Beförderung der Bevölkerung zu gute kommt, schadet der entspannten Stadtfahrt. Die rechte, der meist vorhandenen zwei Spuren ist eigentlich ausschließlich den ständig und plötzlich haltenden und startenden Marschrutkas vorbehalten. Da andere Marschrutkas den auf der Marschrutkaspur gerade haltenden Marschrutkas ausweichen müssen, schießen diese Marschrutkas ebenfalls sehr plötzlich auf die verbleibende linke Spur. Man muss also in permanenter Marschrutkaalamstufe verweilen. Selbst auf der Marschrutkaspur zu fahren, ist nur für wirklich Fortgeschrittene oder Abenteuermotorradfahrer geeignet. Wie ihr merkt, mag ich im übrigen das Wort Marschrutka :) .

Hier hätte ich auch länger bleiben können, muss ich überrascht bei meiner Abfahrt feststellen und verdanke dies zu einem großen Teil meiner liebenswerten Gastfamilie, die meinem Aufenthalt die wichtige Wärme beigesteuert hat, die so entscheidend für den Gesamteindruck ist. Aber die Tenere wartet bereits ungeduldig und befüllt mit neuem Öl (10000 KM sind schon rum) und so mache ich mich auf den Weg Richtung Süden, vorbei an den zahllosen Klöstern, Mauern, Höhlen, Steinhaufen und was die hier uralte kulturhistorische Geschichte sonst noch alles zu bieten hat.

Boxer, fährt ...

Ural, fährt ...

Ich treffe auf einen Motorradfahrer und seine Frau auf einer alten Ural mit Beiwagen, halte interessiert an und schaue ihnen bei der Arbeit zu. Nach kurzer Zeit kommt der Mann und schenkt mir eine Handvoll Nüße. Eine schöne und keine ungewönliche Geste und da ich dazugelernt habe und immer mehr Essen mit mir rumschleppe als nötig, gebe ich ihm ein Stück meines Süssbrotes aus einer Gegend um Jerewan. Ich mag diese kleinen teilenden Gesten, die so soviel zu einem positiven Miteinander beitragen. Obwohl man potentiell etwas bekommen kann, was ma nicht mag aber im Allgemeinen etwas gibt, was man mag, ist das Resultat meist ein Gutes. Die Geste schafft etwas, was mehr wert ist als das Produkt.

Nach der farbenfrohen Herbstaugenweide, in der ich das nördlichere Armenien vorgefunden habe, befinde ich mich nun im deutlich trockeneren Süden und in greifbarer Nähe zum Iran. Ich muss zugeben, ich bin einigermaßen aufgeregt! Einmal werde ich noch wach, dann ist es soweit und ich bin mir sicher, alles wird wieder ganz anders.

Vielen Dank fürs Mitlesen, bis bald und bleibt dran!

Kontraste

Kontraste

Herzlich Willkommen in Georgien, sagt der Grenzbeamte auf Deutsch, nach einer denkbar einfachen Grenzüberquerung. Zunächst einmal verblüffen die Unterschiede. Statt Kopftüchern tragen Frauen Stöckelschuhe, statt Gebetsruf tönen Kirchenglocken, aus lateinischen Buchstaben werden Georgische, aus kalt wird warm und aus Lira wird Lari. Die außergewöhnlichste Änderung aber geschieht bei Klima und Vegetation. Man mag es kam glauben, aber als hätte jemand einen Schalter umgelegt, findet man sich plötzlich in subtropischer Umgebung wieder. Palmen säumen den Straßenrand und nach der trockenen Türkei ist es sichtbar grüner und spürbar  feuchter. Die Lage zwischen dem kleinen Kaukasus im Süden und dem großen Kaukasus im Norden und dem schwarzen Meer im Westen bewirkt das milde Klima. Bei gutem Wetter (ich hatte immer gutes) sieht man die schneebedeckten Gipfel der Gebirge am Horizont, während man unter Palmen Schatten sucht. Befindet man sich etwa in der Mitte zwischen Norden und Süden, sieht man zur gleichen Zeit die Schneegipfel des kleinen und des großen Kaukasus.

Kontraste 2

Kontraste 2

Die sowjetischen Einflüsse aus der Zeit der Eingliederung in die UdSSR sind natürlich nicht zu übersehen. Alte Ladas und Wolgas, die ich seit mittlerweile Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe, gibt es hier in rauen Mengen genauso wie die scheinbar unzerstörbaren, stinkenden grünen Lastfahrzeuge. Erschreckend trostlose und heruntergekommende Zweckplattensiedlungen findet man ebenso wie heroische, übergroße Heldenstatuen. Georgisch ist die Amts- und Umgangssprache, aber Russisch wird praktisch von allen gesprochen. Zumindest derzeit ist das noch so. Zunehmend weniger Kinder und Jugendliche sprechen Russisch. Meine russischen Schulkenntnisse sind ebenfalls eher begraben als eingestaubt, aber ich bin mehr als überrascht, wie schnell längst verloren geglaubte Begriffe wieder zurück ins Bewusstsein gelangen. Nach wenigen Tagen hat sich bereits genug angesammelt, um einigermaßen zurechtzukommen. Ein riesiger Vorteil gegenüber der Türkei. Ansonsten ist man hier nicht besonders gut auf Russland zu sprechen, das als eine der wenigen Nationen die autonomen Gebiete im Norden Georgiens, Abchasien und Südossetien, anerkannt und unterstützt hat. De Fakto ist Georgien um einiges kleiner, als auf den Landkarten zu sehen ist.

Fruchtbrot (Nasuki) Verkäufer

Fruchtbrot (Nasuki) Verkäufer

Auch die Menschen hier sind völlig anders. Meine Erfahrungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Service und die Freundlichkeit in Cafes und Hotels ist teilweise derart unterhalb jeglichen Maßstabes, dass es mir manchmal einfach die Sprache verschlägt. Wenn die Kellnerin kommt und mit einer Geste und der zugehörigen Handbewegung ausdrückt “Also willste nun was bestellen oder nich?” oder der Hotelangestellte lieber fern sieht, als mir ein Zimmer zu geben und dann weiter sitzend den Schlüssel so hinhält, dass ich ihn ihm weit über die Theke lehnend aus der Hand nehmen muss, hilft es nicht gerade, um sich willkommen zu fühlen. Auf der anderen Seite habe ich einzigartige, herzensgute und gastfreundliche Menschen getroffen, die selbst meine besten Erfahrungen in der Türkei in den Schatten stellen. Ähnlich verhält es sich mit Leuten auf der Straße bei Fahrpausen. Es gibt den typischen, lässigen, fast immer große Sonnenbrillen tragenden Mann, der mich bewegungslos, abschätzend beobachtet. “Bisnis” steht ihm ins Gesicht geschrieben und ich bin zwar ungewöhnlich, aber letztlich uninteressant. In ländlicheren Gegenden verhält es sich meist anders. Leute kommen interessiert und stellen die üblichen Fragen, “Wie schnell fährt das Motorrad?”  und “Wieviel kostet es?”, klopfen mit auf die Schukter und wünschen mir gute Fahrt.

Batumi

Batumi

Fährt man an der Küste aus der Türkei kommend nach Georgien, kommt man nicht umhin in Batumi Halt zu machen. Ein süßes, sich in dynamischer Entwicklung befindendes Städtchen, dass ich auf Anhieb mag. Da Unterkünfte in Georgien tendenziell teurer sind, verbringe ich die Nacht in einem Hostel (als einziger Gast) und geniesse zusammen mit Kim (Kanada), die ich bereits in Yusufeli getroffen hatte und zufällig hier wiedertraf, das Stadtleben und die neue Kultur. Meine freundliche Hostelleiterin sagt mir, ich kann unmöglich Georgien verlassen, ohne Swanetien, eine schwer zugängliche Gebirgsgegend im Norden, gesehen zu haben. Ich höre das nicht zum ersten Mal und entscheide mich, den Umweg zu fahren, wie sich herausstellen sollte, eine der besten Entscheidungen meiner Reise bisher.

Auf der Fahrt tiefer und tiefer in die Berge, sind es, neben dem deutlich aggressiveren Verkehr hier, vor allem die Tiere auf der Straße, die höchste Aufmerksamkeit fordern. Kühe, Ziegen, Pferde und Hunde bevölkern zu Hunderten die Straßen. Bei einer Einfahrt in einen der nicht beleuchteten Tunnel auf dem Weg nach Mestia, sehe ich kurz vor Tunneleintritt zwei Silhouetten am Ende des Tunnels. Da man aus dem Licht kommend, so gut wie nichts sieht, fahre ich entsprechend vorsichtig und stosse auf eine Kuh und einen Hund, die in absoluter Finsternis gemächlich auf meiner Spur dem Tunnelausgang entgegen laufen. Super gefährlich! Zwei Tunnel später liegt ein ausgewachsenes, totes Pferd am Fahrbahnrand. Kühe sind im Allgemeinen sehr friedlich und lassen sich durch nichts stören, man fährt einfach im Slalom um sie herum. Aber die Hunde… Für viele der in den Dörfern lebenden Hunde muss ich so etwas wie die Inkarnation des Bösen darstellen. Mit fletschenden Zähnen und maximaler Aggressivität stürzen sie auf die Straße, um mich anzubellen, als gelte es ihre gesamte Rasse vor dem Untergang zu verteidigen. Hunde die bellen, beißen nicht, sagt man, aber wenn man sieht und hört mit welch infernalischer Getriebenheit sie auf einen zukommen, will man sich nicht darauf verlassen.  Meist gebe ich etwas mehr Gas, fliege vorbei und habe sie nach etwa 20 bis 30 Metern abgeschüttelt. Bei einer dieser Begegnungen mit einem besonders großen Exemplar, dass ich schon aus einiger Entfernung wie einen Pfeil habe heranfliegen sehen, ist die Straße vor mir jedoch tief von Matsch und Spurrillen zerfurcht. Die Angst vor dem Hund siegt intuitiv gegen die Angst vor dem Matsch und ich gebe in die Schikane hinein Gas, das Viech direkt auf den Fersen. Ich schlingere und eiere von einem Straßenrand zum Anderen und verliere fast die Kontrolle, kann mich aber gerade so fangen und komme mit aufgeregt pumpender Pulsader im Hals davon. So nah an einem Sturz war ich auf dieser Fahrt noch nicht. Mistviecher! Ich habe schon einen richtigen Hass entwickelt.

