Endlos

Endlos

Ich schalte den Motor aus und setze den Helm ab. Vor mir und im Rückspiegel verliert sich die Straße in einer endlos scheinenden Linie im Horizont. Links und rechts ist nichts als Sand und flimmernde Wüstenebenen. Der langsam abkühlende Motor tickt, ansonsten ist es still. Nicht leise oder ruhig sondern absolut geräuschlos, kein Rascheln von Pflanzen, kein entferntes Rauschen oder Motorbrummen, kein Zirpen oder Zwitschern, totale Stille, einfach Nichts. Draußen sein, heißt hören, sagt intuitiv die Erfahrung und die Ruhe wirkt unwirklich, wie ein Traum. Ich gehe einige Schritte und das Knirschen des Sandes unter meinen Stiefeln wirkt pur und unvermischt. Ich stehe einige Minuten, blicke zum Horizont und sehe und höre absolut keine Veränderung. Noch besser als das Auskosten dieses Momentes der absoluten Reduzierung jeglicher Reize, ist die Gewissheit, dass nichts Plötzliches diesen Moment beenden wird. Dafür bin ich hier. Allein dafür war es den Umweg wert.

Die Fahrbahnmarkierungen fliegen vorbei, ansonsten verändert sich auch während der Fahrt nicht viel. Nur der Wind vereitelt die Illusion auf einem Fahrband zu sein, das wie in einer Simulation unter dem Motorrad abgespult wird. Am Ende das Blickfeldes zeichnen sich die Umrisse von Bergen ab. Es wird eine weitere Stunde schnurgerader Fahrt mit konstanten 110 km/h dauern, bis ich sie tatsächlich erreiche. Ich lasse die Gedanken schweifen und genieße die Weite, als ein Auto auf der rechten Fahrbahnseite auftaucht. Ich beobachte es, während es langsam näherrückt. Eine Person geht zum Straßenrand, wartet auf mich und streckt dann langsam die Hand mit der Kelle aus. Nein!, sprichwörtlich mitten in der Wüste werde ich geblitzt!? 80 hätte ich fahren dürfen, lächerlich auf der offen Wüstenstraße.

Atrappe

es hätte auch eine Atrappe sein können

Zunächst werde ich aufgefordert mein Licht auszuschalten. Das Licht ist leider nicht manuell abschaltbar bei der Tenere. Ein Umstand der sehr viele entgegen kommende Fahrzeuge verwirrt und mit Lichthupen quittiert wird. Ich winke daraufhin meist nur zurück. In der Stadt fahren ständig Leute auf meiner Höhe und weisen mich auf das Licht hin. Ich kann ihnen natürlich nicht ohne Weiteres verständlich machen, dass es nicht abzuschalten ist und es ist eine Frage der Ausdauer des Fahrers, bis er mich für begriffsstutzig erklärt und aufgibt. In Teheran wollte sich einer einfach nicht davon abbringen lassen, mich zur nächsten Werkstatt zu fahren. Es ist einfach keine gute Innovation diesen Schalter bei einer Fernreiseenduro wegzulassen! Nachdem ich diesen Missstand meines Motorrades auch meiner Polizeistreife verständlich gemacht habe, werde ich darauf hingewiesen, dass ich zu schnell war. Ich komme mir zwar etwas dämlich vor, tue aber dennoch als würde ich nicht so recht verstehen. Mit Blick auf meinen Pass und die deutsche Zulassung weiß man aber scheinbar nicht so recht mit mir umzugehen oder ist einfach nur nachsichtig und ich werde schließlich mit der international verständlichen, vertikalen auf und ab Handbewegung zum langsamer fahren, zurück auf die Straße entlassen.

Garmeh 2

Garmeh 2

Erstes Ziel meiner Wüstenfahrt ist eine kleine Oase namens Garmeh. Aus einem Berg fließt Wasser und verwandelt die trockene Einöde in fruchtbares von Palmen übersätes Land. Ein paar Dutzend Lehmhäuschen in unterschiedlichem Zustand und einige bewirtschaftete Felder schmiegen sich in die Palmenvielfalt. Einige Alte sitzen im Schatten und schauen recht unbeteiligt zu mir herüber. Touristen sind keine Ausnahme hier. Es gibt zwei kleine Gasthäuser im Dorf, die seit einigen Jahren Rucksackreisende und Ausflügler aus Teheran anziehen. Die Ruhe der Wüste liegt auch über dem Dorf. Alles geschieht sehr langsam hier. Keiner hat es eilig. Alles scheint Zeit zu haben. Entspannter kann ich mir meinen Übernachtungsort kaum vorstellen und kehre im wunderschön sanierten Gasthaus der Familie Maziar ein. Für eine Nacht genieße ich die Idylle und Einsamkeit der Oase, 300 Kilometer von der nächsten größeren Stadt entfernt.

So eintönig die Wüste auch sein mag, sie verändert sich im Laufe der Durchfahrt doch auf vielfältige Weise. Man sieht Sanddünen, endlos flaches verkrustetes Land, Felsen und Berge und rote und graue Sandstrukturen, die an Mondlandschaften erinnern. Immer wieder halte ich an und laufe ein Stück in die sureale Welt. Zwischendurch gibt es kleine sandfarbene Dörfer, die Reste von Festungen und Siedlungen und ganze Geisterstädte, die verlassen in der Wüste darauf warten, im Laufe der Jahrhunderte endgültig zu verfallen. Interessant sind auch recht große Burgen, die hunderte von winzigen Räumen haben und aufgrund der weichen Linien der Lehmbauweise, innen und außen wie organisch gewachsene, wabenartige Lebensräume wirken.

Ich in Yazd

Ich in Yazd

Auch Yazd, die größte Stadt in der Wüste und angeblich der älteste permanent bewohnte Ort der Welt, hat eine ähnliche obgleich deutlich größere Altstadt. Weiche Lehmstrukturen und Windtürme, die recht effektiv die warme Luft aus dem Innern in einem angenehmen Luftstrom abtransportieren, prägen das Stadtbild. Ich komme im Silk Road Hotel unter, dass durch seinen wunderbar grünen und platzverschwenderischen Innenhof zum Plaudern mit anderen Gästen und stundenlangem Lesen und Teetrinken einlädt. Alle die den Iran besuchen, scheinen irgendwann hierher zu kommen und so treffe ich ein deutsches Paar aus Berlin (Kreuzberg 36!), einen Schweizer, einen Österreicher, der es mit Fahrrad bis hierher geschafft hat, zwei Dänen, zwei Niederländer im Allrad-Toyota und diverse mehr. Keiner hat hier schlechte Erfahrungen gemacht und jeder ist bezaubert von der Schönheit des Landes und seiner Menschen!

Paul umringt von Schulmädchen

Paul umringt von Schulmädchen

Einer der Gäste ist Paul, ein Australier. Als ich ihn zum ersten Mal in den Hof kommen sah, verschlug es mit glatt die Sprache. Paul hatte ich während meiner Afrikatour drei mal unabhängig von einander im Senegal, in Ghana und in Togo getroffen und plötzlich steht er wieder hier vor mir. Keiner von uns hatte die geringste Ahnung das der andere im Iran unterwegs ist. Der Zufall ist geradezu überwältigend. Zusammen schwelgen wir in Afrikaerinnerungen und vertilgen täglich drei bis vier der herausragend guten Bananenshakes, mit Eis und Kokos- und Pistazienraspeln. Hmm.

Kees und Natahlie (schlafen gerade oben)

Kees und Natahlie (schlafen gerade oben)

Eine Nacht in der Wüste, dass muss noch sein zum Abschlus der Wüstenetappe und so machen sich Paul und ich auf der Tenere auf, um irgendwo im freien einsam in die Sterne zu starren. Das zumindest war der Plan. Nach einem Abstecher nach ChakChak, einer Pilgerstätte der Zoroastrier, fahren wir durch einsame Wüstenstrassen auf der Suche nach einer Lagerstätte, als wir am Berghang einen weißen Toyota LandCruiser sehen. Die Niederländer Kees und Nathalie hatten die gleiche Idee und haben sich ausgerechnet in dieselbe Region begeben. Außer uns gibt es weit und breit niemanden und wird es bis zum Morgengrauen auch nicht geben. Da kann man nicht einfach vorbeifahren, denken wir und nehmen dem Pärchen die einsame Wüstenromantik. Statt spartanischem Wüstenausflug sitzen wir auf Stühlen und essen holändische Tütentomatensuppe vom beleuchteten Campingtisch, zu dem wir lokales Brot und Salat beisteuern und schwatzen den ganzen Abend angeregt über Reisen und Reiseerlebnisse. Anders als erwartet, aber man muss die Gegebenheiten eben so nehmen wie sie kommen. Auch schön.

