Nach dreitägiger Pause in Kappadokien geht es heute weiter Richtung Osten. Zeit für einen Zwischenbericht.

Blick über Göreme

Blick über Göreme

Bereits mittags komme ich in Göreme an und investiere zwei Stunden, um bei Tageshitze durchs Städtchen zu fahren und Hotelzimmer anzuschauen. Diese sind hier allerdings meist nur Löcher in Felsen, denn genau diese sind das Aushängeschild der Region. Die meisten Singlelöcher in meiner Preisregion sind bereits ausgebucht und irgendwie tue ich mich schwer, in einem Dormitoryloch mit sieben anderen Höhlenbewohnern und oft ohne Fenster zu hausen. Auch kann ich mit 1,50 Meter hohen Löchern in der Größe eines Singlebettes und ausgestattet mit einem solchen wenig anfangen. Die Suche lohnt sich jedoch und ich ziehe für die kommenden Nächte in ein außergewöhnlich schönes Zimmer mit ausreichend Platz für meine Koffer + Reifen, das es mir gestattet, aufrecht zu stehen und über die weißen Felsen von Göreme zu blicken. Früh ankommen lohnt sich, Lektion gelernt.

Felsen in Love Valley. Ahh ja..

Felsen in Love Valley. Ahh ja.. Das sieht doch aus wie..

Kappadokien ist märchenhaft. Zeltartige Felsformationen sprießen wie riesige Pilze aus dem Boden, ebene Flächen sind plötzlich aufgerissen und geben Raum für steinerne hundert Meter tiefe und breite Schluchten, als hätte jemand die Erde wie einen Kuchen einfach aufgebrochen. Schroffe aber flache Bergrücken thronen weit über endloser Landschaft. Durch das trockene Gestein fließen Flüsse und Bäche, die in unmittelbarer Umgebung die Natur üppig ergrünen lassen. Wie im Märchen ist es hier, ganz unwirklich und verträumt. Göreme liegt mitten drin im Nationalpark und lädt zu Wanderungen in den zahlreichen Tälern ein. Zusammen mit Peter (Polen) und Kevin (Kanada), zwei weitere Alleinreisende (man zieht sich ja gegenseitig quasi magnetisch an), wandern wir durch die traumhaften Landschaften und überbieten uns gegenseitig beim Fotografieren. Am Ende des Tages haben wir drei eine Unmenge an Steinen festgehalten und müssen wie so oft feststellen, auf den Fotos sieht dat doch allet nich richtich aus. Neben den eigentlichen Hutfelsen sind insbesondere die herausgehämmerten Höhlen von Interesse. Da der Fels im Inneren sehr weich ist, wurden im Laufe der Jahrhunderte tausende von Wohnhöhlen und auch Kirchen herausgepuhlt und so sieht man neben den eigentlichen Felsen überall auch Fenster- und Türlöcher. Besonderer Rummel wird hier um die Kirchen gemacht, die mit entsprechenden Querschnitten versehen sind und auch Fresken aller Art enthalten. Mit wenigen Ausnahmen sind diese allerdings doch sehr simpel und ich muss zugeben, das von der Natur Geschaffene beeindruckt mich doch erheblich mehr als die Lochhäuser und nach einigen Stunden und vielen Löchern bin ich übersättigt (rock churched out..(manches geht auf Englisch eben doch besser)).