Uschguli

Uschguli

Uschguli, der höchste ganzjährig bewohnte Ort Europas ist das lohnenswerte Ziel meines Umwegs. Beindruckend schön liegt er auf 2100 Metern Höhe am Fuße des Shkharas (5086m), gekennzeichnet durch die markanten Schutztürme der Swanetier. Ich sitze eine lange Zeit auf einer Wiese und beobachte das dörfliche, größtenteils handarbeitliche Treiben. Kartoffeln werden geerntet und Heu für die Kühe im Winter gesammelt. Gesund und kräftig sehen die Menschen hier aus und dass trotz der widrigen klimatischen Bedingungen. Auch ohne Hospitäler oder Ärzte in der Nähe erreichen sie ein sehr hohes Alter. Der Bach plätschert, die Bäume rascheln, ein Lüftchen bringt hin und wieder die Geräusche von Kindern oder Ackerarbeit herüber, Schweinefamilien trotten quiekend vorbei, ein Reiter gallopiert durchs Tal, überall an den Hängen grasen frei laufende Kühe, Schneegipfel ragen im Horizont über mir auf und die Sonne scheint mir warm ins Gesicht. Ich will mich gar nicht mehr wegbewegen, so schön ist es hier. Ich spüre einen tiefen inneren Frieden in mir und ein Lächeln huscht mir übers Gesicht. Ich bin glücklich.

Oma beim Brot machen

Oma beim Brot machen

Man kann hier lediglich bei Gastfamilien unterkommen und unter sehr einfachen Verhältnissen erhalte ich für eine Nacht direkten Einblick ins dörfliche Leben. Die Bettdecke schwer wie Blei, ein Bretterbudenklo mit Loch über dem Bach, das Nachts geradezu brutal kalt ist, ein kleiner Schwarzweißfernseher in einem Zimmer mit Bett und Küchentisch und eisernem Holzofen sind einige Eindrücke. Mit Bratkartoffeln, Tomaten, Ziegenkäse, Brot und Schaschka (einer Art Schnaps) als Abendbrot bin ich mehr als zufrieden und fühle mich herzlichst aufgenommen. Zusammen mit dem Vater der Familie leeren wir die gesamte (kleine) Flasche und trinken auf alles was uns einfällt, auf uns, auf Georgien und Deutschland, auf die Familie und die Eltern, auf die guten Menschen und am Ende sogar auf Merkel. Nach einer Flasche guckt man nicht mehr so genau hin :) . Währenddessen knetet die steinalt aussehende Oma Teig für das morgige Brot und das Fernsehen hört gar nicht mehr auf immer wieder Sarkozy bei seinem Besuch in Tiflis zu zeigen. Zu Europa wollen sie gehören die Georgier und ein französicher Staatspräsident im Lande ist ein große Sache. Am Morgen gibt es klare Brühe mit Rinderfleisch und ich lege ohne geringstes schlechtes Gewissen mein Vegetariertum für eine Speise ab.

Zagar Pass 2

Zagar Pass 2

Da ich es über allen Maßen nicht leiden kann, gleiche Wege zurückzufahren, entscheide ich mich den langen, kaum genutzten Weg über die Berge Richtung Osten zu nehmen. Mit Knaksen durchfahre ich die eisbedeckten Pfützen in den Straßenmulden und erlebe bei der Passüberquerung auf 2600 Meter in völliger Einsamkeit und umgeben von Schneegipfeln eine landschaftlich atemberaubende Bergwelt. Es kostet mich einen gesamten Tag, um die 150 Kilometer Bergwege zurück ins Tal zu bewältigen, aber die Anstregung war es allemal Wert.

Nach all den Highlights treffe ich in Kutaisi bei teuren Hotels, miserabelsten Service und einem geradezu grottenschlechten Frühstück mit ganzer Kraft auf die nüchterne Realität und reise schleunigst Richtig Tiflis (Tbilisi), meiner letzten Station in Georgien ab.

Hier finde ich eine der schönsten Übernachtungsmöglichkeiten (SkadaVeli) bisher. Irakli der Betreiber ist eine immens sprudelnde lokale Wissensquelle und derart zuvorkommend und hilfreich, dass ich mich entscheide 3 Tage hierzubleiben, die Stadt zu geniessen und von den vielen leckeren Speisen zu kosten, die es hier in Georgien gibt. Ach und erst der Wein (der Weltbeste sage die Georgier :) ) und und und. Ich sehe schon, ich hab wieder viel zu viel getippt und noch nicht einmal von dem Ukrainer auf der Tenere erzählt, Kim dem Koreaner, John dem Ami und Kita der Polin, den fehlenden Stoßstangen, den Fruchtbrotständen (Nasuki) am Straßenrand, der Batumi Jazzband im Hostel oder dem Musikfestval in Tiflis. Zu viel gibt es zu berichten. Georgien allein ist natürlich einen ganzen Urlaub wert, wie soll man das schon in einen Beitrag quetschen. Ab übermorgen gehts vermutlich etwas zügiger durch Armenien… naja warten wir mal ab wie zügig ;) .

Hochebene von Erzurum

Hochebene von Erzurum

Mit größeren Schritten lasse ich die Zentraltürkei hinter mir, um meine letzten Tage im Nordosten des Landes zu verbringen. Es wird zunehmend kälter und ich fahre bereits mit all meinen verfügbaren Wärmeschichten. Erzurum, eine der größten Städte des Ostens liegt auf 1900 Meter Höhe und fühlt sich mit Nachttemperaturen von -5 bereits sehr winterlich an. Die gesamte Hochebene liegt auf über 1800 Meter und ständig bläst ein unangenehmer und eisiger Wind derart kräftig über die Felder, dass ich permanent das Motorrad in Schräglage halten muss, um geradeaus zu fahren.

auf der Straße von Erzurum nach Yusufeli 3

auf der Straße von Erzurum nach Yusufeli 3

Trotz der Gebirgsimpressionen der vergangenen Tage schafft es die Landschaft auf der Fahrt von Erzurum nach Yusufeli, mich nochmals zu beeindrucken. Die Straße schneidet sich durch tiefe Steinschluchten mit steil aufragenden Wänden. Hin und wieder gibt es alte georgianische Burgen, Kirchen und Wasserfälle. Yusufeli liegt tief eingebettet an einem fürs Wildwasserrafting bekannten Fluss und bietet ein günstiges Ambiente um zwei Tage innezuhalten, Klamotten zu waschen und das Motorrad zu warten.

Die niedrige Lage Yusufelis im Tal beschert dem sympatischen Städtchen zwar ein angenehmes Klima, ist allerdings auch für den zukünftigen Untergang (im wahrsten Sinne des Wortes) verantwortlich. Wie in anderen Fällen (z.B. der Van See) wird auch hier ein riesiger Stausee entstehen, der nach Fertigstellung Yusufeli unter den Wassermassen begraben wird. Die Stimmung ergreift mich. Alles was ich hier sehe, alle Häuser, die gewachsene Gemeinschaft, das soziale Gefüge, die Geschichte  und die Erinnerungen, werden in Zukunft begraben sein und vermutlich unwiderruflich verschwinden. Ich streichele ein zutrauliche Katze und frage mich, ob sie eines Tages mitgenommen oder ertrinken wird. Dennoch wird im Ort fleissig gebaut was das Zeug hält und es entstehen teils häßliche Neubauten neben den alten Dorfhäusern, denn wenn der Damm eröffnet (bzw. geschlossen) wird, werden die Bewohner entsprechend entschädigt werden. Es entstehen vollwertige Neubauten, die aller Vorraussicht nach nur wenige Jahre genutzt werden, bevor sie in den Fluten verschwinden. Wenn man die Hintergründe kennt, fühlt sich das emsige Treiben sehr seltsam, geradezu apokalyptisch an. Ein dem Untergang geweihtes Leben in dem alle vom Bäcker zum Cafebesitzer nur darauf warten, den Schlüssel ein letztes Mal im Schloss  zu drehen.

Straßenbau für den Damm

Straßenbau für den Damm

Umso aufemrksamer studiere ich das zu flutende Tal bei meiner Ausfahrt Richtung Norden. Hoch über mir wird eine neue Straße mit riesigem Aufwand gebaut, um die durchs Tal am Fluß entlang führende zu ersetzen. Die Kosten müssen enorm sein, denn die Straße wird in windiger Höhe in den steilen Felsen durch den Bau von Brücken und Tunneln geradezu in den Berg gezwungen. Häuser und kleine Siedlungen sind größtenteils bereits verlassen und das Gefühl, dass ich vermutlich nie wieder hier entlang fahren werde können, ist bedrückend. Am Ende steht er vor mir. Ein riesiges Betonungetüm, dass sich wie ein Riegel durchs Tal schiebt. Ein nahezu fertiggestellter Staudamm, der enorme Mengen Energie produzieren wird. Die menschlichen und landschaftlichen Verluste sind jedoch irrsinnig hoch. Die Kosten eines Staudammes, insbesondere die Nichtfinanziellen, habe ich so noch nie erkannt und schon gar nicht gespürt.

Zweckstädte im Berg

Zweckstädte im Berg

Was man auch sieht, sind die künstlichen Zweckstädte, die hoch genug in die Berge gebaut werden, um die Bewohner aus dem Tal, wie bald auch die Yusufelis, aufzunehmen. Ohne Herz und Charakter verschandeln sie den Blick und der Gedanke, dass mein liebenswerter älterer Pensionsvater mit seiner Frau, die offensichtlich einen Großteil ihres Lebens in das Haus gesteckt und mit Fleiß und Liebe einen besonderen Ort geschaffen haben, in ihrem hohen Alter in eine solche Neubauburg umgesiedelt werden, treibt mir beinahe die Tränen ins Gesicht. Finanziell wird es keinem schlechter gehen, aber man nimmt Ihnen die Identität. Mit traurigem Herzen verlasse ich die Türkei.

Ein paar abschließende Gedanken seien ihr aber noch gegönnt.

Ich komme nicht umhin in meinem letzten Türkeibeitrag ein paar Worte über die türkische Teekultur zu verlieren. Schwarzen Tee gibt es hier zu jeder Tageszeit, jedem Essen und auch dazwischen. Gereicht wird er in kleinen geschwungenen Gläsern und meist mit zwei Stücken Zucker (es sein denn es steht ein Gefäß mit Zuckerwürfeln auf dem Tisch). Es ist Das soziale Getränk der Türken und steht quasi auf jedem Tisch in den typischen (nur von Männern besuchten) Teehäusern. Fast alle sehen übrigens genauso wenig einladend und mit Neonröhren beleuchtet aus, wie man das auch aus Berlin kennt. In der Regel wird automatisch ein neues Glas gebracht, sobald eines ausgetrunken ist, zumindest aber wird umgehend nachgefragt. Allgemeingültig ist auch der Preis. Einen halben Lira (ca. 20 Cent) kostet ein Glas Tee im ganzen Land. Für diesen Preis (von mir aus auch das Doppelte) würde ich auch in Deutschland häufiger Tee trinken, aber aus irgend einem Grund haben sich deutsche Kaffees und Kneipen entschlossen dass billigste Getränk derart rücksichtslos zu überteuern, dass man es eigentlich nicht guten Gewissens bestellen kann.