Als nächstes steht nichts weniger als die Perle des Orients und die bedeutendste Sehenswürdigkeit des Iran’s auf dem Program. Dranbleiben also.

Da hatte ich doch im vergangenen Post die Auflösung des Bilderrätsels vergessen. Es handelt sich um eine Skulptur von Aha Hosseini . Diese und eine Reihe anderer sehr ausdrucksstarker Skulpturen befinden sich im Azerbaijan Museum in Tabriz.

Bilderrätsel Auflösung

Bilderrätsel Auflösung

 

Sauer Frucht Stand

Sauer Frucht Stand

Ich in interessierter Lehrergruppe

Ich in interessierter Lehrergruppe

Bei frischen zehn Grad Celsius mache ich mich auf den Weg in die Hauptstadt. Eiskalter Wind fegt über die mehrspurige Verbindungsstraße von Zanjan nach Teheran, kühlt mich bis auf die Knochen aus und vernebelt die Sicht mit aufgewirbeltem Sand. Zusammen mit ausgetrockneten Buschresten fliegen Plastetüten, Pappkartons und diverser anderer flugtauglicher Müll über die Fahrbahn. Kein angenehmer Einstieg in die 15-Millionen Metropole. Während die Straße zunehmend voller wird, fahren immer wieder Fahrzeuge auf meiner Höhe und die Insassen winken und hupen. Die Wilkommensfreude der Iraner ist ungebrochen und immer wieder bemerkenswert. Kaum vergeht ein Halt an dem nicht Leute auf mich zukommen, mit mir reden und mir etwas zum Essen geben und seien es nur iranische Tütenchips , kein Cafebesuch in dem sich nicht Leute zu mir an den Tisch bzw. auf den Teppich setzten und keine Fahrt, in der kein Mopedfahrer mich begrüßt und fragt ob er mir helfen können.

praktisch eigentlich

praktisch eigentlich

Ich wühle mich langsam, aber flüssiger als befürchtet, in die Eingeweide der Stadt vor und kann gar nicht genug betonen, wie dankbar ich über die Führung via GPS bin. Die Karten für den Iran sind nicht immer korrekt aber recht brauchbar und nehmen in erster Linie der Navigation in großen Städten den Schrecken. Ganz nach meinem Motto “Mitfließen ist besser als zu vorsichtig fahren” passe ich mich einigermaßen dem Verkehrschaos an und kämpfe zusammen mit den anderen Moppedfahrern um jeden Zentimeter zwischen den Blechlawinen. Jeder Raum wird genutzt. Da dies auch die Bürgersteige beinhaltet, sind diese meist mit Blockaden ausgestattet, um die Mopeds von der Durchfahrt zu hindern. Nicht nur einmal fährt mir ein Auto mit der Stoßstange ans Hinterrad, um bloß keinen Zentimeter zu verschenken.

ein Eingang zum Teheran Basar

ein Eingang zum Teheran Basar

Auch in Teheran begebe ich mich auf den Basar, der der Größte und Bedeutendste des Landes ist. Seit der Türkei habe ich viele gesehen und während der Grand Basar in Istanbul kaum an Majestätik und Prunk zu übertreffen ist, sich aber sehr touristisch geprägt anfühlt, imponiert der Teheraner Basar neben der Größe durch Authentizität. Er ist eine Stadt in der Stadt. Dutzende einzelne Basare sind zusammen mit einen ganzen Stadtviertel zu einem fast vollständig überdachten Gesamthandelsplatz verschmolzen. Hat man sich einmal beim Bummeln in den Innereien verloren, ist es schwieriger als man denken würde, wieder auf die offene Straße zurückzufinden. Die Laden- und Produktdichte ist überwältigend. Neben den zahllosen Läden, die sich nach Rubriken in die labyrinthischen Strukturen gruppieren, gibt es auch Banken und Moscheen. Es fahren natürlich keine Autos in den engen Basarwegen, also schieben Transporteure mit Schubwagen die Produkte durch das Gassengewirr an seinen Bestimmungsort. Das Basarleben wird hier echt gelebt und der Basar ist nach wie vor einer der bedeutendsten Warenumschlagplätze des Landes.

Ich befinde mich in der Altstadt, die neben dem Basar auch den Golestanpalast mit beeindruckenden Spiegelsälen und andere Sehenswürdigkeiten enthält, im Verhältnis zum neueren und wohlhabenden Norden aber deutlich heruntergekommener und unansehnlicher ist. Über diverse Freundesverbindungen habe ich eine Kontakt, L., in der Stadt, mit dem ich mich im nördlichen Teil verabrede. Auf der Fahrt dorthin wird mir bewusst, wie riesig Teheran eigentlich ist. In dicht verworrenen Straßennetzen arbeite ich mich 10 Kilometer Richtung Norden und befinde mich gefühlt immer noch mitten in der Innenstadt. Hier ist das eigentliche Teheran, sagt mein neuer Freund und rümpft die Nase über die Ecke in der ich untergekommen bin. Teheran ist viel zu groß, um es es unter einen beschreibenden Hut zu bringen.

Wir fahren gemeinsam in die Wohnung eines Freundes und ich erhalte die Gelegenheit in ein mir völlig fremdes Iranbild, das hinter den Wohnungstüren, Einblick zu nehmen. Frauen sitzen mir plötzlich ohne Kopftuch gegenüber. In Teheran ist der Dresscode der Frauen noch deutlich lockerer als in Tabriz, aber eine Frau ohne Kopftuch gibt es dennoch nicht, auch wenn viele das Kopftuch. derart fadenscheinig auf den hintersten Teil der aufgesteckten Haare werfen, dass es kaum als Kopfbedeckung im eigentlichen Sinne durchgeht. Hinter verschlossenen Türen wird aber nicht nur das Kopftuch abgenommen, sonder auch die Hose ausgezogen, um im luftigen, aufreizenden Kleidchen Platz zu nehmen. Verklemmt ist anders und verhüllt sowieso. Hinter iranischen Wohnungstüren spielt sich eine andere Realität ab, eine in der es Alkohol genauso wie Drogen gibt und man “eigentlich nicht richtig Moslem” ist. Es gibt keine Clubs oder Diskos und eine MTV geprägte Generation tanzt und feiert in privaten Wohnzimmern. “Das sind richtige Moslems” meint L. und zeigt auf eine vollständig (außer Gesicht) verhüllte Frau. Diese gibt es genauso und auch zahlreich und die Wohnungstür hinter die ich blicken konnte, ist auch nur eine von Millionen.

Ich erzähle, das man in Deutschland bzw. im Westen denkt, ich bin verrückt, wenn ich in den Iran fahre und ernte natürlich Missverständnis. Warum?, weil das uns vermittelte Bild ein negatives und stark vereinfachtes ist und weil Islam auf eine Art kommuniziert wird, die bei oberflächlichem Medienkonsum als Bedrohung wahrgenommen werden kann und im schlimmsten Fall mit Fundamentalismus und Terrorismus gleichgesetzt wird. Blickt man etwas genauer auf die geschichtliche Entwicklungen im vergangenen Jahrhundert verwundert es eher, dass die islamische Welt nicht viel abweisender und aggressiver auf die Westmächte und die Invasion westlicher Kultur reagiert hat, als mit Anschlägen extremer Splittergruppen und auch das wir ganz sicher nicht die Guten sind. Naja, oberflächliches Geschwafel, man könnte einen Buchband zur Thematik schreiben.

Alle mit denen ich bislang über die Thematik reden konnte, rümpfen jedoch die Nase über ihren Präsidenten oder ihre religiöse Führung. Man denkt es sind 90% der Bevölkerung, die lieber früher als später eine neue Regierung hätten. Inwiefern das nur der Blick einer bestimmten Gruppe ist, kann ich unmöglich beurteilen. Nach Jahren islamischer Prägung  schwefelt aber auch hier das Bedürfnis nach einer Lockerung, einer Öffnung nach Außen und mehr Freiheit. Eine recht ausgeprägte Internetfilterung hilft nicht unbedingt, um seiner Meinung öffentlich Luft zu machen, aber untereinander tauscht man sich natürlich aus. Nach Syrien, ist der Iran dran höre ich, aber ich spüre keinen revolutionären Funken. Hätte man diesen in Tunesien oder Ägypten gespürt?

Nach 2 wunderbaren Abenden im nördlichen Teil der Stadt und einer zusätzlichen Nacht bei meinen neuen Freunden, in denen ich neben der Gastfreundschaft der Iraner auch gutes Essen und exklusiveres Teheran kennen lernen durfte, geht es nun weiter ins Landesinnere. Der logische Weg von hier aus würde mich auf gut ausgebauten Straßen weiter in den Süden über Qom nach Esfahan führen, man kann aber auch mit großem Umweg und Oasenabstechern einmal quer durch die Wüste fahren. Nun ratet mal für welchen Weg ich mich entschieden habe ;) .

