Wer Lust hat, mehr von meiner Fahrt durch Afrika zu sehen und zu hören, der ist eingeladen, mir bei einem Bilderabend Gesellschaft zu leisten.

Ich freue mich sehr darauf, am Freitag, den 25.09.09 um 21:00 Uhr im L.U.X Berlin die Gelegenheit zu haben, euch eine Auswahl unserer Bilder zu präsentieren, meine Erinnerungen herauszukramen und euch, diesmal auch verbal, einen näheren Eindruck vom Afrika, wie ich es erleben durfte, zu vermittlen.

Vielen Dank ans L.U.X. – Team, das mir die wunderbare Örtlichkeit an diesem Abend zur Verfügung stellt!

Bis bald,
euer migo.

Kongo

In nur 15 Stunden hat mich ein Flieger über eine Strecke getragen, für die ich 5 Monate auf dem Landweg benötigt habe, auf einem Weg so vielseitig und weit, dass ich ihn nicht als Ganzes im Kopf halten kann. 5 Monate in denen ich nahezu täglich Eindrücke aufgenommen habe, die sich über dem Maß des für mich Gewöhnlichen einordnen und die sich Erlebnis für Erlebnis in meinem Gedächtnis verewigt haben. Mit einer Mischung aus Melancholie, Stolz, Befriedigung und Glück denke ich an den ersten Tag zurück, an meine Abfahrt im nasskalten Berlin und die erste Etappe nach Aachen. Dann an den zweiten Tag, den dritten usw. und ich stelle fasziniert fest, dass ich mich bis zu meiner Ankunft in Kapstadt an nahezu jeden Tag dazwischen erinnern kann. Ich stehe am Kap der guten Hoffnung und schaue nach Norden, der Kontinent ragt quasi über mir auf und ist prall gefüllt mit den Erlebnissen der bei weitem außergewöhnlichsten Reise meines Lebens.

Von Marokko bis Südafrika zeigt Afrika viele, teils völlig verschiedene Gesichter und in einigen Beiträgen habe ich darauf hingewiesen wie stark sich Leben und Leute verändern, sobald man Grenzen überquert. Von den Berbern in Marokko, über die Sandwüsten in Mauretanien, der Musik Malis, der Lebensfreude Ghanas, dem Wahnsinn in Nigeria, dem Dschungel in Gabon, den Strassenwüsten in Kongo und der Aufbruchstimmung Angolas bis hin zu den entwickelten, westlichen Ländern Namibia und Südafrika ist Afrika so reich an verschiedenen Eindrücken, dass man sie kaum zusammenfassend beschreiben kann. Während man in Ghana den Eindruck einer gesunden Entwicklung erhält und Fortschritt spüren kann, scheint im Kongo nahezu alles stillzustehen. Während man im sprudelnden Nigeria das Gefühl hat, das Land hektet einem Herzinfarkt entgegen, scheinen in Mauretanien die Uhren langsamer zu laufen. Von Wüste zu Regenwald, Islam zu Christentum, Demokratie zu Diktatur, von urbaner moderner Ballung zu entlegensten, traditionellen Dörfern, von schillerndem Luxus zu erschreckender Armut – Afrika ist ein buntes Kaleidoskop. Gibt es dennoch Gemeinsames?

Afrika Lächeln

Es ist nicht einfach festzuhalten, dass typische afrikanische Lächeln. Mark hat eines in diesem Bild im Land der Dogon in Mali eingefangen.

Die oft erwähnte Freundlichkeit der Menschen ist eine Gemeinsamkeit. Unkenrufen zum Trotz, sind wir nicht durch Länder gekommen in den wir uns nicht willkommen gefühlt hätten, in denen uns die Menschen mit Missgunst oder Abneigung begegnet wären. Das ehrliche und von Herzen kommende afrikanische Lächeln, gesehen auf tausenden Gesichtern im ganzen Kontinent, so offen und frei von Künstlichkeit, gehört für mich zweifelsfrei zu den intensivsten Erfahrungen. Nichts beeinflusst die tägliche Stimmung mehr, als das durchs Lächeln vermittelte Gefühl willkommen zu sein. Würde man Afrika in einem Bild festhalten wollen, so müsste es das Lächeln einer der vielen Menschen sein, die einem täglich auf dem Weg begegnen. Afrika sind vor allem auch Kinder. 44% der Bevölkerung südlich der Sahara sind 15 Jahre oder jünger und es sind immer die Jüngsten, die zuerst angerannt kommen, eine Traube um uns bilden und uns neugierig bestaunen. Häufig sieht man sich in Läden, auf Tankstellen und Strassen oder Märkten um und stellt fest, dass ein Großteil der Arbeiten von Kindern verrichtet werden. Die Mütter sind jung und die Generationenfolge ist hier schneller und trotz erschreckend hoher Kindersterberaten hat Afrika das größte Bevölkerungswachstum weltweit. Würde man Afrika in einem Geräusch festhalten, so müsste es das Schreien spielender Kinder sein.

Wir drei am Ende des vermutlich schwierigsten Tages der Reise, der Schlammschlacht im Kongo. Ein unvergesslicher Moment für uns alle.

Wir drei am Ende des vermutlich schwierigsten Tages der Reise, der Schlammschlacht im Kongo. Ein unvergesslicher Moment für uns alle.

Natürlich gehören zu meinem Afrika auch meine Abenteuermotorradfahrerkollegen Geoff, Mark und im ersten Teil der Reise Peter. Ohne uns zu kennen aber mit einer gemeinsamen Mission im Herzen, haben wir uns auf eine Reise begeben, die uns eng zusammenschweissen sollte. Wir sind so verschieden, wie man es nur sein kann und ohne die gemeinsame Leidenschaft für Reise und Motorrad hätten wir vermutlich nicht zueinander gefunden oder wären zusammen geblieben. Doch in unserer Unterschiedlichkeit ergaben wir ein funktionierendes Team, das in schwierigeren Etappen zusammenhielt, auch wenn es nicht immer reibungsfrei war. Wir haben von den Anderen gelernt und auch profitiert. Der reiseerfahrene Mark hat die nötige Ruhe gewahrt und erfolgreich ein allzuschnelles Durchqueren verhindert und auch wenn sich Geoff und ich nahezu täglich über Marks Trödelei beschwert haben, haben wir Afrika dadurch letztlich intensiver erlebt. Geoff, unser Teamplayer, hat die Gruppe immer wieder zusammengehalten und zusammengebracht, auch wenn er den Zusammenhalt als sehr dominanter und lauter Charakter gleichzeitig hin und wieder auf die Probe gestellt hat. Von beiden habe ich in den zahlreichen von Bier begleiteten Fachsimpeleien viel übers Motorrad gelernt und immer wieder von deren technischen Verstand profitiert. Ich denke ich war in einiger Hinsicht ein wichtiges Bindeglied für unseren Zusammenhalt und habe die anderen durch meine Freude an der Navigation etwas sorgenfreier und entspannter durch Afrika geführt. Dennoch war es wichtig und gesund hin und wieder der Gruppe zu entfliehen und Afrika auf ganz eigene, individuelle Weise zu entdecken, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Heute teilen wir einige der intensivsten Erfahrungen unseres Lebens und finden in den Anderen die wahrlich einzigen, die wirklich wissen, wie es war, damals auf dem Motorrad in Afrika. Der Anblick von Mark und Geoff, von hinten gesehen auf dem Motorrad sitzend, hat sich für immer in meine Erinnerungen eingebrannt. Ein vertrauter Anblick in der immer wechselnden, fremden Welt. Danke Jungs, dass ihr da wart!

ktmIch kann diesen Beitrag nicht schreiben, ohne meiner wichtigsten Begleitung, der KTM, einige Worte zu widmen. Wir waren nicht immer gute Freunde auf dem Weg, aber im Grunde hat sie mich nicht vor unlösbare Probleme gestellt. Wenn allerdings der gesammte Erfolg der Reise am zuverlässigen Funktionieren des Motorrades hängt, wird man schonmal etwas hysterisch, wenn man irgendwo weitab und allein mit einen Problem festsitzt, dass die Weiterfahrt bedroht. Die Konsequenzen eines Ausfalls sind fatal für die Reise und die Reise war in diesen 6 Monaten mein Leben. Sie hat ein paar Schwächen, die man kennen sollte, wenn man sich mit ihr auf eine derartige Reise wagt, aber solange sie brav unter einem schnurrt, ist sie aus meiner Sicht das Beste was man auf zwei Rädern bewegen kann. Nach 29350 Kilometer inniger Beziehung, habe ich die Liebe für mein schwarzes Biest nicht verloren und bin heute sensibilisiert fuer jedes Verhalten und jedes Geräusch. Viel Spass hat sie mir bereitet und auf den anspruchsvollen Etappen habe ich viel dazugelernt. Sie ist gross und schwer, aber mit einem Fahrwerk ausgestattet, dass über allem erhaben ist und mit nur 3 Stürzen und 5 Umkippern habe ich weit seltener als meine Mitreiter die Kiste aus der Horizontalen befreien müssen. Das ist dann allerdings zugegeben kein Spass mehr. Würde ich sie wieder mit auf die nächste Reise nehmen? Ja, ich denke schon.

Die Fahrt hat mich tief in den schwarzen Kontinent hineingezogen und mich dabei vollkommen in Anspruch genommen. Abseits der Dinge des Alltags, die uns jeden Tag beschäftigen und deren Vielzahl uns häufig vom eigentlichen Leben ablenken, durfte ich es für mehrere Monate geniessen meine Aufmerksamkeit sehr wenigen aber grundlegenden Dingen zu widmen. Das Motorrad muss fahren, ich muss essen und irgendwo schlafen. “Ride, Eat, Sleep, Repeat” stand passend auf Geoffs Tshirt und eingebettet in diesem sich immer wieder auf neue Weise wiederholenden Zyklus, vergesse ich die Welt ausserhalb meiner Reise. Ich bin hier und Afrika ist mein Leben, meine einzige Realität, weitab von Finanzkrise und Rezession, Terminen und Werbeflut. Ich bin fernab von der Qual der Auswahl und dem unüberschaubaren Angebot unserer konsumorientierten Welt. Doch in der Reduzierung meiner täglichen Tätigkeiten auf ein Minimum, entdecke ich mehr Leben und ein weitaus stärkeres Gefühl des Erfülltseins am Ende des Tages, als in meinem so reichhaltigen Zurückgelassenen. Ich nehme das Wenige intensiver und ablenkungsfreier wahr. Auf einer Fahrt über eine anspruchsvolle Piste gibt es in meiner Welt nur noch die Strasse, das Motorrad und mich. Jeder Gedanke und jeder Muskel dient nur einem Zweck. Es wirkt reinigend und befreiend.

Das Wenige lässt Raum für Zusätzliches und schafft Platz, dem Unerwarteten Zeit einzuräumen. In Afrika gibt es kein “Du ich kann grad nicht, weil ich muss noch..”, oder ein “Ich würde gerne, aber”, denn man hat immer die Zeit für einen Austausch, Zeit für den Anderen. Der Grund ist nicht das Fehlen wichtiger zu erledigender Dinge, im Umfeld eines jeden gibt es Dinge von grosser Bedeutung und Ziele die man erreichen will, sondern das Priorisieren des Sozialen, oft Familiären, gegenüber Individuellem, vor allem aber gegenüber einer ablaufenden Zeit. Wie es Kapuscinski so wunderbar herausgestellt hat, in unserer westlichen Welt, läuft Zeit ab, in Afrika nimmt man sich Zeit, man erschafft die Zeit die nötig ist. Dinge brauchen so lange Sie brauchen, während bei uns die Dinge so lange brauchen müssen, wie wir für sie einplanen, ein ständiger Wettlauf gegen eine tickende Uhr. Es hat etwas länger gedauert, bis ich mich auf den Rhythmus Afrikas eingestellt hatte. Die “Du ich kann grad nicht, weil ich muss noch..”-Einstellung erwies sich als fest verankert. Doch man muss viel weniger als man denkt.

Der Tag bietet Gelegenheiten jenseits von Müssen und Plänen und Zeitfenstern und häufig versteckt sich das eigentliche Leben genau hinter diesen Gelegenheiten. Ich spreche dabei nicht unbedingt von Gelegenheiten, die bei Ergreifung eine grosse persönliche Bereicherung ergeben, sondern von den vielen kleinen Möglichkeiten etwas Positives zu hinterlassen oder zu erfahren. Ein Lächeln, ein Händedruck, eine Aufmerksamkeit, eine Interessensbekundigung, ein Kompliment, ein Gedankenaustausch der den Anderen anregt, etwas hinterlässt, eine freundliche Geste, das Ausdrücken von Respekt. Hierzu ein typisches Beispiel aus meiner nahezu täglichen Erfahrung.

Ich fahre übers Land und hin und wieder durch kleine Dörfer, die häufig nur aus einer Aufreihung einfacher Häuschen am Strassenrand bestehen. Ich bin angehalten mein Tempo auf langsame 50 km/h zu reduzieren. Nach der flotten Überlandfahrt fühlt sich die Geschwindigkeit scheinbar unerträglich langsam an. Wir haben ein Tagesziel und je eher wir es erreichen, desto entspannter können wir den Abend geniessen, also fahre ich nur bedingt langsamer. In der zügigen Durchfahrt sehe ich die zum Strassenrand rennenden und winkenden Kinder zu spät und kann nicht mehr auf sie reagieren. Ich muss mich darauf konzentrieren, keine Tiere zu überfahren und sehe konzentriert und etwas grimmig aus. Die unter einem Baum sitzenden Älteren beobachten mich interessiert aber etwas skeptisch. 30 Sekunden später verlasse ich das Dorf. Ich hinterlasse enttäuschte Kinder, die eine Art Supermann vorbeifahren sehen, der sie ignoriert hat. Der Aufregung folgt Ernüchterung. Ich hinterlasse auch ein Dorf verärgerter Älterer, die meine Ankunft etwas weniger enthusiastisch wahrnehmen und eher um ihre Kinder besorgt sind, die durch die häufig zu schnell fahrenden Fahrzeuge gefährdet sind. In Deutschland käme noch der Lärmaspekt hinzu, aber in Afrika wird Lärm im Grunde genommen nicht als etwas Negatives wahrgenommen.
Bei einer Durchfahrt mit 50 km/h sehe ich die Kinder kommen, ich lächele (erstaunlicherweise kann man sehr deutlich erkennen, ob man unter dem Helm lächelt oder nicht) und winke zurück. Neben Details wie den am Strassenrand angebotenen Waren oder den Maniok stampfenden Frauen sehe ich jetzt auch die Älteren unter dem Baum und winke ihnen ebenfalls zu. Diese wechseln von ihrer abwartenden, beobachtenden Haltung zu einem gemeinsamen, einladenden Lächeln und winken ebenfalls. Eine Minute später verlasse ich das Dorf.  Ich zeige Respekt, Aufmerksamkeit, eine freundliche Gesinnung und Anstand und nehme eine grössere Vielzahl von Details wahr, wofür ich doch eigentlich überhaupt hier bin. Alle Beteiligten nehmen aus dieser kurzen Begebenheit ein kleines, positives Gefühl mit. Ich muss zweimal häufiger schalten und komme abends 30 Sekunden später an.

Man könnte das Beispiel noch weiterführen. Aufgrund der Beschwerden der Dorfbewohner über zu schnelle Fahrzeuge werden später hohe Bodenschwellen im ganzen Ort installiert. Von nun an wird jeder Motorradfahrer bei der Durchfahrt geschüttelt und ist genervt. Jede Bodenschwelle ist auf unbestimmte Zeit eine kleines Ärgernis. Noch weiter gedacht erhöhen sich durch das ständige Beschleunigen zwischen den Bodenschwellen die Benzinkosten, die grössere mechanische Beanspruchung verringert die Haltbarkeit des Motorrades und der Fahrer beansprucht seinen Rücken stärker, was wiederum zu Problemen im Alter führen kann. Je weiter man denkt, desto weniger darf man natürlich die Durchfahrt als isoliertes Ereignis betrachten. Tausende zu schnell fahrende Motorräder beeinflussen die Einstellung der Dorfbewohner und wiederum nur viele tausende Bodenschwellen beeinflussen messbar den Benzinverbrauch oder die Haltbarkeit von Mensch und Maschine.

Ob dass das Richtige war? - Geoff bei seiner Lieblingsbeschäftigung

Ob ich hier das Richtige mache? - Geoff bei seiner Lieblingsbeschäftigung

Was will ich damit sagen? Man befindet sich tagtäglich in permanenter Interaktion mit seiner Umwelt und jede Aktion hinterlässt eine Wirkung, wenn auch häufig nur eine sehr kleine, kaum wahrnehmbare. Wie gehe ich mit meiner Umwelt um und mit welcher Verhaltensweise will ich mich identifizieren. Man definiert sich mit jeder Handlung und setzt ein kleines, winziges Zeichen. Wir suchen nach einem für uns direkt messbarem Ergebnis unserer individuellen Handlungen, aber es sind vor allem die zahllosen kleinen Gesten aller, die in der Summe unser Miteinander ausmachen. Meist reicht es aus in sich zu gehen und zu fragen, was das Richtige ist. Das Richtige ist häufig leider nicht das Einfache oder Bequeme, doch auch etwas nicht zu tun ist eine Haltung und Zusehen ein Standpunkt. Natürlich kann ich mich nicht mit jedem Strassenverkäufer (um diesen Beitrag wieder zurück nach Afrika und zu meiner Reise zu lenken) darüber erklärend auseinandersetzen, warum ich ihm leider nicht seinen Schmuck oder die Masken abkaufen kann, doch die Bereitschaft dazu wird mich in den meisten Fällen zu einem respektvollen Umgang bewegen, statt einfach ignorant und gestört wegzusehen.

Ich blicke heute über Afrika zurück und frage mich, was von meiner Reise übrig geblieben ist, für mich und für andere. Ich selbst fühle mich nach diesem Rausch von Impressionen und Erlebnissen erstaunlich leer und wurzellos, aber auch rein und frei. Einige hören von meiner Reise und denken ich komme inspiriert zurück nach Hause, voller neuer Ideen und Vorhaben. Doch ich habe schnell bemerkt, dass ich Afrika viel intensiver erlebe, wenn ich mich auf das hier und jetzt konzentriere, statt auf das Übermorgen. Afrika hat mir keine konkreten Vorschläge für mein Leben danach gemacht, aber es hat mich auf tieferer Ebene beeinflusst und sicher verändert. Dazu gehört mehr Offenheit gegenüber Anderem und Neuem, ein sensibleres Gespür was für mich wichtig ist und was zählt, mehr Flexibilität, vor allem aber eine grössere Ruhe gegenüber all den kleinen und grossen Ereignissen des Tages, die sich unvorhergesehen und scheinbar störend in den Weg stellen. Ein Tag der perfekt nach Plan abläuft ist leer und karg, es sind die Überraschungen und Ungewöhnlichkeiten, die man abends seinem Liebsten oder besten Freund mitteilt. Was hätte ich erlebt und gelernt, wenn ich in diesem Blog nur über Abreise von, Ankunft in, Essen dort, Abreise von… geschrieben hätte? Hättet ihr mitgelesen? Ohne einen Plan und den Blick auf das Morgen wäre ich sicher nicht in Kapstadt angekommen, aber jedem Tag genügend Raum für eine Entwicklung jenseits des Planes zu geben und das Unerwartete willkommen zu heissen, statt es zu bekämpfen, war die wahre Bereicherung der Reise. “If you take a journey, dont take the trip but let the trip take you”, hat ein Freund von Mark sehr passend dazu gesagt.

Jenseits einer persönlichen Entwicklung denke ich auch bei anderen etwas hinterlassen zu haben. Ich hoffe bei den vielen Menschen die ich auf dem Weg treffen durfte, durch kurzen Blickkontakt auf dem Motorrad oder bei längeren Gesprächen, als kleiner Botschafter einer entfernten Welt etwas Positives bewirkt zu haben und dem Bild des weissen Mannes aus dem meist idealisiert gelobten Europa eine persönliche und natürliche Note gegeben zu haben. Wir sind keine Superhelden, sondern essen, schlafen und lieben genauso wie wir Wasser zum kochen benutzen. “Was esst ihr denn?” war eine sehr typische Frage, wenn wir umringt von einheimischen Dorfbewohnern eine Pause gemacht haben. “Das gleiche wie ihr. Das was auf dem Markt angeboten wird.” – manchmal reduziert sich die Botschaft auf das Fundamentalste. Dennoch waren wir Vorbilder, sogar Idole und der Stoff aus dem Träume sind. Für viele war unsere Mission jenseits des Vorstellbaren und allein unsere Gegenwart ein Höhepunkt. Am unvergesslichen Abend in Bodom, Ghana wurden wir sogar Teil der übermittelten Geschichte des Dorfes. Die Aufregung und die Begeisterung in den Augen der mich umringenden Kinder werde ich immer in Erinnerung behalten. Ich hoffe unser Auftreten hat etwas aufgeklärt und inspiriert und vielleicht dem einen oder anderen die Motivation gegeben selbst eines Tages in die Ferne zu ziehen.

Zu guter Letzt hoffe ich natürlich auch für euch, die Leser, einen kleinen Beitrag geleistet zu haben und neben ein wenig Unterhaltung, für den einen oder anderen eine Anregung zu eigenen Unternehmungen geliefert zu haben. Es ist einfacher als man denkt. Das schwierigste der gesamten Reise, war der feste Entschluss loszufahren, das Bekannte zu verlassen, loszulassen. Die Hindernisse und Probleme auf dem Weg bewältigen sich dann fast wie von selbst. Ich erinnere mich sehr gut an das mulmige Gefühl über die Grenze nach Marokko zu fahren, den Schutz Europas hinter mir lassend. Ich fahre in eine Welt ohne Auffangnetz, während die meisten ihr Leben lang daran arbeiten, ihre Zukunft abzusichern. Doch man stellt sich nicht ohne Wasser mitten in die Wüste. Man ist umgeben vom Besten was Afrika zu bieten hat, seinen liebenswerten Bewohnern, die sich insbesondere durch Hilfsbereitschaft und der Fähigkeit zur Improvisation auszeichnen. Mehr Absicherung benötigt man nicht und nach meiner Erfahrung kommt selbst mitten in der Wüste jemand über den nächsten Hügel spaziert, bittet um eine Zigarette und kennt den Weg zur nahegelegenen Oase.

Ich blicke zurück über ein halbes Jahr in Afrika und schaue auf einen lebendigen, sprudelnden Teil meines Lebens. Afrika ist mir vertraut geworden. Es ist ein Teil von mir geworden und ich ein Teil Afrikas. Wenn ich in Berlin einem Afrikaner auf der Strasse begegne, muss ich intuitiv lächeln und will sagen “Hallo, hier bin ich, ich bin einer von euch.”, doch ich finde nicht das wunderbare afrikanische Lächeln, dass mir Afrika entgegengebracht hat. Retrospektiv fühlt sich die Fahrt nahezu wie ein gelesenes Buch über eine andere Person aus einer anderen Welt an. Ich schaue aus dem Fenster meiner Berliner Bleibe und die Erinnerungen an die Abenteuer der vergangenen Monate könnten auch aus einem langen Traum stammen, so irreal, so unvereinbar mit der mich hier umgebenden Realität scheinen sie mir. Ich werde oft gefragt “Erzähl, wie wars!?” und es fällt mir schwer zu antworten. Wo soll ich anfangen? Das Erzählen der vermeintlichen Höhepunkte vermittelt nicht das Gefühl in Afrika zu sein, auf sich allein gestellt, das Motorrad zwischen den Beinen und die Strasse im Blick, alles was man braucht in zwei kleinen Koffern verstaut, jeder Tag eine fremde Welt ohne Garantien, das Leben so hautnah, dass es eine Gänsehaut auslösst. Man muss es erleben, dabeisein und eintauchen. Wer sich vom  Ballast des Alltags befreit, den Komfort und die Bequemlichkeit abschüttelt und den Schritt ins unbekannte Fremde wagt, wird mit einer Erfahrung belohnt, die nie und nimmer den Entschluss in Frage stellt. Selten habe ich die Richtigkeit einer Entscheidung intensiver und überzeugter gespürt, als bei der Entscheidung für Afrika und wer sich mit ähnlichen Gedanken trägt, dem will ich wärmstens empfehlen, Zögere nicht und geh raus in die Welt.

end

Nach laengerer Pause melde ich mich aus dem Urlaub von meiner Reise zurueck. Zwei Wochen Botswanarundreise haben mich entgegen der gewohnten Reiserichtung wieder nach Norden bis Simbabwe gefuehrt und mich nun auch mit den Eindruecken belohnt, die man pauschal von Afrika am ehesten erwartet – mit einer wilden und vielfaeltigen Tierwelt.

Die KTM wurde in Windhoek bei Mikes Motocycles weitesgehend ueberholt und sollte fuer die letzte Tour auf ausschliesslich guten, asphaltierten Strassen geruestet sein. Die Reifen sind ein letztes mal gegen neue Strassenreifen ausgetauscht worden und selbst der defekte Daempfer konnte innerhalb von vier Tagen repariert werden, trotz Versand nach und Reparatur in Johannesburg. Ein Hoch auf die entwickelte, serviceorientierte Welt denke ich und starte Richtung Osten, durch die immer gleich aussehende Kalahari.

Trans Kalahari Highway

Trans Kalahari Highway

Um Freunde in Botswana zu besuchen und Chen abzuholen, meine wunderbare neue Reisebegleitung, die fuer den Ausflug durch Botswana als Sozia zur Abwechlung den Platz hinter mir einnehmen wird, fuehrt mich mein Weg zunaechst nach Gaborone. Trocken und trostlos verbindet man im allegemeinen mit Wuesten, aber am Ende der Regenzeit praesentiert sich mir die Kalahari, die den Grossteil der Flaeche Botswanas ausmacht, als gruene Vielfalt. Wiesen, Buesche, Straeucher und kleine Baeume praegen das Bild. Hunderte von weissen und gelben Schmetterlingen flattern ueber der Strasse und werden in grosser Anzahl von der KTM gefressen oder enden, grundsaetzlich immer auf den ersten Metern, als Fleck auf meinem frisch geputzten Visir. Flach ist es hier und keine Erhoehungen gewaehren mir einen weiten Blick ueber die endlos gleiche Landschaft. Der erste Berg auf dem Weg ist keiner. Es ist die groesste Diamantenmine Botswanas bei Jwaneng, die als aufgeschuetteter abgeflachter Berg bereits von weitem sichtbar ist. Das Geschaeft mit Diamanten ist das Rueckrat der Wirtschaft Botswanas und stellt neben Viehzucht und Tourismus die wichtigste Einnahmequelle dar.

Neben Schmetterlingen sind die ansonsten menschenleeren Strassen zahlreich von Ziegen, Kuehen, Pferden und besonders Esel besiedelt, die frei ueber die angrenzenden Wiesen und die Strasse streifen und daher eine entspannte Hochgeschwindigkeitsfahrt unmoeglich machen. Ich weiss nicht, wie die Kuehe und Ziegen halbwegs effektiv von ihren Besitzern zwecks gewinnbringender Verwertung eingesammelt werden, aber gluecklich sehen sie aus, wie sie unbehindert grasend ihres Weges ziehen und zur Mittagszeit gemeinsam unter den Baeumen ruhen. Das Rindflleisch soll hier besonders zart und lecker sein, was ich vollstens bestaetigen kann. Aber nicht nur domestiziertes Geviechzst gibt es, auch Paviane, Strausse und Schildkroeten schreckt man auf. Ansonsten bietet die Fahrt viel Zeit die Gedanken fliegen zu lassen oder ueber ulkig klingenden Ortsnamen auf den Strassenschildern, wie Molepolole oder Phuduhudu, zu laecheln.

Nata Bird Sanctuary

Nata Bird Sanctuary

Kleinere Modifikationen am Motorrad schaffen genug Platz fuer zwei Personen und minimales Gepaeck und nach kurzer Verschnaufpause in Phakalane bei Gaborone im wunderschoenen Haus unserer Freunde machen sich Chen und ich auf den Weg in den entfernten Norden Botswanas, nach Kasane zum Vierlaendereck zwischen Namibia, Sambia, Simbabwe und Botswana. Die Fahrt fuehrt uns vorbei an sogenannten Pfannen (Pans), flache, weitflaechige Ebenen, die in der Regenzeit, bzw. danach (jetzt), vollstaendig mit Wasser gefuellt sind und zahlreichen Voegeln ein ungestoertes Brutparadies bieten. Wir sehen Pelikane, (noch) weisse Flamingos, Riesentrappen (Kori Bustards), Loeffler (Spoonbills), Reiher, Ibis und viele andere, deren Namen mir laengst entfallen sind.

Elefanten im Schlamm

Elefanten im Schlamm

Ab Nata wird die Landschaft zunehmend wilder und afrikanischer. Ich kann die Tiervielfalt hinter den Baeumen foermlich spueren und verlangsame wachsam die Fahrt. In den noerdlichen Regionen Botswanas und dem angrenzenden Gebiet in Simbabwe leben etwa 45% aller Elefanten weltweit, 65000 davon allein im Chobe National Park und es dauert nicht lange, da beobachten wir gespannt auf dem Motorrad sitzend einen riesigen Dickhaeuter, der direkt am Strassenrand von den Baeumen nascht. Die Menge Wilgetiers, die wir in den kommenden Tagen zu sehen bekommen, ueberrascht uns immer wieder und waehrend wir noch unser Willkommensgetraenk in der wunderschoenen Chobe Marina Lodge in Kasane zu uns nehmen, beobachten wir eine grosse Affenfamilie, die, unbemerkt von einer Gruppe wuehlender Warzenschweine, durch die Baeume direkt an unserem Chalet vorbeizieht.