Die Gastfreundschaft der Türken ist ebenfalls unbedingt hervorzuheben. Auf meiner Fahrt in den Norden halte ich in der Stadt Kovancilar und mache in einer Teestube Rast, um mich mit einem Glas aufzuwärmen. Der benachbarte Bäcker, der einige Zeit in Deutschland verbracht hat, als auch ein Obsthändler mit östereichischem Akzent gesellen sich schnell dazu und fragen mich aus, bzw. übersetzen für die anderen. Alle sind sehr interessiert und studieren meine Route auf der Karte. Ich schüttele viele Hände und fahre am Ende mit Brot, etwas Obst und 2 getrunkenen Gläsern Tee weiter, ohne einen Lira bezahlt zu haben. Solche Vorkommnisse sind keine Ausnahme.

Kaddif

Kaddif

Kulinarisch gibt es ebenfalls nix zu meckern. Wenngleich mir als Vegetarier eine erheblich geringere Auswahl an Speisen zur Verfügung stehen, so hatte ich doch nie Probleme Leckeres zu finden. Yogurt- und Linsensuppen sind hervorzuheben und häufig steht man vor einer großen Auswahl an Pasten und Bohnen, Weinblättern und allerlei Salaten, die frei kombinierbar auf einem Teller zusammengestellt werden können. Brot und Wasser gibt es frei dazu. Auf der süßen Seite findet man in der Türkei, ähnlich den bekannten Beispielen in Prag oder Wien, Kaffe(eigentlich Tee)häuser in elegantem Ambiente. Zur Auswahl stehen hier allerdings in erster Linie etliche Baklavavarianten und Honigkreationen. Ich habe viel probiert und fast alle geliebt.

Auch nach drei Wochen Türkei konnte ich natürlich nur einen Strich durch die Karte ziehen und habe vieles nicht sehen können. Die gesamte mediterane Küste etwa, oder den Südosten und Osten. Von Istanbul bis weit in den Osten ist die Türkei ein einfaches, sehr vielseitiges und erlebenswertes Reiseziel und nicht ohne Grund eines der beliebtesten Reiseländer der Deutschen, mit genug Platz, um fast vollkommen an der Tourismusindustrie vorbeizuurlauben, falls gewollt.

Ich bin mittlerweile in Georgiean angekommen, aber dazu mehr im nächsten Beitrag. Soviel vorweg, es ist wiedermal alles ganz ganz anders!

Ins Tal, ins Unwetter

Ins Tal, ins Unwetter

Es ist kühl und feucht auf dem Pass und ich blicke in ein schroffes, zerklüftetes und mit Nebel verhülltes Tal. Dicke Wolken umgeben die Gipfel und die Schotterpiste vor mir verschwindet im Dunst. Es ist kein Laut zu hören,  bis mit erschütternder Kraft ein Donnerschlag durchs einsame Tal rollt. Ich weiß weder in welchem Zustand die vor mir liegende Bergpiste sein wird, noch, und das ist schlimmer, weiß ich mit Sicherheit, dass sie überhaupt zum Ziel führt und nicht einfach an einem Bauernhaus endet. Alles schon gehabt. Hinter mir liegen bereits 2 Stunden ungepflasterte Bergstraßen. Zurück kommt nicht in Frage. Vor mir liegt das Abenteuer denke ich und starte die Tenere.

Nemrut Dağı (Berg Nemrut) das mystische Highlight meiner Türkeifahrt lockte mich in ein Gebiet weit abseits größerer Orte und Verbindungsstraßen. Die Bergzüge sind hier besonders schwer in der Nord-Süd Achse zu überqueren und ausgebaute Straßen verlaufen in weitem Bogen und nur westlich um den Nemrut herum. Ich komme aus dem Norden und entscheide mich, die kürzeste Route über die Berge nach Süden zu nehmen, um dann von Süden kommend zum Gipfel zu fahren. Laut Google Maps ist eine durchgängige Straße über den Gipfel des Nemrut eingezeichnet. Wenn es eine gibt, kann ich sie fahren, denke ich, auch wenn der Lonely Planet sagt, es geht nicht. Mir ist klar, dass die kürzeste Route in diesem Fall sicher nicht die schnellste ist, aber mich lockt die Aussicht auf lauschige Bergstraßen durch sehenswerte Landschaften.

Aufbruch zum Offroad Abenteuer

Aufbruch zum Offroad Abenteuer

Meine Türkeikarte ist viel zu grob für derlei Straßen und meine 2012 Türkei Garminkarten haben nicht einmal wesentlich größere Straßen. Ein Handy mit Google Maps und Datenpaket zeigt aber auch die winzigsten Pfade, allerdings nicht immer ganz akkurat. Die Reifen auf 1.5 Bar abgelassen, um von Steinen und kleinen Unebenheiten nicht unnötig durchgeschüttelt zu werden und dem Reifen mehr Möglichkeit zu geben, sich an den Untergrund anzupassen und los gehts. Würde die Länge der vor mir liegenden Strecke mich nicht ständig zum weiterfahren mahnen, könnte ich alle 5 Minuten für Fotos stehen bleiben. “Wow” und “Ahh” und “Das gibs ja nich” rufe ich in meinen Helm, immer und immer wieder. Abseits jeglichen Verkehrs eröffnet sich mir eine gewaltige Bergwelt, die ich mit zunehmend fahrerischer Sicherheit erobere. Eine zügige Geländefahrt fordert alles an Konzentration und zu dem üblichen Spiel aus Gas, Bremsen, Kupplung und Schaltung kommt anstrengender Körpereinsatz und ein präzises Straßenstudium. Erschöpft aber tief erfüllt, komme ich am letzten Pass im Donnergrollen und Blitzspektakel an. Allein und klein fühle ich mich hier aber lebendig und ganz und gar positiv. Hochgekommen bin ich.

Ein nach Bestätigung suchender Blick auf Goolge Maps sagt mir – kein Empfang. Ein paar Straßen in einer Zoomstufe im Cache, OK wird schon stimmen. Die Straße ist vom Regen aufgeweicht und zum Teil ins Tal hinein abgebrochen, bzw. auf der Bergseite von heruntergerutschter Erde und Steinen verschüttet. Ich komme nur langsam voran. Runter ist zusätzlich schwieriger. Es beginnt zu Regnen und ich hole zum ersten mal meine Regenklamotten raus. Das Wasser auf dem Visier erschwert die Sicht und ich schleiche im ersten Gang um die Kehren. Immer wieder gehen Pfade links oder rechts ab, ich weiß nicht mehr ob ich richtig bin, verfahre mich, drehe wieder um. Plötzlich mitten in der Einöde steht ein Schäfer mit einer Herde vor mir, gekleidet wie aus einem vergangenen Jahrhundert. Ein nickt mir zu, mit gütigen Augen und einen massiven und dichten Oberlippenbart, während ich langsam durch die links und rechts ausweichenden Schafe tuckere und zurücknicke. Ich ärgere mich, kein Foto zu haben aber manche Augenblicke und Begegnungen kann man einfach nicht durch das Zücken der Kamera zerstören. Sie müssen rein und privat bleiben.

über diese Strasse musst du kommen

die letzten Kilometer der Abfahrt

Erste Häusschen, eine bestätigende Handgeste eines Bewohners, ich bin richtig, aber der Tag neigt sich dem Ende. Schneller und schneller fahre ich mit der Dämmerung um die Wette und komme noch rechtzeitig am Eingang des Nemrut Nationalparks an. Ein Campingplatz im Park ist zwar nicht gerade die schönste Aussicht nach diesem nassen Tag, aber die Vorstellung anzukommen, egal wo, ist himmlisch. Der Platz besteht aus einer kleinen Sandfläche und einem Cafehäusschen umgeben von schroffen Felsen, aber einem beeindruckenden Blick ins nebelverhangene Tal. Es ist kein Gast da, aber ein Mann kommt durch den Regen zu mir gerannt. Ich frage ihn ohne Umschweife, ob ich im Cafe (einem von Fenstern umgebenen Holzgebäude) übernachten kann und er antwortet sofort “Warum nicht?”. Zehn Minuten später sitze ich mit Bier und heißer Bohnensuppe im Trockenen und höre mit Befriedigung, wie der Sturm in der Dunkelheit zunimmt und Regen wild gegen die Fenster peitscht. Um acht Uhr liege ich im Schlafsack. Mehr Tag geht nicht.

Köpfe auf Nemrut

Köpfe auf Nemrut

Am frühen Morgen lockt der Berg. Was ist dran an den angeblich mystischen Statuen auf dem Gipfel? Ein größenwahnsinniger König hat sich im Jahrhundert vor Christus dort eine monumentale Grabstätte in Form von Statuen, die über die Landschaft schauen, errichten lassen. Das Königreich ist bereits nach dem König wieder verfallen und fast 2000 Jahre standen die Götterfiguren vergessen und unangetastet dort oben. Auf 2200 Meter klettert die gut ausgebaute Straße auf den kahlen und frostig kalten Gipfel. Nachdem ich die letzten, steilen 300 Meter zu Fuß hinter mich gebracht habe, kann ich nur stillschweigend diesen bewegenden Ort auf mich wirken lassen. Im eisigen Wind stehen sie da, die kopflosen Rümpfe, während die, durch Erdbeben heruntergerollten Köpfe seit über zwei Jahrtausenden stumm in die Ferne starren. Hier fühlt man sich wirklich wie der König der Welt. Der Ort hat eine Kraft, der ich mich kaum entziehen kann.

Wieder auf dem Parkplatz unterhalb des Gipfels erkundige ich mich nach dem Weg auf die andere Seite des Berges, zur Straße die von Norden kommt. Auch von Norden kommend kann man den Gipfel erreichen, muss aber ebenfalls die letzten 300 Meter zu Fuß zurücklegen. Man sagt mir es gibt keine Straße, aber man könnte mein Motorrad über den Gipfel tragen. 4 Mann für das Motorrad und ein oder zwei Esel für das Gepäck. So wenig ich daran glaube dass das gut geht, so schlecht sind die Alternativen. Der Weg über offizielle Straßen nach Norden verläuft im Westen (über Katha/Adiyaman) mit etwa 200 Kilometer Umweg und im Osten gibt es überhaupt keine halbwegs naheliegende Route. 300 Meter Gipfel, 300 unverhandelte Lira (ca. 120€) und die Unsicherheit, dass es überhaupt gelingt, trennen mich von der Straße im Norden. Aber es gibt laut Google Maps noch eine kleine gelbe Linie die östlich vom Nemrut über das Bergmassiv führt. So sehr ich die Tenere auch über den Berg getragen gesehen hätte, so wenig will ich sie ins Tal fallen sehen und entscheide mich wiederum für die kleine gelbe Linie.