Zunächst galt es nochmals einen 2535 Meter Pass auf zahllosen Haarnadelkurven zu erklimmen, um in den abgelegenen Süden Armeniens und zum einzigen Grenzübergang zum Iran vorzudringen. Umgeben von hohen Felsungetümen, liegt der verstacheldrahtete Übergang in einer entrückten Welt und flößt Respekt ein. Die Armenier lassen mich zunächst mein gesamtes Gepäck ausräumen, lassen mich dann aber gehen und rufen noch “Grüße an Merkel” hinterher. Auf Iranischer Seite ist der Einreisestempel schnell im Pass, die Bearbeitung des Carnets, also des Einreisedokumentes für das Motorrad wird mich noch weitere eineinhalb Stunden festsetzen. Es ist immer wieder erstaunlich wie viel Stirnrunzeln, Kollegen fragen und allgemeines Rätselraten dieses Dokument hervorruft. In Afrika hatten wir schon diverse Grenzbeamte beim Ausfüllen unter die Arme greifen müssen.

Ich nutze die Wartezeit, um etwas Bargeld an einem Wechselschalter umzutauschen. Der Iran verfügt zwar über Banken mit Geldautomaten, allerdings ohne Anschluss ans internationale Finanzsystem. Kreditkarten, EC-Karten, Traveler Checks, alles Fehlanzeige. Wer in den Iran einreist, muss die gesamte während des Aufenthaltes benötigte Geldmenge in Bar mitbringen! Das ist natürlich kein Geheimnis und macht mich theoretisch zu einem überaus attraktiven Ziel. Ich muss also auf die viel gelobte Güte und Ehrlichkeit der Iraner vertrauen.

Irgendwann bin ich durch die letzte Schranke und inklusive der Tenere im Iran angekommen. Wir fahren entlang dem Grenzfluss durchs Arastal, das seit Jahrhunderten immer wieder Zeuge militärischer Auseinandersetzungen geworden ist und nach wie vor auf beiden Seiten mit etlichen Wachtürmen und militärischen Grenzstationen überseht ist. Ich fühle mich plötzlich sehr weit weg von zuhause.

Nussladen in Tabriz

Nussladen in Tabriz

Tabris, die erste größere Stadt auf meinem Weg und sinnvoller erster Übernachtungsort, quält mich zunächst mit dichtem Verkehr und ausgebuchten Hotels. Ganze zehn Guesthouses bzw. Hotels, klappere ich ab, bevor ich etwas finde, was nicht voll, zu teuer oder zu ranzig ist. Direkt an der sehr befahrenen Komeini Street, muss ich mich zwar mit Lärm und Abgasen abfinden, aber irgendwann fehlt dann einfach die Kraft zum Weitersuchen. Auch in den kommenden Nächten werde ich mich etwas schwer tun mit den Unterkünften. Günstige Unterkünfte sind zwar zu haben, der Standard ist aber greulich und auf fensterlose Löcher, mit stinkendem Hockeklo ohne Licht und eine Etage tiefer kann ich mich einfach nicht einlassen. Ich habe nichts gegen einfach, von mir aus auch sehr einfach, aber sauber und ein wenig liebevoll und herzlich sollte es trotzdem sein.

Ich schlendere durch die Stadt, um die ersten Eindrücke auf mich wirken zu lassen. Hier mal eine Auswahl:
Die Ampeln zeigen nicht Rot,Gelb und Grün an, sondern blinken abwechselnd in der Mitte und dann versetzt die beiden Äußeren. Farblich gibt es dabei verschiedene Kombinationen, alle Gelb, Mitte Gelb und außen rot, Mitte rot und außen gelb. Grundsätzlich kümmert sich aber sowieso niemand um irgendwelche Regeln, jeder geht und fährt wie er will, bei Rot oder nicht, den Kreisverkehr links oder rechts rum, die Einbahnstraßen in beide Richtungen usw.. Das Datum ist hier ein anderes. Das Jahr beginnt im März, die Zeitrechnung mit dem Gang Mohammeds nach Medina. Der 18.10.2011 ist z.b. der 1390/07/26. Ein Euro entspricht etwa 17000 Rials. Umgangssprachlich wird aber oft mit Toman gerechnet. Einen Toman gibt es im Grunde nicht, aber er ist immer ein Zehntel des Rial-Wertes. Da beides verwendet, aber nur die Zahl gesagt wird, muss man also ein ungefähres Gefühl haben, was jetzt denn nun eigentlich gemeint ist. Als dritte Möglichkeit werden die zehntausender einfach weggelassen, man sagt also einfach 2 und meint dann 20000.

Straßenverkäufer mit Kartoffel-Ei-Brot

Straßenverkäufer mit Kartoffel-Ei-Brot

Entgegen meiner Erwartung sind Frauen nicht verhüllt. Man sieht Jeans und hohe Schuhe, taillierte Kleider und farbige Kopftücher. Konservativer aber genauso oft zu sehen sind zurückhaltende Farben (schwarz, blau), während die Abaya mit einer Hand am Kinn zusammengehalten wird.
Einladend aussehende Restaurants im westlichen Sinne gibt es nicht. Die Stadt ist voll mit kleinen, wenig attraktiven Imbissen, die nichts Vegetarisches anbieten. Auch die in den Vitrinen zur Schau gestellten Wurststapel sehen wenig appetitlich aus. Dafür gibt es Straßenverkäufer die eine Kartoffel mit einem gekochten Ei, Salz und diversen Gewürzen stampfen und in flachem Brot handlich einrollen. Gut, das passt erstmal.
Überall sind leckere Saftläden zu finden, die mit einer großen Vielfalt diverser Obststapel gefüllt sind. Man muss lediglich auf eine, oder eine Auswahl verschiedener Früchte zeigen und bekommt einen frisch gepressten und falls mehrere, gemischten Saft. Lecker und 100% ausländerkompatibel.

Wasserpfeifenkneipe

Wasserpfeifenkneipe

Auf dem Weg zurück ins Hotel halte ich an einer Schischa Stube. Klein und ungemütlich, wie die meisten Etablissements hier, sind Tische in einer Reihe aufgestellt, hinter denen Männer jeder mit einer Schischa und einem Tee sitzen, wie Hühner auf der Stange. Ich will mir das genauer ansehen und setze mich dazu. Ich zeige dem Wirt auf das was mein Nachbar und alle anderen haben und erhalte kurz darauf ebenfalls ein “Gedeck”. Mit Papier rolle ich mir ein Mundstück und den Tee gieße ich in die Untertasse und schlurfe ihn dann mit einem Stück Zucker aus derselben. Alles vom Nachbar abgeguckt! So sitze ich eine gute halbe Stunde, ziehe bedächtig an meiner Schischa und versuche das gleiche Pfeiffgeräusch beim Ausatmen zu erzeugen wie die anderen. Sobald ein Tee geleert ist, bekomme automatisch den Nächsten gereicht. Anfangs errege ich noch Interesse und wir tauschen die üblichen Fragen/Antworten aus, dann gehöre ich zur Männerrunde dazu.

“Hey Mister”, “Hello my friend” tönt es hier ständig und da es keinem darum geht, mir etwas verkaufen zu wollen, bleibe ich stehen und erwidere den Gruß. Wir tauschen kurz Floskeln aus und lächeln dabei. Im Allgemeinen spricht keiner ein verwertbares Englisch und die Konversationen sind recht schnell erschöpft. In einer dieser Begegnungen mit zwei jungen Eisverkäufern flüstert der eine dem anderen etwas ins Ohr, worauf beide mit der entsprechend passenden Handgeste “Heil Hitler” sagen und daraufhin in Gekicher ausbrechen. Ich bin etwas perplex, weiß aber auch nicht anders zu reagieren, als etwas verlegen zu Lachen. Iran ist dafür bekannt anti-israelische Kräfte in der Region (Hisbolla, Hamas) zu unterstützen und es ist ein sehr fragwürdiges Vergnügen eine Verbindung zueinander auf Basis Nazideutschlands aufzubauen.

