Zunächst galt es nochmals einen 2535 Meter Pass auf zahllosen Haarnadelkurven zu erklimmen, um in den abgelegenen Süden Armeniens und zum einzigen Grenzübergang zum Iran vorzudringen. Umgeben von hohen Felsungetümen, liegt der verstacheldrahtete Übergang in einer entrückten Welt und flößt Respekt ein. Die Armenier lassen mich zunächst mein gesamtes Gepäck ausräumen, lassen mich dann aber gehen und rufen noch “Grüße an Merkel” hinterher. Auf Iranischer Seite ist der Einreisestempel schnell im Pass, die Bearbeitung des Carnets, also des Einreisedokumentes für das Motorrad wird mich noch weitere eineinhalb Stunden festsetzen. Es ist immer wieder erstaunlich wie viel Stirnrunzeln, Kollegen fragen und allgemeines Rätselraten dieses Dokument hervorruft. In Afrika hatten wir schon diverse Grenzbeamte beim Ausfüllen unter die Arme greifen müssen.

Ich nutze die Wartezeit, um etwas Bargeld an einem Wechselschalter umzutauschen. Der Iran verfügt zwar über Banken mit Geldautomaten, allerdings ohne Anschluss ans internationale Finanzsystem. Kreditkarten, EC-Karten, Traveler Checks, alles Fehlanzeige. Wer in den Iran einreist, muss die gesamte während des Aufenthaltes benötigte Geldmenge in Bar mitbringen! Das ist natürlich kein Geheimnis und macht mich theoretisch zu einem überaus attraktiven Ziel. Ich muss also auf die viel gelobte Güte und Ehrlichkeit der Iraner vertrauen.

Irgendwann bin ich durch die letzte Schranke und inklusive der Tenere im Iran angekommen. Wir fahren entlang dem Grenzfluss durchs Arastal, das seit Jahrhunderten immer wieder Zeuge militärischer Auseinandersetzungen geworden ist und nach wie vor auf beiden Seiten mit etlichen Wachtürmen und militärischen Grenzstationen überseht ist. Ich fühle mich plötzlich sehr weit weg von zuhause.

Nussladen in Tabriz

Nussladen in Tabriz

Tabris, die erste größere Stadt auf meinem Weg und sinnvoller erster Übernachtungsort, quält mich zunächst mit dichtem Verkehr und ausgebuchten Hotels. Ganze zehn Guesthouses bzw. Hotels, klappere ich ab, bevor ich etwas finde, was nicht voll, zu teuer oder zu ranzig ist. Direkt an der sehr befahrenen Komeini Street, muss ich mich zwar mit Lärm und Abgasen abfinden, aber irgendwann fehlt dann einfach die Kraft zum Weitersuchen. Auch in den kommenden Nächten werde ich mich etwas schwer tun mit den Unterkünften. Günstige Unterkünfte sind zwar zu haben, der Standard ist aber greulich und auf fensterlose Löcher, mit stinkendem Hockeklo ohne Licht und eine Etage tiefer kann ich mich einfach nicht einlassen. Ich habe nichts gegen einfach, von mir aus auch sehr einfach, aber sauber und ein wenig liebevoll und herzlich sollte es trotzdem sein.

Ich schlendere durch die Stadt, um die ersten Eindrücke auf mich wirken zu lassen. Hier mal eine Auswahl:
Die Ampeln zeigen nicht Rot,Gelb und Grün an, sondern blinken abwechselnd in der Mitte und dann versetzt die beiden Äußeren. Farblich gibt es dabei verschiedene Kombinationen, alle Gelb, Mitte Gelb und außen rot, Mitte rot und außen gelb. Grundsätzlich kümmert sich aber sowieso niemand um irgendwelche Regeln, jeder geht und fährt wie er will, bei Rot oder nicht, den Kreisverkehr links oder rechts rum, die Einbahnstraßen in beide Richtungen usw.. Das Datum ist hier ein anderes. Das Jahr beginnt im März, die Zeitrechnung mit dem Gang Mohammeds nach Medina. Der 18.10.2011 ist z.b. der 1390/07/26. Ein Euro entspricht etwa 17000 Rials. Umgangssprachlich wird aber oft mit Toman gerechnet. Einen Toman gibt es im Grunde nicht, aber er ist immer ein Zehntel des Rial-Wertes. Da beides verwendet, aber nur die Zahl gesagt wird, muss man also ein ungefähres Gefühl haben, was jetzt denn nun eigentlich gemeint ist. Als dritte Möglichkeit werden die zehntausender einfach weggelassen, man sagt also einfach 2 und meint dann 20000.

Straßenverkäufer mit Kartoffel-Ei-Brot

Straßenverkäufer mit Kartoffel-Ei-Brot

Entgegen meiner Erwartung sind Frauen nicht verhüllt. Man sieht Jeans und hohe Schuhe, taillierte Kleider und farbige Kopftücher. Konservativer aber genauso oft zu sehen sind zurückhaltende Farben (schwarz, blau), während die Abaya mit einer Hand am Kinn zusammengehalten wird.
Einladend aussehende Restaurants im westlichen Sinne gibt es nicht. Die Stadt ist voll mit kleinen, wenig attraktiven Imbissen, die nichts Vegetarisches anbieten. Auch die in den Vitrinen zur Schau gestellten Wurststapel sehen wenig appetitlich aus. Dafür gibt es Straßenverkäufer die eine Kartoffel mit einem gekochten Ei, Salz und diversen Gewürzen stampfen und in flachem Brot handlich einrollen. Gut, das passt erstmal.
Überall sind leckere Saftläden zu finden, die mit einer großen Vielfalt diverser Obststapel gefüllt sind. Man muss lediglich auf eine, oder eine Auswahl verschiedener Früchte zeigen und bekommt einen frisch gepressten und falls mehrere, gemischten Saft. Lecker und 100% ausländerkompatibel.