Nielpferde am Chobe Fluss

Nilpferde im Chobe Fluss

Kasane liegt direkt am Chobe Fluss, der die noerdliche Grenze des Nationalparks darstellt und nur wenige Minuten flussaufwaerts mit dem Boot befindet man sich bereits mitten unter Nilpferden, badenden Elefantenherden, Nilkrokodielen und Pavianen. Die Menge der Tiere und die Naehe zu ihnen ist ueberwaeltigend. Laut schmatzend laesst sich eine Gruppe Nilpferde nicht von unserer nahen Nachbarschafft im Boot vom Fressen abbringen und gewaehrt uns einen porentiefen Anblick auf die nicht ungefaehrlichen Kolosse. Unter der untergehenden Abendsonne, die die Landschaft in kraeftige, warme Farben taucht, beobachten wir Elefanten, die, nur den Ruessel an der Wasseroberflache haltend, an uns vorueberschwimmen, um sich auf der anderen Seite des Flusses gemeinschaftlich mit Schlamm zu beschmeissen. Die dadurch aufgetragene Schicht schuetzt vor Muecken. Selbst eine Elefantenhaut scheint gegen die Stechbiester nicht gewappnet zu sein.

chen vor den Vic Falls

Chen bei den Vic Falls

Ist man in Kasane, will man auch die nur 90 Kilometer entfernt liegenden Victoriafaelle nicht verpassen. Die groessten Wasserfaelle der Welt befinden sich an der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe und sind von beiden Laendern sichtbar. Wir entscheiden uns fuer die Simbabweseite, da man von hier aus einen besseren Blick haben soll und auch um einen kurzen Einblick in ein Land zu erhaschen, dass in letzter Vergangenheit nahezu ausschliesslich mit besorgniserregenden Meldungen in den Medien war. Der Grenzuebergang ist unproblematisch, lediglich Chen als Englaenderin muss etwas tiefer fuer das Visum in die Tasche greifen. Herr Mugabe ist nicht gerade bekannt fuer seine gute Beziehung zu den Inselbewohnern. Die Wasserfaelle stuerzen auf einer Laenge von 1700 Metern zwischen 80 und 108 Meter in die Tiefe. Auf der Simbabweseite kann man staunend und bis auf die Unterwaesche nasswerdend den groessten Teil der Faelle auf der gegenueberliegenden Seite ablaufen. Trotz meiner hohen Erwartungen, die sich seit meiner Kindheit be dem Namen Victoria Falls aufgebaut haben, enttaeuscht die wahre Erfahrung nicht. Die unvorstellbare Kraft des herabsturzenden Wassers kann man sehen, hoeren und auf der Haut spueren. In reissenden Stroemen stuerzt das Wasser auf der gewaltigen Laenge herab, verliert sich in undurchsichtiger Gischt und bildet unter der heissen Sonne Regenbogen.

Aber es sind nicht die Eindruecke der Wasserfaelle, die uns auf der Rueckfahrt beschaeftigen. Bereits waehrend wir in den gleichnamigen Ort Victoria Falls einfahren, sehen wir die Zeichen einer ruinierten Wirtschaft. Geschlossene Laeden, mit Zeitungspapier zugeklebte Fensterscheiben und geschlossene Tankstellen weisen selbst hier in der vielleicht touristischsten Ecke des Landes direkt an der Grenze auf die dramatische Lage im Land hin. Der Eintritt zu den Wasserfaellen kostet 50 Trillion Simbabwe Dollar, oder etwa 15 Euro. Die Hyperinflation hat die eigene Waehrung mittlerweile jedoch zur voelligen Nutzlosigkeit verkommen lassen. Simbabwe Dollar werden im allgemeinen nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert, erklaert uns ein Souvenierverkaeufer, waehrend er uns zu unserem Einkauf eine 100 Trillion Dollar Note, das ist eine 1 mit 14 Nullen, als Souvenier dazu gibt. Von einer Verkaeuferin erfahren wir spaeter, dass sie seit langem kein Geld mehr fuer ihre Arbeit bekommen hat und ihre Kinder nicht mehr zur Schule gehen, weil die Lehrer aufgrund ausbleibender Bezahlung nicht mehr unterrichten. Simbabwe hat eine Arbeitslosenrate von 90%, aber auch die wenigen die einen Job haben, sind von der hoffnungslosen Situation im Land betroffen. “Wir leiden hier” sagt sie und ich glaube ihr aufs Wort. Tief bewegt gebe ich ihr 3 Dollar Trinkgeld und sie sagt sie wird mich niemals vergessen, was ich ihr zwar diesmal nicht glaube, aber in Anbetracht der katastrophalen Lage handelt es sich fuer sie um ein kleines Vermoegen. Ich erfahre spaeter, dass selbst im angrenzenden Botswana der Mindesttageslohn bei nur etwa 3 Dollar liegt.
Wenige Meter entfernt, auf der Victoria Falls Grenzbruecke zwischen Sambia und Simbabwe, zahlt man 105 Dollar, um sich mit dem Bungeeseil in die Tiefe zu stuerzen.
Irgendwie haelt man sich aber ueber Wasser und bezieht Essen aus den Nachbarlaendern. In Kanye in Botswana treffe ich eine Kellnerin aus Simbabwe, die von ihrem geringen Lohn Grundnahrungsmittel, Reis, Mehl etc., kauft und einem Busfahrer mitgiebt, der sie zu ihrer Familie den langen Weg nach Harare bringt. Geld hilft hier nicht, es ist einfach nichts da, was man kaufen koennte. Bei Amtsantritt Mugabes, war das Land noch als die Kornkammer Afrikas bekannt, aber eine blinde und gewaltsame Umverteilung des Landeigentums fuehrte bald zum Kollaps. Ein Einwohner Malawis, den ich in Suedafrika treffe, erzaehlt mir, dass malawische Aerzte ihre Ausbildung frueher in spezialisierten Krankenhaeusern in Simbabwe abgeschlossen haben. Heute arbeiten Aerzte aus Simbabwe in Malawi, weil Hospitaeler geschlossen werden. Cholerakranke versuchen nach Suedafrika zu kommen, um sich dort behandeln zu lassen.
Tief in Gedanken versunken, versuchen wir auf unserer Rueckfahrt die Hoffnungslosikeit der Situation im Land zu verdauen. Mit welcher Perspektive waechst ein Kind derzeit in Simbabwe ohne Schulbildung auf? Der groesste Wasserfall der Welt, eines der sieben natuerlichen Weltwunder, ist angesichts des Elends weit in den Hintergrund gerueckt.

Okawango Delta aus der Luft

Okawango Delta aus der Luft

Ueber einen kleinen Umweg durch den Caprivi Streifen im Nordosten Namibias gelangen wir ins Okawango Delta, einem weitflaechigen Gebiet, in dem sich der Okawango Fluss in vielen tausend Flussarmen verliert, um letzlich ohne Muendung in der Kalahari zu versickern. Weite Gebiete des Deltas sind nicht mit dem Motorrad bzw. dem Auto zu erreichen und die Passierbarkeit der Wege ist waehrend der Regenzeit noch staerker eingeschraenkt. Wir lassen uns das Highlight Botswanas dennoch nicht entgehen, lassen das Motorrad stehen, steigen in eine 6-sitzige Cesna und lassen uns fernab jeglicher Strassen direkt in den Busch bringen. Die etwas grosszueger investierten Pulas (Botswanas Waehrung) belohnen uns mit einer ausserordentlich idylischen Unterbringung in traumhaften Zeltchalets im Little Kwara Camp, die keine Wuensche offen lassen. Im See vor dem Camp baden tagsueber Nilpferde, ein Elefant pflueckt die Blaetter vom Baum direkt neben unserer Terasse und eine Gruppe Paviane zieht vorbei. Am Ufer des Sees stehen Stoerche und Impalas und weiter in der Ferne ziehen Giraffen elegant ihres Weges. Nachts ist die Luft erfuellt von den zahllosen Geraeuschen des Busches, vereinzelt unterbrochen vom Roehren der Nilpferde, die jetzt in unmittelbarer Naehe am Land grasen. Es ist uns untersagt nachts die Zelte zu verlassen, aber wer wuerde dies in Anbetracht der Nachbarschaft von Nilpferden, Leoparden, Geparden und Loewen schon tun wollen. In einem adrenalinpumpenden Jagdkrimi beobachten wir Letztere ein ausgewachsenes Warzenschwein jagen, das nur mit Haaresbreite entkommt. Eine schoenere und reichere Buscherfahrung abseits vom Massentourismus der grossen Nationalparks kann ich mir nicht vorstellen.

kurz vor Kapstadt

kurz vor Kapstadt

Nachdem sich Chen wieder zurueck ins kalte Deutschland verabschiedet hat, begebe ich mich wieder allein auf meine letzte Etappe zum finalen Ziel. Mein Weg fuehrt mich suedlich direkt zur Kueste und von dort ueber die Sunshine Coast und Garden Route bis nach Kapstadt. Die Vielfalt und Dichte touristischer Highlights in Suedafrika ist erschlagend. In den 600 Nationalparks des Landes gibt es wenig, was man nicht sehen oder machen kann. Die wunderschoene Garden Route laedt ununterbrochen zum Anhalten ein. Elefanten-, Schlangen-, Voegel-, oder Affenparks – etliche Tiersorten haben hier ihren eigenen passend fuer den Touristen aufbereiteten Park. Mit fehlt jedoch die Ruhe mich den Attraktionen ausgiebig zu widmen. Geoff und Mark warten bereits in Kapstadt fuer ein letztes Abenteuermotorradfahrervereinigungstreffen und die Naehe Kapstadts zieht mich an. Jenseits der Angebote ist die Landschaft zwischen den aufragenden Bergen und der teils rauhen teils sandstrandigen Kueste ein Genuss. Besonders nach der Eintoenigkeit Botswanas kann man sich an den bergigen Kulissen kaum sattsehen und ich geniesse bewusst die offiziel letzten Kilometer meiner Reise.

Was sich in Namibia bereits andeutete ist in Suedafrika nach langjaehriger Apartheid unuebersehbar, der Schwarze ist degradiert zum Menschen zweiter Klasse. Vielleicht nehme ich die Auswirkungen intensiver wahr, nachdem ich viele Monate in Schwarzafrika verbracht habe und auf gleicher Augenhoehe mit den Einwohnern umgegangen bin. Allein die Separierung der Wohnviertel empfinde ich erschreckend, ja geradezu gruselig und abstossend. Jede Stadt hat etwas ausserhalb die sogenannten Townships, Barackensiedlungen, in denen die Schwarzen leben, die zum Arbeiten in die eigentlichen Staedte kommen, um den Weissen mit allen niedrigeren oder sagen wir weniger qualifizierten Arbeiten zu dienen. Die Townships vor Kapstadt ziehen sich kilometerweit hin und ich weiss nicht, wie man die Einfahrt in eine der zweifelsfrei schoensten Staedte der Welt uneingeschraenkt geniessen kann, ohne in den schaebigen Aussenbezirken beide Augen zuzumachen. Insbesondere in den laendlicheren Regionen spuere ich im Umgang zwischen den Weissen und Schwarzen eine klar Ueber- bzw. Unterordnung. Auf beiden Seiten sind die Auswirkungen der Apartheid so fest im Denken verankert, das sie auch nach dessen offizieller Abschaffung ueberdeutlich sichtbar sind. Trotzdem empfinde ich keinerlei negative Spannungen beim Umgang mit den Schwarzen. Ich werde immer ausserordentlich zuvorkommend behandelt, aber, wie ich es zumindest empfinde, mit einem Schuss Unterwuerfigkeit. Vielleicht ist es fuer viele Leser nicht direkt nachvollziehbar, aber ich schaeme mich hier in Suedafrika ein Weisser zu sein.

Suedafrika bereits im Fussballfieber -  das neue Green Point Stadium in Kapstadt

Suedafrika bereits im Fussballfieber - das neue Green Point Stadium in Kapstadt

Kapstadt hingegen empfinde ich trotz meiner hohen Erwartungen als aussergewoehnlich schoen. Insbesondere nachdem ich in Namibia, Botswana und auch Suedafrika in erster Linie Zweckstaedte ohne jeglichen Charm vorgefunden habe, deren Zentren im Grunde nur aus lieblosen Shoppingzentren bestehen, ist Kapstadt mit historischer Bausubstanz eine wahre Oase. Einzigartig ist natuerlich in erster Linie die grandiose Lage der Stadt entlang dem Tafelberg und den wunderschoenen Buchten mit zahlreichen Sandstraenden. Auf dem Weg durch die Stadt wird man immer wieder mit Blicken belohnt, die zum Innehalten und Geniessen einladen, ein wuerdiger Abschluss fuer eine in Berlin begonnene Reise. ;)

Ganz so schnell moechte ich meine Reisebeschreibungen an dieser Stelle allerdings noch nicht abschliessen. Gestattet mir noch einen letzten “Afrika – ein Rueckblick” Beitrag, bevor ich euch hoffentlich etwas inspiriert in eigene Welterkundungen entlasse.

Vielen Dank fuers Ausharren und bis zum naechsten, letzten Mal.

Unser Visum gestattet es uns Angola innerhalb von 5 Tagen zu durchqueren, wenig Zeit fuer das grosse Land und wir wollen keine Zeit bereits am ersten Tag verlieren und treffen um halb Acht am Grenzuebergang ein. Zusammen mit uns wollen auch noch eine deutsche Familie (5 in a box), Englaender und Niederlaender (alle in Allradfahrzeugen) an diesem Morgen die Grenze ueberqueren. Wir entschieden uns im letzen Moment fuer den Grenzuebergang in Matadi, statt den hauptsaechlich genutzten in Luvo etwa 80 Kilometer vor der Stadt. Die Strassenverhaeltnisse sind zwar absehbar schlechter, aber die Entfernung ist erheblich geringer. Mit der Versicherung der drei Allradfahrzeuge im Ruecken, die uns im schlimmsten Fall das Gepaeck abnehmen koennen, fuehlen wir uns ausreichend fuer den Notfall unterstuetzt. Unsere Erfahrung im Kongo hat uns etwas vorsichtiger gemacht und nichts waere frustrierender, als in einem Zeitfenster von nur fuenf Tagen im Morast steckenzubleiben.

Unsere fruehe Ankunft verhilft uns leider nicht zu einem fruehen Start. Bis alle Stempel zusammen mit den dazugehoerigen Personen eintreffen und alle Formalitaten erledigt sind, ist es elf Uhr. Die Strasse die uns erwartet ist technisch anspruchsvoll und wir kommen nur langsam voran. Tiefe und breite Laengsrillen, die offenbar das Wasser nach grossen Regenfaellen abtransportieren, erfordern sehr weitsichtiges Fahren und das steile Auf und Ab durch die Berge erschweren die Fahrt zusaetzlich. Mir ist voellig unklar, wie die drei hinter uns fahrenden Autos die schmalen Strassen bewaeltigen koennen und bis Heute ist mir Nichts ueber deren Verbleib zu Ohren gekommen. Uns aber macht es Spass die richtigen Fahrlinien zu finden und lediglich der Gedanke an die im Verhaeltnis zu Gesamtstrecke laecherlichen Kilometer, die wir zuruecklegen, daempfen die Freude ein wenig.

unser erste Abend in Angola

unser erste Abend in Angola

Landschaftlich ist Angola im Norden ein Genuss. Es ist gruen, huegelig und uebersaeht mit schwarzen Felsen. Weitreichende Blicke wechseln sich ab mit dichtem Wald. Ein alter Bekannter gesellt sich dazu. Der Affenbrotbaum, den wir in Unmengen in Senegal und Mali gesehen haben, taucht wieder auf und vermittelt mir ein Gefuehl des Durchquerens des Kontinents. Nach Wochen des Fahrens zu einer immer ueppigeren Vegetation lassen wir den gruenen Guertel zunehmend hinter uns und naehern uns wieder trockenen Gegenden. Der Affenbrotbaum ist der erste Bote und heisst uns auf der anderen Seite Afrikas willkommen. Ein Funken Melancholie stellt sich ein, denn statt immer Neuem, sich Steigerndem, ist der Affenbrotbaum eine Wiederholung, ein Zeichen fuer die Endlichkeit unseres Abenteuers.

Dorf in Nordangola

Dorf in Nordangola

Die Doerfer weisen einen voellig neuen und einheitlichen Charakter auf. Neben eine breite, trockene, steinharte und durch Rillen zerrissene Strasse ordnen sich wie aufgefaedelt aus gelben Lehmziegeln gebaute, kleine Haeuser an. Der Moertel zwischen den Ziegeln ist ausgespuelt und die Daecher bestehen aus Stroh. Strasse und Haeuser sind einheitlich Erdgelb. Die Strasse ist dicht besiedelt mit Ziegen, Huehnern und Hunden, die nur sehr widerwillig den Weg freigeben. Viel Durchgangsverkehr gibt es auch nicht und am ersten Tag sehen wir kein einziges Fahrzeug. Wir sind von weitem hoerbar und wenn wir im Dorf ankommen, stehen alle vor ihren Huetten und die Kinder rennen zur Strasse. Wir sind in Eile, halten kaum und fahren zuegig und jede Durchfahrt ist akkustisch gepraegt vom “aaaaaAAAHHHhhhhhh” der schreienden und jubelnden Kinder. Es wird das letzte Mal sein, das wir eine Begeisterung in diesem Ausmass bei der Bevoelkerung bewirken.

Warten auf Benzin

Warten auf Benzin

Die Benzinsituation in Angola ist eine Schilderung wert. Dass wir in Gegenden ohne groessere Orte oder Staedte auf Benzin unbekannter Qualitaet aus Flaschen angewiesen sind, ist nichts Neues mehr, aber dass wir auch in N’zeto der ersten groesseren Stadt auf unserem Weg durch Angola keine Tankstelle finden, ueberrascht uns doch gehoerig. Wo kommt das Benzin aus den Flaschen denn her und wer bringt es hierher? Die erste Tankstelle sehen wir dann spaeter kurz vor Luanda. Sie wird belagert von Hunderten von Autos, Moppeds und einer Unmenge von Menschen mit gelben Kanistern. Die Tankstelle ist kaum als solche erkennbar. Das Bild wiederholt sich und irgendwann sind auch wir gezwungen, uns ins bunte Treiben zu stuerzen. Fassungs- und Tatenlos parken wir in der Naehe der Autoschlangen und beobachten das Geschehen. Die Tanksaeulen sind umstellt von grossen gelben Kanistern, die auf ihre Befuellung warten. Jeder versucht sich irgendwie nach vorne zu draengen. Moppeds nutzen die kleinste Luecke auf dem Weg zur begehrten Zapfpistole. Die Autos bewegen sich in winzigen Schritten Zentimeter fuer Zentimeter ihrem Ziel entgegen. Kleine Minitransporter mit einer Ladeflaeche transportieren leere Kanister und uns wird klar, wie sich das Benzin in die entlegenen Regionen des Landes verteilt. Selbstorganisierte Distribution ueberlastet die wenigen vorhandenen Tankstellen und treibt den Benzinpreis jenseits der Tanksaeulen auf einen Preis ueber dem Doppelten des Originalen. Bei 40 Cent Ausgangspreis koennen wir damit aber immer noch ganz gut leben. Wir stehen eine Weile neben dem Geschehen und denken nicht im Traum daran, uns hinten anzustellen. Wir haben nur fuenf Tage und koennen es uns nicht leisten, Stunden auf eine Tankfuellung zu warten. Aus Gruenden die wir nicht hinterfragen, wird der Tankwart auf uns aufmerksam und laedt uns ein, direkt an den Anfang der Schlange zu kommen, vorbei an Autos, Moppeds und Kanistertraegern. Keiner beschwert sich im Geringsten und wir nehmen dankend an. Das ist es eben Afrika, es gibt immer eine Loesung, oft unerwartet und anders als man denkt.

In N’zeto verkuendet uns Mark, dass er sich totkrank fuehlt und unmoeglich weiterfahren kann. Wir suchen das naechstmoegliche Hotel auf und Mark verabschiedet sich ins Bett. Es ist Mittag und wir verlieren mindestens einen halben Tag, aber hoffen auf Marks Besserung bis zum naechsten Morgen. Die Durchquerung in fuenf Tagen ist nicht mehr zu schaffen. Waehrend Mark sich erholt, schlagen Geoff und ich die Zeit mit einigen Bieren tot und versuchen hoffnungslos, mit dem einen oder anderen Kontakt aufzunehmen. Die Landessprache ist Portugiesisch und die Sprachbarriere ist meist unueberwindlich. Im Norden des Landes trifft man den einen oder anderen der Franzoesisch spricht und im Sueden einige mit Englischkenntnissen, aber in der Regel zucken wir nur mit den Schultern und unsere Kommunikationsversuche bleiben fruchtlos. Wenigstens geht es Mark am kommenden Morgen etwas besser und wir treten unsere Weiterfahrt mit reduziertem Tempo nach Luanda an.

Einfahrt in Luanda

Einfahrt in Luanda

Die ersten Eindruecke der Hauptstadt schockieren mich. In Stau, Smog und endlosen Lasterschlangen fahren wir im Schneckentempo dem Zentrum entgegen. Es ist trocken und sandig und man sieht Slums und Muell sprichwoertlich bis zum Horizont. Muellberge, zum Teil brennend, trennen die Strasse von der dramatischen Armut der Wellblechsiedlungen. Ich bekomme eine Gaensehaut. Eine trostlosere und schockierende Gegend habe ich in ganz Afrika nicht gesehen. Luanda im Zentrum ist der zum Himmel schreiende Gegensatz. Moderne Autos, Haeuser und Geschaefte und die deutliche Praesenz von Geld und Reichtum praegen das Bild. Ueberall wird gebaut und renoviert, die Stadt ist in Bewegung, im Aufbruch und nicht nur die Stadt, Angola, besonders im Sueden, ist im Umbruch. Des Oefteren habe ich bereits die Praesenz der Chinesen in Afrika erwaehnt, aber in Angola sind Chinesen bereits ein Teil der Bevoelkerung. Tausende sind im Land. China baut die Strassen, die Bahnlinien, die Hotels und die Stadien. China baut die Rohstoffe ab und der Anblick chinesischer Zeichen an Autos, Fabrikgelaenden und Baustellen ist Normalitaet. Wir erfahren spaeter, dass viele chinesische Arbeiter nicht einmal einen Pass haben und das aus gutem Grund, denn es handelt sich in der Regel um Haeftlinge, die durch ihren Arbeitseinsatz die Haftzeit verkuerzen. Auch gehen chinesische Ein- und Ausfuhren ohne den ueblichen buerokratischen Aufwand in kuerzester Zeit von Statten. China baut beinahe die komplette Infrastruktar Angolas zum Dumpingpreis. In nur drei Jahren sind praktisch alle Asphaltstrassen des Landes von Chinesen gebaut worden. Angola richtet den Basketball Afrikacup im Jahr 2010 aus und Chinesen baut alle notwendigen Stadien im Land.

Je weiter wir nach Sueden vordringen desto trockener und wuestenhafter wird das Land und gleichzeitig umso entwickelter und westlicher. Auf dem Weg zum Landesinneren und unserer letzten Station nach Lubango kommen wir auf eine ueber 1500 Meter hohe Hochebene. Das Land wird wieder gruen und die Temperaturen angenehm. Auf dem Weg zur Grenze werden wir nochmals mit Matsch und schwierigen Strassenverhaeltnissen konfrontiert, bis eine neue Strasse mit neuen Strassenschildern und den Entfernungsangaben bis zur Grenzstadt, Santa Clara, unsere letzte Offroadpiste abloest. Waherend ich mit 120 km/h am Ende des 6. Tages der Grenze entgegenfliege, kann ich mich nicht entscheiden ob ich lachen oder weinen soll. Unsere letzte Piste liegt hinter uns, der Weg nach Namibia ist sprichwoertlich geebnet und Nambia selbst ist ein anderes Afrika, ein gezaehmtes, westliches Afrika. Ich fuehle mich stolz und das Gefuehl etwas Besonderes erreicht zu haben stellt sich ein. Wir haben es geschafft. Wir sind so gut wie durch und das Abenteuer ist vorbei. Wars das schon? Ich will es nicht wahrhaben und schwanke emotional auf und ab, wie ein kleines Boot im grossen Ozean. Das Ziel kommt in greifbare Naehe und wieder wird mir bewusst, dass das Ziel nur die Motivation, der Weg aber das Erlebnis ist. Ohne Ziel gibt es aber keinen Weg und das Erreichen des Ziels ist nunmal Teil des Weges. Der Alltag umschliesst das Abenteuer und wuerde man nicht aus dem Alltag kommen und in den Alltag zurueckkehren, waere auch das Abenteuer nur ein Alltag.

Nach kurzen Verhandlungen an der Grenze ueber die Hoehe des Strafe fuers Ueberziehen des Visums stehen wir auf dem Boden Namibias. Alles ist anders hier. Nach ueber 4 Monaten in Afrika merke ich, wie sehr ich mich an afrikanische Verhaeltnisse gewoehnt habe. Das neue namibianische Afrika ueberwaeltigt mich beinahe genauso wie das Eintauchen in Afrika aus Europa kommend. Fuer den Leser duerfte es allerdings von geringem Interesse sein, meine Eindruecke hier zu beschreiben, denn fuer die meisten beschriebe ich lediglich gewoehnlichen Alltag. Es gibt fliessendes Wasser und zwar immer und noch unglaublicher, das Wasser ist sogar warm. Es gibt Strom ohne Ausfaelle. Nach Monaten sehe ich zum ersten Mal wieder eine Scheibe Kaese. Es gibt Geldautomaten an jeder Ecke, ich stecke meine EC-Karte rein und bekomme ohne Fehlermeldungen den gewuenschten Betrag ausgezahlt. Es gibt Speisekarten und das fantastischste ist, das man auch bestellen kann was draufsteht. Ich sehe andere weisse Menschen und nicht wenige. Namibia ist das erste Land in Afrika, dass Muelleimer hat und im Gegensatz zum Rest der Laender auf meinem Weg geradezu klinisch sauber wirkt. Fruestueckbuffets, Fastfoodrestaurants, Schoppingcenter, 95 Oktan Benzin, Cadburys Schokolade, perfekte Strassen ueberall – ich koennte endlos fortsetzen. Das Besondere ist, dass alles fuer aussergewoehnlich wenig Geld zu haben ist. Namibia ist billig.

Waehrend ich feststelle, wie sehr sich mein Auge an das rauhe Afrika gewoehnt hat, frage ich mich, wie viel meiner Eindruecke der vergangenen Monate keinen Weg hier in den Blog gefunden haben, weil ich sie fuer zu normal eingestuft habe, obwohl sie fuer den Leser interessant oder gar faszinierend gewesen waeren. Es ist sehr schwer nicht den urspruenglichen, westlichen Blick auf die neue Welt zu verlieren und das Besondere fuer die Daheimgebliebenen auch nach so langer Zeit noch zu erkennen und ich bin ueberzeugt, dass Vieles durch meine Gewoehnung unerwaehnt geblieben ist.

Etosha Nationalpark -  weiter Blick und tiefe Wolken, ein typsicher Anblick in Namibias Morden

Etosha Nationalpark - weiter Blick und tiefe Wolken, ein typsicher Anblick in Namibias Norden

Jetzt bin ich in Windhoek, untergebracht in der wunderbaren Chameleon Lodge und umgeben von vielen Touris, Backpackern und Ueberlandreisenden in eigenen Vehikeln. Ich treffe auf Neil, einen Schotten, der auf einer BMW 1200GS die gleiche Tour in die andere Richtung machen wollte (scotland from the cape) und seit 4 Wochen in Namibia festsitzt, weil zur Zeit kein Visum in Namibia fuer Angola ausgestellt wird. Frustriert und geknickt verschifft er jetzt das Motorrad nach Ghana, um von dort aus weiterzufahren. Manchmal hilft auch alles Wollen und Versuchen nichts und wir sind umso gluecklicher, dass wir trotz aller Bedenken letzlich nicht an solch unueberwindlichen Problemen gescheitert sind.

Ich verbringe hier in Windhoek eine knappe Woche um organisatorische Dinge zu erledigen. Die KTM steht mit einer langen Problemliste beim Haendler und ein neuer voruebergehende Pass ist bei der deutschen Botschaft beantragt. Der Alte ist nach 17 Grenzueberquerungen voll und bringt mich nicht mehr durch Botswana und Suedafrika. Waehrend ich auf KTM und Pass warte, vertreibe ich meine Zeit mit Pizzen, Schokolade, Eiscreme und geniesse meinen Exotenstatus unter den Reisenden. Windhoek ist im uebrigen erheblich Deutscher als ich erwartet hatte, schliesslich sind die Zeiten deutscher Kolonialisierung lange vorbei. Dennoch, wo man hinblickt, liesst man deutsche Worte, vom Gastwirt ueber den Baecker, die Apotheke oder die Jagdfarm, die deutsch Sprache ist praesent. Gestern habe ich doch tatsaechlich Kassler mit Sauerkraut bestellt. Leberkaes oder sogar Eisbein gefaellig?, in Windhoek kein Problem.