Dorf im Sandsturm

Dorf im Sandsturm

Landschaftlich war der Iran bislang eher ernüchternd, vermüllt, staubig, stinkend, und windig. Normalerweise ist meine Fahrt von etlichen Pausen unterbrochen. Ich mache Fotos oder betrachte Dinge genauer, die ich in der Vorbeifahrt nur flüchtig aufschnappen konnte. Hier suche ich dringend nach Pausemöglichkeiten und finde einfach keine. Staub, Wind und Müll machen Stopps außerhalb von Städten unattraktiv und auch innerhalb gibt es nichts Nettes, keine Teehäuschen, keine Stühle oder Bänke. Also fahre ich weiter und weiter, bis zu meinen geplanten Stopps. Anstrengend. Busse und Laster pusten dicken, schwarzen Rauch auf die Strassen und hüllen Städte und Landstraßen in Smog und Gestank. Manchmal kann ich die Luft einfach nicht so lange anhalten, wie ich möchte.

Ganz so schwarz möchte ich aber nicht enden, denn das Beste hier sind die Menschen.  Man kommt mit vielen, freundlichen Leuten in Kontakt, die nur “Hallo” und “Willkommen im Iran” sagen wollen. Kaum stehe ich kurz rum oder blicke in eine Karte, kommt auch schon jemand und fragt mich ob er mir helfen könne. Beckenbauer und Klinsmann werden immer wieder genannt (we auch schon in Afrika – Junge haben die einen Bekanntheitsgrad). Iran fühlt sich zunächst ungewohnter und schwieriger an als vergangene Länder, aber die Menschen um mich herum geben mir das gute Gefühl, dass es bei Schwierigkeiten nicht an Hilfsbereiten mageln wird.

Mit Abstechern über die eine oder andere Sehenswürdigkeit werde ich morgen voraussichtlich in Teheran angekommen sein und einige Tage in der Hauptstadt verweilen, bevor es weiter ins Landesinnere und in die Wüste geht. Sehen wir mal was der Iran in seinem Kernland zu bieten hat.

Angst vor ...

Angst wovor? Auflösungsbild im kommenden Beitrag! :)

Herbstimmung 1

Herbstimmung 1

Diesmal wurde der Schalter Richtung Herbst umgelegt. Nach dem grünen Tiflis wechseln die Bäume ihre Farbe zu gelb und rot. Die Straßen sind bereits überseht mit Laub und ich fahre durch einen bunten, wirbelnden Blätterregen. Nur die immer noch sehr warmen 26 Grad (Nachts allerdings sehr frisch) verhindern, dass ich mich gänzlich nach Herbstdeutschland versetzt fühle.

Armenien hat es nicht gerade leicht im Umfeld seiner Nachbarn. Die Grenzen zur Türkei sind geschlossen (Genozitkonflikt) und die Grenzen zu Aserbaidschan im Osten und im Westen sind ebenfalls geschlossen (Bergkarabachkonflikt). Mit Russland haben sie zwar gute Beziehungen, aber keine Grenze – schlecht. Dazwischen liegt Georgien, was wiederum schlechte Beziehungen mit Russland (Kaukasuskrieg) und eine halb geschlossene Grenze (bestehend aus einem! Grenzübergang mitten im Kaukasus) hat – noch schlechter. Zugang zu offenem Gewässer haben sie ebenfalls nicht – prinzipiell immer ganz schlecht. Bleibt noch die islamische Republik Iran im Süden, die sich ihrerseits vielen Sanktionen durch den Westen ausgesetzt sieht. Keine einfache Position, um sich frei zu entwickeln, zumal es bei keinem der Konflikte in der Region nach einer Lösung in naher Zukunft aussieht. “Its complicated” sagt Irakli, mein sympathischer Gastgeber in Tiflis. Kompliziert und festgefahren, kein Wunder, wenn es schleppender vorangeht, als möglich.

Sowjet Kino

Sowjet Kino

Ich lege eine langsame Gangart ein und unterbreche die Fahrt nach Jerewan, der Hauptstadt des Landes (von der ich selbst nie gehört hatte), für einen Zwischenstop in Dijilan. Eine der schönsten Gegenden des Landes soll es sein, Pensionen und B&Bs soll es geben und sowjetische Künstler und Denker hat es seit eh und je in die mit Laubwald bewachsenen Berge gezogen, liest man. Soweit stimmt das auch alles, aber die Realität weicht von der geweckten Assoziaten dennoch weit ab. Der Ort wird durch Sowjetarchitektur geprägt, die ihre Blütezeit seit langem überschritten hat. Das Kino ist verlassen und hinter der Eingangstür stapeln sich Zementsäcke. Die Fenster des Einkaufzentrums im Zentrum splittern und werden durch improvisierte Holzklammern zusammengehalten. Vom einstigen Warenhaus der Stadt ist nur noch ein einfacher Supermarkt im Keller geöffnet, der Rest steht leer. Kioske sind geschlossen, die Fenster verstaubt. Eine wuchtige Zementbushaltestelle verfällt. Ein verrostetes Stahlrohr sprießt hervor, der Rest wird von Moos bewohnt. Ein einzelner Mann wartet darin. Es ist still. Hier und da trotten ein paar Menschen die Bürgersteige entlang. Laub fliegt durch die Straßen.
Man kann sie förmlich noch sehen, die leuchtenden Kinderaugen mit dem Softeis in der Hand, die auf ausgestellte Spielwaren in den Schaufenstern starren. Geschäftiges Treiben, ein Kommen und Gehen im Zentrum, Menschen die am Brunnenrand sitzen und sich in der Sonne ausruhen. Heute sitzt keiner am Brunnen. Er sprüht noch Wasser, scheint aber auch nicht so richtig zu wissen warum eigentlich. Wie auf einem verlassenem Rummel fühlt es sich an. Ein wenig melancholisch, man spürt die Zeit und die Veränderung. Es macht ruhig, aber es ist auch schön, irgendwie friedlich.

Mit Erkältung und in strömenden Regen kämpfe ich mich nach Jerewan. Groß sind meine Erwartungen nicht an eine Stadt, die in erster Linie eine Planstadt aus Sowjetzeiten ist und praktisch keine historischen Viertel oder Gebäude aus seiner langen Geschichte übrig hat. Ich komme in einem familienbetriebenen Hostel (Glide Hostel) unter und fühle mich nach kurzer Zeit bereits wie der Sohn der Familie. Die Betten sind bemerkenswert schlecht (man spürt praktisch jede Feder und den darunterliegenden Rost), aber ich fühle mich wohl und stelle einmal mehr fest, wie unwichtig die “harten” Faktoren sind, solange man herzlich aufgenommen wird . Der Name Glide-Hostel ist entstanden, weil der Sohn der Familie ein Paraglider ist und entsprechend Flüge im bergreichen Armenien anbietet. Nach einem Abend über Paragliding-Videos und mit meinen Erinnerungen an eigene Sprünge, bin ich einmal mehr zur der Überzeugung gelangt, dass ich das bei Gelegenheit auch probieren sollte!

Streetart Yerevan

Streetart Jerewan

Überladen mit guten Tipps für Jerewan und Umgebung, mache ich mich auf, die Stadt zu erkunden. Sie ist großzügig angelegt und grün, geschäftig aber entspannt, überseht mit Cafés, Ausstellungen und allerlei Ständen und Fußgängerzonen. Man begegnet Streetart und Straßenmusikern, sieht Liebespaare in den Parks und singende Mädchengruppen, die durch die Straßen ziehen. Die Frauen fallen mir besonders ins Auge. Sie sind nicht außergewöhnlich schön, aber geben sich diesbezüglich außergewöhnlich große Mühe und häufig mit aufmerksamkeitserregenden Erfolg. In Anbetracht der Nähe des verhüllenden Iran, genieße ich daher die schöne Aussicht und erlaufe die Stadt so weit es Füße und Gesundheitszustand zulassen. Kiew und Tiflis haben eine und Jerewan hat auch eine bekommen, eine riesige, schwerttragende Eisenfrau, die über der Stadt thront. Mutter Ukraine, Georgien und Armenien heißen sie, sehen aber eher kämpferisch als mütterlich aus, aber wer will schon eine übergroße metallene Hausfrau mit Besen über der Stadt sehen. Das wäre aber doch zumindest mal ein pazifistisches Signal, vielleicht sollten wir eine auf den Müggelbergen haben, oder besser ein Mann mit Staubsauger!? Die beeindruckendste Schwertfrau aus den Hipzeiten der Kampfweiber dürfte aber wohl die in Wolgograd sein, aber das ist eine andere Reise.

Ararat

Ararat

Thronen tut vor allem einer über der Stadt, der gewaltige Ararat, der höchste Berg der Türkei. Ich hatte schon bedauert, ihn bei der Türkeidurchfahrt nicht in meine Route pressen zu können, mir war aber nicht bewusst, wie gewaltig sich dieser Berg in riesigem Umkreis in Szene setzt und auch von Jerewan gut zu sehen ist. Ein Whisky, Bier, eine Bank, Hotels, Cafes, Yoghurt und vieles mehr tragen seinen Namen hier.