Ballons 4

Ballons 4

In einer derart außergewöhnlichen Landschaft liegt die Versuchung nahe, dass Ganze auch von Oben betrachten zu wollen und die sehr emsige Tourismusindustrie hält für diesen Zweck eine große Anzahl von Heißluftballons bereit, die morgens mit dem Sonnenaufgangs starten. Ich entscheide mich aus Budgetgründen dagegen, lasse es mir jedoch nicht nehmen, dem Spektakel aus der Ferne zuzuschauen und beginne meinen Tag in frostiger Kälte (wir sind hier auf 1300m Höhe) und Dunkelheit mit dem Erklimmen eines geeigneten Aussichtspunktes am gegenüberliegenden Ende des Tals. Welch ein Anblick. Etwa 60 der voluminösen Ballons kuscheln sich prall gefüllt im Tal aneinander. Da es noch recht dunkel ist flackern sie immer wieder auf, wenn die Flammen gezündet werden und sehen aus wie riesige Lampenschirme. Zusammen mit der Sonne steigen einer nach dem anderen auf und verteilen sich über dem Göreme Naturpark. Ich frage mich, ob ich oder die Ballonfahrer den schöneren Ausblick hatten.

Auf meinen vom Gepäck befreiten Fahrten durch die Umgebung halte ich an einer Kreuzung, und überlege, ob die abgehende Nebenstraße ein gute Abkürzung zu meinem Ziel wäre. Es sind oft die kleinen Straßen, die sich als besonders attraktiv herausgestellt haben. An eben dieser Kreuzung steht ein älterer, mindestens 70 jähriger Mann und wartet offenbar auf eine Mitnahmegelenheit auf der Hauptstraße. Sobald ich halte, kommt er an, fragt mich wo ich hin will und signalisiert mir den Weg auf der Hauptstraße und sein Interesse hinten aufsteigen zu wollen. Überzeugt von der Richtigkeit der Nebenstraße, teile ich ihm meine Entscheidung mit, woraufhin er seine Meinung ändert und trotzdem aufsteigen will. Ohne weiter zu fragen, schwingt er sich erstaunlich behend (das Motorrad ist recht hoch) auf und wir fahren gemeinsam los. Nach nur kurzer Zeit erreichen wir offenbar sein Dorf und er lässt es sich nicht nehmen, johlend und winkend auf sich aufmerksam zu machen und erntet mit Erfolg eine Vielzahl erstaunter Blicke. Wir fahren noch 20 Kilometer in denen er mir immer wieder irgendwelches mir unverständliches Zeug erzählt, als er mir plötzlich auf die Schulter klopft und auf den Straßenrand zeigt. Wir halten, er klettert ab, lächelt mir nochmals zu und verschwindet schnurstracks in eine Gasse. Per Anhalter fahren ist hier sehr typisch und ständig sieht man Leute am Strassenrand stehen. Ich nehme an diesem Tag noch zwei weitere Passagiere mit (aufgrund der Ersatzeifen sonst nicht möglich) und es macht mir Spass, Teil des Transportflusses zu sein. Das Vertrauen und die Selbstverständlichkeit Fremde mitzunehmen, fühlen sich gut an und sagen einiges über das Miteinander hier aus.

Größe der Gäng in einer unterirdischen Stadt

Größe der Gänge in einer unterirdischen Stadt

Auf dem Kappadokiapflichtprogramm steht auch der Besuch einer der zahlreichen unterirdischen Städte, die hier im Zuge des Einfalls der Perser und Araber im 6. und 7. Jahrhundert von den byzantinischen Christen als Versteck bewohnt wurden. In Derinkuyu sollen so bis zu 10000 Menschen unter der Erde gelebt haben. Es ist beängstigend sich durch die meist sehr niedrigen Gänge immer weiter nach Unten zu schieben und sicher nichts für Klaustrophobiker. Bis zu 10 Etagen geht es auf diese Weise nach unten. Ein winziger 40 Meter langer Treppengang verbindet hier den unteren Teil mit einem weiter oben liegenden und als ich, eine Gruppe Chinesen im Rücken, auf meinem Weg nach unten auf eine sich nach oben kämpfende Gruppe Japaner stoße, wurde mir zugegebenermaßen auch ziemlich mulmig, denn auch mit sehr viel guten Willen kommt man hier nicht aneinander vorbei und es hat eine kleine gefühlte Ewigkeit gebraucht, bis den letzten oben durchgesagt werden konnte, dass alle wieder zurück müssen. Ich war sehr erleichtert, nach 20 Minuten wieder Sonnenlicht zu sehen und kann es kaum glauben, dass Menschen in so etwas wohnen konnten.