Kurdin mit meinen Datteln

Kurdin mit meinen Datteln

Mit 230 Kilometern auf der Tankuhr (mit der KTM undenkbar) wage ich mich nochmals, den Weg über die Berge auf teils schlechten Pisten anzutreten und werde wieder mit einer außergewöhnlichen Fahrt, diesmal in bestem Wetter, belohnt. Eine traditionell gekleidete Kurdin spingt winkend auf die Strasse und hält mir eine Art Süssigkeit hin. Ich nehme dankend an und gebe ihr als Austausch meine Tüte Datteln. Wir reden noch beide engagiert in unseren für den anderen unverständlichen Sprachen, bis sie sich winkend verabschiedet. Begegnungen wie diese können einen ganzen Tag herumreißen, oder das I-Tüfelchen auf einen Guten setzen. Ich überquere erfolgreich das Hauptmassiv,  muss aber nach längerer Sucherei und der Angst vor dem Tagesende, bzw. der Aussicht auf eine klirrend kalte Nacht auf dem Berg, die Suche nach der Route über den letzten Nebenpass aufgeben und auf offizielle Straßen ausweichen. Auf der vergrößerten Karte, kann man das recht gut nachvollziehen. Es gibt dort eine gelbe Linie über die Berge, aber jeder Kilometer dort dauert sehr lange, da es sich immer um grobe und steile Bergwege handelt. Wiederum fahre ich mit dem Sonnenuntergang um die Wette, werde aber mit der bei weitem schönsten Asphaltpassstrasse bislang und kurz vor Sonnenuntergang mit einem idealen Wildzeltplatz am See in Kale belohnt.

Nach mehr als 300 off road Kilometern ohne wirklich voranzukommen ist es Zeit für ein paar Transitmeilen. Es geht wieder … nach Norden :) . Ich habe mich entschlossen den Umweg über Georgien und Armenien zu fahren, bevor ich in den Iran einreise. Wenn man schon mal hier ist … Mehr dazu bald.

Nach dreitägiger Pause in Kappadokien geht es heute weiter Richtung Osten. Zeit für einen Zwischenbericht.

Blick über Göreme

Blick über Göreme

Bereits mittags komme ich in Göreme an und investiere zwei Stunden, um bei Tageshitze durchs Städtchen zu fahren und Hotelzimmer anzuschauen. Diese sind hier allerdings meist nur Löcher in Felsen, denn genau diese sind das Aushängeschild der Region. Die meisten Singlelöcher in meiner Preisregion sind bereits ausgebucht und irgendwie tue ich mich schwer, in einem Dormitoryloch mit sieben anderen Höhlenbewohnern und oft ohne Fenster zu hausen. Auch kann ich mit 1,50 Meter hohen Löchern in der Größe eines Singlebettes und ausgestattet mit einem solchen wenig anfangen. Die Suche lohnt sich jedoch und ich ziehe für die kommenden Nächte in ein außergewöhnlich schönes Zimmer mit ausreichend Platz für meine Koffer + Reifen, das es mir gestattet, aufrecht zu stehen und über die weißen Felsen von Göreme zu blicken. Früh ankommen lohnt sich, Lektion gelernt.

Felsen in Love Valley. Ahh ja..

Felsen in Love Valley. Ahh ja.. Das sieht doch aus wie..

Kappadokien ist märchenhaft. Zeltartige Felsformationen sprießen wie riesige Pilze aus dem Boden, ebene Flächen sind plötzlich aufgerissen und geben Raum für steinerne hundert Meter tiefe und breite Schluchten, als hätte jemand die Erde wie einen Kuchen einfach aufgebrochen. Schroffe aber flache Bergrücken thronen weit über endloser Landschaft. Durch das trockene Gestein fließen Flüsse und Bäche, die in unmittelbarer Umgebung die Natur üppig ergrünen lassen. Wie im Märchen ist es hier, ganz unwirklich und verträumt. Göreme liegt mitten drin im Nationalpark und lädt zu Wanderungen in den zahlreichen Tälern ein. Zusammen mit Peter (Polen) und Kevin (Kanada), zwei weitere Alleinreisende (man zieht sich ja gegenseitig quasi magnetisch an), wandern wir durch die traumhaften Landschaften und überbieten uns gegenseitig beim Fotografieren. Am Ende des Tages haben wir drei eine Unmenge an Steinen festgehalten und müssen wie so oft feststellen, auf den Fotos sieht dat doch allet nich richtich aus. Neben den eigentlichen Hutfelsen sind insbesondere die herausgehämmerten Höhlen von Interesse. Da der Fels im Inneren sehr weich ist, wurden im Laufe der Jahrhunderte tausende von Wohnhöhlen und auch Kirchen herausgepuhlt und so sieht man neben den eigentlichen Felsen überall auch Fenster- und Türlöcher. Besonderer Rummel wird hier um die Kirchen gemacht, die mit entsprechenden Querschnitten versehen sind und auch Fresken aller Art enthalten. Mit wenigen Ausnahmen sind diese allerdings doch sehr simpel und ich muss zugeben, das von der Natur Geschaffene beeindruckt mich doch erheblich mehr als die Lochhäuser und nach einigen Stunden und vielen Löchern bin ich übersättigt (rock churched out..(manches geht auf Englisch eben doch besser)).

Ballons 4

Ballons 4

In einer derart außergewöhnlichen Landschaft liegt die Versuchung nahe, dass Ganze auch von Oben betrachten zu wollen und die sehr emsige Tourismusindustrie hält für diesen Zweck eine große Anzahl von Heißluftballons bereit, die morgens mit dem Sonnenaufgangs starten. Ich entscheide mich aus Budgetgründen dagegen, lasse es mir jedoch nicht nehmen, dem Spektakel aus der Ferne zuzuschauen und beginne meinen Tag in frostiger Kälte (wir sind hier auf 1300m Höhe) und Dunkelheit mit dem Erklimmen eines geeigneten Aussichtspunktes am gegenüberliegenden Ende des Tals. Welch ein Anblick. Etwa 60 der voluminösen Ballons kuscheln sich prall gefüllt im Tal aneinander. Da es noch recht dunkel ist flackern sie immer wieder auf, wenn die Flammen gezündet werden und sehen aus wie riesige Lampenschirme. Zusammen mit der Sonne steigen einer nach dem anderen auf und verteilen sich über dem Göreme Naturpark. Ich frage mich, ob ich oder die Ballonfahrer den schöneren Ausblick hatten.

Auf meinen vom Gepäck befreiten Fahrten durch die Umgebung halte ich an einer Kreuzung, und überlege, ob die abgehende Nebenstraße ein gute Abkürzung zu meinem Ziel wäre. Es sind oft die kleinen Straßen, die sich als besonders attraktiv herausgestellt haben. An eben dieser Kreuzung steht ein älterer, mindestens 70 jähriger Mann und wartet offenbar auf eine Mitnahmegelenheit auf der Hauptstraße. Sobald ich halte, kommt er an, fragt mich wo ich hin will und signalisiert mir den Weg auf der Hauptstraße und sein Interesse hinten aufsteigen zu wollen. Überzeugt von der Richtigkeit der Nebenstraße, teile ich ihm meine Entscheidung mit, woraufhin er seine Meinung ändert und trotzdem aufsteigen will. Ohne weiter zu fragen, schwingt er sich erstaunlich behend (das Motorrad ist recht hoch) auf und wir fahren gemeinsam los. Nach nur kurzer Zeit erreichen wir offenbar sein Dorf und er lässt es sich nicht nehmen, johlend und winkend auf sich aufmerksam zu machen und erntet mit Erfolg eine Vielzahl erstaunter Blicke. Wir fahren noch 20 Kilometer in denen er mir immer wieder irgendwelches mir unverständliches Zeug erzählt, als er mir plötzlich auf die Schulter klopft und auf den Straßenrand zeigt. Wir halten, er klettert ab, lächelt mir nochmals zu und verschwindet schnurstracks in eine Gasse. Per Anhalter fahren ist hier sehr typisch und ständig sieht man Leute am Strassenrand stehen. Ich nehme an diesem Tag noch zwei weitere Passagiere mit (aufgrund der Ersatzeifen sonst nicht möglich) und es macht mir Spass, Teil des Transportflusses zu sein. Das Vertrauen und die Selbstverständlichkeit Fremde mitzunehmen, fühlen sich gut an und sagen einiges über das Miteinander hier aus.

Größe der Gäng in einer unterirdischen Stadt

Größe der Gänge in einer unterirdischen Stadt

Auf dem Kappadokiapflichtprogramm steht auch der Besuch einer der zahlreichen unterirdischen Städte, die hier im Zuge des Einfalls der Perser und Araber im 6. und 7. Jahrhundert von den byzantinischen Christen als Versteck bewohnt wurden. In Derinkuyu sollen so bis zu 10000 Menschen unter der Erde gelebt haben. Es ist beängstigend sich durch die meist sehr niedrigen Gänge immer weiter nach Unten zu schieben und sicher nichts für Klaustrophobiker. Bis zu 10 Etagen geht es auf diese Weise nach unten. Ein winziger 40 Meter langer Treppengang verbindet hier den unteren Teil mit einem weiter oben liegenden und als ich, eine Gruppe Chinesen im Rücken, auf meinem Weg nach unten auf eine sich nach oben kämpfende Gruppe Japaner stoße, wurde mir zugegebenermaßen auch ziemlich mulmig, denn auch mit sehr viel guten Willen kommt man hier nicht aneinander vorbei und es hat eine kleine gefühlte Ewigkeit gebraucht, bis den letzten oben durchgesagt werden konnte, dass alle wieder zurück müssen. Ich war sehr erleichtert, nach 20 Minuten wieder Sonnenlicht zu sehen und kann es kaum glauben, dass Menschen in so etwas wohnen konnten.

kurdische Kinder in Zeltlager

kurdische Kinder in Zeltlager

Hin und wieder sieht man mittelgroße Zeltsiedlungen am Straßenrand. Es handelt sich hierbei um Kurden, die vornehmlich aus den südöstlichen Regionen der Türkei kommen und im Sommer und Zeiten der Ernte als billige Arbeitskräfte aushelfen. Das Volk der Kurden ist durch die Aufteilung in Nationalstaaten nach dem ersten Weltkrieg auseinander gerissen worden und fand sich folgend als Minderheit in Syrien, Iran, Iraq und der Türkei wieder. Wie in etlichen ähnlichen Beispielen weltweit, hat das zu Problemen geführt. Die kurdische Kultur und Sprache wurde im Zuge der Nationalisierung der Türkei systematisch unterdrückt bzw. verboten. Selbst das Wort Kurde wurde nicht mehr toleriert und der Kurde wurde offiziell zum Bergtürken. Heute sind die Kurden die Ärmsten und auch Zurückgebliebendsten der Türkei. Ich halte in einem dieser Zeltstädte um etwas genauer hinzuschauen und bin  binnen Sekunden umgeben von Kindern und Jugendlichen, die mich neugierig aber nicht bedrängend beäugen und mich mit unverständlichen Sprachfetzen zutexten. Es ist schade, wie viel einem in einer solchen Reise aufgrund der Sprachbarriere verloren geht. So viel würde ich fragen wollen!