Ende der Woche trete ich meine Weiterreise nach Gaborone in Botswana an, um dort alte Bekannte zu treffen, mir eine kleine Auszeit zu goennen und danach mit der letzten Etappe nach Kapstadt durch Suedafrika meine Reise zu beenden. Aber ganz so schnell gehts nicht und ganz soweit ist es noch nicht. Ihr werdet wieder von mir hoeren.

Stromschnellen

Stromschnellen auf dem Congo - eines der Gruende, warum nicht einmal Boote zwischen Brazza und Point Noir bzw. Kinshasa und Matadi verkehren koennen

Ich entscheide mich in die DR Congo allein vorauszufahren und lasse Mark und Geoff zunaechst in Brazzaville zurueck. Beide haben noch diverse organisatorische Dinge zu erledigen und ich kann derweil die Visasituation vor Ort in Matadi auskundschaften. Die Grenzueberquerung von Brazzaville nach Kinshasa mit der Faehre erwies sich stressfreier als erwartet, einzig eine Hygienekomission verursachte etwas Schwierigkeiten. Geoff hatte bereits davon gehoert, dass man auf Kinshasaseite versucht, eine gehoerige Portion Dollars zu verdienen, indem man angeblich das Fahrzeug desinfizieren muesse. Ein Herr in weissem Kittel und zugegeben echt aussehender Identifikation verweigert mir dann auch die Ausfahrt aus dem Grenzgelaende. Ich lasse mich nicht darauf ein, stelle mich stur und werde zunehmend sauerer, bis man man mich zaehneknirschend entlaesst.

Ahh, welch gutes Gefuehl nach langer Wartezeit alle Grenzformalitaeten hinter mir gelassen zu haben und frei ins Land zu fahren. Es gab diverse Berichte, dass andere trotz gueltigem Visum nicht ins Land gelassen wurden, weil sie kein Angolavisum vorweisen konnten (was ja nur in DRC zu bekommen ist) und so konnte ich bis zum Schluss nicht sicher sein, ob ich tatsaechlich durchgelassen werde. Guten Mutes suche ich mir meinen Weg durchs belebte Kinshasa und freue mich auf meine Fahrt nach Matadi, als ploetzlich ein Getraenketraeger mit einem Kasten auf der Schulter vor mir auf die Strasse tritt. Der Kasten sitzt auf der mir zugewandten Schulter, er kann mich also nicht sehen und er laeuft direkt in meine Fahrtrichtung. Ich bremse sofort, komme aber nicht zum stehen und fege ihn von der Strasse. Oh nein, Oh nein, Oh nein. Mein soeben gewonnennes Freiheitsgefuehl verpufft innerhalb weniger Sekunden und die furchtbarsten, moeglichen Konsequenzen schiessen mir durch den Kopf. Ich bin in Kinshasa, DRC in einem der korruptesten Regionen ueberhaupt, bis vor ein paar Monaten gab es in diesem Land noch Krieg und ich fahre jemanden an. Diesmal habe ich ganz schlechte Karten.

Zunaechst jedoch steige ich vom Motorrad und renne zu meinem Opfer. Er ist etwa 20 Jahre und liegt inmitten seiner zerbrochenen Flaschen, blutet an Fuss und Kopf, will aber gleich wieder aufstehen. Waehrend ich mich um ihn kuemmere, bemerke ich wie jemand an meinem Tankrucksack rumfummelt und spuere zur gleichen Zeit eine Hand, die versucht sich in meine Oberschenkeltasche zu zwaengen, wo sich mein Portemonaeie befindet. Es hat sich natuerlich sehr schnell eine Traube Neugieriger um uns gebildet und die allgemeine Aufruhr wird gnadenlos sofort ausgenutzt. Ich reisse die Hand weg von der Tasche und stuerme zurueck zum Motorrad, um den Dieb zu vertreiben. Zur gleichen Zeit sehe ich wie andere die heil gebliebenen Flaschen einsammeln und damit wegrennen. Drei Diebstahlsdelikte zur gleichen Zeit, wo bin ich nur gestrandet. Bevor ich zum Motorrad komme, bin ich umringt von Polizisten. Der Unfall ereignete sich direkt vor einer Polizeizentrale. Ich bin mir nicht sicher ob das gut oder schlecht ist. Mein Unfallopfer steht derweil wieder auf eigenen Fuessen und sieht sehr ungluecklich aus, scheint aber ohne groessere Schaeden davongekommen zu sein. Wir gehen ins Praesidium, eine Ruine, in dessen Inneren Pappwaende eingezogen wurden, um einzelne Minibueros abzuteilen. Mir werden alle Dokumente abgenommen, doch ich weigere mich vehement auch den Motorradschluessel abzugeben und man laesst ihn mir. Zusammen mit einem Polizisten, der schlechtes Englisch spricht, sich aber in den kommenden Stunden als grosse Hilfe erweist, fahren wir zunaechst ins Hospital. Von diesem Moment an blute ich meine wohlgehueteten Bardollars, die ich fuer DRC und Angola aufgehoben hatte. Wir verbringen etwa 3 Stunden im Krankenhaus, waehrend Patrice, der Polizist,  darueber wacht, dass ich nicht wegrenne und ich nacheinander die Behandlungen fuer meinen Patienten bezahle. Mit grosser Erleichterung hoere ich, dass es nur leichte Wunden und ein paar Prellungen sind. Nach der Intensitaet des Aufpralls haette ich durchaus mit Bruechen gerechnet.

Zurueck im Praesidium werden handschriftlich alle Formalitaeten genau festgehalten, wobei es bei den Fragen eigentlich nie um den Unfallhergang geht. Die Fragen sind groesstenteils buerokratischer Natur. Ich muss genaue Auskunft ueber meine Eltern geben, Namen und Berufe werden festgehalten. Man will meine Versicherung sehen. Ich habe natuerlich keine, praesentiere aber meine gruene Versicherungskarte und versichere, dass es sich um einen weltweiten Versicherungsschutz handelt. Leider werden auf dem Papier alle Laender mit Versicherungsschutz aufgelistet und den Namen DR Congo suchen die Polizeibeamten natuerlich vergeblich. Ich erklaere, dass es sich lediglich um Praesenzen meiner Versicherung in einigen Laendern handelt und die Allianz leider noch kein Buero in Kinshasa eroeffnet hat und man gibt sich zufrieden. Im Wesentlichen ist es vorallem wichtig man hat ueberhaupt etwas was man zeigen kann. Die gruene Versicherungskarte hat mir schon oft bei Strassenkontrollen geholfen, auch wenn die Kontrolloere kein Wort verstehen. Es sieht ausreichend offiziel aus. Die Frage die am naehesten mit dem eigentlichen Unfall zu tun hatte, war “Warum bin ich auf der Strasse gefahren”. Um auf die Hauptstrasse Richtung Matadi zu kommen, sage ich und die Antwort genuegt. “Warum sitze ich hier bei der Polizei”, beantworte ich mit “Weil ich in einem Unfall verwickelt war” und auch diese Antwort genuegt. Abschliessend werde ich darauf hingewiesen, dass ich Blut eines Mannes vergossen haette, was ein grosses Problem darstellt und was ich dazu sagen wuerde. Ich druecke meine ehrliche Anteilnahme aus, bitte instaendig um Entschuldigung und sage dass es mir sehr leid tut. Diesmal reicht die Antwort nicht aus und die Frage wird wiederholt. Ich fuege hinzu, dass ich  natuerlich bereit bin, fuer das vergossene Blut eine Entschaedigung zu zahlen. Meine angebotenen 50 Dollar werden akzeptiert und mein Opfer schreibt unter dem Diktat des bearbeitenden Polizisten, dass er sich mit der Entschaedigung einverstanden erklaert und keine weiteren Forderungen erheben wird. Eine Schuldfrage wurde eigentlich nie gestellt. Waere ich nicht hergekommen, haette es keinen Unfall gegeben, ganz einfach.

Die letzte verbleibende Formalitaet ist die eigentlich Strafe. 500 Dollar will man haben und es beginnt ein langwieriger Prozess, in dem ich versuche den Preis zu druecken. Am Ende zahle ich 100 Dollar, die direkt ins Portemonaeie des Fallbearbeiters wandern. Am spaeten Abend bin ich wieder frei und gezwungen in Kinshasa zu uebernachten.

Die Offenheit, mit der Korruption behandelt wird, ist schockierend. Bereits im Buero der Grenzbeamten habe ich mehrfach beobachtet, wie einige zur Beschleunigung des Prozesses Geld an den Leiter uebergeben haben, offensichtlich und fuer alle sichtbar, auch fuer die anderen Grenzbeamten. Man zahlt fuer einen Gefallen, eine Dienstleistung, ein Augenzudruecken wie man einem Kellner ein Trinkgeld gibt. Wer etwas fuer einen anderen tut, erwartet eine finanzielle Gegenleistung, egal ob er einen Job hat, dessen Gegenstand darin besteht eben diese Taetigkeit auszuueben. Bargeld ist hier allgegenwaertig. Jeder scheint Geld zu zaehlen, entgegenzunehmen, an andere zu uebergeben, abzuholen. Die groesste Geldnote ist ein 500 Frankenschein, etwa 60 Cent und man hantiert mit riesigen Buendeln, die staendig gezaehlt werden muessen. In der Rechnungsstelle im Hospital werden ganze Schuhkartons voller 500er Noten angekarrt. Einen Wert von 30 Euro kann ich nicht mehr im Portemonaie tragen und bin statt dessen gezwungen, mehrere Stapel Geldscheine auf mehrere Taschen zu verteilen. In der Praxis hat DRC jedoch zwei Waehrungen kongolesische Franken und Dollar. Man kann immer und ueberall mit Dollar bezahlen oder sie an zahllosen Wechselstellen gegen grosse Frankenbuendel eintauschen. Die Wechselstellen sind meist kleine Tische am Strassenrand mit grossen, aufgemalten Dollarzeichen und haeufig werden ganze Geldnotenberge darauf gestapelt. Geld, wo man hinsieht.

Korrupt und geldgetrieben sind meine zugegeben sehr einseitigen Eindruecke von Kinshasa und ich bin heilfroh am kommenden fruehen Morgen die 7-Millionenstadt zu verlassen und nach Matadi aufzubrechen.

Der Hof meiner christlichen Herberge

Der Hof meiner christlichen Herberge

In Matadi angekommen, finde ich eine christliche Mission, die in ihrem friedlichen und ruhigen Anwesen Zimmer vermietet. Es ist genau was ich brauche und ich kehre ein. Leider verwandelt sich meine entspannte Zuflucht innerhalb der Woche in eine Grundschule und ich bin umgeben von hunderten schreiender Kinder. Die Hauptlehrmethode in den viel zu grossen Klassen besteht darin, alle Kinder im Chor irgendetwas herunterbeten, nein schreien zu lassen, .. den ganzen Tag. Dennoch, meine Erleichterung hier und nicht in Kinshasa unter wiedrigen Umstaenden, umgeben von korrupten Beamten zu sein, steht weit ueber all dem Laerm.

Meine zweite Gabeldichtung ist nun ebenfalls undicht und ich kann die Reparatur nun nicht mehr hinausschieben. Das fehlende Werkzeug zusammengekauft und Spezialwerkzeug mit einfachen Mitteln aus auseinandergeschnittenen Plastetassen improvisert, kann ich loslegen. Ohne jegliches Verstaendnis fuer die Funktionsweise einer USD-Gabel, aber mit vielen guten Hinweisen aus dem Internet schaffe ich es in etwa 6 Stunden die Dichtungen auszutauschen, die Gabeln mit Automatikgetriebeoel aufzufuellen (Danke fuer den Tipp Thomas) und wieder erfolgreich zusammenzuschrauben. Ich war stolz wie ein Einschulungskind und bin gespannt obs haelt. Fuer alle KTM-Adventure-Fahrer moechte ich hier ausdruecklich die Seite www.ktm950.info empfehlen. Ohne das Internet und besonders diese hervorragende Seite waere ich schon des oefteren hoffnungslos aufgeschmissen gewesen.

Sehr gute Neuigkeiten kann ich von meinem Besuch im angolanischen Konsulat vermelden. Man war sehr hilfreich und wird uns ein Transitvisum ueber 5 Tage genehmigen. Mehr ist allerdings nicht moeglich.  Die Visaantraege haben wir bereits eingereicht (Geoff und Mark sind mittlerweile auch in Matadi angekommen). Vier Seiten mit Fragen mussten ausgefuellt werden und ein Angestellter hatte nochmals ein weiteres vierseitiges Fragedokument, das er, uns Fragen stellend, ausfuellte. Unter anderem mussten wir alle Geschwister unserer Eltern auflisten und beantworten wieviel die Anfertigung unserer Paesse in unserem Heimatland gekostet hat. Der ganze Antragsprozess nahm den gesamten Vormittag ein. Wenn alles gut geht, bekommen wir morgen unsere Visa und verlassen am Samstag DRC.

Ansonsten ist Matadi eine recht angenehme und freundliche Stadt. Ndele, das lokale Wort fuer weisser Mann, hoere ich permanent, wenn ich durch die Strassen schlendere. Jeder will mich gruessen und winkt mir zu. Alle sind freundlich, aber manchnmal wuensche ich mir nichts sehnlicher als unterzutauchen und in Ruhe die Stadt zu erlaufen.

abenteuerliche Ladenkonstruktion im huegeligen Matadi

abenteuerliche Ladenkonstruktion im huegeligen Matadi

Nach 4 Tagen in Matadi, habe ich noch keinen anderen Weissen hier gesehen. Da faellt man eben auf. Die Strassen sind voll mit wandernden Strassenverkaeufern und es ist sehr unterhaltsam, sich in eine der vielen Bars mit Stuehlen an der Strasse zu setzen und abzuwarten was einem angeboten wird. Neben den ueblichen Dingen wie Erdnuesse, Maiskolben, getrocknete Bananenscheiben, gekochte Eier, Fleischspiesse, selbstgemachte Kartoffelchips, Ananasscheiben, frittierte Teigbaelle, Waffeln, kleine Kuchen, Wurzeln zum draufrumkauen, eine Art Maden-Insektensalatmix (ganz widerlich)  und vieles eigenartige, nicht identifizierbare und in kleinen Tueten verpackte, sind hier besonders Wurstbrote der Renner. Ein Eimer mit einer Art Jagd- oder Mettwurst und ein anderer mit Brot. Die Wurstbrote werden dann auf Wunsch direkt vor Ort zusammengebaut. Aber es werden auch Waren angeboten, T-shirts, allerlei Kunstartikel, Spiegel, Taschentuecher, Zigaretten usw. und so ist es auch ohne Begleitung nie langweilig in einer Strassenbar ein Bier zu geniessen.

Mit Angola liegt unsere letzte, absehbar schwierigere Etappe vor uns und mir ist noch nicht klar, wie wir jetzt in der Regenzeit (seit dem Congo regnet es beinahe taeglich),  auf teilweise unbefestigten Strassen, innerhalb von nur 5 Tagen durch das riesige Land kommen sollen. Wir werden es herausfinden. Den kommenden Eintrag werde ich moeglicherweise erst aus dem fast 3000 Kilometer entfernten Windhoek einstellen koennen.

Vielen Dank wieder fuer eure rege Teilnahme, besonders an alle die Feedback hinterlassen. Ihr seid meine wichtigste Motivation meine Erlebnisse hier festzuhalten.

Alles fing gut und reibungslos an. Die Piste suedlich von Lambarene war das Beste, was man nach einer besseren Asphaltstrasse von einem Fahrweg erwarten kann. Dem aufwirbelnden Staub des Vorausfahrenden umgehen Geoff und ich indem wir nebeneinander fahren. Mark faehrt sowiso meist in seiner eigenen Geschwindigkeit hinter uns. Stundenlang verbringen wir so und die recht abwechslungslose Landschaft rauscht vorbei, hin und wieder unterbrochen durch aermliche Doerfer, bestehend aus Bretterbuden und Buschfleischangeboten am Strassenrand. Unterschiedlichste Affenarten, allerlei Buschviech das ich nie zuvor gesehen habe und sogar Babykrokodile haengen ausgebreitet an geeigneten Halterungen. Die Ureinwohner haben immer alles Essbare im Dschungel gejagt und sind auch in keinster Weise fuer die Bedrohung so vieler Affenarten verantwortlich. Nach meinen Informationen ist ihnen die Jagd und der Verzehr fuer den Eigengebrauch auch nicht untersagt, der Verkauf aber schon. Die Jagd und der Tausch, bzw. spaeter Verkauf, des erbeuteten Buschfleischs ist allerdings seit Generationen ein wichtiger Teil des Lebens der Einwohner, verankert in Traditionen. Waehrend ausserhalb der Nationalparks der Dschungel an den Hoechstbietenden verschachert und abgeholzt wird und viel Geld in wenige Taschen fliesst, wird der Aermste seiner Lebensgrundlage beraubt und in die Illegalitaet getrieben. Es ist haesslich und abstossend den Tot am Strassenrand zu sehen und man schaut etwas veraechtlich auf die Verkaeufer, aber das eigentliche Verbrechen passiert woanders.

Wir kommen gut voran und erreichen frueher als erwartet Ndende, den letzten groesseren Ort Gabons vor der Grenze zum Congo. Von hier aus, denken wir, brauchen wir vermutlich weitere 2 Tage nach Brazzaville. Aber es kam alles ganz anders.

p1010579-modified-in-gimp-image-editorDas Ueberqueren der Grenze gestaltet sich als langwierig. Gabon ist das erste Land, das aus unverstaendlichem Grund zwei Ausreisestempel in unseren Paessen hinterlaesst. Jede Kontrollperson ist enorm wichtig und verbringt viel Zeit damit unsere Daten auf losen Zetteln festzuhalten. Mehrere verschlossene Schranken warten auf den geeigneten Schluessel und so arbeiten wir uns Station fuer Station vor. Ausser uns scheint es niemanden zu geben, der in die eine oder andere Richtung ueber die Grenze will. Im Congo angekommen, erwartet uns ein Pfad. Mehr kann man es wahrlich nicht aufwerten. Ein ungewarteter Pfad aus gewoehnlicher Erde. Auch hier haben Autos in der Regenzeit tiefe Furchen eingefahren. Es ist ein staendiges auf und ab. In den Taelern steht das Wasser des letzen Regens und bedeckt teilweise die gesamte Strassenbreite. Bis zu 20 Meter sind die kleinen Strassenseen lang, trueb und ohne Hinweis wie tief oder steinig der Untergrund ist.
p1010562Jede Durchfahrt ist eine neue Ueberraschung und teilweise stehen wir bis zu den Knien unter Wasser, die Motorraeder bis zur Haelfte verschwunden. Langsam gewoehnen wir uns aber daran, gewinnen Vertrauen und geniessen unser Abenteuer. Unser Motorrad liegend im Matsch zu sehen, blieb uns an diesem Tag allerdings allen nicht erspaart. Abends erreichen wir Kibangou, die erste Siedlung erwaehnenswerter Groesse nach der Grenze.

Bereits morgens bemerkte ich, das ich nicht hundertprozentig fit bin, aber nicht anders als an anderen schlechten Tagen und mache mir keine Sorgen. Im Laufe des Tages macht sich allerdings eine gewisse Erschoepfung breit und ich beginne mich schwach zu fuehlen. Mein Zustand verschlechtert sich bis zum Abend und ich gehe direkt nach unserer Ankunft in Kibangou ins Bett. Bis zum kommenden Morgen entwickle ich zusaetzlich Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen. Alles deutet darauf hin, was seit unserem Aufenthalt im suedlichen Westafrika wie ein Damoklesschwert ueber mir haengt – Malaria. Ich nehme meine fuer den Notfall mitgebrachten Malarone-Tabletten und hoffe besorgt auf baldige Besserung. An Weiterfahrt ist in meinem Zustand sowiso nicht mehr zu denken. Mein Zustand verschlechtert sich stuendlich. Meine Lebenskraefte sinken im freien Fall und ich habe kaum noch die Kraft mich aufs Aussenklo zu schleppen. Als mich Geoff besorgt am fruehen Nachmittag aus meinem schaebigen Zimmer ins lokale Hospital schleift (ueberraschenderweise gabs eins), habe ich gerade noch genug Kraft, um meine Augen fuer 5 bis 10 Sekunden offen zu halten, bevor es mir zu anstrengend wird. Dort angekommen, kann ich nicht einmal mehr auf einem Stuhl sitzen. Die Diagnose Malaria wird bestaetigt. Ich nehme im Delirium war, wie mehrere Aerzte um mich herum stehen und Geoff alle Spritzen, Nadeln und Infusionsbehaelter auf ihren Neuwert ueberprueft und mir anschliessend eine Infusionsnadel in den linken Handruecken gesteckt wird. Eine Spritze pumpt etwas in mich hinein, was mich mit nahezu unertraeglichen Schmerz aus meinem Daemmer- in den Wachzustand reisst und meine Temperatur innerhalb kuerzester Zeit auf Normalniveau senkt. Ich spuere wie der Schmerz durch meine Adern meinen linken Arm nach oben kriecht. Selbst heute, ueber eine Woche spaeter, sind die Adern noch geschwollen und schmerzhaft. Mein Wachzustand haelt allerdings nicht lange an, denn im Folgenden wird mir ueber einen Tropf neben viel Fluessigkeit und Vitaminen, auch Chinin verabreicht, das aeltestete Malariamittel ueberhaupt. Wie Gift verbreitet es sich in meinem Koerper. Ich kann spueren wie es mich angreift, meine Atemfrequenz steigert, mein Gehoer anfaengt zu rauschen und meine Sicht zu flimmern beginnt. Voellig vernebelt verbringe ich den Rest des Tages im Bett meines Herbergszimmers und daemmere der Besserung entgegen. Der Infusionsvorgang wird am kommenden Tag wiederholt und ich fuehle mich langsam etwas besser, wenngleich noch sehr schwach.

Weitere zwei Naechte verbringen wir in Kibango und Mark und Geoff muessen sich irgendwie die Zeit vertreiben. 500 Einwohner leben hier, aber es gibt keinen Strom oder ein Abwassersystem. Plumpsklo und Waschen aus Eimern ist hier die Praxis. Der einzige Generator, der 24 Stunden laeuft, betreibt, wer haette es anders gedacht, den mitten im Dorf stehenden Telekommunikationsmast. Niemand besitzt ein Auto, einzig die zahlreichen mit Holz beladenen Laster rauschen durch die Stadt. Unsere Unterkunft ist ein Loch, die Zimmer dreckig mit einem Bett ohne Laken, nichts weiter. Als ich am dritten Tag genug Kraft gewonnen habe, um mir die 100 Kilometer bis in die naechste groessere Stadt, Dolisi, zuzutrauen, sind wir alle heilfroh weiterzukommen.

Mein Malariaanschlag hat mir fuer etwa drei Tage intensivste Qualen auferlegt und ich kann mich nur an sehr wenige Zustaende in meinem Leben erinnern, in denen ich mich vergleichsweise Elend gefuehlt habe. Der gesamte Koerper wird angegriffen und in Mitleidenschaft gezogen. Die Wucht mit der man umgehauen wird, ist gewaltig. Im Vorfeld der Reise habe ich mich gegen eine Prophylaxe mit Tabletten entschieden und setzte auf Vorsicht, Mueckenspray und Moskitnetz. In der Realitaet sehe ich keine Moeglichkeit sich effektiv gegen die winzigen, kaum sichtbaren Muecken zu schuetzen und hatte jeden Tag Stiche. Mit Malaria ist nicht zu spassen und wenn mich Geoff in meinem Zustand voelliger Erschoepfung nicht ins Hospital gebracht haette, wuerde ich moeglicherweise diese Zeilen hier nicht schreiben. Ich habe meine Lektion gelernt.

Dolisi liegt auf der Hauptroute zwischen den groessten Stadten Congos, Point Noir und Brazzaville. Die Michelinkarte verzeichnet die Strasse als Hauptroute im Land. Wir schlussfolgern von nun an zuegig voranzukommen und freuen uns schon auf Brazzaville. 350 Kilometer muessten in einem Tag zu schaffen sein, denken wir und brechen am kommenden Tag in der Frueh auf. Doch wieder kam es ganz anders.

Die erhoffte Strasse, die N1 oder Rue de National, ist keine. Es ist ein unbestaendiges, staendig seine Oberflaeche veraenderndes, steiniges, loechriges und matschiges Pistenmonster. Selten kommt man ueber den zweiten Gang hinaus. Die wichtigste Verbindungsstrasse im Land ist eine Schande, eine peinliche Farce von einer Strasse. Ein Land voller Rohstoffe, von Oel ueber Holz und Diamanten hat es bis ins Jahr 2009 nicht geschafft seine beiden groessten Staedte miteinander zu verbinden. Selbst Mali, ein Land ohne Kuesten, ohne nennswerte Rohstoffvorkommen und eines der aermsten des Kontinents hat es geschafft eine vernuenftige Strasse durchs Land zu ziehen. Nach 75 Kilometern ist der Tag vorbei, meine wenige Kraft aufgebraucht und wir machen frustriert in Mandingo halt. Das Interesse an uns ist gross und wir schaffen es bis zum Schlafengehen zwei Fernsehinterviews fuer lokale Fernsehsender zu geben und duerfen einen interessanten Abend mit einigen Lehrern der Schule verbringen, die uns einen Einblick in die Verhaeltnisse in Congo gewaehren. Auch am naechsten Tag schaffen wir nur 75 Kilometer und uebernachten in Mindouli, wo man uns vor den schlechten Strassenverhaeltnissen auf den kommenden 50 Kilometern bis Kinkala warnt. Wir dachten wir kennen schon alles, aber was uns am naechsten Tag erwartete, uebertraf alles, was wir in Afrika bislang gesehenen, bzw. ueberhaupt fuer moeglich gehalten haetten.

p1010597Es wird matschig. Langsamer als an den Vortagen wuehlen wir uns durch teils tiefen Schlamm und muessen uns nacheinander gegenseitig helfen, um Anstiege zu erklimmen. Teilweise muss ich meine Koffer abbauen, um durch die engen ausgefahrenen Furchen zu passen und dann separat tragen. Wir muessen die Motorraeder aus festgefahrenen Situationen herausheben und sauen uns von Kopf bis Fuss mit Schlamm ein. Die Strasse verliert sich an manchen Stellen in zahllose Spuren, die die Laster vor uns auf der Suche nach einer besseren Durchfahrt hinterlassen haben. Jeder LKW ist mit mehreren Leuten besetzt, die in den Schikanen Aeste mit Blaettern abschneiden und Holz sammeln, um sie dem festgefahrenen Wagen vor die Raeder zu schmeissen. Jeder Anstieg wird zur Arbeit fuer alle und wenn es der Laster schafft, sich aus einer Mulde herauszuwuehlen, ist die Mulde 20 cm tiefer als sie vorher war. Hin und wieder versperrt uns ein LKW den Weg und wir schauen dem muehsamen Prozess zu. Wir koennen es nicht fassen, welch riesiger Aufwand damit verbunden ist, Gueter hier von A nach B zu bringen. Nichteinmal die Grundvoraussetzung fuer Handel oder das entstehen einer Wirtschaft sind hier geschaffen.

p10105621Wir erreichen eine Schlange von etwa 10 LKWs, die sich nicht bewegen. Das ist nicht gut, denke ich und ueberlasse es Mark und Geoff an den Anfang zu gehen und nach dem Grund zu suchen. Ich spuere erste Erschoepfungserscheinungen und merke, dass ich noch nicht ganz im Vollbesitz meiner Kraefte bin. Das schwere Motorrad inkl. Gepaeck durch dieses Terrain zu bewegen und die Motoraeder der Anderen durch schwierige Passagen zu schieben, kostet viel Kraft. Am Anfang der Schlange verliert sich die Strasse in unpassierbare Mondlandschaft. Hier ist kein Durchkommen mehr moeglich. Auf nicht absehbarer Laenge wird die Strasse durch schweres Gefaehrt wieder in Stand gesetzt. Wie lange es dauern wird, bis der naechste LKW passieren kann, weiss man nicht. Man wartet eben und die ersten warten bereits vier Tage darauf. Wir haben Glueck, es gibt eine Umfahrung, die fuer LKWs unbefahrbar ist, fuer uns aber kein Problem darstellt und erleben eine der schoensten Pistenfahrten bisher durch die rollende Huegellandschaft, um 15 Minuten spaeter wieder auf die Hauptroute zurueckzukommen.
p1010562-iiGuten Mutes setzen wir unseren beschwerlichen Weg fort, um wenig spaeter auf die naechste LKW-Schlange zu treffen. Diesmal laufe ich den Weg an den Anfang ab, um nach Moeglichkeiten zu suchen, vorbeizukommen. Es sind viel mehr LKWs hier und es herscht ein buntes Treiben. Hier und da sind Feuer und Kochstellen, ein kleiner Trampelpfand ist bereits ausgetreten, Leute sitzen in groesseren Gruppen, hoeren Musik aus Kofferradios und trinken Wein und am Anfang schaufeln etwa 20 Maenner in mehreren tiefen Loechern. Irgendwo hier gab es mal eine Strasse. Die Ersten warten seit einer Woche auf ihre Weiterfahrt! Es ist schwierig vorbeizukommen, aber nicht unmoeglich, denke ich und mit der Hilfe der Anwesenden manoevrieren wir uns langsam und unter irrsinnigen Kraftaufwand auf die andere Seite, wo sich die Laster in die andere Richtung stauen. Ich befinde mich kurz vor der totalen Erschoepfung und mich beginnt der Mut zu verlassen, dass ich genug Kraft aufbringen kann, das Motorrad hindurchzukaempfen. Langsam geht auch das Wasser zur Neige, wir haben wenig Essen und die Zeit rennt davon. Wir erholen uns kurz, hoffen auf Besserung der Strassenverhaeltnisse und fahren weiter. 1 Kilometer. Die naechste Schlange. Ich haette heulen koennen. Einen Kraftakt wie bei der letzten Durchquerung glaube ich nicht mehr aufbringen zu koennen und mich erfaesst Angst, dass ich das Motorrad aufgrund meiner Schwaeche nicht mehr durch die kommende Schikane bekomme. Und was ist, wenn es diesmal keinen Weg vorbei gibt und wir mit den Fahrern festsitzen? Zum ersten Mal auf meiner Reise wuenschte ich fuer einen Moment, ich waere nicht hier, frage mich warum ich mir das antue. Zusaetzlich sind wir natuerlich immer eine grosse Attraktion, werden umringt und befragt, um Geld und Zigaretten gebeten und auffaellig viele laufen dabei mit automatischen Gewehren herum. Die Rebellengefahr ist nach wie vor gross sagt man uns. Die Situation beginnt mich zu ueberfordern und meine Bereitschaft positiv auf meine Umwelt zu reagieren sinkt gegen Null. Geoff und Mark suchen nach einer Loesung. Diesmal sieht es schlecht aus. Es fuehrt kein offensichtlicher Weg vorbei und in der Schikane in der Mitte der Strasse versucht ein riesiges Raupenfahrzeug einzeln die grossen Laster durch den Dreck zu ziehen. Ein paar Haeuser stehen am Strassenrand und ein Einwohner bietet uns an, uns fuer ein wenig Geld hindurchzuhelfen. Geoff besichtigt die vorgeschlagene Route und wir willigen ein. Es ist abenteuerlich und nur mit der Hilfe aller moeglich und fuehrt uns durch Haus und Hof unseres Helfers. An einer unueberwindbaren Stelle graebt man uns extra einen Pfad, der uns zurueck auf die Strasse fuehrt. Wir schaffen es.