Wasserpfeifenkneipe

Wasserpfeifenkneipe

Auf dem Weg zurück ins Hotel halte ich an einer Schischa Stube. Klein und ungemütlich, wie die meisten Etablissements hier, sind Tische in einer Reihe aufgestellt, hinter denen Männer jeder mit einer Schischa und einem Tee sitzen, wie Hühner auf der Stange. Ich will mir das genauer ansehen und setze mich dazu. Ich zeige dem Wirt auf das was mein Nachbar und alle anderen haben und erhalte kurz darauf ebenfalls ein “Gedeck”. Mit Papier rolle ich mir ein Mundstück und den Tee gieße ich in die Untertasse und schlurfe ihn dann mit einem Stück Zucker aus derselben. Alles vom Nachbar abgeguckt! So sitze ich eine gute halbe Stunde, ziehe bedächtig an meiner Schischa und versuche das gleiche Pfeiffgeräusch beim Ausatmen zu erzeugen wie die anderen. Sobald ein Tee geleert ist, bekomme automatisch den Nächsten gereicht. Anfangs errege ich noch Interesse und wir tauschen die üblichen Fragen/Antworten aus, dann gehöre ich zur Männerrunde dazu.

“Hey Mister”, “Hello my friend” tönt es hier ständig und da es keinem darum geht, mir etwas verkaufen zu wollen, bleibe ich stehen und erwidere den Gruß. Wir tauschen kurz Floskeln aus und lächeln dabei. Im Allgemeinen spricht keiner ein verwertbares Englisch und die Konversationen sind recht schnell erschöpft. In einer dieser Begegnungen mit zwei jungen Eisverkäufern flüstert der eine dem anderen etwas ins Ohr, worauf beide mit der entsprechend passenden Handgeste “Heil Hitler” sagen und daraufhin in Gekicher ausbrechen. Ich bin etwas perplex, weiß aber auch nicht anders zu reagieren, als etwas verlegen zu Lachen. Iran ist dafür bekannt anti-israelische Kräfte in der Region (Hisbolla, Hamas) zu unterstützen und es ist ein sehr fragwürdiges Vergnügen eine Verbindung zueinander auf Basis Nazideutschlands aufzubauen.

Dorf im Sandsturm

Dorf im Sandsturm

Landschaftlich war der Iran bislang eher ernüchternd, vermüllt, staubig, stinkend, und windig. Normalerweise ist meine Fahrt von etlichen Pausen unterbrochen. Ich mache Fotos oder betrachte Dinge genauer, die ich in der Vorbeifahrt nur flüchtig aufschnappen konnte. Hier suche ich dringend nach Pausemöglichkeiten und finde einfach keine. Staub, Wind und Müll machen Stopps außerhalb von Städten unattraktiv und auch innerhalb gibt es nichts Nettes, keine Teehäuschen, keine Stühle oder Bänke. Also fahre ich weiter und weiter, bis zu meinen geplanten Stopps. Anstrengend. Busse und Laster pusten dicken, schwarzen Rauch auf die Strassen und hüllen Städte und Landstraßen in Smog und Gestank. Manchmal kann ich die Luft einfach nicht so lange anhalten, wie ich möchte.

Ganz so schwarz möchte ich aber nicht enden, denn das Beste hier sind die Menschen.  Man kommt mit vielen, freundlichen Leuten in Kontakt, die nur “Hallo” und “Willkommen im Iran” sagen wollen. Kaum stehe ich kurz rum oder blicke in eine Karte, kommt auch schon jemand und fragt mich ob er mir helfen könne. Beckenbauer und Klinsmann werden immer wieder genannt (we auch schon in Afrika – Junge haben die einen Bekanntheitsgrad). Iran fühlt sich zunächst ungewohnter und schwieriger an als vergangene Länder, aber die Menschen um mich herum geben mir das gute Gefühl, dass es bei Schwierigkeiten nicht an Hilfsbereiten mageln wird.

Mit Abstechern über die eine oder andere Sehenswürdigkeit werde ich morgen voraussichtlich in Teheran angekommen sein und einige Tage in der Hauptstadt verweilen, bevor es weiter ins Landesinnere und in die Wüste geht. Sehen wir mal was der Iran in seinem Kernland zu bieten hat.

Angst vor ...

Angst wovor? Auflösungsbild im kommenden Beitrag! :)

6 Antworten zu “erste Schritte im Iran”

  1. Auch wieder außerordentlich interessant und super geschrieben! Könnte mir gut vorstellen, dass alles nochmal als Reisebericht im Touratech Magazin zu lesen, schon mal in die Richtung gedacht?
    Gruß aus dem deutlich langweiligeren Johannisthal, Thomas

  2. schön wieder von Dir zu hören,es ist alles sehr spannend und aufregend . Sei immer aufmerksam .

  3. Sounds exhausting…. hang in there :)

  4. es hört sich alles sehr verwirrend und schwierig an ..wie Geld, Datum, Straßenverkehr. Die Skulpturengruppe “Angst vor..” sieht sehr ausdrucksstark und ergreifend aus. Bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung.

  5. Hallo “Migo” bin am gleichen weg wie du, habe gestern mein moped in teheran stehen lassen und bin nach wien geflogen um mein pakistanvisum indienvisum und mein iranvisum zu verlängert. Werde an der grenze zu pakistan am 15 november sein. Hättest du liust mit mir gemeinsam durch pakistan zu fahren?
    Wäre super
    beste grüsse
    harry

  6. Ach Gordon, du bist grossartig! Ich freue mich, dass Du so wunderbare Dinge erlebst und bin in Gedanken bei Dir mein grosser Bruder.

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