kurdische Kinder in Zeltlager

kurdische Kinder in Zeltlager

Hin und wieder sieht man mittelgroße Zeltsiedlungen am Straßenrand. Es handelt sich hierbei um Kurden, die vornehmlich aus den südöstlichen Regionen der Türkei kommen und im Sommer und Zeiten der Ernte als billige Arbeitskräfte aushelfen. Das Volk der Kurden ist durch die Aufteilung in Nationalstaaten nach dem ersten Weltkrieg auseinander gerissen worden und fand sich folgend als Minderheit in Syrien, Iran, Iraq und der Türkei wieder. Wie in etlichen ähnlichen Beispielen weltweit, hat das zu Problemen geführt. Die kurdische Kultur und Sprache wurde im Zuge der Nationalisierung der Türkei systematisch unterdrückt bzw. verboten. Selbst das Wort Kurde wurde nicht mehr toleriert und der Kurde wurde offiziell zum Bergtürken. Heute sind die Kurden die Ärmsten und auch Zurückgebliebendsten der Türkei. Ich halte in einem dieser Zeltstädte um etwas genauer hinzuschauen und bin  binnen Sekunden umgeben von Kindern und Jugendlichen, die mich neugierig aber nicht bedrängend beäugen und mich mit unverständlichen Sprachfetzen zutexten. Es ist schade, wie viel einem in einer solchen Reise aufgrund der Sprachbarriere verloren geht. So viel würde ich fragen wollen!

Ach und noch was am Rande. In China ist es mir bereits aufgefallen, aber hier ist der Kontrast deutlicher. Chinesen (hatte welche in meiner Pension) essen wie Schweine. Ich kann es einfach nicht weniger drastisch formulieren. Jemand muss denen das mal sagen. Ich hab mich jedenfalls nicht getraut: “Entschuldigen Sie Herr Chinese, wussten Sie, dass sie wie ein Schwein essen? Ich kann es nicht mehr ertragen und setze mich daher ans andere Ende des Restaurants.”.

Nach dieser doch sehr touristischen Etappe, verlasse ich langsam aber sicher den Touripfad (ein Highlight steht noch auf dem Programm) und fahre zunächst tiefer und höher in die Berge. Weiterfahren und Tee trinken ist also angesagt. Letzterer kommt mir mittlerweile aus den Ohren. Die Menge konsumierter Teegläser pro Tag kann ich gar nicht mehr zählen.

Wie reist man richtig? Frage ich mich, während ich im Hotelzimmer eines belanglosen Hotels in Kirsehir, einer wenig interessanten Stadt in der Zentraltürkei, sitze und überlege was am Ende eines grandiosen Tages nicht ganz richtig gelaufen ist. Ein Aspekt dieser Frage ist es, die Weiterfahrt zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu beenden und sein Nachtlager auszuwählen.

Heute Nachmittag erkläre ich noch mit gestandener Reiseschläue einem italienischen Pärchen auf einer Transalp, dass ich meine Tage früh beende, um ausreichend Zeit zu haben, eine geeignete Unterkunft zu finden und den Tag mit Ruhe ausklingen zu lassen. Die Dunkelheit ist dein Feind, denn sie nimmt dir die Möglichkeit Optionen in Ruhe abzuwägen und ggfs. auszuschlagen. Sie verändert auch die Stimmung eines Ortes. Was am Tag noch freundlich und einladend wirkt, ist nachts zwiespältig und abweisend und drückt die Stimmung. Je weiter man die Entscheidung über das Nachtlager aufschiebt, desto unentspannter fährt man daher gegen die untergehende Sonne an. Heute war ein solcher Tag. Nach zahlreichen erfolglosen Versuchen einen geeigneten Platz zum zelten zu finden, einem bereits bezahlten, aber dann so katastrophal deprimierenden kleinen Motelzimmer (niemals ohne vorher Ansehen bezahlen), dass ich mein Geld zurückverlangt hab (was einen wild mit den Armen fuchtelnden und laut artikulierenden Türken zur Folge hatte), bin ich im Dunkeln in Kirsehir angelangt und im erstbesten Hotel abgestiegen. Zu teuer, zu unpersönlich, naja es klappt eben nicht immer.