Der Rest des Weges ist nicht viel einfacher und nach dem Matsch erwartet uns auch noch Sand. Da sehe ich es ploetzlich vor mir. Asphalt. Eine Strasse erwaechst aus dem Sand, neu, schwarz, eben. Wer es nicht erlebt hat, wird es nicht nachvollziehen koennen, aber ich spuere eine sofortige Ausschuettung von Glueckshormonen. Mein Herz springt, mein Atem wird schneller, ich heule fast vor Freude und gebe Gas, rase wie ein verrueckter auf die Strasse zu. Dort angekommen, halte ich, setze den Helm ab, falle auf die Knie und kuesse den Belag. Mark und Geoff tun es mir gleich.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit ereichen wir auf dem Zahnfleisch Kinkala. 60 Kilometer haben wir heute geschafft. Dieser Tag hat uns alle bis ans Aeusserste getrieben und unsere Grenzen aufgezeigt. Ohne die gemeinsame Anstrengung, waere es nicht moeglich gewesen. Wir sind stolz, befriedigt und heilfroh, die Piste hinter uns gelassen zu haben. Wir stossen auf den Tag an (ich mit Cola) und entscheiden, dass wir nie diese Route gewaehlt haetten, wenn aus unseren Karten ersichtlich gewesen waere, wie schlecht die Strasse ist. Jetzt da es aber hinter uns liegt, war es eine der wertvollsten und abenteurlichsten Etappen unserer Reise.

Am kommenden Vormittag schuettet es stundenlang aus allen Wolken. Der gestrige Weg waere heute auch an den besseren Passagen fuer uns unpassierbar gewesen. Hoffnungslos aufgeweicht. Die schwierigen Schikanen waeren fuer uns genauso zur Blockade geworden wie fuer die vielen LKWs. Wir haetten durchnaesst festgesessen – eine Woche, zwei? Die Vorstellung ist erschreckend und beklemmend. Wir hatten irrsinniges Glueck mit dem Wetter. Hier gibt es keine Garantien, alles kann sich so schnell aendern. Wir haben auf unserem Weg seit Dolisi oft gefragt, wie lange es dauert nach Brazzaville zu kommen und haben sehr viele verschiedene Antworten erhalten. Jetzt nachdem wir es gerade hinter uns gebracht haben, koennten wir selbst keine Antwort geben.

Brazzaville ist nicht unbedingt die Belohnung, die wir uns fuer unsere Anstrengung erhofft haetten, aber es ist eine stressfreie und entspannte Stadt. Fliessend Wasser und Strom kann man uns auch hier in den ueberteuerten Hotels nicht garantieren und die Strassen in den Aussenbezirken haben teilweise Loecher, als waeren Meteoriten eingeschlagen. Dreck und Muell findet man hinter jeder zweiten Ecke und stinkende Baeche fliessen durch Berge von Plastetueten, Dosen und Flaschen. Neue Buerogebaeude stehen neben im Krieg zerbombten und verlassenen Baracken und der Zentralpark ist wie es aussieht seit langer Zeit eingezaeunt. Es ist teuer hier und wenn man abends durch die Strassen schlendert sieht man mehr kaeufliche Frauen als nicht kaeufliche. Das Schoenste ist der Blick ueber den Congo nach Kinshasa bei Nacht. Die deutlich groessere Metropole auf der anderen Seite des Flusses leuchtet mit vielen hohen Haeusern, die sich im Fluss spiegeln. Brazzaville und Kinshasa sind im uebrigen die am naehesten zusammenliegenden Hauptstaedte weltweit.

Nach Kinshasa zu gelangen, ist unser naechstes Ziel. Die Visa haben wir gleich als erstes beantragt. Nach mehrmaligen Vorsprechen und Erklaeren, was wir denn tun und warum wir nach DR Congo wollen, hat man uns aber die Paesse inklusive der ersehenten Visa ausgehaendigt. Auf der Reise muessen wir jetzt nur noch ein Visum benatragen und in eine Botschaft gehen. Angola ist das letzte Land auf unserer Route mit Visumspflicht. Leider muessen wir etwa eine Woche hier in Brazza verbringen, da wir auf Teile fuer Geoffs Motorrad warten muessen, dass mehrere Probleme entwickelt hat. Die KTM haelt sich derweil halbwegs gut. Mein Federbein hinten verliert jetzt ebenfalls Oel, aber ich kann bislang keine dramatischen Unterschiede feststellen. Ich nehme an, dass es sich im Laufe der Zeit verschlechtern wird. Bei einem Sturz habe ich mir die Halterung eines Koffers abgerissen und muss diesen jetzt mit Spanngurten festzurren, etwas nervig, aber nicht weiter dramatisch.

Congo hinterlaesst kein gutes Gefuehl. Man spuert dass das Land in der Hand einer Elite ist, die ein Vorankommen des Landes verhindert. Es gibt viele die denken die Rebellen, die im letzten Krieg aufbegehrt haben, hatten richtige, gute Gruende. Es mangelt an den grundlegensten Dingen, aber man sieht keine Bewegung, keine Baustellen nur Notreperaturen. Die Rohstoffe des Landes werden ausgebeutet, aber das Geld versickert in korruptiven Strukturen und landet vermutlich zu groesseren Teilen in der Schweiz. Wie immer sind es vorallem die Menschen die begeistern, hier in Congo mehr noch als anderswo. Leider habe ich waehrend meiner Krankheit viel von der Hilfsbereitschaft und Offenheit verpasst, aber auch ich konnte spueren wie sehr wir hier willkommen waren.

Sobald Geoff sein Motorrad repariert hat, setzen wir nach Kinshasa ueber, um dann direkt nach Matadi an der angolanischen Grenze zu fahren und hoffentlich dort unser Visum fuer Angola zu bekommen. Angola ist der letzte Teil des “rauhen” Afrikas, der noch vor uns liegt und den wir aufgrund der zeitlichen Beschraenkung des Transitvisums innerhalb von 5 Tagen durchfahren muessen. Namibia, Botswana und Suedafrika versprechen sozusagen einen sanften Ausklang und, in aller Offenheit, “sanfter Ausklang” klingt in meinen Ohren gerade richtig gut.

Das Ueberqueren einer Grenze und Eintauchen ins neue Land ist immer mit ein wenig Aufregung verbunden. Gerade erst hat man sich an die Gegebenheiten eines Landes gewoehnt und weiss was ist erlaubt und worauf wird geachtet, faengt das Kennenlernen nach dem Ueberqueren einer Grenze wieder von vorne an. Alles kann sich aendern und haeufig waren die Unterschiede zwischen den Laendern, deren Grenzen einst nur auf dem Schreibtisch festgelegt wurden, dramatisch. Zunaechst ist die Grenzueberquerung der erste Eindruck der neuen Welt und Grenzbeamte sind die ersten Repraesentanten eines jeden Landes. In Gabon gehen wir ins Immigrationsbuero direkt am Grenzfluss und finden einen etwas zu gut ernaehrten Beamten vor, der oben ohne, mit aufgeknoepfter Hose an seinem Schreibtisch sitzt und gerade von einem jungen, zierlichen Mann massiert wird. Direkt neben dem Schreibtisch liegt eine Matratze und der Fernseher laeuft, waehrend ein zweiter Beamter mit Fussbaltrikot am Nachbartisch sitzt und Musik aus seinem Handy hoert. Viel Durchgangsverkehr herscht hier nicht und unser Erscheinen ist eine spuerbar ungewoehnliche Begebenheit. Etwas lethargisch aber freundlich werden die Formalitatetn erledigt, bevor wir ins Landesinnere entlassen werden und man sich wieder den eigenen Vergnuegungen widmet.

Die Durchmischung von Privat und Geschaeft ist im uebrigen nicht ungewoehnlich und die Nutzung eines groesseren Teils der Arbeitszeit fuer private Belange selstverstaendlich. Fernseher und Musik in Hotels oder Restaurants sind grundsaetzlich zur Unterhaltung der Angestellten vorhanden und die Lautstaerke ist auf deren Beduerfnisse (meist ist alles sehr laut) eingestellt. Wenn gerade etwas Wichtiges in den beliebten Seifenopern passiert, arbeitet praktisch keiner mehr und wenn man sich erlaubt zu fragen, wann denn nun der vor 20 Minuten bestellte Kaffe kommt, kriegt man tatsaechlich die Antwort “Ich schaue grad fern” zurueck. Im Buero von Western Union muss ich mich gedulden, bis der Bearbeiter die Audio-CDs fuer seine Freundin fertiggebrannt hat, den Mann im Supermarkt muss ich aufwecken, bevor er mir etwas verkauft und wenn bei irgendjemanden das Handy klingelt, ist sowiso fuer die Zeit des Gespraechs erst einmal alles vorbei, egal mit wem man es zu tun hat und was dieser gerade getan hat. Nichts hat hoehere Prioritaet als das Handy.

am Equator

am Equator

Viel ist zunaechst nicht anders hier in Gabon, stellen wir fest. Der uns umgebende Dschungel ist noch dichter. Graeber und Grabsteine findet man inmitten der Haeuser und ohne Begrenzung direkt am Strassenrand, als wollte man die Toten direkt am Leben teilhaben lassen. Es wirkt ein wenig verlassen auf den ersten Kilometern, ein Eindruck, den wir auch im Rest unserer Landesdurchquerung bestaetigt finden. 1,4 Millionen Menschen, von denen fast die Haelfte in der Hauptstadt Libreville wohnt, sind im Verhaeltnis zur Flaeche des Landes geradezu mickrig. Am Rande der Strassen findet man zwar viele Haeuser und Doerfer, aber haeufig wirkt es leer und unbewohnt. Auch die Strassen sind praktisch unbefahren. Es arbeiten mehr Leute am Strassenrand als Autos fahren. Die Strassenarbeiter haben alle Haende voll zu tun, dem Vordringen des Dschungels Einhalt zu gebieten und schneiden Graeser und Gebuesch. Das liegengelassene Gras wird spaeter nach dem Trocken verbrannt. Zum Trocknen hat das Gras jedoch nur wenig Zeit, denn die Trockenzeit in Gabon betraegt nur 2 Monate (Dezember und Januar). Trockenzeit heisst hier aber auch nur, dass es etwas weniger regnet. Aus touristischer Sicht ist Gabon irrsinnig teuer. Das wenige was es an entwickeltem Tourismus hier gibt, ist einer gut betuchten Schicht vorbehalten. Luxus-Oekotourismus koennte man es nennen. Umweltvertraegliche hochwertige Hoteleinrichtungen in den Parks, ohne wirkliche Alternativen, sind fuer Preise zwischen 200 – 400 Dollar die Nacht zu haben. Aber es scheint sich zu entwickeln, denn vor Ort finden wir haeufig ein weit groesseres Angebot an bezahlbaren Hotels, als in unseren Reisfuehrern erwaehnt ist. Die meisten der 13 Parks (10% der Landesflaeche) sind fuer den Tourismus jedoch (noch) unerschlossen. Das touristische Potential ist enorm und die Vielfalt der Pflanzen und Tiere atemberaubend. Nilpferde und Elefanten am Strand, Schimpansen und Gorillas in den Waeldern, Wale und Delphine vor den Kuesten, Riesenschildkroeten, Bueffel, die Liste ist scheinbar endlos. Zeit und Geld muss man jedoch mitbringen und beides sind rare Gueter eines Abenteuermotorradfahrers auf der grossen Tour mit fernem Ziel. Die Luftfeuchtigkeit ist nicht mehr zu uebertreffen. Hier in Lambarene fuehlt es sich kurz nach einem Regen an, als muesste man nur die Arme ausbreiten und koennte sich fortan schwimmend weiterbewegen. Die Feuchtigkeit spuert man auch in den Haeusern und Hotels und die Zimmer fuehlen sich immer mehr oder weniger klamm an.

Wir goennen uns auf dem Weg nach Sueden einen Abstecher zu einem Nationalpark, dem Lope Nationalpark. 115 Kilometer recht steinige Piste und zurueck sind der Preis und wir werden gruendlich durchgeschuettelt. Geoffs Federbein gibt den Geist auf (ausnahmsweise mal ein Schaden der nicht mit meinem Motorrad zusammenhaengt) und vermiest ihm verstaendlicher Weise den Ausflug. Landschaftlich hat es es sich aber gelohnt. Der Dunst, der in Kamerun ueber allem haengt und jegliche Sicht verhuellt, ist verschwunden und wir schauen in die Weite, ueber gruene Wiesen und dichte Waelder, ueber Fluesse und Felsen. Waeren da nicht die Holztransporter mit ihren riesigen geladenen Baumstaemmen, die uns geradezu selbstmoerderisch schnell entgegenrasen und dann in undursichtige Staubwolken einhuellen, waere die Fahrt ein ungetruebter Genuss. Das Holzgeschaft boomt und was nicht Nationalpark ist, wird gnadenlos platt gemacht. Wer erstmal den Reichtum eines Regenwaldes mit eigenen Augen und Ohren wahrnehmen durfte, koennte heulen. Regenwald waechst nicht mal eben so nach und anpflanzen kann man ihn schon gar nicht. Abgeholzter Regenwald ist verloren. Schaut man in die Kabinen der Laster, sieht man erstaunlicherweise keine Schwarzen, sondern Chinesen. Ueberall in Afrika sind sie, bestaetigt mir Lawrence, ein Suedafrkianer und fuegt hinzu, dass die Chinesen an erster Stelle stehen was den weltweiten Holzexport angeht, gefolgt von Frankreich mit einem SECHSTEL des Volumens (Die Zahlen habe ich nicht validiert und koennen variieren). In Kamerun bauen die Chinesen sogar extra die Strassen.

p1010506-modified-in-gimp-image-editorEingestaubt von Kopf bis Fuss kommen wir in Lope an und muessen erfahren, dass es kein Benzin gibt. Auf den etwa 500 Kilometern seit der Grenze gab es genau 2 Tankstellen mit Benzin, beide in einer Stadt (Oyem) und ich fahre bereits auf Reserve. Eine Rueckfahrt ohne Tanken ist nicht moeglich. Es gibt eine Frau in der Stadt, die Benzin hat, aber kein Offizielles, erfahren wir und jemand rennt los, um sie zu holen. Das eh minderwertige Benzin wird hier weiter mit Ethanol gestreckt und dann zu einem Drittel teurer verkauft, als an den wenigen offiziellen Tankstellen im Land. Das ein moderner KTM-Motor mit solch einem Gemisch umgehen muss, hat sicher keiner der Ingenieure bei KTM bedacht, denke ich und schuette das Zeug in meiner Not aus einem Eimer in meinen Tank.

Lope Nationapark

Lope Nationapark

Waehrend Geoff sich mit seinem Federbeinproblem beschaftigt und Mark bereits den Rueckweg angetreten hat, goenne ich mir einen Fuehrer und begebe mich auf einen dreistuendigen Ausflug in die Berg- und Waldwelt des Nationalparks. Wir erklimmen die mit Wiesen bewachsenen Berge und sind innerhalb kuerzester Zeit voellig durchnaesst, als haette ich mich mitsammt meiner Klamotten unter eine Dusche gestellt. Das Geld und die Kamera in der Hose sind nass und mir tropft der Schweiss von den Handgelenken. Es ist unfassbar. Kaum ueberschreiten wir jedoch die Grenze zum Wald aendert sich die Temperatur drastisch. Es fuehlt sich 10 Grad kaelter an. Ich friere fasst. Wir sind umgeben von einer Vielfalt von Geraeuschen, die das Ohr zu ueberfordern scheinen. Man kann den Tierreichtum geradezu hoeren. In der kurzen Zeit sehen wir 3 verschiedene Affenarten, unter anderem Schimpansen, die vor uns Reisaus nehmen und spater ein lautes Affenkreischkonzert geben. Ich musste gleich an Miles denken (fuer Insider). Ich haette stundenlang durch das magisch anmutende Dickicht streifen koennen, laege nicht die weite Rueckfahrt ueber die Piste und nach Lambarene vor uns.

Auf der Fahrt dorthin vergebe ich der Strasse zwischen Ndjole und Bifoun die Asphaltfahrspasshoechstwertung. Perfekter Belag, idealer Kurvenradius, kaum Verkehr und mitten durch den tiefsten Dschungel. Nur das Atlasgebirge in Marokko mit seinen atemberaubenden Blicken und genialen Strassen kann damit bislang mithalten. Vor Spass in den Helm kreischend, schwinge ich mich durch die Kurven. Was ist befreiender und vollkommen einnehmender als Motorradfahren? Man tut nichts und denkt an nichts anderes als an das was man gerade in diesem Moment tut. Motorradfahren. Wie in einem Rausch fliege ich von links nach rechts, in perfekter Einheit mit der Maschine. Bremsen, Schalten, Kuppeln, Gasgeben, alles geschieht wie von selbst, automatisiert in tausenden von Fahrstunden.

Zum ersten Mal seit Mali macht es mir wieder richtig Spass der lokalen Musik zuzuhoeren. Sie geht ins Blut, hat viel Bass und Rythmus und macht einfach richtig Spass. Afrikanisch ist sie und mit Druck und Energie und einer riesigen Portion Lebensfreude erfuellt, dass man sofort mitgerissen wird. Naja ich zumindest. Geoff und Mark haben kein Ohr dafuer. Abenteuerlust schliesst fuer mich allerdings die Musik hier ein und ich lasse mich gern darauf ein. Musik und Tanz ist einer der wichtigsten Teile des afrikanischen Lebens und wir muessen laecheln, als wir zum aktuellen Gaboncharthit, von Tsamba Maroute, schon die ganz Kleinen, die kaum stehen koennen, etwas unbeholfen aber durchaus musikinspiriert mithopsen sehen.

Wir besuchen das Albert Schweitzer Hospital in Lambarene. Fasziniert bestaune ich das Lebenswerk eines bewundernswerten Mannes, der es am Anfang des letzen Jarhunderts vollbracht hat, unter schwierigsten Bedingungen, moderne Medizin in einer von mystischen Glauben dominierten Welt zu etablieren. Ich nehme mir vor, nach meiner Rueckkehr mehr ueber den Nobelpreistraeger zu recherchieren, waehrend ich durch die liebevoll erhaltenen Raeume des Doktors schlendere.

Wahrend Mark und Geoff versuchen ein paar Dollars zu tauschen (es ist ein wenig schwierig hier an Geld zu kommen), stehe ich auf dem kleinen Parkplatz des Hospitals und beobachte geballte und dunkle Wolkenformationen auf mich zurasen. Wind kommt auf und die alten Blaetter der pausenlos Gruen erzeugenden tausenden Baeume, werden durch die Luft gewirbelt. Grosse, schwere Wedel werden von den Palmen gerissen und schlagen auf die Metalldaecher der Bungalows. Innerhalb weniger Minuten wird es dunkel. Ich kann die Wassermassen ueber mir foermlich spueren, so erdrueckend schwer und tief ziehen sich die Wolken ueber mir zusammen. Als wuerden sie sich oeffnen und mich einfach verschlingen wollen, denke ich und mich ergreift ein beklemmendes Gefuehl. Ich mag Gewitter, liebe sie sogar, aber das hier – das ist eine andere Kategorie. Die Kraft die sich ueber uns zusammenballt ueberwaeltigt mich, aber ich geniesse die Intensitaet der Naturgewalt und mich ueberkommt eine Gaensehaut. Weltuntergangsstimmung.

Wir springen auf die Motorraeder und versuchen dem Sturm zu entkommen. Auf einer der Bruecken angekommen, sehen wir, dass die Flussufer bereits aus der Sicht verschwunden sind. Wolken, Regen, Baeume und Fluss sind eine einzige dunkelgraue Masse. Kurz bevor wir das rettende Hotel erreichen haemmert der Regen auf uns herab, als gaebe es kein morgen. Wir sind in der kurzen Trockenzeit und erleben den dritten Regenguss seit unserer Ankunft in Lambarene vor 15 Stunden. Ich denke an die nicht asphaltierten Pisten auf dem gut 650 Kilometer langen Weg nach Brazzaville in Congo und mir wird etwas unwohl. Schlamm gehoert neben Sand zu den groessten Feinden des Motorradfahrers und kann die Reisegeschwindigkeit auf ein Bruchteil reduzieren. Eine sonst einfache Strasse wird zur kraftraubenden Herausforderung. Michael, ein Deutscher, der am 1.12. hier eingeflogen ist, um mit dem Motorrad nach Angola zu fahren (wir wollten ihn eigentlich treffen, waren aber 1.5 Monate zu spaet dran :) ), ist auf die gleichen Wetterverhaeltnisse gestossen. Nach 3 Wochen packt er seine Sachen und fliegt wieder zurueck. “I was to afraid to go alone. the rain is overwhelming. … all f..d up.” schreibt er uns spaeter in einer email.

Sollte sich das Unwetter beruhigen, werden wir morgen Richtung Congo aufbrechen. In Abhaengigkeit der Strassenverhaeltnisse muessten wir fuer den Weg etwa 2 bis 5 Tage benoetigen. Gute Nachrichten haben wir derweil von Alex, einem uns voraus fahrenden Russen, erhalten. Dieser ist bereits in Suedafrika angekommen und hat erfolgreich sowohl DRC als auch Angola durchquert. Leider hat er uns die Visadetails verschwiegen, aber wir sind sicher, was er kann, koennen wir auch. Mein naechster Bericht kommt hoffentlich aus Brazzaville. Danke fuers Mitlesen und bleibt weiter dran.

Ein frohes neues Jahr wuensche ich euch aus Yaounde, Kamerun. Nach meinem etwas misslungenen Sylvesterabstecher nach Kribi, im Suedwesten des Lands, verbringen wir jetzt einige Tage in der Hauptstadt, um Visa fuer die kommenden Laender zu beschaffen.

ohne Worte

Bohrinsel und Piroge - der ganze Kontrast in einem Bild

Mit wunderschoenen, teils einsamen Palmenstraenden und entspannter Atmosphare erfuellt Kribi meine Erwartungen an ein tropisches Strandparadies voll und ganz. Ein Geheimtipp ist es allerdings laengst nicht mehr und so finde ich mich umgeben von weissen und fetten Maennern in Begleitung schwarzer Schoenheiten wieder. Es ist unaestaetisch und geradezu beschaemend, mitanzusehen, wie viele der weissen, uebergewichigen Urlauber unbeholfen den Strand entlang schwabbeln und ich frage mich was der vorbildlich gebaute Kellner neben mir wohl denkt, wenn sein Blick ueber die teils verbrannten Fettmengen schweift. Die Hotel- und Essenpreise liegen hier auf zwei- bis dreifachem Landesniveau, was meinem Bestreben meine Ausgaben zu reduzieren, nicht gerade entgegen kommt. Abends kommt ein Gruppe Pygmaeen in den Hotelhof, die sich trommelend und tanzend vor einem schwerfaelligen Publikum verausgaben, das, unsensibel fuer Rythmus und Musik, ausschliesslich damit beschaeftigt ist, mit dicken Fingern grosse Krabben von ihrem Inhalt zu befreien. Baeh.. ich fuehle mich deplaziert und suche mir stattdessen fritierte Bananen, pufferaehnliches Gepaeck und Fleischspiesse bei den Essensstaenden am Stadtstrand. Meine Bekannten aus Limbe, die mich ermutigt hatten hier vorbeizuschauen (und auch das Hotel empfahlen) erschienen erst am spaeten Sylvesterabend, um mir dann mitzuteilen, das fuer eine geradezu utopisch hohe Summe ein Essen in einem besseren Hotel reserviert wurde. Ich sage dankend ab und traeume bereits friedlich, wenn das neue Jahr seinen Anfang nimmt. Dennoch, meine Fahrt durch den Dschungel nach Campo, der letzten Siedlung vor Equatorial Guinea, auf teils schwieriger Piste, aber ausnahmsweise ohne Gepaeck, war trotz der eingeschraenkten Funktionalitaet meiner Gabel ein riesen Spass. Ich gewinne zunehmend Vertrauen in mein Offroadfahrkoennen und geniesse es die recht schwere Maschine flink und vorausschauend durch teils anspruchsvolle Abschnitte zu bewegen. Nach etwa 160 stehend verbrachten, vollkonzentrierten Kilometern, spuert man abends jeden Muskel (besonders unterer Ruecken) und eine enorme Erschoepfung. Allen Motorradfahrern da draussen, die sich lediglich auf glattem Asphalt aufhalten, sei gesagt, ihr verpasst eine ganze Welt auf zwei Raedern.

Motorradfahren hat hier noch einen zusaetzlichen Ruhebonus. Es gibt immer jemanden der guckt, kommt, pfeifft, ruft, fragt oder winkt. Man befindet sich immer im Zentrum der Aufmerksamkeit und an manchen Tagen ist es einfach zuviel. Waehrend man faehrt, ist man jedoch immun. Die Bewegung schafft einen Abstand, der manchmal noetig ist und an einigen Tagen, wenn sich zu grosse Mengen um uns ansammeln, fuehlt sich das Aufsetzen des Helmes, das Anlassen des Motors und das Beschleunigen in den ersten Gang fasst wie eine Befreiung oder Flucht an. Meistens aber geniesse ich den Kontakt zur Umwelt und ich stelle erstaunt fest, wie dick meine Haut gegenueber dem staendigen Ansturm auf meine Person geworden ist. Nach drei Monaten in Afrika bringt micht fast nichts mehr aus der Ruhe. Solange man bereit ist, sich auf die Situationen einzulassen, mit den Leuten redet, statt genervt zu reagieren, Interesse und Respekt zeigt, statt von oben herab zu schauen und vorallem laechelt und freundlich bleibt, wird man mit positiven Erfahrungen belohnt. Selbst anfangs scheinbar negative oder gar aggressive Begegnungen haben sich am Ende bislang fast immer in Wohlgefallen aufgeloesst. Gleiches gilt auch fuer den Verkehr. Wenn man nicht dagegen ankaempft und an eigenen Regeln festhaelt, sondern sich auf die Gewohnheiten und den Fahrstil vor Ort einlaesst und mitschwimmt, verlieren auch katastrophale Strassenschlachten in Nigeria oder einigen Hauptstaedten Westafrikas ihren Schrecken. Ampeln, Strassenrichtungen, Fahrspuren oder Geschwindigkeitsbegrenzungen, hier sind das alles nur Vorschlaege. Wenn man lernt in welchem Rahmen die Vorschlaege Beachtung finden, wird das moegliche Verhalten andererer Verkehrsteilnehmer vorhersehbar und man genehmigt sich selbst die gleichen Freiheiten in der Auslegung der Richtlinien, wissend, dass auch das eigenen Verhalten nicht auf Ueberraschung bei den anderen stossen wird.