Ach und noch was am Rande. In China ist es mir bereits aufgefallen, aber hier ist der Kontrast deutlicher. Chinesen (hatte welche in meiner Pension) essen wie Schweine. Ich kann es einfach nicht weniger drastisch formulieren. Jemand muss denen das mal sagen. Ich hab mich jedenfalls nicht getraut: “Entschuldigen Sie Herr Chinese, wussten Sie, dass sie wie ein Schwein essen? Ich kann es nicht mehr ertragen und setze mich daher ans andere Ende des Restaurants.”.

Nach dieser doch sehr touristischen Etappe, verlasse ich langsam aber sicher den Touripfad (ein Highlight steht noch auf dem Programm) und fahre zunächst tiefer und höher in die Berge. Weiterfahren und Tee trinken ist also angesagt. Letzterer kommt mir mittlerweile aus den Ohren. Die Menge konsumierter Teegläser pro Tag kann ich gar nicht mehr zählen.

Wie reist man richtig? Frage ich mich, während ich im Hotelzimmer eines belanglosen Hotels in Kirsehir, einer wenig interessanten Stadt in der Zentraltürkei, sitze und überlege was am Ende eines grandiosen Tages nicht ganz richtig gelaufen ist. Ein Aspekt dieser Frage ist es, die Weiterfahrt zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu beenden und sein Nachtlager auszuwählen.

Heute Nachmittag erkläre ich noch mit gestandener Reiseschläue einem italienischen Pärchen auf einer Transalp, dass ich meine Tage früh beende, um ausreichend Zeit zu haben, eine geeignete Unterkunft zu finden und den Tag mit Ruhe ausklingen zu lassen. Die Dunkelheit ist dein Feind, denn sie nimmt dir die Möglichkeit Optionen in Ruhe abzuwägen und ggfs. auszuschlagen. Sie verändert auch die Stimmung eines Ortes. Was am Tag noch freundlich und einladend wirkt, ist nachts zwiespältig und abweisend und drückt die Stimmung. Je weiter man die Entscheidung über das Nachtlager aufschiebt, desto unentspannter fährt man daher gegen die untergehende Sonne an. Heute war ein solcher Tag. Nach zahlreichen erfolglosen Versuchen einen geeigneten Platz zum zelten zu finden, einem bereits bezahlten, aber dann so katastrophal deprimierenden kleinen Motelzimmer (niemals ohne vorher Ansehen bezahlen), dass ich mein Geld zurückverlangt hab (was einen wild mit den Armen fuchtelnden und laut artikulierenden Türken zur Folge hatte), bin ich im Dunkeln in Kirsehir angelangt und im erstbesten Hotel abgestiegen. Zu teuer, zu unpersönlich, naja es klappt eben nicht immer.

Trockene Weiten

Trockene Weiten

Der Tag hingegen hätte beeindruckender kaum verlaufen können. Aus dem nördlichen einer noch recht grünen, teils schluchten- und felsenenartigen Landschaft bin ich auf eine Hochebene gekommen. Der Horizont scheint sich ins endlose zu weiten und gibt den Blick auf trockene und spärlich bewachsene Hügelformationen frei. Ich kann mich gar nicht satt sehen und spüre aus irgendeinem Grund das Bedürfnis das Gesehene tief einzuatmen und mit entspanntem Ahhhh wieder rauszulassen. Es erinnert mich sehr stark an Marokko, das mit seinen Wüstenweiten auf ähnliche Weise zu beeindrucken wusste. Die etwas kleinere, abseits gelegene Straße erweißt sich als hervorragenede Wahl und schwingt sich kurvig und vollkommen verkehrsfrei durch die Berge, um immer wieder grandiose Ausblicke freizugeben. Die Tenere ist ebenfalls einverstanden mit unserer Route und schnurrt zufrieden vor sich hin. Wir sind mittlerweile ein gutes Paar und haben schon feste Freundschaft geschlossen.

Melonenverkäufer

Melonenverkäufer

Zurück auf der größeren Straße halte ich hin und wieder an Ständen, die überall zu finden sind und bin jedesmal aufs Neue überrascht, wie ausnahmslos freundlich mir die Menschen gesinnt sind. Bei einem Gemüseverkäufer sammle ich Äpfel, Tomaten, Birnen und eine Zwiebel ein und drücke ihm einen Zehnlira-Schein in die Hand (etwa 4 Euro). Ich gehe davon aus, dass es nicht teurer sein sollte. Er gibt mir daraufhin den Schein zurück, und zeigt auf ein Einlira-Stück in meinem Portemonnaie. Ich gebe es ihm ungläubig und er lächelt einladend und klopft mir auf die Schulter. Ich bedanke mich so gut ich kann, woraufhin er mir noch eine ganze Melone oben drauf packen will. “Kein Platz” signalisiere ich ihm, drücke ihm aber dankbar die Hand. Ein Melonenverkäufer mit seinem Sohn winkt mich vom gegenüberliegenden Straßenrand herüber. Ich folge seiner Geste und erhalte geschnittene Melonenstücke zum probieren. Ich bin kein großer Melonenfan, nehme das Angebot aber an und bin überrascht wie gut und süß sie schmecken. Als er mir weitere Stücke abschneidet versuche ich ihm zu vermitteln, dass ich wirklich satt bin. Er lässt es sich jedoch nicht nehmen, sie mir daraufhin in eine Tüte einzupacken und weigert sich vehement Geld anzunehmen. Selbst auf der Tankstelle wurde ich bereits zweimal (ich muss ja nicht oft Tanken mit der Tenere :) ) zum Tee eingeladen. Die Herzlichkeit der Menschen ist umwerfend und ich habe mir längst abgewöhnt, jedesmal mein Gepäck zu verriegeln und zu verrammeln, wenn ich mich vom Motorrad entferne.

Fabrikgelände Karabük

Fabrikgelände Karabük

Im Gegensatz zu den Eindrücken des vergangenen Tages gestaltete sich die Ausfahrt aus Istanbul in den recht industriellen Norden eher trist. Kühler Wind gesellt sich zu leichtem Niesel und die herzlos wirkenden Orte sind umgeben von Bergwerken und Lagerhallen. Kein erbaulicher Start in die Tour und keine Hilfe bei der Gewöhnung ans allein fahren und ich flüchte mich entgegen der geplanten Route nördlich zum schwarzen Meer, um meinem Bedürfnis nach dem Blick in die Wogen nachzugeben. Eine gute Entscheidung wie sich herausstellt. Ich werde mit herausbrechender Abendsonne und einem Zeltplatz direkt am Wasser belohnt und bin beeindruckt wie schnell ich wieder guter Dinge sein kann und verspeise zufrieden mein Universalabendbrot (Brot, Käse, Gurke, Tomate) mit Blick auf die untergehende Sonne.

gefährliche Wasserpistole

gefährliche Wasserpistole

Istanbul hatte mein Motorrad unter einer dicken Staub- und Dreckschicht begraben und um wenigstens zum Anfang der Tour auf einem sauberen Motorrad zu sitzen, steuere ich eine der vielen Selbstbedienungsdruckwasseranlagen (man muss die deutsche Sprache für solche Wortschöpfungsmöglichkeiten.. lieben) an. Diese bestand aus zwei Geldeinwurfschlitzen, einer davon mit einem Hinweiszettel auf Türkisch und zwei Wasserpistolen. Beim Nachbarn sehe ich auch, das die Rechte recht großzügig Schaum sprüht und mache es ihm gleich. Die Linke mit dem Hinweiszettel! sprüht wie erwartet Wasser, allerdings ohne darauf zu warten, dass man einen Griff an der Pistole betätigt. Nach meinem naiven Münzeinwurf schießt die nur locker eingehängte Pistole plötzlich wie von Bienen gestochen in die Luft und schlägt völlig außer Kontrolle geraten um sich. Beim Versuch sie wieder einzufangen haut sie mir mit ganzer Kraft gegen meinen Stiefel und mir wird klar wie gefährlich mein losgelassener Wasserdrache eigentlich ist. Bevor dieser sich zu nah an ein in der Nähe geparktes Auto heranpeitschen kann, fange ich ihn dann aber doch mit einem beherzten, aber teuer bezahlten Griff ein. Mein kleiner Finger gerät bei der Aktion für den Bruchteil einer Sekunde in den Wasserstrahl und wird sofort um mehrere Hautschichten erleichtert. Vermutlich etwas dämlich grinsend aber definitiv keinen Schmerz zeigend, schaue ich zu einer lächelnden Gruppe Türken herüber und spritze den Schaum ab. Selbst dabei muss man eine ganze Menge Kraft aufwenden, um sich gegen den Wasserdruck im Schlauch um das Motorrad zu bewegen. Irre gefährlich finde ich diese Putzer und male mir bei der Weiterfahrt aus, wie ich ausgesehen hätte, wenn mir das Ding .. ach ich will gar nicht nochmal drüber nachdenken.