Trockene Weiten

Trockene Weiten

Der Tag hingegen hätte beeindruckender kaum verlaufen können. Aus dem nördlichen einer noch recht grünen, teils schluchten- und felsenenartigen Landschaft bin ich auf eine Hochebene gekommen. Der Horizont scheint sich ins endlose zu weiten und gibt den Blick auf trockene und spärlich bewachsene Hügelformationen frei. Ich kann mich gar nicht satt sehen und spüre aus irgendeinem Grund das Bedürfnis das Gesehene tief einzuatmen und mit entspanntem Ahhhh wieder rauszulassen. Es erinnert mich sehr stark an Marokko, das mit seinen Wüstenweiten auf ähnliche Weise zu beeindrucken wusste. Die etwas kleinere, abseits gelegene Straße erweißt sich als hervorragenede Wahl und schwingt sich kurvig und vollkommen verkehrsfrei durch die Berge, um immer wieder grandiose Ausblicke freizugeben. Die Tenere ist ebenfalls einverstanden mit unserer Route und schnurrt zufrieden vor sich hin. Wir sind mittlerweile ein gutes Paar und haben schon feste Freundschaft geschlossen.

Melonenverkäufer

Melonenverkäufer

Zurück auf der größeren Straße halte ich hin und wieder an Ständen, die überall zu finden sind und bin jedesmal aufs Neue überrascht, wie ausnahmslos freundlich mir die Menschen gesinnt sind. Bei einem Gemüseverkäufer sammle ich Äpfel, Tomaten, Birnen und eine Zwiebel ein und drücke ihm einen Zehnlira-Schein in die Hand (etwa 4 Euro). Ich gehe davon aus, dass es nicht teurer sein sollte. Er gibt mir daraufhin den Schein zurück, und zeigt auf ein Einlira-Stück in meinem Portemonnaie. Ich gebe es ihm ungläubig und er lächelt einladend und klopft mir auf die Schulter. Ich bedanke mich so gut ich kann, woraufhin er mir noch eine ganze Melone oben drauf packen will. “Kein Platz” signalisiere ich ihm, drücke ihm aber dankbar die Hand. Ein Melonenverkäufer mit seinem Sohn winkt mich vom gegenüberliegenden Straßenrand herüber. Ich folge seiner Geste und erhalte geschnittene Melonenstücke zum probieren. Ich bin kein großer Melonenfan, nehme das Angebot aber an und bin überrascht wie gut und süß sie schmecken. Als er mir weitere Stücke abschneidet versuche ich ihm zu vermitteln, dass ich wirklich satt bin. Er lässt es sich jedoch nicht nehmen, sie mir daraufhin in eine Tüte einzupacken und weigert sich vehement Geld anzunehmen. Selbst auf der Tankstelle wurde ich bereits zweimal (ich muss ja nicht oft Tanken mit der Tenere :) ) zum Tee eingeladen. Die Herzlichkeit der Menschen ist umwerfend und ich habe mir längst abgewöhnt, jedesmal mein Gepäck zu verriegeln und zu verrammeln, wenn ich mich vom Motorrad entferne.