Benzin am Strassenrand

Benzin am Strassenrand

Die entspannte Fahrt nach Yaounde am Neujahrstag fuehrt mich vorbei an aufgebauten Staenden, haeufig alte Tonnen mit Brettern als Ablageflaeche, auf denen die fuer die Dorfbewohner zugaenglichen Waren praesentiert werden. Meist handelt es sich hierbei um Kokosnuesse, Bananen, Rueben, Holz, Papaya usw.. Haeufig wird Benzin in Flaschen am Strassenrand aufgebaut. Tiere, bzw. Fleisch und Fisch haengen in den meisten Faellen an Seilen und baumelen im Wind. Streng verboten aber traurigerweise Realitaet, sehe ich auch tote Affen, die auf diese Weise zum Verkauf angeboten werden. Bushmeat (Buschfleisch) heisst das hier, was nicht nur Affen beinhaltet, sondern im Grunde alles was man im Urwald fangen kann.

gefangene Python

gefangene Python

Bewegt man sich in erster Linie auf ausgetreten Pfaden und in Staedten, vergisst man manchmal wie gross hier die Tiervielfalt ist. Jenseits der bewohnten Gebiete von Ostnigeria bis Gabon lebt eine der weltweit groessten Populationen unterschiedlichster Affensorten. Vom Drill und Mandrill, ueber Baboon bis Chimpansen und sogar Gorillas gibt es auch Arten, die nur hier existieren. Viele davon sind durch Wilddiebe und Abholzung bedroht. In Limbe konnte ich eine sehr beeindruckende Affenzuflucht besuchen, das Limbe Wildlife Sanctuary, die eine mittlerweile grosse Menge der oben erwaehnten Arten aufgenommen hat. Es werden lediglich Tiere beherbergt, die von Wilddieben beschlagnahmt werden. Es wird versucht, den beschlagnahmten Tieren wieder den Weg in die Freiheit zu ebnen, aber viele verbleiben, ohne Lebensraum bzw. verstoert, in der Obhut der Zuflucht. Waehrend ich die Gorillas beobachte, hoere ich am Kaefig der Papageien (ueber tausend Stueck wurden beim Versuch sie in Ausland zu schmuggeln, beschlagnahmt) viel Geschrei von mehreren Maennern. Angezogen von der Aufregung gehe ich hinueber und sehe, dass sie eine nicht zur Zuflucht gehoerende, sondern freie etwa fuenf Meter lange Python gefangen haben. Stolz, geradezu elektrisiert und mit einer Art Siegeslied ziehen die Maenner an mir vorbei. Die Schlange wird in einem von Menschen unbewohnten Gebiet wieder freigelassen, sagt man mir spaeter und mir wird bewusst, was sich tatsaechlich alles in unmittelbarer Naehe zum Strassenrand verbirgt.

Yaounde

Yaounde

In Yaounde werde ich an einer Tankstelle von Wein trinkenden, stark angeheiterten Angestellten empfangen, die mir ein Glas mit Wein in die Hand druecken, bevor ich meinen Helm absetzen kann. Ein grosser, draussen aufgebauter Lautsprecher pustet mir lautstark den gerade hier beliebtesten Charthit aus der Elfenbeinkueste entgegen und ich schaukele froehlich mit meinem Wein mit. Besser konnte mein Empfang nicht sein. Es ist der 1. Januar und Feiertag und wer arbeiten muss, feiert eben trotzdem. Yaounde ist fuer eine Hauptstadt sehr entspannt und grosszuegig angelegt. Es verteilt sich auf mehrere gruene Huegel, liegt auf etwa 750 Meter ueber dem Meer und ist sehr angenehm temperiert. Zahlreiche Restaurants und Strassenverkauefer mit allerlei Obst, Snackshops und Supermaerkte, es gibt wenig was es nicht in unmittelbarer Naehe gibt. Besonders erwaehnenswert sind die herausragenden Patisserien. Selbst in Marokko habe ich nichts vergleichbares gesehen. Neben einer grossen Auswahl an unterschiedlichen Broten und Baguettes gibt es in erster Linie Torten, Gebaeck, Kekse, Kuchen, Sahnebizees, Zuckerschneken, Pfannkuchen (Berliner), einfach alles was das Schlemmerherz begehrt. Auch die Supermaerkte sind ueberraschend gut ausgestattet. Neben den ueblichen lokalen Produkten gibt es zu teilweise deftigen Preisen ein nahezu lueckenloses Angebot importierter Waren, vom franzoesischen Camembert ueber italienischen Wein bis zu amerikansichen Suesswaren. Sowohl Patisserien als auch die Topsupermaerkte sind natuerlich der wohlhabenden Schicht vorbehalten, die hier etwas groesser zu sein scheint. Interessant ist im Uebrigen, dass alle groesseren Supermaerkte von Libanesen gefuehrt werden, nicht nur hier in Kamerun, sondern ueberall in Westafrika. Mehr zu den Hintergruenden kann man hier nachlesen.

Untergekommen im Casba de Saints warte ich auf die Ankunft von Mark und Geoff. Geoff hatte Mark bereits in Limbe eingeholt, indem er mit einer Faehre von Calabar nach Limbe, den beschwerlichen Weg uebers Land umschifft hat und dabei etwa 2 bis 3 Tage aufholen konnte. Es ist ein feierliches Gefuehl die beiden in den Hof einfahren zu sehen und nach laengerer Zeit wieder in der Gruppe vereint in voellig fremder Umgebung zusammenzukommen. Trennung und Vereinigung sind ein natuerlicher und unvermeidlicher Teil unserer Fahrt. Jeder hat seine Macken und Eigenarten und will manchmal eigene, individuelle Erfahrungen machen, ohne Kompromisse eingehen zu muessen.

Mark entdeckt einen rostigen Nagel, der sich in meinen Hinterreifen gebohrt hat. Meine Hoffnung, dass er sich nicht bis in den Schlauch gebohrt hat, loesst sich beim Herausziehen hoerbar und buchstaeblich in Luft auf. Der aufmerksame Mitleser wird sich aus vergangenen Berichten erinnern, das der Wechsel des Hinterreifens keine ganz leichte Aufgabe bei meinem Motorrad ist und ich entscheide mich das Problem in die Haende eines etwa 18 Jaehrigen Reifenwechslers zu geben, der unweit von unserer Unterkunft zu finden ist. Etwa zwei Minuten, nachdem ich ihm erklaert hatte, dass es recht schwierig ist, den Reifen von der Felge zu bekommen, war der Reifen bereits ab und der Schlauch wurde geflickt. Nachdem der Flicken getrocknet war, dauert es nochmals ganze 3 Minuten, bis ich meinen aufgepumpten Reifen in der Hand halte. Tief beeindruckt schuettele ich meinem Held die Hand und gebe ihm 2 statt der geforderten 1 Euro 50. Wenn man weiss wies geht, dauert ein Reifenwechsel also etwa 5 Minuten. In Deutschland bezahlt man dafuer etwa 25 Euro.

Eigentlicher Grund fuer unserern Aufenthalt in der Hauptstadt ist natuerlich wieder das etwas leidige Thema Visum. Wir versuchen hier gleich drei Visa zu bekommen, fuer Gabon, Congo und der DR Congo. Die Visa fuer Gabon und Congo konnten wir recht unproblematisch aber zu Hoechstpreisen erhalten. Alle bisherigen Berichte ueber Visaantraege fuer DRC in Yaounde die uns zu Ohren gekommen sind, waren allerdings negativ. Am Ende wurden alle abgelehnt. Wir wollen aber keine Moeglichkeit aussen vor lassen und reichen unseren DRC-Antrag am Freitag ein und verbleiben uebers Wochenende mit der Hoffnung auf Erfolg. Der Bearbeiter weisst uns allerdings bereits freundlich darauf hin, das wir durchaus abgelehnt werden koennen, die eingereichte Bearbeitungsgebuer dann aber dennoch faellig ist. Auf die Frage was denn ein Grund fuer eine Ablehnung sein koennte, antwortet er lediglich, das wuesste er nicht, es liegt ganz in der Hand des Konsulars, manchmal vergibt er Visa und manchmal eben nicht. Wir hoffen er hat ein gutes Wochenende und druecken die Daumen. Heute wurden uns dann allerdings die Paesse ohne Visum und ohne Begruendung wieder zurueckgegeben. Wir sollen es doch in Brazzaville, Congo nocheinmal versuchen, vielleicht haetten wir da mehr Glueck, sagt uns die Bearbeiterin. Mehr war nicht zu machen.

Da es nach allgemeiner Meinung nicht erfolgsversprechend ist, die Visa fuer Angola und DRC im sehr teuren Libreville, Gabon zu beantragen, werden wir aller Vorraussicht nach unseren naechsten Versuch in Brazzaville machen und haben dann bei Misserfolg eine letzte Chance in Point Noire. Zwischen allen uns bekannten Afrikatouristen, die derzeit nach Sueden unterwegs sind (wir duerften von den meisten wissen), herscht derweil ein Informationsausstausch ueber Handy und Email. Wer etwas Verwertbares erfaehrt, verbreitet die Information an die anderen. Dennoch, obwohl andere weiter suedlich sein duerften, ist uns bislang nichts Positives zu ohren gekommen. Langsam werden wir etwas nervoes und beginnen bereits Alternativplaene zu diskutieren. Sollten wir ein Angolavisum, aber kein DRCvisum erhalten, gaebe es etwa die Moeglichkeit von Cabinda, einem abgespaltenen Teil Angolas, der direkt von Congo aus zu erreichen ist, mit dem Boot oder Flugzeug ins Hauptterretorium das Landes zu gelangen und somit DRC zu umgehen. Wenn es hingegen stimmt, dass derzeit nur in Matadi in DRC, ein Visum fuer Angola zu bekommen ist, haben wir ein grosses Problem. Es gibt keinen Weg nach Sueden, der sowohl DRC als auch Angola ausschliesst. Zumindest keinen der ernsthaft in Erwaegung zu ziehen waere. Sollten wir das Visum fuer DRC aber nicht das fuer Angola bekommen, gibt es zumindest die theoretische Moeglichkeit Angola durch DRC zu umfahren. Doch dieser Versuch grenzt aufgrund der Situation im Land und der praktisch fehlenden Infrastruktur, von Strassen bis zu Benzin, an Leichtsinn. Es sieht nicht gut aus und Namibia, sozusagen das rettende Ufer auf der anderen Seite, fuehlt sich zunehmend ferner an, je naeher wir kommen.

Morgen geht es aber erstmal nach Gabon und ich hoffe wir koennen trotz der vor uns liegenden Schwierigkeiten die Fahrt und das Land geniessen.

Abschliessend vielen Dank wieder fuer eure Wuensche und Kommentare, auch fuer die Tipps zur Reparatur der Gabel. Geoff hat mir aus Lome derweil neue Dichtungen mitgebracht. Die Reparatur steht allerdings noch aus.  Machts gut und bis zum naechsten mal.

Knapp eine Woche ist seit dem letzten Eintrag in Calabar, Nigeria vergangen, doch bis heute bin ich nur etwa 150 Kilometer Luftline weitergekommen. Der notwendige Umweg ueber das Bergland Kameruns war fahrtechnisch die bislang schwierigste Etappe und hat mich nicht nur geografisch vom Tief ins Hoch gefuehrt. Ich schreibe aus Limbe, Kamerun, einem entspannten Ort in der nordwestlichen Kuestenregion und erhole mich fuer zwei Tage hier, bevor die Fahrt weiter Richtung Sueden geht.

Flusseinblick in Ostnigeria

Flusseinblick in Ostnigeria

Die letzten Tage in Nigeria, waren objektiv das schoenste was Nigeria zu bieten hatte. Die Vegetation wird zunehmend dichter, die Orte kleiner und ruhiger und der Verkehr laesst spuerbar nach. Wir fahren uerber Bruecken, die Einblick in idylische Flussverlaeufe gewaehren. Von der tadellosen Strasse aus sehen wir Fischerboote und Frauen, die Sachen waschen und zum Trocknen auslegen (Waesche wird zum Trocknen oft einfach auf dem Boden ausgebreitet). Dennoch hat mich das bislang staerkste Reisetief heimgesucht und meine Gedanken zu entfernt liegenden, moeglichen Zukunftsproblemen entfuehrt. Reisemuedigkeit, vielfaeltige kleinere und groessere Sorgen diesseits und jenseits der Reise, ein wenig Weihnachtsmelancholie und vorallem wieder neue Probleme mit der KTM ergaben ein ungutes Gemisch.

Ein Gabeldichtring hat sich entschlossen nicht mehr seiner Bestimmung nachzukommen und verteilt nun grosszuegig Gabeloel auf Reifen, Bremsscheibe und Bremse. Das wirkt sich nicht nur massiv unguenstig auf die Federung/Daempfung aus, sondern ist auch noch sehr gefaehrlich, da es sich negativ und schwer vorhersehbar auf die Bremskraft (wenigstens habe ich zwei Bremsscheiben) und auf die Traktion des Reifens auswirkt. Die Bremsfluessigkeit kann ich durch regelmaessiges Austauschen eines sich vollsaugenden Lappens um die Gabel groesstenteils abfangen, aber leider ist mir die Moeglichkeit verwehrt neues Oel als temporaere Loesung oben nachzufuellen, um die Daempfungseigenschaften zu erhalten, da hierfuer Spezialwerkzeug noetig ist. Bei Marks Suzuki gibt es fuer diesen Zweck eine einfache Schraube. Vielen Dank KTM. Alles was ich voruebergehend tun kann, ist die Steifigkeit aller Einstellungen nach oben zu setzen, um ein Durchschlagen der Gabel zu verhindern und zuzusehen, wie das Oel so nach und nach aus der Gabel verschwindet. So hoppele ich also mit einer voellig unsensiblen, ultraharten Federung und eingeschraenkter Bremswirkung durch die Gegend. Schwierige “Strassen”, auf deren Bezwingung ich mich seit langem gefreut habe, liegen vor uns und gerade jetzt versagt das Fahrwerk. Mein Vertrauen in die KTM ist auf den absoluten Nullpunkt gesunken und ich bin mittlerweile jeden Morgen erstaunt, dass sie ueberhaupt anspringt. Die Summe der Probleme ist jenseits meiner Akzeptanzgrenze angewachsen und verwehrt mir zunehmend den Spass am Fahren. Die Herausforderung Afrika zu durchqueren besteht fuer mich in erster Line darin, das Motorrad am Laufen zu halten.

Melancholisch und missmutig gestimmt nehme ich frueh meine Fahrt Richtung Kamerun auf und versuche mir mit guten Argumenten ein Laecheln auf die Lippen zu zwingen, aber der Blick fuer die Gegenwart und die Freude ueber mein Privilegium hier sein zu duerfen, scheint verloren. Ich sehe, aber ich erkenne nichts. Ich fahre, aber ich geniesse es nicht und meine Reise scheint sich auf Grenzueberquerungen, Visaangelegenheiten und Hotelsuchen zu beschraenken.

Soviel zum Tief, nun zu Kamerun.

Kamerun kuendigt sich auf dem Papier als eines der vielseitigsten Laender Afrikas an. Es erstreckt sich vom Lac Tchad im Norden, also Wuestenregionen, ueber bergige Grasslandschaften, trockene und felsige Hochregionen, bis hin zu tropischen Regenwaeldern und traumhaften Sandstraenden. Waehrend im Westen Englisch gesprochen wird, dominiert im Rest des Landes Franzoesisch. Im Norden herscht der Islam vor, im Sueden das Christentum und zwischendurch wohnen zahlreiche traditionelle Staemme. Die Jahresniederschlagsmengen im Sueden sind extrem und verwandeln nicht befestigte Strassen in unpassierbare Matschlandschaften, waehrend im Norden Duerre herscht. Von Entspannung auf Traumstraenden ueber Hochgebirgstrekking bietet Kamerun ein weitreichendes Aktivitaetsspektrum. Viele Gruende also, sich auf unser naechstes Ziel zu freuen.

Am Grenzuebergang scheint die Zeit langsamer zu verlaufen. Jeder hat eine Unmenge davon, jeder will erstmal reden, jede Handbewegung wird im Schneckentempo ausgefuehrt. Wir haben Zeit, schalten einen Gang runter und lassen die Beamten gewaehren. Versunken im Dschungel ragt eine Stahlbruecke ueber einen Fluss, eingewachsen von dichter Vegetation. Es ist feucht, am Horizont verschwinden Urlwaldriesen im Dunst und jeder Qubikmeter Raum ist gefuellt von einer unbeschreiblichen Vielzahl von Pflanzen. Kamerun, am anderen Flussufer ist eine gruene undurchdringliche Wand. Seit meiner Kindheit fasziniert mich der Begriff Urwald und obwohl ich in meiner Reise durch Zentralamerika zu einigen Dschungel-eingestuften Gebieten gekommen bin, habe ich nie einen Urwald gesehen, der meiner wahren Vorstellung entsprach. Undurchdringlich muss er sein und gleichzeitig hoch, Baumriesen mit Lianen und gruenen Haengegewaechsen, nur unterbrochen von einer schmalen Strasse, die schneller zuwaechst, als dass man sie freihalten kann, ueberall kreucht Getier und in den Wipfeln, weit ueber den Koepfen springen Affen. Zum ersten Mal finde ich eine Vegetation, die meiner Vorstellung sehr nahe kommt. Befriedigt sauge ich die Eindruecke auf und fuehle mich weit, weit jenseits jeglicher urbaner oder entwickelter Strukturen. Wohlbemerkt befinden wir uns auf der Hauptstrasse auf einem der groessten Grenzuebergaenge zwischen Nigeria und Kaemrun.

Die Grenzangelegenheiten brauchen seine Zeit, sind allerdings ohne Schwierigkeiten hinter uns gebracht und nachdem wir unsere westafrikanischen Francs in zentralafrikanische Francs umgetauscht und unsere Reifen zwecks besserer Haftung auf einen geringeren Luftdruck veringert haben, tauchen wir ins gruene Verlies ein. Die Strasse verdient ihren Namen nicht. Vielmehr handelt es sich um ein sich staendig veraenderndes Gebilde aus Sand, Matsch und Erdkruste. Sobald es regnet, verwandelt sich die urspruengliche Wegfuehrung durch die sich tief eingrabenden Fahrzeuge in eine Schluchtenlandschaft, die die Strasse zum Teil metertief in den Boden versinken laesst. Ist der Morast zu tief geworden, wird eine neue Route daneben durch den Dschungel geschlagen, um die unpassierbar gewordenene Hauptstrecke zu umfahren. Gluecklicherweise hat es seit mehreren Wochen nicht geregnet und wir sehen das getrocknete und hartgewordene Ergebnis, das viele, schwere Fahrzeuge in den nassen Tagen geformt haben. Dennoch verlangt es uns teilweise einiges an Fahrkoennen ab, um unsere Motorraeder unbeschadet durch die Schikanen zu bewegen. Mein Gemuet wird zunehmend leichter und ich jage die angeschlagende KTM ohne Ruecksicht auf Verluste zu Gunsten maximalen Fahrspasses durch die Strassenwueste. Ich bin hier, in Kamerun, und darf sehen was ich sehe und erleben was ich erlebe, hier und jetzt und keiner kann mir diesen Moment nehmen. Ich bin wieder in der Gegenwart und der Reise angekommen, jedes Problem wird wieder loesbar, ueberwindbar. Ohne Tief kein Hoch.

Hotelblick in Mamfe zu Weihnachten

Hotelblick in Mamfe zu Weihnachten

Unsere geplante Tagesdistanz muessen wir im Laufe unseres Dschungelkampfes auf die Haelfte reduzieren und erreichen Stunden spaeter erschoepft Mamfe, die erste groessere Stadt auf der Seite Kameruns. Es ist der 24.12., Weihnachten und wir sitzen auf der Strasse und essen den ueblichen aber wohlverdienten Reis mit Sosse, beobachten das Geschehen und sind gluecklich. Mark praesentiert mir (nach deutschem Brauch am Abend des 24.12.) ein Weihnachtsgeschenk – Nigeriaaufkleber, ein echtes Abenteuer-Motorradfahrergeschenk. Ich hole meinen bereits in Lome, Togo erstandenen aufblasbaren Weihnachtsmann hervor und kompletiere unseren Weihnachtsabend.

p1010361Der kommende Tag fuehrt uns auf aehnlichen Strassenverhaeltnissen aus dem tiefen Regenwald zum hochgelegenen Grassland bei Bamenda. Langsam und schwitzend, aber mit Hochgenuss wuehlen wir uns, verschlungen von dichtem Gruen, bis zum Ziel durch. Die Strasse wird kaum befahren und ist zum Teil unpassierbar fuer Autos. Wir sehen nur zwei davon, einen ultra-gelaendetauglichen, hochgelegten Allrad-Toyota und einen hoffnungslos steckengebliebenen LKW, der auf die Ausbesserung eines Strassenabschnittes warten muss, um weiterzukommen. Vier Personen sind damit beschaeftigt die metertief in den Schlamm eingefahrene Strasse auf etwa 40 Meter Laenge wieder zuzuschaufeln. Wie lange der Fahrer des LKW bereits auf die Fertigstellung wartet, weiss ich nicht, aber bevor er weiterkommt, duerften Tage vergehen. Ich beobachte die Arbeiter eine Weile bei ihrer muehvollen Ackerei, waehrend sich Mark an mir vorbei durch das Hindernis graebt. Der Aufwand fuer die Instandsetzung ist enorm und der bei Fertigstellung erreichte Zustand haelt unter Umstaenden nur wenige Wochen, hoechstens aber bis zum kommenden Regen. Es ist ein staendiger Kampf mit der Natur, gegen Regen und Matsch und der unbaendigen Wachstumswut des Regenwaldes.

p1010368Die Reaktionen der Einwohner auf uns auf diesem Abschnitt der Strecke sind besonders heftig. Kinder am Strassenrand  ergreifen teilweise panikartig die Flucht und stuerzen Hals ueber Kopf in den Dschungel. Andere stehen fassungs- und regungslos mit offenem Mund da und starren mich an. Mein Anblick ist mit nichts Bekanntem vereinbar. Ich fahre stehend auf dem recht hohen Motorrad und bin damit sehr gross, trage auffaellige Schutzbekleidung und einen recht radikal aussehenden Helm. Das Motorrad ist im Vergleich zu den hier erwerblichen Chinamoehren geradezu gigantisch und hat aufgrund der Verkleidung aeusserlich kaum Gemeinsamkeiten. Fuer Viele ist es eher ein Flugzeug, als ein Motorrad und ich wurde schon ernsthaft gefragt, ob es fliegen kann. Der Auspuff grummelt und roehrt und seit Lome knattert er irrsinnig laut beim Gaswegnehmen. Komplettiert wird mein Auftritt durch die boese dreinblickende Maske aus Mali, die ich jetzt, stolz auf mein wiedergewonnenes Licht, von hinten beleuchte. Dennoch, sobald ich winke, froehlich laechele und “Merry Christmas” rufe, schlaegt die Stimmung blitzartig um und ich sehe ergreifend herzliches, offenes und durch und durch ehrliches Laecheln. Es ist Weihnachten und die Dorfbewohner tragen ihre beste Sonntagskleidung. Wir sehen fein zurecht gemachte Jungs und Maenner in Anzuegen und bunte, sehr schick gekleidete Frauen, ein aussergewoehnlicher Anblick in einer ansonsten so wilden Umgebung.

Kinder im Weihnachtsdress in Bamenda

Kinder im Weihnachtsdress in Bamenda

Auf den letzten 50 Kilometern erwartet uns eine gute Asphaltschicht auf einer breiten Strasse. Wir geniessen das Gefuehl ungeschuettelt und zuegig voranzukommen, aber freuen uns den hinter uns liegenden Abschnitt erlebt zu haben, denn sicher wird irgendwann in Zukunft eine ebenso gute Strasse durch den Dschungel geschlagen sein und das Besondere zu Gunsten hoeherer Effizienz verloren gehen. Erschoepft geniessen wir abends ein kaltes Bier und ich stelle befriedigt fest, dass Weihnachten zwar eine Zeit ist, den man mit seiner Familie verbringen sollte, ist dies allerdings nicht moeglich, kann ich mir fuer diesen Weihnachten keinen schoeneren Tag vorstellen, als den gerade hinter mir liegenden.

p1010377Es ist kuehler hier im Grasshochland und angenehm zur Abwechslung mal nicht schwitzen zu muessen. Morgends und abends hole ich sogar mein tief in den Koffern vergrabenes Fliess hervor. Der Wechsel der Landschaft von der tropischen Vielfalt zu den uns nun umgebenden grassbewachsenen teils felsigen Bergen, koennte groesser nicht sein. Geradezu alpine Gefuehle kommen bei mir auf und wuerde sich nicht die eine oder andere Palme oder Bananenpflanze ins Bild mischen, koennte man fast annehmen im italienischem Alpenvorland zu sein. Leider liegt ein dichter Dunst ueber allem, der den Blick auf die einzigartige Landschaft stark einschraenkt. Wir lernen spaeter, dass es sich um feinen Saharastaub handelt, der durch den Hamatan in der Trockenzeit herangeweht wird. Erst mit dem Einsetzen der Regenzeit klart es sich auf. Auch hier in Limbe sieht es nicht anders aus. Limbe befindet sich am Fuss des ueber 4000 Meter hohen, aktiven Vulkans Mount Cameroun, der direkt ueber uns aufragt. Sehen kann man ihn nicht.

Blick vom Hotel in Miramare in Limbe

Blick vom Hotel Miramare in Limbe

Wir erholen uns ein paar Tage im wunderschoenen, direkt am felsigen Strand gelegenen Hotel Miramare, bevor ich, einer Einladung folgend, zum weiter suedlich gelegenen Kribi fahren werde, um am schoensten Strand Kameruns Sylvester zu verbringen.

Zurueck im “Alltag” eines Motorradfernreisenden beginnt das neue Jahr mit einem Aufenthalt in Yaounde und der Jagd nach den Visa fuer Gabon und DRC, nach Angola, den voraussichtlich am schwierigsten zu bekommenden Visa. Ich erwarte, dass sich, keine unerwarteten Vorkommnisse vorausgestzt, unsere Reise von Gabon bis Namibia beschleunigen wird, da fehlende touristische Strukturen und zeitlich begrenzte Visa den Aufenthalt erschweren, bzw. verkuerzen werden. Doch nach Plan laeuft hier ja sowiso nichts und nicht zu vergessen – Ich fahre eine KTM. ;) Liebe KTM-Fahrer unter euch, nehmt mir meinen Sarkasmus nicht uebel. Ich liebe sie nach wie vor und fuer Europa wuerde ich sie mir ohne Zoegern wieder kaufen. Kein anderes Motorrad bietet mehr Fahrspass auf so vielfaeltige Weise, fuer Afrika hingegen sollte man besser die Finger davon lassen.

Ich wunesche euch einen guten Rutsch und es wuerde mich freuen, euch auch 2009, zum letzten Teil meiner Fahrt, wieder hier begruessen zu duerfen.

Es ist schon erstaunlich wie sich die Ereignisse ueberschlagen, sobald man sich wieder bewegt. In Lome sitzend habe ich mich schon gefragt, was mich wohl erwartet, in Benin und Nigeria. Was wird passieren, worueber es sich zu schreiben lohnt, was ueberhaupt erwaehnenswert ist. Schliesslich koennte es doch sein, das nichts passiert, wir niemanden kennenlernen, keine Probleme haben oder nennenswerten Ereignisse durchleben. Doch wer eine Reise tut, der hat was zu erzaehlen und so haben sich auch in unserer letzten Etappe wieder Eindruecke und Erlebnisse in einer Menge angehaeuft, das ich es hier nur stark selektiert widergeben kann. Viel Spass beim Lesen und willkommen zureuck.

Wir sind in Calabar, Nigeria angekommen. Nigeria – was mache ich hier eigentlich, frage ich mich immer wieder. Nunja, es liegt auf dem Weg, aber warum wuerde irgendjemand hierher kommen wollen? Ich war nie in einem Land, das so ungeeignet fuer Touristen ist und es gibt auch keine – fast keine. Doch zunaechst zu Benin.

Wir haben uns entschieden im Interesse zuegigeren Vorankommens, im Vorfeld kein Visum fuer Benin zu beantragen, sondern lediglich das 48 Stunden Transitvisum an der Grenze zu nehmen und auf der Durchreise durch das schmale Land (etwa 100 km im Sueden) nur eine Nacht in einem Ort namens Abomey zu verbringen. Abomey, das Zentrum der Dahomey Dynastie, eines blutigen und martialischen Koenigreiches im 18./19. Jahrhndert, bietet in erster Linie ein Museum auf dem Gelaende des ehemaligen Palastgebietes inkl. der zum Teil erhaltenen Gebaeude.

Mit Aussnahme einiger gieriger Polizisten in Benin, die durch mein Gepaeck schnueffelten und alles was sie fanden, geschenkt bekommen wollten und einer etwas langwierigen Verhandlung an der Grenze zu Benin ueber die Hoehe der zu zahlenden Strafe, (wir hatten das Visum fuer Togo um 3 Tage ueberschritten), war die Fahrt durch die gruenen, dicht bewachsenen Huegel eindrucksvoll und nach der langen Ruhepause ein Genuss. Beim Vorbeifahren sehen wir Frauen am Strassenrand, die mit grossen Fischen winken und Maenner die gefangene riesige Ratten hochhalten. Ich freue mich aufs Neue in eine Welt einzutauchen, die immer wieder Unerwartetes bereithaelt. Benin empfaengt uns mit einem kurzen Regenschauer, der die Gerueche und Farben intensiviert. Ein Fest fuer die Sinne. Ich atme tief ein und geniesse die kraeftigen Farben im Licht der untergehenden Sonne.

