Sauer Frucht Stand

Sauer Frucht Stand

Ich in interessierter Lehrergruppe

Ich in interessierter Lehrergruppe

Bei frischen zehn Grad Celsius mache ich mich auf den Weg in die Hauptstadt. Eiskalter Wind fegt über die mehrspurige Verbindungsstraße von Zanjan nach Teheran, kühlt mich bis auf die Knochen aus und vernebelt die Sicht mit aufgewirbeltem Sand. Zusammen mit ausgetrockneten Buschresten fliegen Plastetüten, Pappkartons und diverser anderer flugtauglicher Müll über die Fahrbahn. Kein angenehmer Einstieg in die 15-Millionen Metropole. Während die Straße zunehmend voller wird, fahren immer wieder Fahrzeuge auf meiner Höhe und die Insassen winken und hupen. Die Wilkommensfreude der Iraner ist ungebrochen und immer wieder bemerkenswert. Kaum vergeht ein Halt an dem nicht Leute auf mich zukommen, mit mir reden und mir etwas zum Essen geben und seien es nur iranische Tütenchips , kein Cafebesuch in dem sich nicht Leute zu mir an den Tisch bzw. auf den Teppich setzten und keine Fahrt, in der kein Mopedfahrer mich begrüßt und fragt ob er mir helfen können.

praktisch eigentlich

praktisch eigentlich

Ich wühle mich langsam, aber flüssiger als befürchtet, in die Eingeweide der Stadt vor und kann gar nicht genug betonen, wie dankbar ich über die Führung via GPS bin. Die Karten für den Iran sind nicht immer korrekt aber recht brauchbar und nehmen in erster Linie der Navigation in großen Städten den Schrecken. Ganz nach meinem Motto “Mitfließen ist besser als zu vorsichtig fahren” passe ich mich einigermaßen dem Verkehrschaos an und kämpfe zusammen mit den anderen Moppedfahrern um jeden Zentimeter zwischen den Blechlawinen. Jeder Raum wird genutzt. Da dies auch die Bürgersteige beinhaltet, sind diese meist mit Blockaden ausgestattet, um die Mopeds von der Durchfahrt zu hindern. Nicht nur einmal fährt mir ein Auto mit der Stoßstange ans Hinterrad, um bloß keinen Zentimeter zu verschenken.

ein Eingang zum Teheran Basar

ein Eingang zum Teheran Basar

Auch in Teheran begebe ich mich auf den Basar, der der Größte und Bedeutendste des Landes ist. Seit der Türkei habe ich viele gesehen und während der Grand Basar in Istanbul kaum an Majestätik und Prunk zu übertreffen ist, sich aber sehr touristisch geprägt anfühlt, imponiert der Teheraner Basar neben der Größe durch Authentizität. Er ist eine Stadt in der Stadt. Dutzende einzelne Basare sind zusammen mit einen ganzen Stadtviertel zu einem fast vollständig überdachten Gesamthandelsplatz verschmolzen. Hat man sich einmal beim Bummeln in den Innereien verloren, ist es schwieriger als man denken würde, wieder auf die offene Straße zurückzufinden. Die Laden- und Produktdichte ist überwältigend. Neben den zahllosen Läden, die sich nach Rubriken in die labyrinthischen Strukturen gruppieren, gibt es auch Banken und Moscheen. Es fahren natürlich keine Autos in den engen Basarwegen, also schieben Transporteure mit Schubwagen die Produkte durch das Gassengewirr an seinen Bestimmungsort. Das Basarleben wird hier echt gelebt und der Basar ist nach wie vor einer der bedeutendsten Warenumschlagplätze des Landes.

Ich befinde mich in der Altstadt, die neben dem Basar auch den Golestanpalast mit beeindruckenden Spiegelsälen und andere Sehenswürdigkeiten enthält, im Verhältnis zum neueren und wohlhabenden Norden aber deutlich heruntergekommener und unansehnlicher ist. Über diverse Freundesverbindungen habe ich eine Kontakt, L., in der Stadt, mit dem ich mich im nördlichen Teil verabrede. Auf der Fahrt dorthin wird mir bewusst, wie riesig Teheran eigentlich ist. In dicht verworrenen Straßennetzen arbeite ich mich 10 Kilometer Richtung Norden und befinde mich gefühlt immer noch mitten in der Innenstadt. Hier ist das eigentliche Teheran, sagt mein neuer Freund und rümpft die Nase über die Ecke in der ich untergekommen bin. Teheran ist viel zu groß, um es es unter einen beschreibenden Hut zu bringen.