Fabrikgelände Karabük

Fabrikgelände Karabük

Im Gegensatz zu den Eindrücken des vergangenen Tages gestaltete sich die Ausfahrt aus Istanbul in den recht industriellen Norden eher trist. Kühler Wind gesellt sich zu leichtem Niesel und die herzlos wirkenden Orte sind umgeben von Bergwerken und Lagerhallen. Kein erbaulicher Start in die Tour und keine Hilfe bei der Gewöhnung ans allein fahren und ich flüchte mich entgegen der geplanten Route nördlich zum schwarzen Meer, um meinem Bedürfnis nach dem Blick in die Wogen nachzugeben. Eine gute Entscheidung wie sich herausstellt. Ich werde mit herausbrechender Abendsonne und einem Zeltplatz direkt am Wasser belohnt und bin beeindruckt wie schnell ich wieder guter Dinge sein kann und verspeise zufrieden mein Universalabendbrot (Brot, Käse, Gurke, Tomate) mit Blick auf die untergehende Sonne.

gefährliche Wasserpistole

gefährliche Wasserpistole

Istanbul hatte mein Motorrad unter einer dicken Staub- und Dreckschicht begraben und um wenigstens zum Anfang der Tour auf einem sauberen Motorrad zu sitzen, steuere ich eine der vielen Selbstbedienungsdruckwasseranlagen (man muss die deutsche Sprache für solche Wortschöpfungsmöglichkeiten.. lieben) an. Diese bestand aus zwei Geldeinwurfschlitzen, einer davon mit einem Hinweiszettel auf Türkisch und zwei Wasserpistolen. Beim Nachbarn sehe ich auch, das die Rechte recht großzügig Schaum sprüht und mache es ihm gleich. Die Linke mit dem Hinweiszettel! sprüht wie erwartet Wasser, allerdings ohne darauf zu warten, dass man einen Griff an der Pistole betätigt. Nach meinem naiven Münzeinwurf schießt die nur locker eingehängte Pistole plötzlich wie von Bienen gestochen in die Luft und schlägt völlig außer Kontrolle geraten um sich. Beim Versuch sie wieder einzufangen haut sie mir mit ganzer Kraft gegen meinen Stiefel und mir wird klar wie gefährlich mein losgelassener Wasserdrache eigentlich ist. Bevor dieser sich zu nah an ein in der Nähe geparktes Auto heranpeitschen kann, fange ich ihn dann aber doch mit einem beherzten, aber teuer bezahlten Griff ein. Mein kleiner Finger gerät bei der Aktion für den Bruchteil einer Sekunde in den Wasserstrahl und wird sofort um mehrere Hautschichten erleichtert. Vermutlich etwas dämlich grinsend aber definitiv keinen Schmerz zeigend, schaue ich zu einer lächelnden Gruppe Türken herüber und spritze den Schaum ab. Selbst dabei muss man eine ganze Menge Kraft aufwenden, um sich gegen den Wasserdruck im Schlauch um das Motorrad zu bewegen. Irre gefährlich finde ich diese Putzer und male mir bei der Weiterfahrt aus, wie ich ausgesehen hätte, wenn mir das Ding .. ach ich will gar nicht nochmal drüber nachdenken.