Tobi, Mark und Fahrer auf der Rueckfahrt

Tobi, Mark und Fahrer

In Abomey angekommen, erwarten uns zwei Ueberraschungen. Ein dreitaegiges, jaehrlich einmaliges Voodoofestival geht an diesem Abend mit einer grossem Abschlusszeremonie zu Ende (was fuer ein Zufall) und wir treffen auf 3 junge Bayern, Tobi, Marcel und Sonja, die ebenfalls auf Motorraedern unterwegs sind und im gleichen Hotel wie wir absteigen. Wir verschwenden keine Zeit und kaum angekommen, steigen wir auf die lokalen Motorradtaxis und werfen uns ins bunte Voodootreiben. Jeweils zwei von uns plus Fahrer passen auf die kleinen 125ger Moppeds, die extra fuer diesen Zweck zusaetzliche Fussrasten angewschweisst bekommen haben. Trotz der immensen Zuladung mit uns grossen Europaern, erweisen sich die kleinen, billigen Chinafahrzeuge als erstaunlich fahrstabil, selbst in zum Teil nicht ganz einfachen Sandpassagen. Wir haben viel Spass auf unserer Fahrt und erreichen die Zeremonie etwa eine Stunde vor ihrem Hoehepunkt.

Voodoo Zeremonie

Voodoo Zeremonie

Nachdem wir den Weissenzoll ueber unseren Fuehrer an den Voodoochief abgeliefert haben, duerfen wir dem Spektakel beiwohnen. Auf einem grossen Platz sind mehrere Hundert sehr bunt bekleidete Maenner und Frauen zugegen, in deren Zentrum eine offensichtlich lebendige, aber stark narkotisierte weisse Kuh liegt. Zu etwas traegen Trommelklaengen tanzen zuerst die Frauen und dann die Maenner jeweils einzeln um die Kuh und vollfuehren dabei speziefische Gesten mit ihren Messern. Es wird gelacht und geulkt und alles wirkt eher erheiternd als ernst oder gar gruselig. Die Taenze um die Kuh intensivieren sich mit hereinbrechender Daemmerung, bis letzlich recht pragmatisch die zuckende Kuh von ihrem Kopf befreit wird. Dieser wird daraufhin fuer alle sichtbar herumgetragen und schliesslich zusammen mit dem ebenfalls abgeschnittenen Schwanz praesentativ abgelegt. Kopf und Blut durchlaufen jetzt umfangreiche Zeremonien, denen wir nicht beiwohnen koennen, sagt man uns und wir verlassen das Fest nach einem anstrengenden Tag vieler neuer Eindruecke und in Vorfreude auf ein abschliessendes kuehles Bier.

Die Besichtigung des Dahomey Palastes am kommenden Morgen empfand ich etwas ernuechternd. Ein paar Mauern und altes Zeug konnten keine Interesse entfachen. Die Lieblingsbeschaftigung der Dahomy schien das Abtrennen der Koepfe der Feinde zu sein, bis sie im 18.Jahrhundert entdeckten, das es lukrativer ist, die Feinde als Sklaven an die Franzosen zu verschachern. Alles deutet auf ein blutgieriges und kriegerisches Volk hin. Das Motiv der Enthauptung findet man ueberall auf Wandmalereien, Stoffen und Kriegsgeraet. Der Schaedel der Feinde wurde auch gerne weiterverwendet z.B. als Basis fuer einen Faecher oder als Stuetze fuer den Thron. Kriegsherren, die keine abgetrennten Feindeskoepfe mit nach Hause bringen, werden um ihren eigenen Koepfe erleichtert. Mit anderen Worten, im Falle der Niederlage bleibt man besser fern der Heimat. Bei wichtigen Gebaeuden wurde dem Lehmmaterial der Mauern eine Portion Blut der Feinde beigemischt. Blutig zur Schau gestellte Ueberlegenheit, wo man hinschaut.

Grenzuebergang

Grenzuebergang

Der wenig genutzte Grenzuebergang nach Nigeria bei Keuta erweist sich als etwas langwierig, aber weitgehend stressfrei. Die Beamten auf beiden Seiten sind etwas ueberfordert mit den Formalitaeten. Insbesondere dem Polizist in Benin schien das Konzept der Ein- und Ausreise unverstaendlich zu sein. Bis zum Schluss war ihm nicht klar das wir von Benin nach Nigeria wollen und schliesslich mussten wir ihm sagen welchen Stempel er verwenden muss, welches Visa das von Benin ist und wo er stempeln kann. Da es keinen Zoll an der Grenze gab, wir aber auf unserem Carnet einen Ausreisestempel benoetigen, nehmen wir einfach seine Stempel und er freut sich, gegen einen geringen Obolus, nochmals stempeln zu koennen. Auf Nigeriaseite dauert es ein Weile bis wir, eskortiert von freundlichen Helfern, das Immigrationsbuero erreichen, um es zunaechst ohne Personal vorzufinden. Der Beamte wird aber benachrichtigt und erscheint etwas spaeter mit Stempeln und Buch. So schwierig es war ueberhaupt ein kurzes Visum fuer Nigeria zu bekommen, so einfach war es jetzt die Dauer des Aufenthaltes zu verlaengern. Auf die Frage wie lange wir den bleiben moechten, antwortete Mark 3 Wochen und, Voila, drei Wochen sind uns gewaehrt.

Nach der Grenze werden wir zunaechst von Strassenblockaden empfangen und davon nicht zu wenig. In den ersten 10 Kilometern zaehle ich davon zwanzig Stueck. Polizei, Militaer aber auch Zivilisten, jeder scheint hier das Recht zu haben, seine eigene Strassenblockade aufzubauen. Die meisten sind mit automatischen Waffen ausgeruestet. Eine Blockade besteht immer aus der Einengung der Strasse durch Holzstaemme oder Reifen oder aehnlich Geeignetem, um die sich mehrere Personen gruppieren, die den Verkehr in beide Richtungen aufhalten. Haeufig gibt es fuer die verbleibende Durchfahrt ein langes Brett, durch das Naegel geschlagen sind, die reifenunfreundlich mit der Spitze nach oben zeigen. Dieses wird dann bei Bedarf rein- oder rausgeschoben. Was genau der offizielle Hintergrund der einzelnen Blockaden ist, ist mir schleierhaft, in der Praxis handelt es sich jedoch um eine Moeglichkeit geeignete Passanten um etwas Wegzoll zu erleichtern. Eines ist uns sofort klar, wenn wir halten, haben wir verloren. Nicht nur duerfte jeder Stopp viel Zeit kosten, und bei der grossen Anzahl der Barrikaden verringert sich die moegliche zurueckgelegte Tagesdistanz erheblich, sondern auch Geld, dass wir in vielen kleineren und groesseren Portionen abtreten wuerden. Wir haben einen entscheidenden Vorteil, wir sitzen auf Motorraedern. Damit sind wir erstens ein ungewoehnlicher Anblick und zweitens recht schmal. Beides nutzen wir gnadenlos aus. Das Augenmerk der Kontrolloere liegt auf Autos, je teurer desto vielversprechender. Die vielen Moppeds sind uninteressant. Wer Mopped faehrt, besitzt nicht viel.

Eine typische Barrikadendurchfahrt gestaltet sich folgendermassen. Mark faehrt voraus, das Augenmerk auf Zeichen der Einengung der Strasse gerichtet und versucht sich hinter ein vorausfahrendes Auto zu klemmen, um moeglichst lange ungesehen zu bleiben, sobald eine Barrikade sichbar wird. Ich schliesse moeglichst nahe auf. Um die vielen Moppeds ungehindert durchfahren zu lassen, gibt es meist neben der eigentlichen Durchfahrt eine zweite Moeglichkeit, um an den Kontrolloeren vorbeizukommen. Moeglichst spaet tauchen wir aus dem Sichtschatten der Autos auf und fahren nicht zu langsam, aber auch nicht auffallend schnell auf die Passage zu. Bevor wir tatsaechlich als potentielles Ausbeutungsziel wahrgenommen werden, sind wir schon fast auf Augenhoehe. In vielen Faellen wird uns dann mit mehr oder weniger deutlichen Handbewegungen signalisiert, das wir langsam fahren bzw. stoppen sollen. Wir winken dann froehlich, gespielt naiv zurueck und “Vrooom” schiessen durch die Barrikade. Einige reagieren darauf sehr ungehalten, schreien und drohen, muessen sich aber damit abfinden, ihre Chance verpasst zu haben. Der ueberwiedende Teil der Strassenblockaden gestaltet sich aber als unkritisch und die offiziellen Militaers auf den von uns bevorzugten grossen Strassen winken uns im allgemeinen durch. Dennoch ist es ein angespanntes Fahren, da man staendig damit rechnen muss doch angehalten zu werden.

Neben den Strassenblockaden tut der allgemeine Verkehr sein uebriges, um unsere Konzentration permanent auf Hoechstniveau zu halten. Was hier passiert ist nichts anderes als Strassenkrieg. Die Strasse ist eine gesetzesfreie Zone, in der jeder macht, was er fuer richtig haelt. Je groesser das Auto, desto ruecksichtsloser faehrt sein Insasse. Es wird gefahren wo Platz ist, egal auf welcher Strassenseite, so schnell wie es nur irgend geht. Einen Mindestabstand gibt es nicht. Wer langsam fahert oder klein ist, sieht zu dass er moeglichst nahe am Strassenrand oder sogar neben der Strasse faehrt. Es gibt auch keine festgelegte Anzahl von Fahrspuren (Fahrmarkierungen fehlen). Soviele Autos wie nebeneinander auf die Strasse passen, fahren auch nebeneinander. Mal wird links ueberholt, mal rechts, mal in der Mitte. Wenn ein Fahrzeug auf der entgegenkommenden Spur den eigenen Ueberholvorgang unmoeglich macht, ueberholt man nur dann nicht, wenn das Fahrzeug kleiner ist, als das eigene. Im anderen Fall muss das entgegenkommende Fahrzeug zusehen, dass es von der Strasse verschwindet. Auf der etwa zweispurigen Strasse von Lagos nach Benin City gibt es zwischen den Fahrtrichtungen eine etwa 80 cm hohe Betonblockade, die die Strasse trennt. In regelmaessigen Abstaenden ist diese jedoch unterbrochen. Ist ein Fahrer der Meinung, das der Verkehr in seiner Richtung zu voll ist und vorausgesetzt sein Auto ist gross genug, entscheidet er einfach auf der gegenuebliegenden Seite entgegen dem Verkehr weiter zu fahren und auf dieser Strasse eine dritte Spur in die andere Richtung aufzumachen. Haeufig folgen dann andere, sobald dies einer tut. Ich will betonen, dass es sich hier um eine Schnellstrasse handelt, die meisten fahren hier ueber 100 km/h . Die Konsequenz ist, dass man bei jedem Ueberholvorgang auf seiner Seite ueberpruefen muss, ob nicht veilleicht ein Bus auf der Ueberholspur entgegenkommt. Mir ist beim ersten Mal fast das Herz stehen geblieben, als mir diese Praxis noch unbekannt war und mir ploetzlich ein Laster mit Lichthupe auf meiner Ueberholspur entegenkam. Die Anzahl der Unfaelle ist entsprechend ueberwaeltigend. Neben der Strasse liegen in regelmaessigen Abstaenden Laster oder Autos, gepluendert oder ausgebrannt. Jeden Tag sehen wir mehrere Unfaelle, die sich gerade ereignet haben muessen.

Auf den grossen Strassen faellt ein anderes Phenomaen auf. Der Strassenverlauf ist immer wieder durch sehr schlechte Abschnitte unterbrochen, meist Schotterpassagen mit grossen Loechern, die die Fahrer zwingt, stark zu bremsen und entsprechend langsam zu ueberqueren. Diese Gelegenheit wird von einer grossen Anzahl von Strassenverkaeufern genutzt, um die Fahrzeuge geradezu zu umzingeln und den Vorbeifahrenden Waren anzubieten. Der Verkauf gestaltet sich hektisch und erfolgt im Allgemeinen ohne ein Anhalten der Autos, was sofortiges Hupen und den Zorn der anderen Fahrer nach sich ziehen wuerde und endet haeufig im Herausschmeissen der Geldscheine. Die grosse Anzahl der Verkaeufer foerdert wiederum den Stau, da man jetzt nicht mehr nur auf die Strasse achten muss, sondern auch darauf, keine Leute zu ueberfahren, was sich wiederum positiv fuer die Verkaeufer auswirkt, die dadurch mehr Zeit haben, sich auf die zusaetzlich verlangsamten Autos zu stuerzen. Manche Strassenzustaende sind derart schlecht, also geeignet, dass sich ganze Maerkte darum entwickeln. Es werden Staende gebaut, um die Waren zu lagern und selbst im Schatten sitzen zu koennen. In einigen Faellen sind die Strassenmaerkte fernab jeder Ortschaft so stark angewachsen, dass man sich fragt, was zuerst hier war, die kaputte Strasse oder der Markt. Wenn es dem Markt gelingt ausreichend stark anzuwachsen, bevor die Strasse repariert wird, reicht die schiere Anzahl der auf der Strasse stehenden Verkaeufer aus, um den Verkehr auch im Nachhinein noch hinreichend aufzuhalten. Verrueckt? In Nigeria ist alles verrueckt.
Abschliessend lasst mich noch etwas zu den Verhaeltnissen sagen, die einen erwarten wenn man in die Staedte kommt. Zunaechst einmal ist hier jede Stadt riesig und die grossen Verbindungsstrassen fuehren immer durch die Staedte hindurch. Sobald ich auf dem GPS die naechste Stadt kommen sehe, heisst es tief Luft holen, alle Kraefte sammeln und durch, denn es wird voll werden. Voll mit allem, Menschen, Autos, Motorraeder, Muell, Staenden und Waren. Manchmal ist es so voll, dass ich grade noch ausreichend Platz habe um meine Fuesse auf den Boden zu stellen und das Motorrad zu stuetzen. Was auf den Strassenmaerkten auf der offenen Strasse passiert, geschieht hier hundertfach auf geringerem Raum. Jeder Quadratmeter wird genutzt. Ich sinke in mich hinein und versuche die Welt um mich geschehen zu lassen und zu beobachten, waehrend ich hoffnungslos zwischen den Autos eingeklemmt bin und was ich sehe ist ein vollkommen unkontrolliertes Chaos aus Metall und Fleisch. Es ist die maximale Konzentration menschlicher Energie auf eingeschraenkten Raum. Waehrend mir der Schweiss aus dem Helm in den Nacken laeuft und die KTM die Hitzegrenze ueberschreitet, und das kann ich ihr nicht mal uebel nehmen, gucke ich links neben mich in einen Kleinbus, der neben allerlei Gepaeck 40 statt der urspruenglich vorgesehenen 15 Passagiere enthaelt, die unbeeindruckt fleissig mit den Strassenhaendlern handeln und Wasser oder Bananen kaufen. Rechts neben mit steht ein Laster, dessen Ladung bis zum Himmel zu reichen scheint, die weit in meine Richtung bedrohlich ueber mir lehnt. Mehr geht einfach nicht. Hier ist alles am Limit. Auf Kreuzungen faehrt jeder sobald Platz vor der Stossstange ist und sind es auch nur wenige Zentimeter. Wer wartet oder jemanden vorbeilaesst, verliert, den der Platz wird sofort von anderen eingenommen. Jeder kaempft seinen eigenen persoenlichen Strassenkampf.

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einer geht noch

So intensiv wie der Verkehr, so intensiv sind auch die Menschen. Waehrend wir in anderen Laendern angelaechelt werden, manche den Daumen hoch halten oder winken, wird hier geradezu gejubelt und geschrien. Wenn wir halten, kommen auch hier die Menschen, aber mit einer Energie und Kraft einer anderen Kategorie. Mit aller Macht werden Haende geschuettelt und “Welcome to Nigeria” wird uns geradezu entgegengebruellt. Zurueckhaltung gibt es hier nicht. Die Leute kommen, fassen alles an, wollen alles haben. Hier gibt es keine Ruhe, keinen Rueckzug, keine Entspannung. Es brodelt immer und ueberall.

Viele Menschen erzeugen viel Muell und diesen sehen wir auf riesigen teils brennenden Halden entlang der Strasse, besiedelt von den Aermsten der Armen, die dort nach was auch immer mit Schaufeln buddeln, waehrend auf den Strassen die Anzahl ultrateurer SUVs erstaunlich hoch ist. Oelfoerderung und sehr ungleiche Verteilung hat in Nigeria die Entstehung einer sehr kleinen, sehr reichen Oberschicht gefoerdert.

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Pause am Strassenrand

Teure Hotels in schlechtem Standard, so gut wie keine Internetcafes, dutzende taegliche Stromausfaelle in allen Stadten in denen wir uebernachtet haben, Banken ohne Visaautomaten und wenige und schlechte Restaurants sind nicht gerade touristenfreundlich. Das Lokalgericht, das wir uns gestern getraut haben zu bestellen (Afanga Soup – es gab noch gelbe Suppe, rote Suppe und weisse Suppe), war hoffnungslos ungeniessbar fuer uns, ein Taxi das wir benoetigt haetten, um zu einer Restaurantempfehlung im Buch zu kommen, haben wir in dem Verkehrchaos nicht auftreiben koennen. Als Fussgaenger benoetigt man die volle Aufmerksamkeit, um nicht in eine der zahlreichen stinkenden Abwassergraeben zu treten oder in Bauloecher zu fallen. Nachts ist es selbst in den Staedten aufgrund der Stromproblematik haeufig voellig duster und man weiss besser genau wo sein Hotel ist (und die Loecher und Graeben). Dafuer haben die meisten Haushalte eigene Stromgeneratoren neben dem Haus, die zusaetzlich zur Verkehrslawine Abgase erzeugen und Laerm verursachen. Benzin ist eben billig in Nigeria (ca. 35 Cent der Liter). Der Laerm wird uebertoent durch noch lauteren HipHop, der ruecksichtlos durch die Strassen haemmert.
Es ist schwierig, Gefallen an Nigeria zu finden und fuer mich ist das beste an Nigeria die Grenze zu Kamerun. Aber das Land ist riesig und wir haben auf unserer Durchfahrt nur einen kleinen Teil (und vorallem Strassen) gesehen. Doch wo will man hin? Im Niger Delta werden regelmaessig Weisse entfuehrt, in noerdlicheren Regionen kommt es immer wieder zu toedlichen Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Christen. Jede Fahrt innerhalb des Landes ist gepraegt durch Barrikaden und unmenschliche Stadtdurchquerungen und die Staedte selbst sind unkontrollierte, zugemuellte Geschwuere. Nigeria ist ein materialisierter Schrei. Es ist ein intensives, angespanntes, fanatisches “Ahhhhhhhhhh”. Es saugt an meinen Kraeften, zu jeder Minute des Tages.

Wir haben es Jerry, einem Hotelangestellten, zu verdanken, dass wir hier in Calabar im entfernten Suedwesten des Landes doch noch eine andere Seite Nigerias zu sehen bekamen. Gemeinsam haben wir auf Motorradtaxis entspanntere Seiten der Stadt erkundet und einen netten Abend verbracht. Calabar duerfte aber eine Ausnahme darstellen und wird von reichen Nigerianern im gesamten Land als Urlaubsziel, inbesondere jetzt zur Weihnachtszeit, genutzt. Die Hochgeschwindigkeitsrueckfahrt auf dem Mottoradtaxi durch die unbeleuchteten, vollen Strassen Calabars, hat mich dann aber doch wieder daran erinnert wie nah man hier am Wahnsinn lebt.

Die Kommunikation mit den Einheimischen, auch mit Jerry, gestaltet sich hingegen haeufig schwierig auch wenn wir auf Englisch zurueckgreifen koennen. Es faellt auf, dass fuer uns offensichtliche und einfache Fragen hier nicht verstanden werden, bzw. man die Beantwortung bestimmter Art Fragen  nicht gewohnt ist. Generell stoesst man immer auf Probleme wenn man konkrete Fragen stellt, wie “Wie weit ist es bis dorthin?” oder “Wie lange benoetigt man bis dorthin?”, oder “Wann ist jemand da?”. Die Reaktion ist immer Erstaunen und Unsicherheit und die Antworten liegen generell weitab der Realitaet. Man kommt eben an wenn man ankommt, man benoetigt so lange wie man braucht und jemand ist hier wenn er herkommt. Auch die Warum-Frage verursacht Schwierigkeiten. Auf die Frage “Warum ist es dort schoen?” erhaelt man, nach einem kleinen typischen Aufschrei und einer kurzen Pause des Erstaunens ueber eine solche Frage, die Antwort “Weil man schoene Dinge dort sieht?”.

Die KTM verursacht weiter Bauchschmerzen. Neu sind jetzt ein permanent zu heisser Motor und, noch viel schlimmer, ein Aussetzten des Motors, inbesondere wenn er kalt ist. Letzteres klingt auch akkustisch gar nicht gut und verursacht manchmal, das der Motor vollstaendig ausgeht, was in Schraeglage zum sofortigen Sturz fuehren wuerde. Angespanntes Fahren mit reaktionsbereiter Hand an der Kupplung sind nicht gerade ein Genuss. Ein erster Reparaturversuch hat leider nicht den erwuenschten Erfolg gebracht. Ich hoffe ich kann dem Problem auf die Spur kommen.

Vor uns liegen Kamerun und Gabon und ich erwarte schlechte und anspruchsvolle Strassen durch dichten Dschungel. Wir naehern uns dem Equator (in Gabon) und kommen in ein Gebiet, dass zwar Jahresschwankungen in der Niederschlagsmenge aufweist, wo es jedoch ganzjaehrig regnen kann, was sich immens auf den Zustand der Strassen auswirkt. Ich freue mich auf eine der landschaftlich aufregendsten Abschnitte unserer Reise mit ueppigster Flora und Fauna und hoffe mir sind sowohl Wetter als auch KTM wohlgesonnen. Das Visum fuer Kamerun holen wir heute abend ab und morgen gehts weiter, auf in neue Abenteuer.

Bevor ich auf moeglichwerweise etwas laengere Zeit in unserer naechsten Etappe durch Nigeria nach Kamerun untertauche, will ich noch ein kurzes Update zwischenschieben.

Strasse in Lome am Sonntag

Strasse in Lome am Sonntag

Gestern traf ich auf zwei deutsche Maedels, die in Ghana ein Auslandssemester machen und zur Zeit in Togo auf Reisen sind. Beide sind bereits seit August in Westafrika und haben die Regenzeit hier teilweise miterlebt. Sie erwaehnten, dass das Leben auf der Strasse nahezu zum Stillstand kommt und wie drastisch der Unterschied zur Trockenzeit ist. Die Aussage hat mich angeregt etwas naeher hinzusehen.

Das Leben hier wie ich es taeglich beobachte, passiert auf der Strasse. Im Gegensatz zu unseren Gewohnheiten ist die Strasse hier nicht nur der Weg, um von A nach B zu kommen, sondern Lebensraum, den man den ueberwiegenden Teil des Tages und auch zur Nacht bewohnt. Tausende von offenen Staenden aus Holz werden taeglich bei Sonnenaufgang mit Waren aller Art befuellt und mit der Daemmerung wieder geleert. Zahllose Frauen tragen ihre Waren den gesamten Tag auf dem Kopf und machen durch Schreien, Klappern, Trommeln oder Rasseln auf sich aufmerksam.

gleiche Strasse am Wochentag

gleiche Strasse am Wochentag

Die Strassen sind gefuellt mit Motorradfahrern, die Mitnahmegelegenheiten suchen und Taxis, die sich durch enge Gassen hupen. In zahlreichen Essensstaenden werden auf kleinen Kohleoefen Bananen fritiert, Reis gekocht und Fleisch gegrillt und der Geruch brennender Kohle, fritierter Backwaren und gegrillter Huehner vermischt sich mit dem von Muell und Schweiss und Abgasen. Bettler bitten um Almosen, Kinder schreien und Babies haengen an den Ruecken der Frauen. Waren werden permanent ein-, ausgepackt und transportiert. Es wird gehandelt und diskutiert, sich beschwert und gexssst, waehrend andere inmitten des Trubels vor ihren Staenden liegen und schlafen. Wer sich seiner Beduerfnisse entledigen muss, tut dies inmitten der Menge am naechsten Gulli und gewaschen wird sich in kleinen mit Wasser gefuellten Schuesseln. Vorallem aber gibt es ueberall und staendig jemanden, der irgendwas mit dem Besen wegfegt. Das Geraeusch des harten Strohbesens auf Beton oder Lehmboden ist fuer mich, neben dem Gekraeh des Hahns, das markanteste Geraeusch Afrikas. Eigentlich gibt es immer und zu jeder Tageszeit jemanden in der Naehe der fegt. Es ist faszinierend, wenn man mal drauf achtet.
Eine grosse Menge an Personen ist einfach nur da, beobachtet und wartet auf eine Gelegenheit, auf welche Art und Weise auch immer, den einen oder anden Franc zu verdienen. Wo solllte sich diese Gelegenheit sonst bieten, wenn nicht hier auf der Strasse, wo alles Leben ablaeuft. Geht man abends durch die Strassen, sieht man mit Einbruch der Dunkelheit, ab halb sieben, ueberall Leute liegen, die auf Unterlagen am Strassenrand schlafen. Muetter mit ihren Kindern, Alte wie Junge schlummern ungestoert auf dem harten Boden. Hier und da spielt Musik, eine Gruppe von etwa 40 Leuten steht vor einem mickrigen Fernseher, die kleinen Kohleoefen brennen noch vereinzelt und die Leute sitzen zusammen und plauschen. Der Tag endet frueh, aber beginnt vor Sonnenaufgang. Fuer Viele gibt es kein Entkommen vor dem gemeinschaftlichen Treiben. Alles passiert in unmittelbarer Naehe zum Nachbarn, haeufig mit Hautkontakt. Keine Waende die den Sichtkontakt unterbinden, keine Tueren oder Fenster, die den Laerm aussperren, keine Zaeune, die andere auf Abstand halten, ein ununterbrochenes Interagieren mit den Mitmenschen. Die, die nicht auf der Strasse schlafen, verbringen wenig Zeit zu hause, denn der ueberwiegende Teil der Wohnungen duerfte heiss und stickig sein. Draussen gibt es frische Luft und das Leben zu erleben, wenig Grund drinnen zu hocken.

Was passiert nun aber in der Regenzeit, wenn es taeglich herunterschuettet? Ich kann es mir schwer vorstellen, wie sich das jetzt in der Trockenzeit beobachtete Markgeschehen mit Unmengen von Wasser, vom Himmel fallend und durch die Strassen fliessend, vertraegt. Man wartet auf das Ende des Regengusses, um danach wieder ins taegliche Treiben und Leben zurueckzukehren. Waehrend bei uns Regen im Allgemeinen draussen passiert und selten unser Tagesgeschehen  beeinflusst, legt er hier das Geschehen komplett lahm und bringt Stillstand. Der Regen bringt die natuerliche Areitspause, die Sonne bestimmt den natuerlichen Zeitraum des Wachseins. Fuer die meisten von uns trifft keines von Beiden zu.

Die Sendung der Ersatzteile fuer die KTM ist zwar seit Samstag in Lome, ich konnte sie jedoch noch nicht aus den Klauen des Zolls befreien. Da Toni Togo mehr Erfahrungen damit haben, habe ich die Aufgabe jetzt an Michel, den Manager, uebergeben und bin recht zuversichtlich, dass ich nun schnell startklar bin.

Die Ausruestung und Klamotten sind, nach den Regentagen in Ghana, wieder trocken, meine Cashmittel aufgefuellt (Geldautomaten duerften eine Raritaet in den kommenden Laendern darstellen), ueberflussiges Gepaeck ist aussortiert und ueber Bord geworfen, ich bin bester Gesundheit, wenn auch ein wenig lediert. Alles spricht fuer den Aufbruch in neue Abenteuer und ich kanns nicht erwarten wieder “on the road” zu sein.

Etwas lediert bin ich wegen eines kleinen naechtlichen Zwischenfalls. Mark und ich waren auf dem Weg in eine Nachtbar und schlenderten leicht (ja nur leicht) angetrunken auf dem Buergersteig einer unbeleuchteten Strasse. Mein Blick richtete sich auf ein entgegenkommendes Taxi und gerade als ich es heranwinken wollte, schlug mein Kopf auf dem Betonboden auf und ich spuerte einen starken Schmerz im linken Knie. Ich war voellig perplex und konnte keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem einen und dem kommenden Augenblick herstellen. Erst zwei bis drei Sekunden spaeter war mit bewusst was passiert war. Ich war in einen offenen Gulli getreten und mein rechter Arm, das linke Bein und eben mein Gesicht bewahrten mich vor dem tiefen Fall. Mark, der hinter mir lief, sah noch wie ich mit dem Fuss ueber dem schwarzen Loch schwebte, doch bevor er etwas sagen, war ich auch schon unten. Die Folgen waren im Verhaeltniss zur potentiellen Gefahr gering. Ein geprelltes Knie, ein geprelltest Handgelenk, ein ueberdehnter grosser Zeh und Schmerzen in der Wange mit der ich aufschlug. Es haette schlimmer kommen koennen, aber der Schreck war gross. Gullideckel werden hier und in anderen aermlichen Regionen, haeufig geklaut, da das Eisen verkauft werden kann.