Safranbolu

Safranbolu

Später mache ich Halt in Safranbolu, einer Unesco Kulturerbestadt, die für ihr vollständig erhaltenes und mittlerweile recht umfangreich saniertes, historisches, osmanisches Stadtzentrum bekannt ist und ein beliebtes Ausflugsziel der Türken darstellt. Mein Navigationsgerät kennt zwar alle Straßen der Stadt, weiß aber offenbar nicht, dass die meisten so schmal sind, das sie im Grunde für Fahrzeuge nicht befahrbar sind und aufgrund des Popularitätsgrades des Städtchens häufig zu reinen Ladengässchen umgewandelt wurden. Beim Versuch die von mir im Vorfeld ausgewählte Pension direkt anzufahren, gerate ich in eine solche und bin gezwungen umzudrehen. Zurückschieben geht nicht, da die sehr grobsteinige Gasse leicht ansteigt. Bleibt also nur wenden, was auf einer Schräge mit all dem Gepäck schon schwer genug ist. Während ich also mit lautem, zwischen den Wänden hin- und hergeworfenem, Papp-Papp-Papp des Einzylinders Zentimeter für Zentimeter zurückstiefele und wieder vorkrieche, muss ich unter den interessierten Blicken des sich auf beiden Seiten aufstauenden Publikums feststellen, dass der Platz einfach nicht zum Wenden reicht. Ich hatte mir schon eine Türnische als Wendestelle ausgesucht, da diese leicht nach innen versetzt lag, muss aber mit wachsender Verzweiflung einsehen, dass ich mich völlig festgefahren hab. Der Vorderreifen klemmt an der Tür und der Hinterreifen berührt die Hauswand auf der gegenüberliegenden Seite, während mein linkes Bein das Motorrad davor bewahrt in die Steigung der Straße zu kippen und mir vor Anstrengung, Hitze und Ratlosigkeit der Schweiß bereits aus allen Poren schießt. Da die Schräge etwas zu groß ist, steht mir nicht einmal der Seitenständer für eine Auszeit zur Verfügung. So stehe ich also in all meiner Kluft und Ausrüstung am Tag 2 meiner Fahrt, festgefahren und hilflos in einer türkischen Gasse, als wie von Engeln gesandt ein alter Mann die Tür an meinem Vorderreifen öffnet (nach Innen :) ), meine miserable Situation erkennt, lächelt und mir, einen Schritt zurücktretend, Platz macht. Manchmal fehlen nur Zentimeter zum Glück, bzw. ein gutherziger Mann, der kein Problem damit hat einen fremden Motorradfahrer in sein Haus fahren zu lassen. Wenigstens war das Motorrad sauber!
Meine Pension habe ich danach im Übrigen laufend ausgekundschaftet.

Als nächstes geht es weiter nach Kappadokien, einem der touristisch bekanntesten Regionen der Türkei mit viel Sehenswertem und einer Vielzahl guter Pensionen, Cafes und Restaurants. Ich werde berichten, ob sich der Rummel lohnt.

Aufbruchstimmung

Aufbruchstimmung

Nach längerer Zeit des Rückblicks auf afrikanische Erlebnisse, darf ich mit Aufregung wieder nach vorne schauen. Eine neue Tour steht an, diesmal Richtung Südosten quer durch die Türkei und den Iran zum persischen Golf.  Der jahreszeitliche und persönliche Zeitpunkt ist günstig, da gilt es entschlossen zuzupacken, bevor die Vernunft die Oberhand gewinnt, denn eine längerfristige Fernreise kommt aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf. Ein Tscheche an der Grenze zu Tschechien, der mich interessiert mit Blick auf die Fernreiseoptik meiner Enduro, nach dem Ziel meiner Reise fragt, lächelt und antwortet auf Deutsch “Wenn man ist ein bisschen verrückt, dann das Leben ist besser” und fügt hinzu “Ich bin über 70, mache Kanumarathons und schlafe in meinem Wagen” und weist daraufhin auf seinen Passat mit einem Kanu auf dem Dach. Wir verabschieden uns händedrückend und wissen genau, warum der andere tut was er tut. Ein gutes Gefühl.

Angekommen in Istanbul

Yamaha XT 660 Z Ténéré

Die neue Reisebegleitung heißt Ténéré und wirbt damit, der ideale Untersatz für Reisen fernab heimischer Gefilde zu sein. Ein Zylinder, robuste und bewährte Technik ohne viel Firlefanz, aber mit dem Aussehen einer, die verspricht dich auch in die entlegensten Regionen tragen zu können. Im Reigen der Reiseenduros ist sie in vieler Hinsicht ein Gegenspieler zur KTM. Mit dem Neuen versucht man eben häufig ganz gezielt die spezifischen Schwächen des Alten zu tilgen, nicht selten in dem man den dessen positiven Eigenschaften zu wenig Bedeutung beimisst. Bislang jedoch verhält sie sich äußerst diszipliniert und ich hoffe Ihr in den kommen Beiträgen erheblich viel weniger Aufmerksamkeit widmen zu müssen, als der KTM in meinem vergangenen Bericht. Wir werden es sehen <auf Holz klopf>.

Dass das Fahrzeug der Wahl wieder ein Motorrad sein muss, steht für mich natürlich außer Frage und während der Reisevorbereitung wurde mir aufs neue bewusst, dass es nicht nur darum geht welche Vorteile und Freiheiten einem das Motorrad zu schenken vermag, sondern insbesondere auch darum, was es einem nicht gibt. Man bekommt keinen Rückzugsort, keine Bequemlichkeit und vor allem, wenig Stauraum. Man will das natürlich alles haben, aber letzlich bereichert es die Reise, sich von diesen Dingen zu lösen, bzw. lösen zu müssen. Das Fehlen fördert die Auseinandersetzung mit dem, was vor Ort zu finden ist. Und so tausche ich nach gezwungener und mehrfacher Gepäckreduzierung am Ende doch noch die schöne aber platzfressende Bermuda-Badeshorts gegen die kleine Speedo und lasse zähneknirschend meine geliebte aber hoffnungslos große und schwere Haarschneidemaschine, die in meinem Fall regelmäßig für Kopf und Bart verantwortlich ist, zu hause. Was ich wirklich brauche, kommt mit, was ich gerne hätte, bleibt zu hause und die Eitelkeit gleich mit. Gut so.

Transfăgăraşan

Transfăgăraşan

Die ersten 3500 Kilometer der Tour sind im übrigen bereits auf der Fahrt von Berlin nach Istanbul hinter mir/uns (zum Teil mit der Freundin als Sozius) gelassen und so konnte ich mich langsam auf das Eintauchen in den nahen Osten, und das Reisen allgemein, einstimmen, ohne plötzlich aus der Luft in eine andere Welt zu fallen. Mit Besuchen bei Freunden auf dem Weg Richtung Budapest (Vielen Dank an dieser Stelle an meine liebenswerten Gastgeber!), einer Kreuzfahrt durch die rumänischen Karpaten und einer Verschnaufpause im wunderschönen, obgleich extrem touristischen Alt Nessebar am Schwarzen Meer in Bulgarien, hatte ich ausreichend Gelegenheit mich in meinen Reiserhythmus einzutakten. Insbesondere Rumänien hat einen tiefen, letztlich positiven, aber gespaltenen Eindruck hinterlassen. Eine außergewöhnlich reizvolle Landschaft in Transsilvanien, mit bildhaft hübschen Städten wie Brasov/Kronstadt (das von sich selbst behauptet es sei die beste Stadt der Welt) steht einer Vielzahl von erschütternd hässlichen, teils riesigen und verlassenen Industriekomplexen gegenüber, die nahezu vor allen Städten zu finden sind. Die Mittel für den Abriß oder Umbau standen offenbar nie zur Verfügung. Meine Freunde von Go2Know hätten hier ihre wahre Freude. Überhaupt scheint man in Rumänien häufig zu rigoros beim Bau von Brücken, Kanälen, Staudämmen und Industrieanlagen in die Natur eingegriffen zu haben. Alles wirkt ein wenig zu groß, zu plump, zu hässlich und zu verkommen. Ein Land voller baulicher Narben.

Hmm..

Hmm..

Istanbul, mein jetziger Aufenthaltsort ist Ausgangspunkt für die kommenden Beiträge und geeignet für einen einwöchigen Zwischenstopp auf dem Weg nach Dubai. Zu Gast bei meiner Freundin Gina genieße ich den Blick über den Bosperus und auf die asiatische Seite der Stadt und bereite mich auf die Weiterfahrt vor. Istanbul selbst liefert den idealen Übergang in die asiatische und islamische Welt. Während man in feuchtfröhlichen Bargassen ausgelassen feiert, tönt das Gebet des Muezzins über die Stadt. Das Wort Gottes vermischt sich hier mit westlichem Lebensstil in einer dichten, hektischen und außergewöhnlich vielseitigen Stadt. Der Islam und dessen Auslegung im Alltäglichen wird mit fortschreitender Ostbewegung an Präsenz gewinnen, um dann im Iran in Form der Scharia als Gesetzesgrundlage auf besonders ausgeprägte Weise in den Vordergrund zu treten. In den kommenden Wochen und besonders im Iran möchte ich vor allem auch eine Auseinandersetzung mit dem auch mir innewohnenden, westlichen Bild der islamischen Welt und der tatsächlich vorgefunden Wirklichkeit anstreben.

Katzen in Istanbul

Katzen in Istanbul

Zunächst aber prangt überall in Form von Statuen und Bildern der große Attatürk, der Gründer der, im Gegensatz zum Iran, säkular geprägten Türkei und wäre da nicht die Vielzahl monumentaler Moscheen in der Stadt, könnte man sich fast in einer westlichen Metropole wähnen. Dicht, hektisch und hoffnungslos verstaut ist es hier, doch der Bosperus fließt, gespickt mit langsam dahin ziehenden Fracht- und Passagierschiffen, wie eine lebensbringende Ader durch die Stadt und scheint das Chaos der Strassen zu schlucken. Auch die von den Türken geliebten Katzen, die hier zu hunderten gelassen und friedlich in den Strassen leben, vermitteln der Stadt ein wenig Ruhe. Überall sitzen sie, bevorzugt auch auf meinem Motorrad, was völlig mit Katzentatzentapsen überseht ist. Gebetsrufe, Möwenschreie, der Ruf der Schiffshörner, der sich tief und kraftvoll zwischen den Hügeln des Bosperusufers aufschaukelt, endloser Bau-und Straßenlärm, Marktgeschrei und Musik aus der Vielzahl von Bars und Cafés ergeben ein nicht gerade stressfreies, aber einzigartiges akustisches Gedicht.

Ich genieße diese außergewöhnliche Stadt, bin in Erwartung auf die ca. 6000 vor mir liegenden Kilometer aber mächtig ungeduldig. Die grobe Route ist geplant, ein Satz extra Reifen (die ich vermutlich nicht brauche, aber sicher ist sicher) organisiert und auch sonst sind alle Vorbereitungen getroffen. Heute breche ich also nach Osten auf und werde an dieser Stelle meine Gedanken und Erlebnisse zum Besten geben, sobald sich hinreichend Mitteilungswürdiges angesammelt hat. Meine aktuelle Position (links in der Sidebar) werde ich (falls möglich) unabhängig vom Geschriebenen aktuell halten.

Wilkommen zurück und viel Spass beim Lesen in den kommenden Wochen.
Euer migo.