Verkehrstechnisch geht es nach all den Suizidfanatikern Georgiens in Armenien wieder etwas ruhiger zu, wären da nicht die Marschrutkas. Marschrutkas sind 10-Sitzer Transporter, von denen es unzählbar viele gibt und die nach Bedarf halten und Leute aufnehmen bzw. absetzen. Was grundsätzlich der günstigen und flexiblen Beförderung der Bevölkerung zu gute kommt, schadet der entspannten Stadtfahrt. Die rechte, der meist vorhandenen zwei Spuren ist eigentlich ausschließlich den ständig und plötzlich haltenden und startenden Marschrutkas vorbehalten. Da andere Marschrutkas den auf der Marschrutkaspur gerade haltenden Marschrutkas ausweichen müssen, schießen diese Marschrutkas ebenfalls sehr plötzlich auf die verbleibende linke Spur. Man muss also in permanenter Marschrutkaalamstufe verweilen. Selbst auf der Marschrutkaspur zu fahren, ist nur für wirklich Fortgeschrittene oder Abenteuermotorradfahrer geeignet. Wie ihr merkt, mag ich im übrigen das Wort Marschrutka :) .

Hier hätte ich auch länger bleiben können, muss ich überrascht bei meiner Abfahrt feststellen und verdanke dies zu einem großen Teil meiner liebenswerten Gastfamilie, die meinem Aufenthalt die wichtige Wärme beigesteuert hat, die so entscheidend für den Gesamteindruck ist. Aber die Tenere wartet bereits ungeduldig und befüllt mit neuem Öl (10000 KM sind schon rum) und so mache ich mich auf den Weg Richtung Süden, vorbei an den zahllosen Klöstern, Mauern, Höhlen, Steinhaufen und was die hier uralte kulturhistorische Geschichte sonst noch alles zu bieten hat.

Boxer, fährt ...

Ural, fährt ...

Ich treffe auf einen Motorradfahrer und seine Frau auf einer alten Ural mit Beiwagen, halte interessiert an und schaue ihnen bei der Arbeit zu. Nach kurzer Zeit kommt der Mann und schenkt mir eine Handvoll Nüße. Eine schöne und keine ungewönliche Geste und da ich dazugelernt habe und immer mehr Essen mit mir rumschleppe als nötig, gebe ich ihm ein Stück meines Süssbrotes aus einer Gegend um Jerewan. Ich mag diese kleinen teilenden Gesten, die so soviel zu einem positiven Miteinander beitragen. Obwohl man potentiell etwas bekommen kann, was ma nicht mag aber im Allgemeinen etwas gibt, was man mag, ist das Resultat meist ein Gutes. Die Geste schafft etwas, was mehr wert ist als das Produkt.

Nach der farbenfrohen Herbstaugenweide, in der ich das nördlichere Armenien vorgefunden habe, befinde ich mich nun im deutlich trockeneren Süden und in greifbarer Nähe zum Iran. Ich muss zugeben, ich bin einigermaßen aufgeregt! Einmal werde ich noch wach, dann ist es soweit und ich bin mir sicher, alles wird wieder ganz anders.

Vielen Dank fürs Mitlesen, bis bald und bleibt dran!

Kontraste

Kontraste

Herzlich Willkommen in Georgien, sagt der Grenzbeamte auf Deutsch, nach einer denkbar einfachen Grenzüberquerung. Zunächst einmal verblüffen die Unterschiede. Statt Kopftüchern tragen Frauen Stöckelschuhe, statt Gebetsruf tönen Kirchenglocken, aus lateinischen Buchstaben werden Georgische, aus kalt wird warm und aus Lira wird Lari. Die außergewöhnlichste Änderung aber geschieht bei Klima und Vegetation. Man mag es kam glauben, aber als hätte jemand einen Schalter umgelegt, findet man sich plötzlich in subtropischer Umgebung wieder. Palmen säumen den Straßenrand und nach der trockenen Türkei ist es sichtbar grüner und spürbar  feuchter. Die Lage zwischen dem kleinen Kaukasus im Süden und dem großen Kaukasus im Norden und dem schwarzen Meer im Westen bewirkt das milde Klima. Bei gutem Wetter (ich hatte immer gutes) sieht man die schneebedeckten Gipfel der Gebirge am Horizont, während man unter Palmen Schatten sucht. Befindet man sich etwa in der Mitte zwischen Norden und Süden, sieht man zur gleichen Zeit die Schneegipfel des kleinen und des großen Kaukasus.

Kontraste 2

Kontraste 2

Die sowjetischen Einflüsse aus der Zeit der Eingliederung in die UdSSR sind natürlich nicht zu übersehen. Alte Ladas und Wolgas, die ich seit mittlerweile Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe, gibt es hier in rauen Mengen genauso wie die scheinbar unzerstörbaren, stinkenden grünen Lastfahrzeuge. Erschreckend trostlose und heruntergekommende Zweckplattensiedlungen findet man ebenso wie heroische, übergroße Heldenstatuen. Georgisch ist die Amts- und Umgangssprache, aber Russisch wird praktisch von allen gesprochen. Zumindest derzeit ist das noch so. Zunehmend weniger Kinder und Jugendliche sprechen Russisch. Meine russischen Schulkenntnisse sind ebenfalls eher begraben als eingestaubt, aber ich bin mehr als überrascht, wie schnell längst verloren geglaubte Begriffe wieder zurück ins Bewusstsein gelangen. Nach wenigen Tagen hat sich bereits genug angesammelt, um einigermaßen zurechtzukommen. Ein riesiger Vorteil gegenüber der Türkei. Ansonsten ist man hier nicht besonders gut auf Russland zu sprechen, das als eine der wenigen Nationen die autonomen Gebiete im Norden Georgiens, Abchasien und Südossetien, anerkannt und unterstützt hat. De Fakto ist Georgien um einiges kleiner, als auf den Landkarten zu sehen ist.

Fruchtbrot (Nasuki) Verkäufer

Fruchtbrot (Nasuki) Verkäufer

Auch die Menschen hier sind völlig anders. Meine Erfahrungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Service und die Freundlichkeit in Cafes und Hotels ist teilweise derart unterhalb jeglichen Maßstabes, dass es mir manchmal einfach die Sprache verschlägt. Wenn die Kellnerin kommt und mit einer Geste und der zugehörigen Handbewegung ausdrückt “Also willste nun was bestellen oder nich?” oder der Hotelangestellte lieber fern sieht, als mir ein Zimmer zu geben und dann weiter sitzend den Schlüssel so hinhält, dass ich ihn ihm weit über die Theke lehnend aus der Hand nehmen muss, hilft es nicht gerade, um sich willkommen zu fühlen. Auf der anderen Seite habe ich einzigartige, herzensgute und gastfreundliche Menschen getroffen, die selbst meine besten Erfahrungen in der Türkei in den Schatten stellen. Ähnlich verhält es sich mit Leuten auf der Straße bei Fahrpausen. Es gibt den typischen, lässigen, fast immer große Sonnenbrillen tragenden Mann, der mich bewegungslos, abschätzend beobachtet. “Bisnis” steht ihm ins Gesicht geschrieben und ich bin zwar ungewöhnlich, aber letztlich uninteressant. In ländlicheren Gegenden verhält es sich meist anders. Leute kommen interessiert und stellen die üblichen Fragen, “Wie schnell fährt das Motorrad?”  und “Wieviel kostet es?”, klopfen mit auf die Schukter und wünschen mir gute Fahrt.

Batumi

Batumi

Fährt man an der Küste aus der Türkei kommend nach Georgien, kommt man nicht umhin in Batumi Halt zu machen. Ein süßes, sich in dynamischer Entwicklung befindendes Städtchen, dass ich auf Anhieb mag. Da Unterkünfte in Georgien tendenziell teurer sind, verbringe ich die Nacht in einem Hostel (als einziger Gast) und geniesse zusammen mit Kim (Kanada), die ich bereits in Yusufeli getroffen hatte und zufällig hier wiedertraf, das Stadtleben und die neue Kultur. Meine freundliche Hostelleiterin sagt mir, ich kann unmöglich Georgien verlassen, ohne Swanetien, eine schwer zugängliche Gebirgsgegend im Norden, gesehen zu haben. Ich höre das nicht zum ersten Mal und entscheide mich, den Umweg zu fahren, wie sich herausstellen sollte, eine der besten Entscheidungen meiner Reise bisher.