Safranbolu

Safranbolu

Später mache ich Halt in Safranbolu, einer Unesco Kulturerbestadt, die für ihr vollständig erhaltenes und mittlerweile recht umfangreich saniertes, historisches, osmanisches Stadtzentrum bekannt ist und ein beliebtes Ausflugsziel der Türken darstellt. Mein Navigationsgerät kennt zwar alle Straßen der Stadt, weiß aber offenbar nicht, dass die meisten so schmal sind, das sie im Grunde für Fahrzeuge nicht befahrbar sind und aufgrund des Popularitätsgrades des Städtchens häufig zu reinen Ladengässchen umgewandelt wurden. Beim Versuch die von mir im Vorfeld ausgewählte Pension direkt anzufahren, gerate ich in eine solche und bin gezwungen umzudrehen. Zurückschieben geht nicht, da die sehr grobsteinige Gasse leicht ansteigt. Bleibt also nur wenden, was auf einer Schräge mit all dem Gepäck schon schwer genug ist. Während ich also mit lautem, zwischen den Wänden hin- und hergeworfenem, Papp-Papp-Papp des Einzylinders Zentimeter für Zentimeter zurückstiefele und wieder vorkrieche, muss ich unter den interessierten Blicken des sich auf beiden Seiten aufstauenden Publikums feststellen, dass der Platz einfach nicht zum Wenden reicht. Ich hatte mir schon eine Türnische als Wendestelle ausgesucht, da diese leicht nach innen versetzt lag, muss aber mit wachsender Verzweiflung einsehen, dass ich mich völlig festgefahren hab. Der Vorderreifen klemmt an der Tür und der Hinterreifen berührt die Hauswand auf der gegenüberliegenden Seite, während mein linkes Bein das Motorrad davor bewahrt in die Steigung der Straße zu kippen und mir vor Anstrengung, Hitze und Ratlosigkeit der Schweiß bereits aus allen Poren schießt. Da die Schräge etwas zu groß ist, steht mir nicht einmal der Seitenständer für eine Auszeit zur Verfügung. So stehe ich also in all meiner Kluft und Ausrüstung am Tag 2 meiner Fahrt, festgefahren und hilflos in einer türkischen Gasse, als wie von Engeln gesandt ein alter Mann die Tür an meinem Vorderreifen öffnet (nach Innen :) ), meine miserable Situation erkennt, lächelt und mir, einen Schritt zurücktretend, Platz macht. Manchmal fehlen nur Zentimeter zum Glück, bzw. ein gutherziger Mann, der kein Problem damit hat einen fremden Motorradfahrer in sein Haus fahren zu lassen. Wenigstens war das Motorrad sauber!
Meine Pension habe ich danach im Übrigen laufend ausgekundschaftet.

Als nächstes geht es weiter nach Kappadokien, einem der touristisch bekanntesten Regionen der Türkei mit viel Sehenswertem und einer Vielzahl guter Pensionen, Cafes und Restaurants. Ich werde berichten, ob sich der Rummel lohnt.

Aufbruchstimmung

Aufbruchstimmung

Nach längerer Zeit des Rückblicks auf afrikanische Erlebnisse, darf ich mit Aufregung wieder nach vorne schauen. Eine neue Tour steht an, diesmal Richtung Südosten quer durch die Türkei und den Iran zum persischen Golf.  Der jahreszeitliche und persönliche Zeitpunkt ist günstig, da gilt es entschlossen zuzupacken, bevor die Vernunft die Oberhand gewinnt, denn eine längerfristige Fernreise kommt aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf. Ein Tscheche an der Grenze zu Tschechien, der mich interessiert mit Blick auf die Fernreiseoptik meiner Enduro, nach dem Ziel meiner Reise fragt, lächelt und antwortet auf Deutsch “Wenn man ist ein bisschen verrückt, dann das Leben ist besser” und fügt hinzu “Ich bin über 70, mache Kanumarathons und schlafe in meinem Wagen” und weist daraufhin auf seinen Passat mit einem Kanu auf dem Dach. Wir verabschieden uns händedrückend und wissen genau, warum der andere tut was er tut. Ein gutes Gefühl.

Angekommen in Istanbul

Yamaha XT 660 Z Ténéré

Die neue Reisebegleitung heißt Ténéré und wirbt damit, der ideale Untersatz für Reisen fernab heimischer Gefilde zu sein. Ein Zylinder, robuste und bewährte Technik ohne viel Firlefanz, aber mit dem Aussehen einer, die verspricht dich auch in die entlegensten Regionen tragen zu können. Im Reigen der Reiseenduros ist sie in vieler Hinsicht ein Gegenspieler zur KTM. Mit dem Neuen versucht man eben häufig ganz gezielt die spezifischen Schwächen des Alten zu tilgen, nicht selten in dem man den dessen positiven Eigenschaften zu wenig Bedeutung beimisst. Bislang jedoch verhält sie sich äußerst diszipliniert und ich hoffe Ihr in den kommen Beiträgen erheblich viel weniger Aufmerksamkeit widmen zu müssen, als der KTM in meinem vergangenen Bericht. Wir werden es sehen <auf Holz klopf>.