Leider hat der Vorfall meine Bewegungsfreiheit in den folgenden Tagen erheblich eingeschraenkt und so konnte ich weder bummelnd die Stadt erkunden, noch mein neuentdecktes morgendliches Joggen weiterverfolgen und verbrachte den Grossteil meiner Zeit lesend im erfrischenden Luftstrom meines Ventilators. Dafuer habe ich jetzt eine Empfehlung fuer alle, die etwas Afrikalust bekommen haben sollten. Mark hat mir ein sehr empfehlenswertes Buch gegeben, dass mitreissend und informativ einen Einblick in afrikanische Verhaeltnisse gibt. Es beschreibt die Erlebnisse und Beobachtungen eines polnischen Journalisten, Ryszard Kapuscinski, der in der zweiten Haelfte des vergangenen Jahrhunderts in den entlegensten Regionen Afrikas unterwegs war. Detailiert, intelligent und lebhaft geschrieben, ist es eine gelungene Einfuehrung in die Gesamtheit Afrikas, die Konflikte und Geschichte. Die englische Version heisst “Schadow of the sun”, ich glaube die deutsche Fassung ist mit “Afrikanisches Fieber” uebersetzt worden. Ein gutes Weihnachtsgeschenk fuer Afrikafans und/oder Reiselustige :) .

Wer mehr ueber unsere Reise lesen will und ueber Englischkenntnisse verfuegt oder einfach nur ein paar Bilder anschauen will, dem kann ich auch Marks Blog empfehlen. Nicht nur findet man hier ein anderen Blickwinkel auf die Ereignisse sondern, da wir im Allgemeinen von uns gegenseitig Bilder machen, auch Fotos von mir und Geoff. Mark ist Journalist und Schriftsteller und seine Ausfuehrungen bewegen sich im Gegensatz zu meinem grobschlaechtigen Getippe auf einem anderen Niveau. Es lohnt sich also, guckt mal rein.

Ansonsten will ich euch nicht weiter mit den alltaeglichen Tagesablaeufen hier in Lome langweilen und verweise auf neue Berichte in hoffentlich naher Zukunft. Falls sich in den kommenden Tagen keine Internetgelegenheiten ergeben sollten, wuensche ich euch sicherheitshalber schon mal ein schoenes Weihnachtsfest. Geniesst das Essen und die kuehle, klare Luft. Um beides beneide ich euch manchmal. Aber auch nur manchmal ;) .
Bis zum naechsten mal.

Unvermeidlicher Behoerdenkampf, KTM-Generalueberholung, ein vorsichtiger Einblick in die Realitaet des Voodoo, das Leben in Lome, eine Verhaftung mit Gefaengnisbesuch – kurzum auch diesmal gibt es wieder einiges zu berichten. Schoen das ihr wieder dabei seid!

Langsam aber sicher fahrend, bin ich in Lome,Togo angekommen. Die KTM und ich haben es bis hierher geschafft, ein Ziel, das sich seit einigen Wochen anfuehlte, wie ueber LOS zu kommen, gibt es hier doch den einzigen KTM-Haendler in Westafrika und die vermutlich beste Motorradwerkstatt zwischen Spanien und Suedafrika. Statt Geld zu bekommen, gebe ich es zwar fuer Reparaturen aus, aber kaufe mir damit sozusagen weitere Strassen auf dem Weg nach Sueden, um es mal bei dem Gleichnis zu belassen. Meinen bereits angekuendigten Besuch eines Betterplace Projektes in der Naehe von Accra musste ich aufgrund des Motorrades leider wieder absagen. Da es sich aufgrund der Reparatur und Visaformalien bereits andeutete, dass ich hier einige Tage verbringen werde, ist es umso erfreulicher, dass Lome eine ueberaus angenehme und sofort liebenswerte Stadt ist. Paul, ein Australier, irischer Herkunft, mit dem ich Zeit in Kokrobite und Lome verbracht habe, hat mich gefragt welche Hauptstadt mir auf dem bisherigen Weg am sympatischsten war und ich habe nach kurzem Revue passieren lassen – Lome – geantwortet.

Lome Strand

Kein verlassener Strand, sondern der Stadtstrand von Togos Hauptstadt. Direkt hinter den Palmen beginnt Lomes Zentrum.

Lome liegt direkt am Meer und hat einen ueberaus schoenen weiten Strand, gesaeumt mit einem etwa 30 Meter breiten Palmenguertel. Die Luft ist vergleichsweise sauber und es weht staendig eine frische Brise. Frisch ist natuerlich relativ zu verstehen. 33 Grad und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit reichen trotzdem fuehr mehrere durschgeschwitzte T-Shirts pro Tag. Die Stadt ist, die Marktgegend ausgenommen, weitlaeufig angelegt, mit vielen Frei- und Gruenflaechen, 2-3 geschossigen Haeusern und hat einen erheblich geringeren Wuselfaktor als bisherige Hauptstaedte auf meinem Weg. Nach wenigen Tagen auf Motorradtaxis durch die Stadt kutschiert, hat man bereits einen recht soliden Ueberblick ueber die Viertel und die Srassenstruktur. Wir sind im schoenen Hotel Le Galion am Rande des Zentrums untergekommen, dass mir, in der Naehe des Strandes gelegen, die Moeglichkeit bietet, wieder mal joggen zu gehen und zur Belohnung danach direkt in die warmen aber maechtigen Wellen zu springen.

Lome ist einfach und billig. Um beispielsweise abends Essen zu gehen, verlasse ich das Hotel und setzte mich auf eines der zahlreichen 125ger Motoradtaxis, die mich fuer etwa 15 Cent zu einem Essenstand am Strassenrand bringen. Essenstaende gibt es ueberall und bieten im Allgemeinen eine vielfaeltige Auswahl an Nudeln, Sossen, Reis, Salaten, Fruechten, frittierte Bananen und diversen anderen Speisen, die in zahlreichen Schuesseln untergbracht sind, aus denen man sich einen Teller zusammenstellen kann. Ein bunter grosser Teller inklusive unwiderstehlich leckerer Mango als Nachspeise und dem obligatorischen Fanice Eis schlaegt dann mit etwa einem bis zwei Euro zu Buche. FanMilk Eiscream hat sich in den vergangenen Tagen, seitdem es mir Paul in Kokrobite gezeigt hat, zur Sucht entwickelt. Es handelt sich dabei um vanillemillkshakeaehnliches Eis, das in eingeschweisten 100 ml Tueten verpackt ist. Man beisst eine Ecke ab und schluerft den Rest aus der Packung. Ueberall in der Stadt sind Verkaeufer unterwegs, die FanMilk Wagen vor sich herschieben und sich hupend ihren Weg durch die Strassen bahnen. Das Zeug ist derart lecker, dass ich bereits bei einer 2-stelligen Anzahl Eis am Tag angekommen war, bevor ich mir eine maximale Menge von 4 Stueck auferlegt habe, um Bauchschmerzen vorzubeugen.
Will man sich nicht selbst zum Essen bewegen, reicht es im Allgemeinen auch aus einfach die immerzu herumlaufenden Frauen abzuwarten, die von Kokusnuessen ueber allerlei Geback, nahezu jede erdenkliche Speise (und auch alles erdenkliche andere) auf dem Kopf tragen. Apropro Gebaeck, es gibt wieder leckere Baguettes und es wundert mich doch rueckblickend sehr, wie es moeglich ist, dass ein Land wie Ghana, ausschliesslich umgeben von ehemals franzoesischen Kolonien, es nicht schafft, selbst vernuenftiges Brot zu produzieren. Erstaunlich, aber andererseits hat auch kein deutscher Nachbar eine vergleichbare Qualitaet oder Vielfalt eines normalen deutschen Baeckers zu bieten. Einspruch erlaubt :) .

Natuerlich gibts auch Schattenseiten. Die Armut ist zum Teil erschreckend. Man muss schon etwas genauer hinsehen, um zu erkennen, das viele der Leute , die tagsueber entspannt unter dem Palmenguertel schlafen, auch nachts keine Bleibe haben. Wenn ich frueh morgens am Strand jogge und durch die Abschnitte laufe, die den aermlichen Gegenden besonders nah sind, sieht man alle 20 – 40 Meter Menschen mit heruntergezogener Hose hocken, die in unmittelbarer Naehe der Kueste und damit meiner Laufspur, scheinbar schamlos und voellig offenbahr ihr Geschaeft verrichten. Es ist erniedrigend, traurig und widerlich und bleibt natuerlich auch nicht ohne Geruchsfolgen fuer den Strand. Ich sehe Frauen, die sich in den Abfluessen, die aus der Stadt kommen und ins Meer fliessen, waschen, schrecklich entstellte Krueppel, die am Strassenrand betteln und voellig verwahrloste Gestalten, die sich mir sprichwoertlich zu Fuessen werfen und um Almosen bitten. Dennoch sind dies Ausnahmen in einer ansonsten einladenden, lebendigen und  sympatischen Stadt.

Schaedel auf dem Fetisch Markt in Lome

Schaedel auf dem Fetisch Markt in Lome

Lome liegt mitten in der Region, in der die  Voodoo Religion stark verbreitet ist und ein Fetisch Markt am Stadtrand laedt ein, einen ersten Eindruck zu erhaschen. Die ueberall in der Region vorhandenen Maerkte bieten in erster Linie eines, getrocktnetes totes Getier jeder nur erdenklichen Spezies. In der Praxis dienen diese als Zutaten fuer Rezepte, die vom Voodoo Chief zusammengestellt werden. Die Zutaten werden daraufhin gemalen und unter festgelegten Zeremonien verbrannt, eingenommen, geopfert usw.. Wir haben den auf diesem Markt vorhandenen Voodoochief einen Besuch abgestattet und uns ueber die moeglichen erwerblichen Gluecksbringer aufklaeren lassen. Ich entschied mich fuer Gluecksbringer fuer die Reise, die Liebe und fuer Heim und Haus. Diese koennen, muessen aber nicht fuer die eigene Person sein. In einer Zeremonie werden diese dann mit der Zielperson personifiziert und muessen dann unter Einhaltung bestimmter Regeln aktiviert werden. Am Ende werden dann Muscheln gewuerfelt, die den Preis bestimmen, der natuerlich sehr hoch ist, aber dafuer umso staerker verhandelbar. Vorteilhaft ist, das die Talismane immer an eine Person gebunden sind, nicht an das Ziel. So koennen sie ein Leben lang fuer immer verschiedenen Reisen, die jeweiligen Frauen (oder Maenner) der Wahl, bzw. dem aktuellen Heim, unter Beachtung der Aktivierungszeremonien wiederverwendet werden. Ein echtes Schnaeppchen also.

Eigentlicher Grund des Aufenthaltes hier in Lome sind allerdings die Reparatur der KTM und das Beschaffen der Visa fuer Nigeria und wenn moeglich Angola, den, neben der DRC, problematischsten Laendern auf unserem Weg.

meine KTM bei Toni Togo

meine KTM bei Toni Togo

Toni Togo war eine sehr positive Ueberaschung. Eine gut ausgestatte Werkstatt in europaeischen Standard, ein Hof voller KTMs, ein schweizer Mechaniker mit Liebe fuer seine Arbeit und die Zusage, das mein fahrbarer Untersatz hier gut aufgehoben ist und alles repariert werden kann. Der Mechaniker hat auch noch viel Erfahrung mit meinem Modell und ich fuehle mich wie im Werkstatthimmel. Ich lege meine Reparaturliste vor und fuege noch etwas naiv hinzu, dass ich mir zusaetzlich wuensche, dass der Mechaniker eine volle Dursicht inklusive dem Einstellen der Ventile macht und moegliche Problem- oder Schwachstellen untersucht, damit ich mit gutem Gefuehl meine Weiterfahrt antreten kann. Als ich daraufhin am kommenden Tag vorbeischaue, sehe ich mein Motorrad voellig zerlegt vor mir stehen, mit einem Mechaniker, der voller Sorgfalt und Liebe in Bereichen operiert, die ich nie zuvor gesehen habe. Mit einem guten Gefuehl lasse ich ihn schrauben und bereite mich derweil schonmal auf eine saftige Rechnung vor. Leider sind nicht alle Ersatzteile vor Ort, so dass ich widerum DHL bemuehen muss. Die Teile sind bereits fuer ca. eine Fantastilliarde DHL Euro von KTM Berlin verschickt worden und sollten am Montag hier sein. Ich klopfe aufs Holz und warte es ab…

Die Beschaffung des Visums fuer Nigeria war mit Schwierigkeiten verbunden. Viel Hartnaeckigkeit, viermaliges Vorsprechen und einiges an organisatorischem Aufwand hat mich von “Nein, wir stellen nur Visa fuer Einwohner Togos aus. Sie muessen Ihr Visum in Deutschland beantragen.” ueber “Vielleicht bekommen Sie ein 5 Tage Transitvisum.” bis hin zu “Wir koennen Ihnen ein 14 taegiges Touristenvisum ausstellen.” gebracht. Dafuer erfoderlich waren letztlich der Pass, 2 Passbilder, 2 Antragsformulare, 2 Passkopien, 2 Kopien des Visums fuer Ghana, 80 Euro, ein freies Schreiben mit der Begruendung, was wir in Nigeria wollen und warum ich das Visum nicht schon in Deutschland beantragt habe, eine Notiz der deutschen Botschaft in Togo, die bestaetigt, dass ich ein braver Deutscher bin, der nur harmlos und touristisch Nigeria kennenlernen will, ein verhoeraehnliches, persoenliches Gespraech mit dem Bearbeiter und etwa 4 Stunden Wartezeit. Viel Aufwand fuer ein Land, dass seine Schatten vorauswirft und das wir nur zuegig durchqueren wollen. Schoen siehts aber aus das Visum in meinem Pass, der in Kokrobite aus Versehen mitgewaschen wurde und nun einem voellig zerfallenen Lappen aehnelt.

Ein taeglicher Besuch in der Botschaft von Angola hat allerdings leider nicht zum Erfolg gefuehrt, da zunaechst der Bearbeiter krank war und es sich letzlich heraustellte, dass alle angolanischen Visaantraege Westafrikas nach Abuja, Nigeria geschickt werden. Das wuerde sehr lange dauern, aber wir wissen aus recht zuverlaessiger Quelle, das in Abuja  keine Touristenvisa fuer Nichtafrikaner mehr ausgestellt werden. Das Problem wird also vertagt. Die DRC und Angola zu passieren duerfte sich als echte Herausforderung etablieren, denn wir wissen, dass ein uns vorausfahrender Motorradfahrer in Gabon festhaengt und kein Visum fuer die DRC erhaelt, es sei denn er hat einen Rueckflug oder ein Visum fuer Angola. Angolanische Visa werden hingegen, so der allgemeine Konsenz, wenn ueberhaupt nur in Kinshasa, DRC ausgestellt. Da beisst sich die beruehmte Katze in den Schwanz. Oder Catch 22 wie der Englaender sagen wuerde. Wir vertagen das Problem und bleiben optimistisch.

OK, warum nun aber “Hinter Gittern”?
Eines morgens entschied ich mich, entgegen meiner urspruenglichen Laufrichtung, nach Westen am Strand entlang Richtung Ghana zu joggen. Lome liegt nah an der Grenze und ich wollte bis zur Grenze und zurueck. Nach wenigen Kilometern hocke ich mich hin, um ein Boot in der aufgehenden Sonne zu fotografieren, als mich jemand anxsssst. “Xssssst” ist ein sehr effektives Geraeusch, dass das Ohr auch im lautstaerksten Stadtgetummel noch sehr differenziert, deutlich und vorallem praezise ortbar wahrnimmt. Da ich es aber immer und staendig hoere, weil mir irgendjemand irgendwas verkaufen will, bin ich darauf trainiert, nicht mehr zu reagieren, ignoriere ihn und jogge weiter. Im Augenwinkel sehe ich aber, dass er jemanden, den ich nicht sehen kann mit den Armen rudernd auf mich aufmerksam macht. Mein erster Gedanke ist “Die wollen meine Kamera” und ich laufe zunaechst kontinuierlich, aber mit wachsender Beklemmung weiter. Kurze Zeit spaeter stuermen drei in Uniform bekleidete Polizisten den Strand in meine Richtung und rufen und mir wird klar, dass ich besser kooperativ bin und gehe ihnen entgegen. Mit Erschrecken sehe ich die Wappen auf deren Uniform. Sie tragen die Aufschrift “Ghana”. Ich werde als illegaler Grenzgaenger abgefuehrt und muss mir von einem kleinen gruenen (Farbe der Uniform) Giftzwerg in anklagender und drohender Ausprache anhoeren, dass ich willentlich versucht haette in Ghana einzudringen und was ich mir dabei gedacht habe. Die Frage nach meiner Intention war allerdings ueberfluessig, denn er liess mich nie ausreden. Der Vorgesetzte war nicht da und so wurde ich kurzer Hand in einer etwa 10 qm grossen Zelle untergebracht. Das Gefuehl offiziel meiner Freiheit beraubt zu sein und das Geraeusch der einrastenden Gittertuer und des Schluessels werde ich wohl nie vergessen. In der Zelle waren noch drei weitere sehr ungluecklich aussehende Mitgenossen, die schweigend vor sich hinstaarten. Wir sprachen nicht. Bevor ich jedoch echtes Unbehagen entwickeln konnte, wurde ich etwa zwei Minuten spaeter wieder herausgeholt und in ein Buero gesetzt und man wies mich an dort zu warten. Der Giftzwerg wurde derweil im Nachbarraum vom zurueckgekehrten Vorgesetzten verhoert und ich wurde kurz darauf dazugeholt. Nachdem ich barfuss und verschwitzt vor den Grenzbeamten stehend die Gelegenheit bekam, meine Sichtweise zu schildern und darauf hinzuweisen, dass ich voellig ohne Wissen die Grenze ueberquert hatte und eine Grenze vom Strand aus auch nicht erkennbar ist (es gibt nichtmal ein Schild), wurde ich wieder zurueck ins Buero eskortiert. Der Fall war klar. Ich hatte illegal die Granze nach Ghana ueberquert, was eine Geldstrafe und den erneuten Erwerb eines Visums nach sich zieht. Alles was ich bei mir hatte waren eine Schwimmhose, ein T-Shirt, mein Hotelschluessel und eine Kamera und ich war gespannt wie sie die Umsetzung meiner Strafe organsieren wuerden. Noch einige Minuten diskutierten vier Maenner meinen Fall, bis der Giftzwerg ungehalten abmarschierte, was ich als gutes Zeichen interpretierte. Ein anderer kam heraus, bat mich mitzukommen und fuehrte mich wieder zum Strand hinunter, deutete Richtung Togo und sagte “You jog back”. Erleichtert bedankte ich mich, rannte davon und gelangte ungesehen, an den Grenzbehoerden Togos vorbei, wieder zurueck. Was fuer eine Aufregung noch vor dem ersten Kaffee!

bisherige Route

Die aus allen GPS Daten zusammengefuegte Route, leider nur als Bild. Die Berechnung fuer die vollstaendig nutzbare Google maps Version dauerte 3 Stunden...

Trotz dem angenehmen Dasein hier in Lome zieht es mich weiter. Die Reise dehnt sich zunehmend aus und aus meinen angepeilten 3-4 Monaten werden nun voraussichtlich 5-6. Afrika scheint immer groesser zu werden, je laenger ich unterwegs bin und ein Blick auf die Karte sagt mir ich habe zwar die Haelfte des Weges von Berlin aus gesehen zurueckgelegt, aber der Weg durch Afrika ist noch ein sehr weiter. Wir legen Lome dennoch als Halbzeit fest und stossen darauf an. Wenn alles gut geht, werden wir am Dienstag unseren Weg fortsetzen und nach nur kurzem Abstecher in Benin zuegig in nur 3 – 4 Tagen durch Nigeria rauschen. Soweit der Plan. Geoff hat sich aus organisatorischen Gruenden fuer 10 Tage nach England verabschiedet, duerfte aber keine Probleme haben, uns wieder einzuholen.

Ich wuensche euch ein schoenes Wochenende und melde mich voraussichtlich vor Nigeria nochmals mit einem kurzen Update zurueck. Machts gut und bis zum naechsten Mal.

Leider ergaben sich in der vergangenen Woche keine akzeptablen Internetgelegenheiten, um den Blog zu aktualisieren. Daher muss ich euch heute einen etwas ausfuehrlicheren Ghanabericht zumuten. Vielen Dank fuer eure Kommentare, fuers Mitlesen und Dabeibleiben.

Afrika fuer Anfaenger, schreibt der Lonely Planet und es ist leicht zu erkennen warum. Der gefuehlte Unterschied nach dem Ueberqueren einer Grenze innerhalb Afrikas war nirgends groesser, als von Burkina nach Ghana kommend. Ghana ist als ehemals britische Kolonie englischsprachig und mir wird schnell bewusst wie viel intensiver man ein Land wahrnehmen kann, wenn man die Sprache nicht nur in Rudimenten, sondern gespraechstauglich beherscht. Mit der kurzen Ausnahme von Gambia, konnte ich mich seit dem Verlassen Deutschlands nur auf sehr niedrigem Niveau mit den Einwohnern verstaendigen. Die Moeglichkeit sich frei und unbeschraenkt austauschen zu koennen und Schilder, Werbungen, Speisekarten usw. zu lesen, eroeffnet einen viel tieferen Blick in Land und Leute. Als naechstes faellt auf, das die Religion deutlich expressiver zur Schau gestellt wird. Gott ist ueberall praesent, sowohl in der Sprache als auch in Schriftform. “So Gott will”, “wie von Gott geschaffen”, “in Gottes Gnade”, “gottgegeben” usw. wird regelmaessig in der ganz nornmalen Kommunikation benutzt. Auf Schildern und Autos findet mann Ausprueche wie “God is King”, “Jesus is with us”, “Good is good”, “Have Trust in the Lord” usw.. Beinahe jedes Geschaeft, jedes Unternehmen hat Gott oder Religion im Namen. Ein Lebensmittelladen wird zu “Lords cold store” und ein Friseur zu “Grace of God Haidresser”. Auch andere Sprueche die man am Strassenrand sieht, sind sehr unterhaltsam. Hier einige Beispiele: “Verzichte auf Gewalt, lebe friedlich mit deinem Nachbarn”, “Entscheide ueberlegt, lebe gluecklich”, “Kauf unserer Textilien – bringt Glueck in dein Leben”, “Say no to Sex, stay alive”. Zum ersten mal in Afrika sehe ich das omnipraesente Muellproblem angesprochen und man findet auch dazu Sprueche wie “Halte Ghana sauber, es ist dein Land” und sieht kleine blaue Muellwagen. Inwiefern die Behandlung des Muells nach dem Sammeln organsiert ist, kann ich allerdings nicht beurteilen.
Bessere Strassen, modernere Autos und Tankstellen, Ampeln, Strassenschilder und ein allgemein groesseres Konsumangebot, alles deutet auf ein vergleichsweise entwickeltes Land hin und wie Mark richtig bemerkte, wir haben seit Ghana keine Eselskarren mehr gesehen. Afrika fuer Anfaenger eben, aber dennoch Afrika, denn ausserhalb der Stadte trifft man auf eine aehnlich einfache Lebensweise in kleinen Doerfern und strohbedeckten Rundhuetten und auf eine Einwohnerschafft jenseits aller Englischkenntnisse.

typische Menschenauflauf sobald wir halten

typische Menschenauflauf sobald wir halten

Die Menschen hier unterscheiden sich in jeder Hinsicht mit Ausnahme der Hautfarbe von den Einwohner Burkinas oder Malis. Sie sind deutlich kommunikativer, expressiver und humorvoller, intensiver und lauter, lockerer und koeperlicher. Sie kommen um zu reden, nicht um zu verkaufen, sind neugierig und ueberhaeufen uns mit Fragen. Nirgends sonst haben sich nach so kurzer Zeit so grosse Menschentrauben um uns gebildet wie hier. Auch aeusserlich unterscheiden sie sich deutlich. Insbesondere die Frauen weisen mit breiten Schultern, kraeftigen Armen, tief eingefallenen Nasenwurzeln und breiten Gesichtszuegen recht maskuline Zuege auf. Viele haben auffaellige Schmucknarben im Gesicht, meist auf den Wangen links und rechts neben de Nase nach unten, hinten diagonal zu den Wangenknochen abfallend und manchmal wie Sonnenstrahlen hintern den Augen auf der Schlaefe.
Nachdem sich das Fruchtangebot in den letzten Laendern auf Melonen, Bananen und manchmal schlechten Orangen beschraenkt hatte, sieht man hier Kokusnuesse, Annanas, Papayas, Aepfel und vieles mehr und nach wochenlangem Reis mit Sosse und Huhn, geniessen wir Kochbananen (hmm super lecker), gegrillte Maiskolben, frittierte Teigbaelle (auch unwiderstehlich) und eine reichhaltige Auswahl diverser Gemuese von Essensstaenden am Strassenrand und auf Maerkten.

Es gibt aber auch einige Negativseiten. Die Qualitaet der Brot- und Backwaren ist nach den ehemals franzoesisch kolonoalisierten Laendern um mehrere Dimensionen abgefallen und statt Baguettte, Croisants und einer meist erstaunlichen Auswahl an Kuchen, trifft man hier einheitlich auf miserables Weissbrot. Unangenehm ist auch die deutlich hoehere Luftfeuchtigkeit. Ein T-Shirt ist nach 10 Minuten in der Sonne stehend komplett nass und Schweiss tropft pausenlos von Stirn und Nase, lediglich der Fahrwind verhilft zu ein wenig Abkuehlung. Die Musik wechselt von den feinfuehligen Klaengen Malis zu Pop- und HipHoplastigeren Sounds. Ein Wechsel, der der Mentalitaet der Menschen hier entgegenkommt, aber nicht unbedingt meinem Geschmack entspricht.

Es sind Wahlen in Ghana und ueberall grinsen die Gesichter der Kandidaten von Postern auf uns herab. Die Menge der Werbung der Parteien ist durchaus mit der in einer Wahl in Deutschland zu vergleichen, ungleich ist hingegen die Anteilnahme der Bevoelkerung im Wahlgeschehen. Waehrend sich bei uns in allgemeiner Politikverdrossenheit gerade mal 60 Prozent ueberhaupt zur Urne begeben, ist hier jeder und alles politisch in Bewegung. Die Leute tragen T-Schirts und Aufkleber der beiden Hauptparteien NPP (National Patriotic Party) und NDC (National Democratic Party) und tanzen ueberall mit den Erkennungsgesten ihrer Parteien. Ja, richtig gelesen, die Parteien haben ihre eigenen Gesten, insbesondere symbolisiert durch markante Bewegungen mit den Haenden und Armen. Wenn man in eine Menge fragt was sie denn waehlen werden, gibts gleich ein grosses Geschrei, alle springen auf und fangen an die Gesten ihrer Partei zu machen und dabei zu tanzen. Auch aus den Fenstern der Busse und am Strassenrand sieht man sie immer wieder, die markanten Handbewegungen. Wahlveranstaltungen sind in erster Linie riesige Parties. Wer mehr rockt gewinnt, so scheint es und auch das ist Ghana.

Aussicht auf den Mole National Park

Aussicht auf den Mole National Park

Unser erstes Ziel auf dem Weg nach Accra ist der Mole National Park, eines der Highlights auf dem Programm eines jeden Ghanatouristen. Auf den 60 Kilometern teils schwieriger Sandpiste zum Park, schwitzen und kaempfen wir uns zu einer ueberaschend guten Hotelanlage innerhalb des Parks durch und werden mit einem bezaubernden Ausblick ueber den Park, einem Pool und kaltem Bier belohnt. Vor einer bis zum Horizont reichenden, unberuehrten Waldkulisse beobeachten wir allerlei Voegel, Cobs, Krokodile, Warzenschweine und Elefanten bis die Sonne in einem blutrotem Himmel untergeht. Es ist maerchenhaft schoen.
Morgens werde ich von einem lauten Schniefen und Schnueffeln geweckt, oeffne die Augen und blicke durch die Gase meines Innenzeltes direkt ins Angesicht eines etwa 30 cm entfernt stehenden Warzenschweines, dass knieend mit der Nase den harten Boden umpfluegt und dabei laut schmatzt.
Abends wechsele ich mit Marks Hilfe im Schweisse meines Angesichsts meinen Vorderreifen, den ich bereits seit Spanien mit mir herumschleppe. Der alte Strassenreifen wollte und wollte nicht sterben, aber die teilweise schlechten Strassenverhaeltnisse zu den entlegenen Regionen diktieren jetzt den Wechsel auf den gelaendetauglicheren Ersatz. Ich druecke die Daumen, dass mich dieser bis nach Kapstadt traegt und sich als aehnlich ausdauernd wie der letzte erweisst. Nach der etwas muehsamen Aktion stehe ich triefend nass aber zufrieden neben meinem Motorrad. Selbst das Geld in den Hosentaschen ist feucht. Koeperliche Arbeit ist hier aufgrund der Luftfeuchtigkeit doppelt so schwer verrichtet, als noch 200 KM weiter noerdlich. In der Daemmerung besucht uns eine Gruppe Paviane und einer entscheidet sich auf meinem Motorrad sitzend nach Verwertbarem zu stoebern und allerlei Tueten und Taschen zu durchwuehlen, bevor ich ihn wegjagen kann. Paviane sind recht mutige und grosse Affen, die sich nicht unbednigt so leicht vertreiben lassen. Am Vortag hatte ein Horde, die Touris geradewegs attackiert, woraufhin alle fliehend in den Pool sprangen bevor die Hotelangestellten die Affen vertreiben konnten.