Auf der Fahrt tiefer und tiefer in die Berge, sind es, neben dem deutlich aggressiveren Verkehr hier, vor allem die Tiere auf der Straße, die höchste Aufmerksamkeit fordern. Kühe, Ziegen, Pferde und Hunde bevölkern zu Hunderten die Straßen. Bei einer Einfahrt in einen der nicht beleuchteten Tunnel auf dem Weg nach Mestia, sehe ich kurz vor Tunneleintritt zwei Silhouetten am Ende des Tunnels. Da man aus dem Licht kommend, so gut wie nichts sieht, fahre ich entsprechend vorsichtig und stosse auf eine Kuh und einen Hund, die in absoluter Finsternis gemächlich auf meiner Spur dem Tunnelausgang entgegen laufen. Super gefährlich! Zwei Tunnel später liegt ein ausgewachsenes, totes Pferd am Fahrbahnrand. Kühe sind im Allgemeinen sehr friedlich und lassen sich durch nichts stören, man fährt einfach im Slalom um sie herum. Aber die Hunde… Für viele der in den Dörfern lebenden Hunde muss ich so etwas wie die Inkarnation des Bösen darstellen. Mit fletschenden Zähnen und maximaler Aggressivität stürzen sie auf die Straße, um mich anzubellen, als gelte es ihre gesamte Rasse vor dem Untergang zu verteidigen. Hunde die bellen, beißen nicht, sagt man, aber wenn man sieht und hört mit welch infernalischer Getriebenheit sie auf einen zukommen, will man sich nicht darauf verlassen.  Meist gebe ich etwas mehr Gas, fliege vorbei und habe sie nach etwa 20 bis 30 Metern abgeschüttelt. Bei einer dieser Begegnungen mit einem besonders großen Exemplar, dass ich schon aus einiger Entfernung wie einen Pfeil habe heranfliegen sehen, ist die Straße vor mir jedoch tief von Matsch und Spurrillen zerfurcht. Die Angst vor dem Hund siegt intuitiv gegen die Angst vor dem Matsch und ich gebe in die Schikane hinein Gas, das Viech direkt auf den Fersen. Ich schlingere und eiere von einem Straßenrand zum Anderen und verliere fast die Kontrolle, kann mich aber gerade so fangen und komme mit aufgeregt pumpender Pulsader im Hals davon. So nah an einem Sturz war ich auf dieser Fahrt noch nicht. Mistviecher! Ich habe schon einen richtigen Hass entwickelt.

Uschguli

Uschguli

Uschguli, der höchste ganzjährig bewohnte Ort Europas ist das lohnenswerte Ziel meines Umwegs. Beindruckend schön liegt er auf 2100 Metern Höhe am Fuße des Shkharas (5086m), gekennzeichnet durch die markanten Schutztürme der Swanetier. Ich sitze eine lange Zeit auf einer Wiese und beobachte das dörfliche, größtenteils handarbeitliche Treiben. Kartoffeln werden geerntet und Heu für die Kühe im Winter gesammelt. Gesund und kräftig sehen die Menschen hier aus und dass trotz der widrigen klimatischen Bedingungen. Auch ohne Hospitäler oder Ärzte in der Nähe erreichen sie ein sehr hohes Alter. Der Bach plätschert, die Bäume rascheln, ein Lüftchen bringt hin und wieder die Geräusche von Kindern oder Ackerarbeit herüber, Schweinefamilien trotten quiekend vorbei, ein Reiter gallopiert durchs Tal, überall an den Hängen grasen frei laufende Kühe, Schneegipfel ragen im Horizont über mir auf und die Sonne scheint mir warm ins Gesicht. Ich will mich gar nicht mehr wegbewegen, so schön ist es hier. Ich spüre einen tiefen inneren Frieden in mir und ein Lächeln huscht mir übers Gesicht. Ich bin glücklich.

Oma beim Brot machen

Oma beim Brot machen

Man kann hier lediglich bei Gastfamilien unterkommen und unter sehr einfachen Verhältnissen erhalte ich für eine Nacht direkten Einblick ins dörfliche Leben. Die Bettdecke schwer wie Blei, ein Bretterbudenklo mit Loch über dem Bach, das Nachts geradezu brutal kalt ist, ein kleiner Schwarzweißfernseher in einem Zimmer mit Bett und Küchentisch und eisernem Holzofen sind einige Eindrücke. Mit Bratkartoffeln, Tomaten, Ziegenkäse, Brot und Schaschka (einer Art Schnaps) als Abendbrot bin ich mehr als zufrieden und fühle mich herzlichst aufgenommen. Zusammen mit dem Vater der Familie leeren wir die gesamte (kleine) Flasche und trinken auf alles was uns einfällt, auf uns, auf Georgien und Deutschland, auf die Familie und die Eltern, auf die guten Menschen und am Ende sogar auf Merkel. Nach einer Flasche guckt man nicht mehr so genau hin :) . Währenddessen knetet die steinalt aussehende Oma Teig für das morgige Brot und das Fernsehen hört gar nicht mehr auf immer wieder Sarkozy bei seinem Besuch in Tiflis zu zeigen. Zu Europa wollen sie gehören die Georgier und ein französicher Staatspräsident im Lande ist ein große Sache. Am Morgen gibt es klare Brühe mit Rinderfleisch und ich lege ohne geringstes schlechtes Gewissen mein Vegetariertum für eine Speise ab.

Zagar Pass 2

Zagar Pass 2

Da ich es über allen Maßen nicht leiden kann, gleiche Wege zurückzufahren, entscheide ich mich den langen, kaum genutzten Weg über die Berge Richtung Osten zu nehmen. Mit Knaksen durchfahre ich die eisbedeckten Pfützen in den Straßenmulden und erlebe bei der Passüberquerung auf 2600 Meter in völliger Einsamkeit und umgeben von Schneegipfeln eine landschaftlich atemberaubende Bergwelt. Es kostet mich einen gesamten Tag, um die 150 Kilometer Bergwege zurück ins Tal zu bewältigen, aber die Anstregung war es allemal Wert.

Nach all den Highlights treffe ich in Kutaisi bei teuren Hotels, miserabelsten Service und einem geradezu grottenschlechten Frühstück mit ganzer Kraft auf die nüchterne Realität und reise schleunigst Richtig Tiflis (Tbilisi), meiner letzten Station in Georgien ab.

Hier finde ich eine der schönsten Übernachtungsmöglichkeiten (SkadaVeli) bisher. Irakli der Betreiber ist eine immens sprudelnde lokale Wissensquelle und derart zuvorkommend und hilfreich, dass ich mich entscheide 3 Tage hierzubleiben, die Stadt zu geniessen und von den vielen leckeren Speisen zu kosten, die es hier in Georgien gibt. Ach und erst der Wein (der Weltbeste sage die Georgier :) ) und und und. Ich sehe schon, ich hab wieder viel zu viel getippt und noch nicht einmal von dem Ukrainer auf der Tenere erzählt, Kim dem Koreaner, John dem Ami und Kita der Polin, den fehlenden Stoßstangen, den Fruchtbrotständen (Nasuki) am Straßenrand, der Batumi Jazzband im Hostel oder dem Musikfestval in Tiflis. Zu viel gibt es zu berichten. Georgien allein ist natürlich einen ganzen Urlaub wert, wie soll man das schon in einen Beitrag quetschen. Ab übermorgen gehts vermutlich etwas zügiger durch Armenien… naja warten wir mal ab wie zügig ;) .

Hochebene von Erzurum

Hochebene von Erzurum

Mit größeren Schritten lasse ich die Zentraltürkei hinter mir, um meine letzten Tage im Nordosten des Landes zu verbringen. Es wird zunehmend kälter und ich fahre bereits mit all meinen verfügbaren Wärmeschichten. Erzurum, eine der größten Städte des Ostens liegt auf 1900 Meter Höhe und fühlt sich mit Nachttemperaturen von -5 bereits sehr winterlich an. Die gesamte Hochebene liegt auf über 1800 Meter und ständig bläst ein unangenehmer und eisiger Wind derart kräftig über die Felder, dass ich permanent das Motorrad in Schräglage halten muss, um geradeaus zu fahren.

auf der Straße von Erzurum nach Yusufeli 3

auf der Straße von Erzurum nach Yusufeli 3

Trotz der Gebirgsimpressionen der vergangenen Tage schafft es die Landschaft auf der Fahrt von Erzurum nach Yusufeli, mich nochmals zu beeindrucken. Die Straße schneidet sich durch tiefe Steinschluchten mit steil aufragenden Wänden. Hin und wieder gibt es alte georgianische Burgen, Kirchen und Wasserfälle. Yusufeli liegt tief eingebettet an einem fürs Wildwasserrafting bekannten Fluss und bietet ein günstiges Ambiente um zwei Tage innezuhalten, Klamotten zu waschen und das Motorrad zu warten.