Dass das Fahrzeug der Wahl wieder ein Motorrad sein muss, steht für mich natürlich außer Frage und während der Reisevorbereitung wurde mir aufs neue bewusst, dass es nicht nur darum geht welche Vorteile und Freiheiten einem das Motorrad zu schenken vermag, sondern insbesondere auch darum, was es einem nicht gibt. Man bekommt keinen Rückzugsort, keine Bequemlichkeit und vor allem, wenig Stauraum. Man will das natürlich alles haben, aber letzlich bereichert es die Reise, sich von diesen Dingen zu lösen, bzw. lösen zu müssen. Das Fehlen fördert die Auseinandersetzung mit dem, was vor Ort zu finden ist. Und so tausche ich nach gezwungener und mehrfacher Gepäckreduzierung am Ende doch noch die schöne aber platzfressende Bermuda-Badeshorts gegen die kleine Speedo und lasse zähneknirschend meine geliebte aber hoffnungslos große und schwere Haarschneidemaschine, die in meinem Fall regelmäßig für Kopf und Bart verantwortlich ist, zu hause. Was ich wirklich brauche, kommt mit, was ich gerne hätte, bleibt zu hause und die Eitelkeit gleich mit. Gut so.

Transfăgăraşan

Transfăgăraşan

Die ersten 3500 Kilometer der Tour sind im übrigen bereits auf der Fahrt von Berlin nach Istanbul hinter mir/uns (zum Teil mit der Freundin als Sozius) gelassen und so konnte ich mich langsam auf das Eintauchen in den nahen Osten, und das Reisen allgemein, einstimmen, ohne plötzlich aus der Luft in eine andere Welt zu fallen. Mit Besuchen bei Freunden auf dem Weg Richtung Budapest (Vielen Dank an dieser Stelle an meine liebenswerten Gastgeber!), einer Kreuzfahrt durch die rumänischen Karpaten und einer Verschnaufpause im wunderschönen, obgleich extrem touristischen Alt Nessebar am Schwarzen Meer in Bulgarien, hatte ich ausreichend Gelegenheit mich in meinen Reiserhythmus einzutakten. Insbesondere Rumänien hat einen tiefen, letztlich positiven, aber gespaltenen Eindruck hinterlassen. Eine außergewöhnlich reizvolle Landschaft in Transsilvanien, mit bildhaft hübschen Städten wie Brasov/Kronstadt (das von sich selbst behauptet es sei die beste Stadt der Welt) steht einer Vielzahl von erschütternd hässlichen, teils riesigen und verlassenen Industriekomplexen gegenüber, die nahezu vor allen Städten zu finden sind. Die Mittel für den Abriß oder Umbau standen offenbar nie zur Verfügung. Meine Freunde von Go2Know hätten hier ihre wahre Freude. Überhaupt scheint man in Rumänien häufig zu rigoros beim Bau von Brücken, Kanälen, Staudämmen und Industrieanlagen in die Natur eingegriffen zu haben. Alles wirkt ein wenig zu groß, zu plump, zu hässlich und zu verkommen. Ein Land voller baulicher Narben.

Hmm..

Hmm..

Istanbul, mein jetziger Aufenthaltsort ist Ausgangspunkt für die kommenden Beiträge und geeignet für einen einwöchigen Zwischenstopp auf dem Weg nach Dubai. Zu Gast bei meiner Freundin Gina genieße ich den Blick über den Bosperus und auf die asiatische Seite der Stadt und bereite mich auf die Weiterfahrt vor. Istanbul selbst liefert den idealen Übergang in die asiatische und islamische Welt. Während man in feuchtfröhlichen Bargassen ausgelassen feiert, tönt das Gebet des Muezzins über die Stadt. Das Wort Gottes vermischt sich hier mit westlichem Lebensstil in einer dichten, hektischen und außergewöhnlich vielseitigen Stadt. Der Islam und dessen Auslegung im Alltäglichen wird mit fortschreitender Ostbewegung an Präsenz gewinnen, um dann im Iran in Form der Scharia als Gesetzesgrundlage auf besonders ausgeprägte Weise in den Vordergrund zu treten. In den kommenden Wochen und besonders im Iran möchte ich vor allem auch eine Auseinandersetzung mit dem auch mir innewohnenden, westlichen Bild der islamischen Welt und der tatsächlich vorgefunden Wirklichkeit anstreben.