5000 km Tacho

5000 km Tachostand

Das geeignetste Motorrad für Fernreisen zu finden, war mein Anspruch vor dem Kauf meiner 2011er  Ténéré. Nach 5000 recht schnell vergangenen Kilometern, dient dieser Beitrag in erster Linie dem Motorradinteressierten, der sich mit ähnlichen Kaufabsichten trägt. Mein vorheriges Gefährt war eine KTM 950 Adventure und so wird sich die Neue wohl oder übel mit der doch recht verschiedenen KTM messen und vergleichen lassen müssen. Der Einwand des Apfel/Birnen Vergleichs ist zwar gerechtfertigt, lässt man den Unterschied im Preis auf der Suche nach dem idealen Motorrad aber außen vor, wird man in der Auswahl letztlich beide Modelle (bzw. heute die 990er Adventure) mit einbeziehen. Dennoch ist dieser Artikel kein Vergleich aller für das Unterfangen einer Fernreise geeigneten Motorräder!

Und los geht’s.

Kann ich mit einem etwa 200 Kg schweren und 48 PS starken Motorrad glücklich werden, war meine größte Sorge vor dem Kauf und ich nehme mal an, dass dürften sich die meisten Kaufinteressierten fragen, insbesondere wenn man mehr Leistung kennt und gewohnt ist. Ist ein derart schlechtes Gewicht-Leistungsverhältnis überhaupt noch zeitgemäß, wenn Hersteller sich gegenseitig mit immer mehr Leistung und dabei immer geringerem Gewicht überbieten? Das ein Mehr nur allzuoft Verkaufsargumente der Hersteller sind und mit dem eigentlichen Nutzen, dem eigentlichen Mehrwert oder Spass eine Produktes wenig zu tun haben, ist sicher kein Geheimnis. Im Falles des Motorrades hängt es maßgeblich von dessen Einsatzzweck ab und so werde ich immer wieder auf die aus meiner Sicht wichtigen Kriterien einer Fernreiseenduro zurückkommen. Viel Leistung gehört nicht unbedingt dazu und keiner wird sich die Ténéré zulegen, um über den Nürburgring zu fahren, aber entspannt auf der Landstraße überholen zu können, ist auch für eine Fernreiseenduro eine gewünschte Eigenschaft. Nun, sie verbringt keine Wunder und wird einem auch niemals dieses atemanhaltende Speed-Beschleunigungsgrinsen ins Gesicht zaubern, darüber sollte man sich bewusst sein. Auf der Prioritätenliste eines idealen Fernreisemotorrades ist dieser Aspekt aber verhältnismäßig weit unten angesiedelt und obwohl ich zugeben muss, dass es mir manchmal an Schmackes fehlt, muss ich doch resümieren ich vermisse es erfreulich selten. Nein, sie ist nicht besonders schnell und 48 PS sind eben nur 48 PS, aber Ja sie macht Spass, weil Motorradfahren eben viel mehr ist, als nur schnell zu fahren.
Den Sound der Ténéré finde ich hingegen sympathisch. Ein nicht aufdringliches Klappenrasseln vermengt sich mit einem satten aber doch recht zurückhaltenden Papp-Papp-Papp Einzylinder-Auspuffsound (Standardanlage), der sich auch bei starker Beschleunigung nie in ohrenbetäubenden Lärm verwandelt. Die KTM klingt satter, kräftiger und lauter und genau das hat mich in letzter Konsequenz eher gestört. Wenn ich als Fernreisender durch kleine Orte mit winzigen Gassen tuckere, will ich nicht die gesamte Atmosphäre mit dröhnendem Krawall vernichten und einen tendenziell negativen ersten Eindruck hinterlassen. Für mich ein Pluspunkt für die Ténéré. Der Sound ist im übrigen auch ein Hauptgrund gegen die Triumph Tiger 800 gewesen, die sich mit ihrem hochfrequenten Wimmern quasi auf der Stelle disqualifiziert hat.

Vollebeladen unterwegs

Vollebeladen inklusive Sozius unterwegs

Ab 2500 Umdrehungen nimmt die Ténéré recht sauber Gas an, in höheren Gängen erst ab 3000. Der Drehmomentverlauf ist unspektakulär, verändert sich im Drehzahlband subjektiv recht wenig und hat bei etwa 5000 Umdrehungen einen kleinen Einbruch. In der Praxis dreht man die Ténéré sehr selten bis an den roten Bereich von 7500 oder überhaupt jenseits der 5000 Umdrehungen. Es lohnt sich schlicht nicht und ab 4500/5000 klingt sie eher gequält. Der tatsächlich nutzbare Drehzahlbereich zwischen untertourigem Gehacke und übertourigen Gequäle ist daher recht klein und zwingt einem sehr häufig zum Schalten, was insbesondere in kurvigen Bergetappen immer wieder zu Gangwechseln mitten in der Kurve führt. Doch keine Sorge auch mit maximaler Zuladung (Gepäck + Sozius) kann man die Ténéré noch recht zügig durch anspruchsvolle Passstraßen treiben und muss sich bei weitem nicht hinten anstellen. Über Hochgeschwindigkeitsfahrten muss ich eigentlich keine Worte verlieren. Sie fährt 160, ja, aber sie will es eigentlich nicht und je mehr man sich im Laufe der Zeit mir ihr anfreundet, desto weniger will man ihr das wirklich antun, zu angespannt und zweckentfremdet klingt der Motor. Dennoch ist der Geradeauslauf mit Koffern auch bei höheren Geschwindigkeiten einwandfrei. Doch wie hoch steht eine hohe Geschwindigkeit auf der Prioritätenliste eines Fernreisemotorrades?  Richtig, ganz weit unten.
Das die KTM dem Motor der Ténéré weit überlegen ist, muss ich nicht weiter ausführen.

Beim Fahrverhalten sehe ich jedoch einen andere aus meiner Sicht die größte Schwäche der Ténéré überhaupt, die merkwürdigerweise nie in anderen Testberichten erwähnt wird. Lastwechselreaktionen. Es ist fast unmöglich gleichbleibend ruckelfrei zu fahren. Am stärksten nimmt man das Verhalten beim Hinunterfahren am Berg war. Wenn die Motorbremse das Motorrad am schneller fahren hindert und man dann versucht Gas zu geben, ist auch bei penibelster Gashand ein stärkeres Ruckeln nicht zu verhindern. Das Problem tritt jedoch auch bei normalem Geradeauslauf auf, wenn der Antrieb bei gleichbleibender Gasdrehgriffstellung zwischen Schub- und Zugbetrieb wechselt und man ständig hin- und herruckelt. Das Verhalten ist äußerst nervig und auch bei sehr vorsichtiger Fahrweise nicht komplett abstellbar. Das Phänomen dürften die meisten Motorradfahrer kennen, fällt hier jedoch unangenehmer auf. Falls jemand einen Hinweis hat, wie sich das Verhalten mindern lässt, wäre ich sehr dankbar für einen Kommentar.

abgenutzte Ruckdämpfer im Hinterrad

abgenutzte Ruckdämpfer

[Update]
Einem Hinweis aus dem deutschen XT Forum folgend, habe ich die Ruckdämpfer mit Stücken Fahrradschlauch verstärkt. Das Verhalten ist nicht vergsesssen, aber deutlich besser geworden. Die Abnutzung nach den ersten 5000 relativ zahm gefahrenen Kilometern ist enorm. Da fragt man sich sich doch, warum da kein anderes Material  verwendet wird.

 

Die Schaltung ist knackig und präzise. Ich kann mich nicht erinnern auch nur einmal einen Gang verfehlt zu haben, nicht reinbekommen zu haben oder zwischen Gängen gelandet zu sein. Auch der Leerlauf ist immer problemfrei gefunden. Sehr gut. Für einen Einzylinder gestalten sich auch die Vibrationen erfreulich zurückhaltend. Mir ist kein Körperteil je eingeschlafen!

Ein positives Kapitel ist auch der Verbrauch. Sie ist recht genügsam und bei freundlicher Cruisingfahrweise genehmigt sie sich etwa 4 Liter auf 100 Kilometer. Auffällig ist lediglich, dass sich der Verbrauch sehr schnell verschlechtert, wenn längere Etappen jenseits 120 km/h zurückgelegt werden. Höhere Geschwindigkeiten wirken sich erheblich stärker verschlechternd aus als bei der KTM. Diese schneidet jedoch mit etwa 7,5 Litern bei sehr zurückhaltender Fahrweise deutlich schlechter ab. Da auch noch der Tank der Ténéré mit 23 Litern recht üppig ausfällt, sind Reichweiten von 500km möglich. Verbrauch und die daraus resultierenden Kosten bzw. Reichweite sind für mich wichtige Kriterien für eine Fernreiseenduro, daher klarer und wichtiger Punktsieg für die Ténéré.

Während man sich zwar über eine große Reichweite freuen kann, ist die Anzeige des Restbenzins sehr unzuverlässig. Zunächst nimmt sie gar nicht ab, dann immer schneller, dann schnellt sie wieder nach oben und dass alles auch noch nach nicht immer gleichem Prinzip. Die Reserveleuchte springt an wenn noch 7 Liter im Tank sind, oft früher. Ich habe es noch nie länger als bis 20 Liter verbrauchten Sprit ausgehalten auf die blinkende Reserveleuchte zu schauen, bevor ich nachgetankt habe. Kein dramatischer Kritikpunkt, aber man wird früher unruhig als nötig, auch nach 5000 Kilometern noch.
Ähnlich ungenau ist auch der Tacho, der etwa 10% von der Realität abweicht, was mir GPS und damit übereinstimmende Geschwindigkeitswarnungen auf beruhigten Straßen bestätigen.

Die Bremswirkung ist widerum einwandfrei, gut dosierbar mit deutlichem Druckpunkt sowohl vorne als auch hinten. Klar besser als bei der KTM.
Das 21 Zoll  Vorderrad entspricht dem gängigen Standard, warum aber ein winziges 17 Zoll Hinterrad montiert ist, ist mir schleierhaft. Während das Vorderrad gelassen auch gröbere Unebenheiten frisst, rumpst man mit der Hinterhand häufig recht unangenehm durch die Löcher, was letztlich die potentielle Gesamtverträglichkeit schlechter Bodenverhältnisse mindert. Schade.