Die niedrige Lage Yusufelis im Tal beschert dem sympatischen Städtchen zwar ein angenehmes Klima, ist allerdings auch für den zukünftigen Untergang (im wahrsten Sinne des Wortes) verantwortlich. Wie in anderen Fällen (z.B. der Van See) wird auch hier ein riesiger Stausee entstehen, der nach Fertigstellung Yusufeli unter den Wassermassen begraben wird. Die Stimmung ergreift mich. Alles was ich hier sehe, alle Häuser, die gewachsene Gemeinschaft, das soziale Gefüge, die Geschichte  und die Erinnerungen, werden in Zukunft begraben sein und vermutlich unwiderruflich verschwinden. Ich streichele ein zutrauliche Katze und frage mich, ob sie eines Tages mitgenommen oder ertrinken wird. Dennoch wird im Ort fleissig gebaut was das Zeug hält und es entstehen teils häßliche Neubauten neben den alten Dorfhäusern, denn wenn der Damm eröffnet (bzw. geschlossen) wird, werden die Bewohner entsprechend entschädigt werden. Es entstehen vollwertige Neubauten, die aller Vorraussicht nach nur wenige Jahre genutzt werden, bevor sie in den Fluten verschwinden. Wenn man die Hintergründe kennt, fühlt sich das emsige Treiben sehr seltsam, geradezu apokalyptisch an. Ein dem Untergang geweihtes Leben in dem alle vom Bäcker zum Cafebesitzer nur darauf warten, den Schlüssel ein letztes Mal im Schloss  zu drehen.

Straßenbau für den Damm

Straßenbau für den Damm

Umso aufemrksamer studiere ich das zu flutende Tal bei meiner Ausfahrt Richtung Norden. Hoch über mir wird eine neue Straße mit riesigem Aufwand gebaut, um die durchs Tal am Fluß entlang führende zu ersetzen. Die Kosten müssen enorm sein, denn die Straße wird in windiger Höhe in den steilen Felsen durch den Bau von Brücken und Tunneln geradezu in den Berg gezwungen. Häuser und kleine Siedlungen sind größtenteils bereits verlassen und das Gefühl, dass ich vermutlich nie wieder hier entlang fahren werde können, ist bedrückend. Am Ende steht er vor mir. Ein riesiges Betonungetüm, dass sich wie ein Riegel durchs Tal schiebt. Ein nahezu fertiggestellter Staudamm, der enorme Mengen Energie produzieren wird. Die menschlichen und landschaftlichen Verluste sind jedoch irrsinnig hoch. Die Kosten eines Staudammes, insbesondere die Nichtfinanziellen, habe ich so noch nie erkannt und schon gar nicht gespürt.

Zweckstädte im Berg

Zweckstädte im Berg

Was man auch sieht, sind die künstlichen Zweckstädte, die hoch genug in die Berge gebaut werden, um die Bewohner aus dem Tal, wie bald auch die Yusufelis, aufzunehmen. Ohne Herz und Charakter verschandeln sie den Blick und der Gedanke, dass mein liebenswerter älterer Pensionsvater mit seiner Frau, die offensichtlich einen Großteil ihres Lebens in das Haus gesteckt und mit Fleiß und Liebe einen besonderen Ort geschaffen haben, in ihrem hohen Alter in eine solche Neubauburg umgesiedelt werden, treibt mir beinahe die Tränen ins Gesicht. Finanziell wird es keinem schlechter gehen, aber man nimmt Ihnen die Identität. Mit traurigem Herzen verlasse ich die Türkei.

Ein paar abschließende Gedanken seien ihr aber noch gegönnt.

Ich komme nicht umhin in meinem letzten Türkeibeitrag ein paar Worte über die türkische Teekultur zu verlieren. Schwarzen Tee gibt es hier zu jeder Tageszeit, jedem Essen und auch dazwischen. Gereicht wird er in kleinen geschwungenen Gläsern und meist mit zwei Stücken Zucker (es sein denn es steht ein Gefäß mit Zuckerwürfeln auf dem Tisch). Es ist Das soziale Getränk der Türken und steht quasi auf jedem Tisch in den typischen (nur von Männern besuchten) Teehäusern. Fast alle sehen übrigens genauso wenig einladend und mit Neonröhren beleuchtet aus, wie man das auch aus Berlin kennt. In der Regel wird automatisch ein neues Glas gebracht, sobald eines ausgetrunken ist, zumindest aber wird umgehend nachgefragt. Allgemeingültig ist auch der Preis. Einen halben Lira (ca. 20 Cent) kostet ein Glas Tee im ganzen Land. Für diesen Preis (von mir aus auch das Doppelte) würde ich auch in Deutschland häufiger Tee trinken, aber aus irgend einem Grund haben sich deutsche Kaffees und Kneipen entschlossen dass billigste Getränk derart rücksichtslos zu überteuern, dass man es eigentlich nicht guten Gewissens bestellen kann.

Die Gastfreundschaft der Türken ist ebenfalls unbedingt hervorzuheben. Auf meiner Fahrt in den Norden halte ich in der Stadt Kovancilar und mache in einer Teestube Rast, um mich mit einem Glas aufzuwärmen. Der benachbarte Bäcker, der einige Zeit in Deutschland verbracht hat, als auch ein Obsthändler mit östereichischem Akzent gesellen sich schnell dazu und fragen mich aus, bzw. übersetzen für die anderen. Alle sind sehr interessiert und studieren meine Route auf der Karte. Ich schüttele viele Hände und fahre am Ende mit Brot, etwas Obst und 2 getrunkenen Gläsern Tee weiter, ohne einen Lira bezahlt zu haben. Solche Vorkommnisse sind keine Ausnahme.

Kaddif

Kaddif

Kulinarisch gibt es ebenfalls nix zu meckern. Wenngleich mir als Vegetarier eine erheblich geringere Auswahl an Speisen zur Verfügung stehen, so hatte ich doch nie Probleme Leckeres zu finden. Yogurt- und Linsensuppen sind hervorzuheben und häufig steht man vor einer großen Auswahl an Pasten und Bohnen, Weinblättern und allerlei Salaten, die frei kombinierbar auf einem Teller zusammengestellt werden können. Brot und Wasser gibt es frei dazu. Auf der süßen Seite findet man in der Türkei, ähnlich den bekannten Beispielen in Prag oder Wien, Kaffe(eigentlich Tee)häuser in elegantem Ambiente. Zur Auswahl stehen hier allerdings in erster Linie etliche Baklavavarianten und Honigkreationen. Ich habe viel probiert und fast alle geliebt.

Auch nach drei Wochen Türkei konnte ich natürlich nur einen Strich durch die Karte ziehen und habe vieles nicht sehen können. Die gesamte mediterane Küste etwa, oder den Südosten und Osten. Von Istanbul bis weit in den Osten ist die Türkei ein einfaches, sehr vielseitiges und erlebenswertes Reiseziel und nicht ohne Grund eines der beliebtesten Reiseländer der Deutschen, mit genug Platz, um fast vollkommen an der Tourismusindustrie vorbeizuurlauben, falls gewollt.

Ich bin mittlerweile in Georgiean angekommen, aber dazu mehr im nächsten Beitrag. Soviel vorweg, es ist wiedermal alles ganz ganz anders!

Ins Tal, ins Unwetter

Ins Tal, ins Unwetter

Es ist kühl und feucht auf dem Pass und ich blicke in ein schroffes, zerklüftetes und mit Nebel verhülltes Tal. Dicke Wolken umgeben die Gipfel und die Schotterpiste vor mir verschwindet im Dunst. Es ist kein Laut zu hören,  bis mit erschütternder Kraft ein Donnerschlag durchs einsame Tal rollt. Ich weiß weder in welchem Zustand die vor mir liegende Bergpiste sein wird, noch, und das ist schlimmer, weiß ich mit Sicherheit, dass sie überhaupt zum Ziel führt und nicht einfach an einem Bauernhaus endet. Alles schon gehabt. Hinter mir liegen bereits 2 Stunden ungepflasterte Bergstraßen. Zurück kommt nicht in Frage. Vor mir liegt das Abenteuer denke ich und starte die Tenere.

Nemrut Dağı (Berg Nemrut) das mystische Highlight meiner Türkeifahrt lockte mich in ein Gebiet weit abseits größerer Orte und Verbindungsstraßen. Die Bergzüge sind hier besonders schwer in der Nord-Süd Achse zu überqueren und ausgebaute Straßen verlaufen in weitem Bogen und nur westlich um den Nemrut herum. Ich komme aus dem Norden und entscheide mich, die kürzeste Route über die Berge nach Süden zu nehmen, um dann von Süden kommend zum Gipfel zu fahren. Laut Google Maps ist eine durchgängige Straße über den Gipfel des Nemrut eingezeichnet. Wenn es eine gibt, kann ich sie fahren, denke ich, auch wenn der Lonely Planet sagt, es geht nicht. Mir ist klar, dass die kürzeste Route in diesem Fall sicher nicht die schnellste ist, aber mich lockt die Aussicht auf lauschige Bergstraßen durch sehenswerte Landschaften.