Wir fahren gemeinsam in die Wohnung eines Freundes und ich erhalte die Gelegenheit in ein mir völlig fremdes Iranbild, das hinter den Wohnungstüren, Einblick zu nehmen. Frauen sitzen mir plötzlich ohne Kopftuch gegenüber. In Teheran ist der Dresscode der Frauen noch deutlich lockerer als in Tabriz, aber eine Frau ohne Kopftuch gibt es dennoch nicht, auch wenn viele das Kopftuch. derart fadenscheinig auf den hintersten Teil der aufgesteckten Haare werfen, dass es kaum als Kopfbedeckung im eigentlichen Sinne durchgeht. Hinter verschlossenen Türen wird aber nicht nur das Kopftuch abgenommen, sonder auch die Hose ausgezogen, um im luftigen, aufreizenden Kleidchen Platz zu nehmen. Verklemmt ist anders und verhüllt sowieso. Hinter iranischen Wohnungstüren spielt sich eine andere Realität ab, eine in der es Alkohol genauso wie Drogen gibt und man “eigentlich nicht richtig Moslem” ist. Es gibt keine Clubs oder Diskos und eine MTV geprägte Generation tanzt und feiert in privaten Wohnzimmern. “Das sind richtige Moslems” meint L. und zeigt auf eine vollständig (außer Gesicht) verhüllte Frau. Diese gibt es genauso und auch zahlreich und die Wohnungstür hinter die ich blicken konnte, ist auch nur eine von Millionen.

Ich erzähle, das man in Deutschland bzw. im Westen denkt, ich bin verrückt, wenn ich in den Iran fahre und ernte natürlich Missverständnis. Warum?, weil das uns vermittelte Bild ein negatives und stark vereinfachtes ist und weil Islam auf eine Art kommuniziert wird, die bei oberflächlichem Medienkonsum als Bedrohung wahrgenommen werden kann und im schlimmsten Fall mit Fundamentalismus und Terrorismus gleichgesetzt wird. Blickt man etwas genauer auf die geschichtliche Entwicklungen im vergangenen Jahrhundert verwundert es eher, dass die islamische Welt nicht viel abweisender und aggressiver auf die Westmächte und die Invasion westlicher Kultur reagiert hat, als mit Anschlägen extremer Splittergruppen und auch das wir ganz sicher nicht die Guten sind. Naja, oberflächliches Geschwafel, man könnte einen Buchband zur Thematik schreiben.

Alle mit denen ich bislang über die Thematik reden konnte, rümpfen jedoch die Nase über ihren Präsidenten oder ihre religiöse Führung. Man denkt es sind 90% der Bevölkerung, die lieber früher als später eine neue Regierung hätten. Inwiefern das nur der Blick einer bestimmten Gruppe ist, kann ich unmöglich beurteilen. Nach Jahren islamischer Prägung  schwefelt aber auch hier das Bedürfnis nach einer Lockerung, einer Öffnung nach Außen und mehr Freiheit. Eine recht ausgeprägte Internetfilterung hilft nicht unbedingt, um seiner Meinung öffentlich Luft zu machen, aber untereinander tauscht man sich natürlich aus. Nach Syrien, ist der Iran dran höre ich, aber ich spüre keinen revolutionären Funken. Hätte man diesen in Tunesien oder Ägypten gespürt?

Nach 2 wunderbaren Abenden im nördlichen Teil der Stadt und einer zusätzlichen Nacht bei meinen neuen Freunden, in denen ich neben der Gastfreundschaft der Iraner auch gutes Essen und exklusiveres Teheran kennen lernen durfte, geht es nun weiter ins Landesinnere. Der logische Weg von hier aus würde mich auf gut ausgebauten Straßen weiter in den Süden über Qom nach Esfahan führen, man kann aber auch mit großem Umweg und Oasenabstechern einmal quer durch die Wüste fahren. Nun ratet mal für welchen Weg ich mich entschieden habe ;) .

3 Antworten zu “Teheran”

  1. Man merkt deiner Beschreibung an das du fahrerisch die strecke bis zum Iran schöner fandest. Ich hoffe und wünsche dir das der Spaß am fahren wieder kommt.Ich lese auf jeden fall mit Begeisterung weiter und wünsche dir das du dein Ziel heil erreichst.
    Für mich war unserer Dolomiten Tour ja schon ein großes Abenteuer :-) aber im Gegensatz zu dem hier ist das ja nur klein kram. Vielleicht ergibt es sich aber trotzdem noch einmal das wir zusammen auf Tour gehen….
    Würde mich freuen.

    Gruß Sebastian (der mit der Felswand)

  2. Ein wunderschönes Bild – dich in dieser Lehrergruppe so unbeschwert und lachend zu sehen, im Gegensatz dazu die verschiedensten Gesichtsausdrücke der Iraner. Ich frage mich immer, wo und wie findest du diese Menschen?
    Ich umarme dich.

  3. Haha,

    der mit der Felsand :) . Ich weis schon wer. Danke für deine vielen Kommentare. Klar fahrma wieder!

    @Petra: Ich finde diese Menschen nich, die kommen eigentlich immer zu mir.

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