Vielleicht das Highlight der bisherigen Reise ereilte uns auf dem Weg zu einem Affenpark im Zentrum Ghanas. Wir fuhren auf sandigen Strassen durch dichten Regenwald, es war bereits 17 Uhr und der Himmel vor uns verdunkelte sich bedrohlich. Ich hatte seit Frankreich keinen Regen mehr gesehen und jahreszeitlich war auch hier kein Regen zu erwarten, aber Blitze in der Distanz, aufkommender Wind und die ersten Tropfen belehrten uns eines besseren. Wir entschieden die verbleibenden 20 Kilometer zu fahren und fuhren geradewegs ins Unwetter. Der sandige Boden verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in nahezu unpassierbaren Matsch, der insbesondere durch die sehr rutschige obere Schicht extrem schwer zu fahren war. Nachdem Geoff eine spektakulaere Rutschpartie vor meinen Augen hingelegt hatte und nur mit Ach und Krach das Motorrad halten konnte und der Regen ploetzlich sintflutartig auf uns hereinbrach, entschieden wir uns in einem Dorf namens Bodom zu halten und unter dem Terassendach einer Schule den Regen abzuwarten. Der Regen hielt nicht lange an, aber aufgrund der nun aufgeweichten Strassen haetten wir sehr vorsichtig und langsam fahren muessen und waeren erst im Dunkeln angekommen. Wir waren erschoepft und ich hatte kein Licht, also viel uns die Entscheidung sehr einfach – wir uebernachten hier – und die vielleicht intensivsten Stunden meines Lebens namen ihren Anfang. Ganz naiv wollten wir einfach unsere Isomatten herausholen, uns mit Einbrechen der Dunkelheit unter dem Vordach schlafen legen und mit Sonnenaufgang wieder aufbrechen. Aber es kam ganz anders.

Unter der Terasse stehend hatten wir schnell Gesellschafft von einigen Schulangehoerigen, denen wir unsere Entscheidung mitteilten. Diese sagten uns, wir muessten erst das Ja des Dorfchefs einholen und so machten wir uns auf den Weg durchs Dorf, um ihn aufzusuchen. Wahrend wir durchs Dorf streiften, sprangen ueberall die Kinder aus den Huetten, schauten uns mit grossen Augen an und folgten. Drei grosse Weisse in eigenartigen Klamotten sieht man ja nicht alle Tage. Da sich heraustellte, dass der Dorfchef nicht da war, mussten wir die Nummer zwei in der Rangfolge befragen und stiefelten durch den Matsch zu anderen Seite des Dorfes. Nummer zwei war eine Frau, die sich unser Anliegen anhoerte, aber entschied, dass wir nicht unter dem Dach schlafen duerften, sondern vernuenftig untergebracht sein muessten und so zogen wir ihr folgend wiederum durchs Dorf, um eine Bleibe fuer uns zu finden. Nach mehreren Stationen kamen wir schliesslich zum Community Center, einem kleinen recht schaebigen, in sich geschlossenen Hof mit 2 Zimmern und einer Latrine und versichtern, dass dies unseren Anspruechen mehr als gerecht wuerde.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir etwa 50 Gefolgsleute, zumeist Kinder, im Schlepptau und mir wurde langsam klar, dass wir hier so ohne weiteres keine Nachtruhe finden wuerden. Wir holten die Motorraeder, packten aus und fanden uns danach umringt von Neugierigen im offenen Hof unseres Hauses wieder. Waehrend einige fasziniert Geoff beim Handhaben seines Gaskochers bestaunten und andere mit aller Lautstaerke versuchten in Marks Fotos verewigt zu werden, wurde ich vom Rest auf der eilig herbeigeholten Bank umzingelt. Ich schuettelte ununterbrochen Haende, wurde von allen Seiten befingert, lernte Begruessungsformalien, die ersten Worte der hier gesprochenen Sprache, musste etliche Fragen beantworten und wurde diversen Frauen vorgestellt, die mich ausnahmslos heiraten und mit mir kommen wollten. Wobei kinderlose nicht verheiratete Frauen hier generell unter 18 sein duerften. Die Maedchen nahmen sich das Recht heraus meine Schultern und Arme pruefend auf Muskeln abzutasten und schienen nicht sonderlich beeindruckt. Das alles kam in parallelen Stroemen von allen Seiten um mich herum und ich konnte foermlich spueren wie die Menge meine verbliebende Tagesrestenergie aus mir heraussaugte.

unser Abend in Bodom

unser Abend in Bodom

Wir fragten, ob es eine Art Restaurant gaebe und wir vielleicht ein Bier haben koennten. Beides wurde bejaht und wir fanden uns ein wenig spaeter, von einer nicht minder grossen Menge umgeben, unter einem Strohdach wieder. Alles redet und schreit durcheinander. Ich spuere Hautkontakt ueberall, insbesondere die Brueste zweier Frauen in meinen Schultern, die mich uebers ganze Gesicht anstrahlen, sobald ich mich umdrehe. Mit beiden Fuessen stuetze ich mich nach vorne ab, um nicht vom wackeligen Plastikstuhl geschoben zu werden. In all der Aufregung taucht ploetzlich ein etwas aelterer Mann auf, der sich als Information Officer vorstellt und in dramatisierender Aussprache die bisherigen Ereignisse unserer Ankunft vortrug und dabei das Geschehene mit viel Mimik und Gestik ausschmueckte. Es fuehlte ich an, als waeren wir bereits Teil der muendlich uebertragenen Geschichte des Dorfes geworden. Er ging darauf ein, wie willkommen und sicher wir hier seien und nichts Boeses befuerchten muessten. Alles ist natuerlich begeleitet von vielen “God bless you”s. Wir laden ihn zu Bier und Zigaretten ein, die er fast zu willig annimmt und die Stimmung heizt sich zunehmend auf. Wir singen, tanzen, klatschen und albern bis zur totalen Erschoepfung, bevor wir uns letztlich dann doch alleingelassen in unser voruebergehendes Zuhause zurueckziehen duerfen. Der Abend war so intensiv und so Afrika, dass ich eine Gaensehaut hatte. Ich fuehlte mich foermlich ueberflutet von Eindruecken und spuerte die Erschoepfung noch den gesamten folgenden Tag.

Am naechtsen Morgen wartete bereits seit halb sieben ein Begruessungskommitee vor unserer Haustuer, um sich zu versichern, dass wir gut geschlafen hatten und uns zur Schule abzuholen, die wir versprochen hatten zu besuchen. Die in Klassen versammelten Kinder hielten einen Morgenappel, sprachen ein Gebet und sangen die Nationalhymne Ghanas. Wir hielten eine kleine Rede, die vom Direktor fuer die Kinder in die lokale Sprache uebersetzt wurde, stifteten ein Buch und 30 Euro und bedankten uns in endlosem Haendegeschuettel beim Schulkoerper und dem immer praesenten Information Officer, der es sich nicht nehmen liess wiederholt bei jedem einzelnen von uns auf seine schwierige Situation hinzuweisen und eine Spende einzufordern und dabei einiges an Wuerde einbuesste. Tief beruehrt und erschoepft verlassen wir Bodom unter Applaus und Geschrei und fuehlen uns wie Megastars. Was fuer ein Erlebnis. Mehr Afrika geht nicht.

Mark und Affe

Mark und Affe

Ein Wald voller Affen, Kumasi, die vielleicht geschaeftigste und mit Menschen und Waren vollgestopfteste Stadt die ich je sah, Cape Coast, ehemals eines der wichtigsten Umschlagpunkte fuer den Sklavenhandel mit eindrucksvollen Kerkern und Burgen, Kokrobite, ein idylischer Ort am Meer – unser Weg treibt uns voran und Ghana enttaeuscht nie. Keine Polzeikontrollen, eine entwickelte Infrastruktur mit groesstenteils guten Strassen, ueberall strahlende Gesichter, preiswertes und gutes Essen in den zahlreichen Huetten am Strassenrand, Sonnenschein und eine kuehle Brise in den Kuestenregionen, Ghana erhaelt meine Empfehlung fuer ein Reise nach Westafrika. Einfach Afrika.

Aus dem aus Visumsgruenden erzwungenen Abstecher, wurde die bislang bunteste und lebhafteste Etappe meiner Reise und ich bin froh hier nicht vorbeigefahren zu sein. Das Visum fuer Nigeria haben wir jedoch, aus Gruenden die zu beschreiben ich euch ersparen will, immer noch nicht und muessen den Antrag auf Togo oder Benin verschieben.

Das Motorrad kriecht derweil nur noch auf dem Zahnfleisch vor sich hin und Marks und Geoffs Spott habe ich seit langem sicher. Zu allem Unglueck hat sich jetzt auch noch herausgestellt, dass ein Glied der Kette defekt ist und das Zahnrad an dieser Stelle bereits am durchgescheuerten aeusseren und inneren Ring vorbei direkt am Verbindungspin zieht. Die Kette ist mehr als am Ende und ein Kettenriss hochwahrscheinlich und ich limitiere daher meine Hoechstgeschwindigkeit auf unter diesem Umstaenden immer noch gefaehrliche 75 KM/h, Tendenz fallend, und bete, dass die KTM nicht auf den letzten Kilometern vor Lome zusammenbricht. Die Reparaturkosten duerften mein ohnehin schon stark belastetes Budget weiter schrumpfen, aber sind ein absolutes Muss.

Der nun vor uns liegende Weg von Nigeria bis Angola duerfte aufgrund kaum bis nicht vorhandener touristischer Infrastrukturen, Armut, schlechten Strassenverhaeltnissen, Visaproblemen und ausufernder Korruption, einer langer und schwieriger werden. Ein positives Licht warf eine nigerianische Schulgruppe voraus, die wir in Cape Coast trafen und uns ermutigte, das Nigeria ein freundliches Land ist, das uns herzlich willkommen heissen wird. Nunja, wir werden sehen, mit den bisher gesammelten Informationen fuehlt sich die vor uns liegende Etappe an wie ein grosses schwarzes Loch, in das wir mit der Grenze zu Nigeria eintauchen, um hoffentlich auf der anderen Seite in Namibia oder Botswana wieder herauszukommen.

Ich wunesche euch allen eine schoene Woche und halte euch wenn moeglich weiter auf dem Laufenden.

Wir verbringen noch 2 Tage in Ouagadougou und ich lasse mich letztlich doch von den Qualitaeten der Stadt ueberzeugen. Am letzten Abend gehen wir auf ein Livekonzert etwas ausserhalb der Stadt, von dem Geoff durch einen Algerier erfahren hat, der durch Afrika reist und Bands fuer (so sagt er) das groesste afrikanische Kunstfestival im Juni kommenden Jahres in Algerien organisiert. Er ist ein drahtiger Kerl voller Energie und mit leuchtenden Augen und muss uns nicht lange davon ueberzeugen, ihn Abends beim Konzert einer Band namens Xalam zu besuchen. Die Musik war erstklassig und der Abend ein Erfolg.

Ich stelle fest, dass ich mich zunehmend daran gewoehne, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, denn Arbeitszeit ist hier wenig wert. Ich gehe zum Friseur und lasse mich rasieren, lasse mir die Schuhe putzen, die Sachen waschen, lasse mich von vorfahrenden Rollerfahrern durchs Stadtdickicht leiten oder druecke jemanden Geld in die Hand um Brot oder Wasser zu besorgen, wenn ich erschoepft irgendwo ankomme und nicht danach suchen will. Die Kosten dafuer sind gering. Fuer 15 Minuten Schuheputzen muss man lediglich 20 Cent berappen.

Die urspruengliche Routenplanung von Burkina nach Togo zu fahren, mussten wir aufgrund des nigerianischen Visumproblems ueber den Haufen werfen und machen dafuer jetzt einen Abstecher nach Ghana. Das Visum fuer Ghana in Ouagadougou zu erhalten war unproblematisch und innerhalb 24 Stunden erledigt und so sind Geoff und ich in den Sueden Burkinas vorgefahren, waehrend Mark noch in Ouaga blieb, um letze Besorgungen zu machen. Da unser neues Visum erst 3 Tage spaeter gueltig war, entschieden wir uns, die Zeit in einem Naturpark zu verbringen, der insbesondere fuer Elefantenbeobachtung bekannt ist und auf verhaeltnissmaessig kleinem Terretorium mehr als 1000 Elefanten beherbergt.

Auf dem Weg in den Sueden, fahren wir mitten durch Buschfeuer, die die trockene Vegetation in schwarze Felder verwandeln und Platz fuer neues Leben schaffen. Am Himmel steigen schon von Weitem sichtbar die Rauchschwaden auf und Raubvoegel kreisen am Hinmmel, um sich von der reichen Auswahl, der nun leicht sichtbaren Beute am Boden, zu bedienen. Das Camp liegt 35 Kilometeter innerhalb des Naturschutzgebietes und der Waerter am Eingang empfiehlt uns langsam zu fahren, um Unfaelle mit Elefanten zu vermeiden. Es ist ein etwas beklemmendes Gefuehl nicht nur auf die sich windende Sandpiste achten zu muessen, sondern auch staendig im Hinterkopf zu haben, dass hinter jeder Kurve ein Elefant auf der Strasse stehen koennte. Und wer haette es gedacht, nach etwa 10 Minuten sehen wir unseren ersten afrikanischen Elefanten ca. 50 Meter von der Strasse entfernt von einem Baum naschen.

Elefant im See direkt am Camp

Wir verbringen ruhige Tage im Parkcamp, dass direkt an einem idylischen kleinen See liegt, den die Elefanten regelmaessig zum Baden nutzen und ich beobachte sie stundenlang beim Spielen im Wasser. Diese riesigen und doch eleganten Dickhaeuter in ihrer natuerlichen unbeeinflussten Umgebung zu sehen war einfach wunderbar und ich konnte mich nicht daran satt sehen. Besonders war auch das Wissen um die Freiheit der Tiere, die kommen und gehen wann sie wollen. Im Gegensatz zum Zoobesuch entscheidet hier der Elefant, wann er sich mir zeigt und nicht umgekehrt. Die Gruppe laesst sich von uns in keinster Weise stoeren und ein Elefant entscheidet sich am Ende ins Camp zu kommen und direkt neben unserem Restauerant die Baeume grossflaechig von ihren Blaettern zu befreien.

Ich versuche nochmals das Lichtproblem zu loesen und zerlege fuenf Stunden das Motorrad und versuche ein gebrochenes Kabel zu finden und das Elektronische Diagramm zu entschluesseln, aber gebe letzlich frustriert auf. Ich hoffe das Problem kann in Lome geloest werden. Immerhin konnten wir meine Rueckbremse reparieren. Die von KTM geforderte  Bremsfluessigkeit gibt ist hier natuerlich nicht, aber wir schuetten einfach die hier erhaeltliche rein und siehe da, es bremst top – zumindest bisher.

Geoff auf dem Rueckweg aus dem Naturpark

Geoff auf dem Rueckweg aus dem Naturpark

Auf dem Rueckweg versuchen wir zunaechst den Park auf Pfaden auf der anderen Seite zu verlassen. Die Parkwaechter versichern uns, dass es ueberhaupt kein Problem waere und es eine einfache “Strasse” gaebe. Den kaum befahrbaren Pfad haben wir nach reichlich Sucherei auch finden koennen, aber ein Wassergraben mitten durch den Weg, mit reichlich Gestein auf dem Grund verhinderte dann die Weiterfahrt. Die verbleibenden 50 Kilometer auf diesem Weg haetten uns vermutlich ueber 4 Stunden gekostet und wir entscheiden uns, den Park wieder auf dem Hauptweg zu verlassen und kehren etwas genervt nach einer Stunde um.
Der Rueckweg hielt dann ein hoechst abenteurliches Erlebnis fuer uns bereit, das sich lohnt etwas naeher zu beschreiben.

Wir sind recht schnell unterwegs, da wir den Weg bereits kennen und vor der groessten Hitze des Tages an der Grenze ankommen wollen. Mark faehrt vorne weg, gefolgt von Geoff und mir. Auf dem Weg verliert er die Kontrolle und stuerzt, wobei das Motorrad um seine Achse schliddert und letzlich mit der Front entgegen unserer Fahrtrichtung liegen bleibt. Geoff und ich erscheinen am Unfallort und nachdem wir festgestellt haben, dass weder Mark noch das Motorrad Schaden genommen haben, machen wir uns ueber ihn lustig (ein weiterer Sturz auf Marks Konto – Geoff fuehrt allerdings die Liste), schiessen Fotos, richten das Motorrad auf, die anderen rauchen und wir legen eine kurze Pause ein. Der Pfad ist an dieser Stelle besonders eng und das Dickicht am Rand undurchdringlich dicht. Man kann maximal 3 Meter hineinsehen. Nicht weit entfernt, ich schaetze 50 Meter, hoeren wir das Buschfeuer knisternd lodern und Geoff sagt noch, Stellt euch mal vor ein Elefant bricht hier aus dem Gestruepp hervor und ueberrennt uns. Waehrend ich daruerber nachdenke und feststelle, dass das so unwahrscheinlich gar nicht waere, denn all das Getier zwischen uns und dem Feuer duerfte in unsere Richtung fliehen, raschelt und knackt das Unterholz und riesiger Elefant taucht, sich schnell bewegend vor uns auf. Ich spuere wie sich innerhalb von einem Moment nackte Angst in meinem ganzen Koerper ausbreitet und mein Puls nach oben schiesst. Nach kurzer Schockstarre sehe ich, wie zuerst Geoff aufs Motorrad zurennt und tue es ihm gleich. Das waere jetzt genau der Moment, in dem im Film das Morrad nicht anspringen wuerde, aber zu meinem eigenen Erstaunen laeuft der Motor und mit dem Helm noch ueber dem Spiegel, fahre ich los. Mark steht am nahesten auf der Seite und bekommt sein sehr schraeg stehendes Motorrad nicht aufgerichtet und schreit noch – Ich kriegs nicht hoch – als ich an ihm vorbeifahre. Ich bremse und denke, ich kann ihn doch jetzt nicht stehenlassen, als ein weiterer Elefant aus dem Busch bricht und frontal mit weit ausgefahrenen Ohren direkt auf Mark und mich zurennt und ohrenbetaeubend trompetet. Das Geraeusch ging mir durch Mark und Bein und ich bekomme jetzt noch Gaensehaut wenn ich daran denke. Er ist hoechstens 2 Meter von Mark und etwa 4 Meter von mir entfernt und mich ergreift absolute Panik, reisse reflexartig das Gas auf, schiesse nach vorn und lasse Mark allein mit dem Elefanten stehen. Nach etwa 50 Metern drehe ich mich um und sehe, dass auch Mark faehrt, allerdings in die andere Richtung, da sein Motorrad durch den Sturz noch andersherum stand, und bin heilfroh. Im Nachhinein denke ich, dass vielleicht mein laermendes Motorrad beim Losfahren den verstoerten Elefanten zurueckgetrieben hat. Die Angst noch im Nacken, warten Geoff und ich darauf, dass Mark zuruekkommt und etwa fuenf Minuten spaeter taucht er auf, um beim Passieren des Unfallortes wieder von einem lauten Trompeten empfangen zu werden und einen letzten Schreck zu bekommen. Schnell lassen wir Feuer und Elefanten hinter uns und sind gluecklich als wir den Park ohne weitere Begegnungen verlassen.

Welcome to Ghana

Welcome to Ghana

Ghana war am ersten Tag in jeder Hinsicht ein durch und durch positives Erlebnis. Bereits die Angestellten in der Botschaft in Ouaga und der Grenze haben uns ueberaus freundlich Willkommen geheissen und selten haben wir mehr winkendene Menschen und freundliche Gesichter am Strassenrand vorgefunden. Aber Ghana ist ein eigener Artike..

Vielen Dank fuers Mitlesen, eine gute Woche  und bis zum naechsten mal!

Ouagadougou – afrikanischer kann ein Ort nicht klingen oder? und es ist nichtmal ein kleiner Ort, sondern die Hauptstadt von Burkina Faso, einem Land von dem ich bis vor der Reiseplanung nicht einmal wusste wo es ueberhaupt ist, aber der Reihe nach.

Geoff auf dem Falaise de Bandiagaraplatteau

Geoff auf dem Falaise de Bandiagaraplatteau

Unser Ausflug ins Land der Dogon gehoerte zweifelsfrei zu den besonders eindrucksvollen Abstechern. Die Dogon leben neben anderen Voelkern unterhalb des Falaise de Bandiagara, einem etwa 250 Meter hohen Felsmassiv, dass eine Hochebene vom dahinter liegenden Tiefland trennt. Der Blick von den Felsen ins bis zum Horizont reichenden Tiefland, dass uns in Burkina erwartet, ist eine belohnende Abwechslung nach den vergangenen Tagen im hauptsaechlich buschbewachsenen flachen Land. Geoff, der kein Interesse hatte weitere Lehmhuetten zu sehen, fuhr voraus um die Grenzueberquerung zu inspezieren und Mark und ich versuchten zunaechst mit dem Motorrad auf dem Sandweg entlang des Falaise zu weiter entfernten Doerfern zu gelangen. Nach etwa 500 Metern gaben wir schwitzend auf und entschlossen uns, die Motorraeder stehen zu lassen und stattdessen mit einem gemieteten Guide und Nanga dem Ochsen auf einem Ochsenkarren das Land zu entdecken. Auf unserer kurzen Reise durchs Land der Dogon begneten uns bereits einige der vielen markanten Rituale und Traditionen. Zunaechst sieht man ueberall in den Baeumen die geerntete Hirse, die dort aus Schutz vor den Tieren hochgehieft wird.

Kornspeicher im Fels

Kornspeicher im Fels

Noch viel weiter oben, naemlich direkt in der Felswand, sind die Lehmkornspeicher in Form kleiner Huetten bereits von weitem zu sehen. Vom Durchreisenden wird erwartet, ein Geschenk mitzubringen und zwar nicht irgendeines, sondern die Kolanuss, die sehr beliebt ist und aus der weit entfernten Elfenbeinkueste kommt. Die Kolanuss ist eine etwa pflaumengrosse, harte, gruene und sehr bittere Frucht. Unser Guide hatte einen Beutel dieser Nuesse dabei und als wir an drei alten im Schatten liegenden Maenner vorbeifuhren, zeigte er den Beutel und einer kam erstaunlich flink angerannt, sichtlich mit Freude erfuellt und nahme jeweils einen Kolanuss fuer die Maenner von uns entgegen. Wir verteilten daraufhin den Grossteil des Beutels an diverse Dorfaelteste oder im Austausch fuer Fotos. Die meisten Kinder haben die typischen aufgeblaehten Baeuche als Zeichen einseitiger Ernaehrung, noch auffaelliger aber sind die herausstechenden Bauchnabel, die teilweise tennisballgross herauswoelben. Das die Ernaehrung einseitig, also in erster Linie aus Reis und Korn besteht, liegt im uebrigen meist nicht am Nichtvorhandensein anderer Nahrungsmittel, sondern daran, dass anderes Angebautes wertvoller ist und auf den Maerkten verkauft wird. Fuer das Geld werden dann neben Batterien, Motorollern und Benzin und anderen Dingen neuerdings eben auch Handys und Telefonkarten gekauft.
Die Frauen tragen ihre Kinder auf den Ruecken gebunden tagsueber mit sich herum, egal ob beim gemeinsamen Stampfen des Getreides oder beim Laufen mit voll beladenen Gepaeck auf den Koepfen. Nach kurzer Zeit faellt auf, das beinahe jede Frau im gebaehrfaehigen Alter ein Kind auf dem Ruecken traegt oder wenigstens ein Kleines in der Naehe ist. Die riesige Anzahl der Kinder, die bei unseren Durchfahrten am Strassenrand stehen und winken oder nur fasziniert gucken ist erstaunlich und weisst auf das hier sehr niedrige Durchschnittsalter hin. Waehrend die Bevoelkerung gegen die Haupttodesursachen Malaria und Aids kaempft, scheint die schiere Anzahl neuen Lebens einen Bevoelkerungsschwund effektiv aufzuhalten. Aids ist im uebrigen kein offen ausgesprochenes Thema. Es gibt zwar ueberall am Strassenrand Hinweisschilder, die auf Aufklaerungsversuche hindeuten, aber da ein mit Aids infiziertes Familienmitglied aus dem Familienleben ausgestossen wird, wird die Krankheit im Allgemeinen verschwiegen. In einem Leben, in dem die Familie die wichtigste Institution ist und praktisch gleichbedeutend mit Leben, kaeme ein Ausstoss einem Todesurteil gleich.
Nanga zieht uns vorbei an etwa 1,20 Meter hohen Dachkonstruktionen unter denen die Maenner sitzen und sich von der Tageshitze ausruhen und die Begruessungsformalien hier sind noch ausgefallenener als anderswo bisher. Das Hin- und Herwerfen der kurzen Fragen und Antworten ist mit einem rhytmischen Gesang zu vergleichen, der zum Ende hin langsam abebbt. Drei Frauen folgen uns, die Muender schwarz ummalt, alle kichern und eine stillt ihr Kind waehrend des Laufens. Ich schaetze sie auf etwa 25 und bin ueberrascht, was Kinder und nicht vorhandene BHs, bereits in diesem Alter mit den Bruesten anstellen.

Abends sitzen wir mit unseren Dogongastgebern zusammen beim Essen und ich hole meine Musik heraus und stosse auf vollste Zustimmung, schliesslich habe ich die Stars Malis im Gepaeck. Nach und nach kommen mehr dazu, alle schaukeln oder singen mit und wir sehen uns Marks und meine Bilder an. Sogar Bier hat man uns besorgt, warm zwar, aber die Atmosphaere ist so entspannt und friedlich, da truebt selbst ein warmes Bier nicht die gute Stimmung. Die Nacht ist warm, noch waermer als bisher und selbst morgens um sechs liege ich noch mit freiem Oberkoerper und ohne Schlafsack in meinem Unterzelt (das Oberzelt habe ich schon lange nicht mehr aufbauen muessen), dass ein hervorragenden Mueckenschutz abgibt.

Die Zeit in Mali war schoen und ich waere gerne noch laenger geblieben und ebenfalls nach Timbuktu gefahren, aber die anderen sind etwas unruhig und das Unbekannte ruft. Landschaftlich gab es bis auf den Niger und das Falaise kaum Hoehepunkte, aber die Freundlichkeit der Menschen, gute Musik und die bunte Mischung der verschiedenen Voelker haben Mali zu einem sehr positiven Erlebnis fuer mich gemacht.

Der Uebergang nach Burkina Faso war einfach und kostenfrei und da es keinen offiziellen Uebergang gab, mussten wir uns bei Polizei und Zoll in den der Grenze jeweils naechstgelegenen Orten melden. Die Strasse ist gut aber staubig und wir fahren in grossem Abstand, um freie Sicht zu behalten. Entgegenkommende Lastwagen huellen die Strasse jedoch regelmaessig in undursichtigen roten Staubnebel ein. Es ist trocken und ab und zu sind groessere Wasserloecher am Strassenrand, die teilweise von hunderten von Kuehen umgeben sind. Geier fliegen am Himmel oder sitzen in der Naehe der Wasserloecher und verleihen der recht kargen Landschaft eine zusaetzliche Trostlosigkeit.

tierische Fracht

tierische Fracht

Burkina ist arm, eines der aermsten Laender weltweit, und auf dem Weg zur Hauptstadt sehen wir nur kleine Huetten in aermlichen Doerfern und um den Sonnenuntergang zu schlagen (habe ja kein Licht) fliegen wir recht schnell dem Zentrum des Landes entgegen. Dichter Smog empfaengt uns bei der Einfahrt, in erster Linie verursacht durch die tausenden Rollerfahrer, die sich dicht durch den Verkehr draengen. Staedteplaner versuchen der Stadt ein modernes Aeusseres zu verschaffen und so werden ganze Viertel im Zentrum dem Erdboden gleich gemacht, um neue grosse Haeuser anstelle der kleinen Baracken zu bauen. Zum Teil gelingt das ganz gut, aber es entsteht ein unharmonischer Kontrast zwischen alt und neu und die vielen, noch unbebauten, brach liegenden Leergebiete mitten im Zentrum werden erstmal genutzt um Muell zu lagern. Alles wirkt wie nicht fertiggestellt, nicht richtig geplant, nicht ausreichend finanziert und teils verwahrlost. Dennoch ist Ouaga eine vergleichsweise moderne Stadt, die moderne Supermaerkte und Einkaufsmoeglichkeiten zu bieten hat. Der Anteil Weisser innerhalb dieser Einrichtungen ist allerdings betraechtlich, ebenso wie die Preise, die auf europaeischen Niveau liegen. Ouagadougou war mir anfangs recht unsympathisch und meine ueber dem Klo haengend verbrachte erste Nacht hier, hat meine Stimmung weit in den Keller gefahren. Zum ersten mal waehrend der Tour spuere ich eine Reisemuedigkeit aufkommen und will weg ohne richtig hinzusehen.

Die Hoehepunkte des ersten Teils unserer Reise sind hinter uns und  vor uns liegt der schwierigste Teil, durch das teilweise instabile, bruetendheisse Zentralafrika, mit Nigeria und Angola als groessere Problemzonen. Aber dennoch zeichnen sich Hoehepunkte ab, viele Nationalparks und ueppigste Vegetation, die Voodoo Religion, anspruchsvolle (also schlechte) Strassen, aussergewoehnliche Straende, belebte Maerkte, Vulkane, entrueckte Voelker und vieles mehr. Die Weiterfahrt ist derzeit etwas ungewiss und haengt davon ab, ob wir in Ouaga ein Visum fuer Nigeria bekommen koennen, falls nicht, muessen wir vermutlich den Umweg ueber Ghana machen, dem einzigen Land, in dem es einfach zu sein scheint, das Visum zu erhalten.

Weitere Massnahmen zur Afrikanisierung der KTM

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