Man sitzt hoch auf der Ténéré, noch höher als auf der KTM und auch ich komme mit 1,90m nicht mehr mit beiden Füßen vollständig auf den Boden (ohne Beladung). Grund dafür ist nicht nur die Sitzhöhe, sondern auch der etwas breitere, weniger sportliche Sitz, der die Beine daran hindert senkrecht nach unten auf den Boden zu reichen. Dieser Nachteil (inklusive dem daraus resultieren Handlichkeitsverlust) wird meiner Meinung nach nicht durch ein Mehr an Bequemlichkeit wett gemacht. Der Sitz ist größer und weicher, aber dennoch rutsche ich nach längerer Fahrt auf einem unglücklichen Hintern, und nach besseren Sitzpositionen suchend, hin und her. Kein Plus! Ansonsten ist das Dreieck aus Sitzfläche, Lenker und Fußrasten einwandfrei und man sitzt erhaben und entspannt in luftigen Höhen. Die Geometrie stimmt und man fühlt sich schnell zu hause. Der Windschutz ist (wie auch bei der KTM) für größere Fahrer einfach zu niedrig. Bei Fahrten über 100 km/h spürt man deutlich den Fahrtwind gegen den Helm schlagen. Hier gibt es im Zubehör entweder eine höhere Scheibe oder einen Aufsatz von Touratech. Ich habe mich für letzteren entschieden und bin äußerst zufrieden mit dessen Wirksamkeit. Ein absolutes Must Have.

Selbstverstärkte Fussrasten

Selbstverstärkte Fussrasten

Wer im Stehen fahren will, sieht sich mit einigen Unzulänglichkeiten konfrontiert. Zunächst einmal präsentieren sich die Fussrasten nach dem Entfernen der Gummikappen hilflos mickrig. Man hat weder guten Halt, noch kann man entspannt längere Zeit darauf stehen. Der Lenker ist auch nach 2.5 cm Lenkererhöhung nicht richtig hoch genug und die Fußbremse auch nach maximaler Verstellung einen Tick zu hoch. Der Lack des Tanks befindet sich in etwa da, wo die Knie Halt suchen und ist einfach zu rutschig. An vielen Kritikpunkten kann man drehen (andere Rasten, Lenker noch höher, Flächen überkleben usw.) aber out of the Box ist sie erstmals enttäuschend.

Zum Fahrwerk und der Handlichkeit. Zunächst einmal ist sie kein Leichtgewicht aber allen Unkenrufen zum Trotz empfand ich nach kurzer Eingewöhnungszeit die Handlichkeit der Ténéré auch in sehr groben Gelände noch völlig akzeptabel. Ich bin kein Verfechter der “Alles muss so leicht wie möglich sein”-Fraktion. Mehr Gewicht heißt in schwerem Gelände zwangsläufig mehr Krafteinsatz und schnellere Ermüdung, aber nicht dass man irgend etwas nicht bewältigen könnte. Außerdem reden hier wir über eine Fernreiseenduro und schweres Gelände steht sehr selten auf dem Programm, daher für mich – geringe Priorität. Leider wendet sich das Blatt bei schwerer Zuladung, der Standardfall beim Einsatz dieses Motorrades in fernen Ländern. Im Gegensatz zur KTM verändert sich die Handlichkeit der Ténéré recht drastisch und man verliert deutlich spürbar an Vertrauen. Insbesondere die Gabel ist viel zu lasch. Leider habe ich mich zu sehr von der Handlichkeit ohne Zuladung überzeugen lassen und mich gegen progressive Federn und Federbein entschieden. Dann auf der großen Fahrt, war es für kurzfristige Änderungen zu spät. Aber es geht natürlich auch und man gewöhnt sich daran. Im direkten Vergleich mit der KTM unterliegt die Ténéré jedoch um Dimensionen. Die KTM lässt sich von keiner Zuladung beeindrucken und verhält sich stoisch gleichbleibend auf sehr hohem Niveau. Ebenfalls unbeeindruckt ist die KTM im Geradeauslauf  von jeglichen Straßenunebenheiten oder Längsrillen, während die Ténéré viel williger auf Bodenveränderungen reagiert. Bei Staugedrängel zwischen Autoreihen auf schlechten Straßen ist das besonders spürbar. Die Ténéré fühlt sich sehr leicht und etwas zu wackelig im Vorderrad an und weicht schon beim Überqueren von Längsfahrbahnmarkierungen von der idealen Geradeauslinie ab, was dazu führt das man recht nervös ständig mit Lenkeinschlägen korrigieren muss. Im Gegenzug ist der Lenkeinschlag sehr weit und es lässt sich auch auf engen Straßen noch ohne Vor- und Zurückgeschiebe wenden. Die KTM ist ein Panzer im Vergleich.

Was fällt sonst noch auf. Den Auspuff umgibt eine Verkleidung, die mehr als nur optischer Schnickschnack ist, da sie nur handwarm wird. In der Mulde etwa zwischen den Kofferträgern und der Auspuffverkleidung passt äußerst praktisch genau eine Plastewasserflasche hinein, für die sonst immer kein richtiger Platz vorhanden ist und dadurch auch leicht zugänglich bleibt. Trotz direktem Kontakt mit dem Plaste, schmilzt die Flasche nicht. Die geringe Hitzeentwicklung gefällt auch einem Sozius.
Leider gibt es kein Stauraum (die KTM hat zwei kleine aber praktische Staufäche) und das mitgelieferte Werkzeug ist hoffnungslos unvollständig, vermutlich weil im vorgesehenen Werkzeugfach einfach kein Platz vorhanden ist. Nun ja, als Fernreisender ist man eh angehalten das mitgeführte Werkzeugsortiment aufzustocken.

Ein paar Worte zum Zubehör.
Den Plastikmotorschutz habe ich gegen einen Aluschutz von OTR ausgetauscht. Dieser macht einen sehr stabilen Eindruck und hat schon diverse Male ein beruhigtes Lächeln beim metallenen Geräusch einschlagender Steine erzeugt. Leider ist er auch sehr anfällig für Vibrationen und Nebengeräusche aller Art. Insbesondere eine Art Resonanzsingen konnte ich nur Abstellen, nachdem ich einen plastenen “provisorischen” Schwingungsdämpfer zwischen Motorschutz und Motorblock geklemmt habe. (Ganz zu Schweigen von der Zeit die man verwendet um die Geräuschquelle erstmals ausfindig zu machen) Schade auch, dass der Schutz nicht die aussenliegende Wasserpumpe mit abdeckt. Hier gibt es sicher bessere Alternativen auf dem Markt. Aussehen tut er aber mächtig abenteuerendurmäßig :) .

Als Tankrucksack verwende ich den Enduristan Sandstorm. Dieser passt super, sitzt fest, ist wasserdicht und stufenlos verstellbar. Kurz, eine sehr gute Kaufentscheidung und vermutlich der beste Tankrucksack den ich je besessen habe.
Gepäckhalterung und Koffer kommen ebenfalls von OTR. Auf die Diskussion Koffer oder nicht, will ich mich nicht einlassen, für mich überwiegen die Vorteile. Die Halterung macht einen äußerst stabilen Eindruck, insbesondere im Vergleich zur Hepco & Becker LockIt Variante (Ich wollte zunächst meine alten Gobi Koffer verbauen), der ich einfach keine Stabilität zugetraut hatte und die OTR freundlicherweise wieder zurückgenommen hat. Der OTR-Träger sitzt bombenfest. Die Koffer haben noch keinen Sturz überleben müssen, sitzen aber zunächst ebenfalls ohne jegliches Spiel verankert und trotzdem spielend leicht abnehmbar am Träger. Die Montage erfordert etwas Bastelei, da die Befestigung selbst an die Koffer gebohrt werden muss, aber der Aufwand lohnt sich. Lediglich die verwendeten Schrauben sind völlig inakzeptabel und tendieren schon beim Anschrauben zum Abreissen. Eine ist mir auch bereits während der Reise abgebrochen :( . Der einzige bisherige Defekt!

Als Handprotektoren habe ich mich für die hoffnungslos überteuerten Yamahaprotektoren entschieden, nachdem ich verzweifelt versucht hatte Acerbisprotektoren aus dem Zubehör anzubringen. Ohne größere Eingeständnisse an die Hebelstellung hätte ich diese nicht anbekommen. Die Yamahaprotektoren sehen gut aus, passen perfekt und bringen vor allem alternative Gewichte an den Enden mit, die die Originalgewichte ersetzen und Vibrationen verhindern. Zu teuer, aber gut!

Ich liebe die große Gepäckbrücke von Touratech! Sie sieht etwas ungewohnt groß aus, wenn man sie frisch verbaut hat, aber ist sehr hochwertig und irre praktisch. Meiner Meinung ein Muss.

Des weiteren habe ich noch den Hauptständer von SW-Motech verbaut. Für mich führt kein Weg am Hauptständer vorbei. Ja, wieder ein nicht unerhebliches Mehr an Gewicht, aber für Kettenpflege, Rad/Reifenwechsel und manchmal einfach den besseren Stand äußerst praktisch. Montage und Betrieb waren einwandfrei und das Aufbocken geht spielend leicht. Für mich auch immer wichtig, er klappert nicht und macht sich auch sonst nicht negative bemerkbar. Gut!

Fazit:

Sie ist nicht fehlerfrei und sicher auch nicht jedermanns Sache. Sie will eine Fernreiseenduro sein und patzt an einigen Stellen, aber nicht an den Wichtigen. Im Vergleich mit der KTM muss sie sich in der überwiegenden Anzahl der Disziplinen geschlagen geben, aber nicht in den Wichtigen. Lässt man den Preis außen vor, wird die KTM die Nase vorn haben, aber ist sie doppelt so gut? Denn das ist beinahe der preisliche Unterschied und letztlich für mich der finale Kaufentscheid zu Gunsten der Ténéré gewesen. Bislang ohne Reue.

Wichtig ist, dass sie 5000 Kilometer ohne Defekt, ohne jeglichen Öl/Wasser- oder Luftverbrauch, ohne unangenehme Überraschungen oder neue Geräusche gefahren ist. All paar Tage widme ich der Ténéré eine Inspektion und finde nichts was es tun gäbe, nichts was man nachfüllen müsste, nichts was festzuschrauben oder einzustellen wäre. Sie tut was sie soll und vermittelt bislang ein ungetrübtes Vertrauensgefühl, ein zuverlässiger Partner in der Ferne. Am Ende ist nichts wichtiger für eine Fernreiseenduro als die Zuverlässigkeit und im Falle eines Problems die Reparierbarkeit. Die KTM konnte mir nie dieses Gefühl geben. Es gab immer ein unterschwelliges und letztlich nicht unbegründetes Unbehagen. Ob die Ténéré weiter hält was sie verspricht, wird sich in den kommenden 5000 km durch die Türkei und Iran zeigen. Nach 10000 km werde ich eine weiteres Resümee ziehen. Ich bin gespannt.

 

Angekommen in Istanbul

Angekommen in Istanbul

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