Aufbruch zum Offroad Abenteuer

Aufbruch zum Offroad Abenteuer

Meine Türkeikarte ist viel zu grob für derlei Straßen und meine 2012 Türkei Garminkarten haben nicht einmal wesentlich größere Straßen. Ein Handy mit Google Maps und Datenpaket zeigt aber auch die winzigsten Pfade, allerdings nicht immer ganz akkurat. Die Reifen auf 1.5 Bar abgelassen, um von Steinen und kleinen Unebenheiten nicht unnötig durchgeschüttelt zu werden und dem Reifen mehr Möglichkeit zu geben, sich an den Untergrund anzupassen und los gehts. Würde die Länge der vor mir liegenden Strecke mich nicht ständig zum weiterfahren mahnen, könnte ich alle 5 Minuten für Fotos stehen bleiben. “Wow” und “Ahh” und “Das gibs ja nich” rufe ich in meinen Helm, immer und immer wieder. Abseits jeglichen Verkehrs eröffnet sich mir eine gewaltige Bergwelt, die ich mit zunehmend fahrerischer Sicherheit erobere. Eine zügige Geländefahrt fordert alles an Konzentration und zu dem üblichen Spiel aus Gas, Bremsen, Kupplung und Schaltung kommt anstrengender Körpereinsatz und ein präzises Straßenstudium. Erschöpft aber tief erfüllt, komme ich am letzten Pass im Donnergrollen und Blitzspektakel an. Allein und klein fühle ich mich hier aber lebendig und ganz und gar positiv. Hochgekommen bin ich.

Ein nach Bestätigung suchender Blick auf Goolge Maps sagt mir – kein Empfang. Ein paar Straßen in einer Zoomstufe im Cache, OK wird schon stimmen. Die Straße ist vom Regen aufgeweicht und zum Teil ins Tal hinein abgebrochen, bzw. auf der Bergseite von heruntergerutschter Erde und Steinen verschüttet. Ich komme nur langsam voran. Runter ist zusätzlich schwieriger. Es beginnt zu Regnen und ich hole zum ersten mal meine Regenklamotten raus. Das Wasser auf dem Visier erschwert die Sicht und ich schleiche im ersten Gang um die Kehren. Immer wieder gehen Pfade links oder rechts ab, ich weiß nicht mehr ob ich richtig bin, verfahre mich, drehe wieder um. Plötzlich mitten in der Einöde steht ein Schäfer mit einer Herde vor mir, gekleidet wie aus einem vergangenen Jahrhundert. Ein nickt mir zu, mit gütigen Augen und einen massiven und dichten Oberlippenbart, während ich langsam durch die links und rechts ausweichenden Schafe tuckere und zurücknicke. Ich ärgere mich, kein Foto zu haben aber manche Augenblicke und Begegnungen kann man einfach nicht durch das Zücken der Kamera zerstören. Sie müssen rein und privat bleiben.

über diese Strasse musst du kommen

die letzten Kilometer der Abfahrt

Erste Häusschen, eine bestätigende Handgeste eines Bewohners, ich bin richtig, aber der Tag neigt sich dem Ende. Schneller und schneller fahre ich mit der Dämmerung um die Wette und komme noch rechtzeitig am Eingang des Nemrut Nationalparks an. Ein Campingplatz im Park ist zwar nicht gerade die schönste Aussicht nach diesem nassen Tag, aber die Vorstellung anzukommen, egal wo, ist himmlisch. Der Platz besteht aus einer kleinen Sandfläche und einem Cafehäusschen umgeben von schroffen Felsen, aber einem beeindruckenden Blick ins nebelverhangene Tal. Es ist kein Gast da, aber ein Mann kommt durch den Regen zu mir gerannt. Ich frage ihn ohne Umschweife, ob ich im Cafe (einem von Fenstern umgebenen Holzgebäude) übernachten kann und er antwortet sofort “Warum nicht?”. Zehn Minuten später sitze ich mit Bier und heißer Bohnensuppe im Trockenen und höre mit Befriedigung, wie der Sturm in der Dunkelheit zunimmt und Regen wild gegen die Fenster peitscht. Um acht Uhr liege ich im Schlafsack. Mehr Tag geht nicht.

Köpfe auf Nemrut

Köpfe auf Nemrut

Am frühen Morgen lockt der Berg. Was ist dran an den angeblich mystischen Statuen auf dem Gipfel? Ein größenwahnsinniger König hat sich im Jahrhundert vor Christus dort eine monumentale Grabstätte in Form von Statuen, die über die Landschaft schauen, errichten lassen. Das Königreich ist bereits nach dem König wieder verfallen und fast 2000 Jahre standen die Götterfiguren vergessen und unangetastet dort oben. Auf 2200 Meter klettert die gut ausgebaute Straße auf den kahlen und frostig kalten Gipfel. Nachdem ich die letzten, steilen 300 Meter zu Fuß hinter mich gebracht habe, kann ich nur stillschweigend diesen bewegenden Ort auf mich wirken lassen. Im eisigen Wind stehen sie da, die kopflosen Rümpfe, während die, durch Erdbeben heruntergerollten Köpfe seit über zwei Jahrtausenden stumm in die Ferne starren. Hier fühlt man sich wirklich wie der König der Welt. Der Ort hat eine Kraft, der ich mich kaum entziehen kann.

Wieder auf dem Parkplatz unterhalb des Gipfels erkundige ich mich nach dem Weg auf die andere Seite des Berges, zur Straße die von Norden kommt. Auch von Norden kommend kann man den Gipfel erreichen, muss aber ebenfalls die letzten 300 Meter zu Fuß zurücklegen. Man sagt mir es gibt keine Straße, aber man könnte mein Motorrad über den Gipfel tragen. 4 Mann für das Motorrad und ein oder zwei Esel für das Gepäck. So wenig ich daran glaube dass das gut geht, so schlecht sind die Alternativen. Der Weg über offizielle Straßen nach Norden verläuft im Westen (über Katha/Adiyaman) mit etwa 200 Kilometer Umweg und im Osten gibt es überhaupt keine halbwegs naheliegende Route. 300 Meter Gipfel, 300 unverhandelte Lira (ca. 120€) und die Unsicherheit, dass es überhaupt gelingt, trennen mich von der Straße im Norden. Aber es gibt laut Google Maps noch eine kleine gelbe Linie die östlich vom Nemrut über das Bergmassiv führt. So sehr ich die Tenere auch über den Berg getragen gesehen hätte, so wenig will ich sie ins Tal fallen sehen und entscheide mich wiederum für die kleine gelbe Linie.

Kurdin mit meinen Datteln

Kurdin mit meinen Datteln

Mit 230 Kilometern auf der Tankuhr (mit der KTM undenkbar) wage ich mich nochmals, den Weg über die Berge auf teils schlechten Pisten anzutreten und werde wieder mit einer außergewöhnlichen Fahrt, diesmal in bestem Wetter, belohnt. Eine traditionell gekleidete Kurdin spingt winkend auf die Strasse und hält mir eine Art Süssigkeit hin. Ich nehme dankend an und gebe ihr als Austausch meine Tüte Datteln. Wir reden noch beide engagiert in unseren für den anderen unverständlichen Sprachen, bis sie sich winkend verabschiedet. Begegnungen wie diese können einen ganzen Tag herumreißen, oder das I-Tüfelchen auf einen Guten setzen. Ich überquere erfolgreich das Hauptmassiv,  muss aber nach längerer Sucherei und der Angst vor dem Tagesende, bzw. der Aussicht auf eine klirrend kalte Nacht auf dem Berg, die Suche nach der Route über den letzten Nebenpass aufgeben und auf offizielle Straßen ausweichen. Auf der vergrößerten Karte, kann man das recht gut nachvollziehen. Es gibt dort eine gelbe Linie über die Berge, aber jeder Kilometer dort dauert sehr lange, da es sich immer um grobe und steile Bergwege handelt. Wiederum fahre ich mit dem Sonnenuntergang um die Wette, werde aber mit der bei weitem schönsten Asphaltpassstrasse bislang und kurz vor Sonnenuntergang mit einem idealen Wildzeltplatz am See in Kale belohnt.

Nach mehr als 300 off road Kilometern ohne wirklich voranzukommen ist es Zeit für ein paar Transitmeilen. Es geht wieder … nach Norden :) . Ich habe mich entschlossen den Umweg über Georgien und Armenien zu fahren, bevor ich in den Iran einreise. Wenn man schon mal hier ist … Mehr dazu bald.

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