Katzen in Istanbul

Katzen in Istanbul

Zunächst aber prangt überall in Form von Statuen und Bildern der große Attatürk, der Gründer der, im Gegensatz zum Iran, säkular geprägten Türkei und wäre da nicht die Vielzahl monumentaler Moscheen in der Stadt, könnte man sich fast in einer westlichen Metropole wähnen. Dicht, hektisch und hoffnungslos verstaut ist es hier, doch der Bosperus fließt, gespickt mit langsam dahin ziehenden Fracht- und Passagierschiffen, wie eine lebensbringende Ader durch die Stadt und scheint das Chaos der Strassen zu schlucken. Auch die von den Türken geliebten Katzen, die hier zu hunderten gelassen und friedlich in den Strassen leben, vermitteln der Stadt ein wenig Ruhe. Überall sitzen sie, bevorzugt auch auf meinem Motorrad, was völlig mit Katzentatzentapsen überseht ist. Gebetsrufe, Möwenschreie, der Ruf der Schiffshörner, der sich tief und kraftvoll zwischen den Hügeln des Bosperusufers aufschaukelt, endloser Bau-und Straßenlärm, Marktgeschrei und Musik aus der Vielzahl von Bars und Cafés ergeben ein nicht gerade stressfreies, aber einzigartiges akustisches Gedicht.

Ich genieße diese außergewöhnliche Stadt, bin in Erwartung auf die ca. 6000 vor mir liegenden Kilometer aber mächtig ungeduldig. Die grobe Route ist geplant, ein Satz extra Reifen (die ich vermutlich nicht brauche, aber sicher ist sicher) organisiert und auch sonst sind alle Vorbereitungen getroffen. Heute breche ich also nach Osten auf und werde an dieser Stelle meine Gedanken und Erlebnisse zum Besten geben, sobald sich hinreichend Mitteilungswürdiges angesammelt hat. Meine aktuelle Position (links in der Sidebar) werde ich (falls möglich) unabhängig vom Geschriebenen aktuell halten.

Wilkommen zurück und viel Spass beim Lesen in den kommenden Wochen.
Euer migo.

5000 km Tacho

5000 km Tachostand

Das geeignetste Motorrad für Fernreisen zu finden, war mein Anspruch vor dem Kauf meiner 2011er  Ténéré. Nach 5000 recht schnell vergangenen Kilometern, dient dieser Beitrag in erster Linie dem Motorradinteressierten, der sich mit ähnlichen Kaufabsichten trägt. Mein vorheriges Gefährt war eine KTM 950 Adventure und so wird sich die Neue wohl oder übel mit der doch recht verschiedenen KTM messen und vergleichen lassen müssen. Der Einwand des Apfel/Birnen Vergleichs ist zwar gerechtfertigt, lässt man den Unterschied im Preis auf der Suche nach dem idealen Motorrad aber außen vor, wird man in der Auswahl letztlich beide Modelle (bzw. heute die 990er Adventure) mit einbeziehen. Dennoch ist dieser Artikel kein Vergleich aller für das Unterfangen einer Fernreise geeigneten Motorräder!

Und los geht’s.

Kann ich mit einem etwa 200 Kg schweren und 48 PS starken Motorrad glücklich werden, war meine größte Sorge vor dem Kauf und ich nehme mal an, dass dürften sich die meisten Kaufinteressierten fragen, insbesondere wenn man mehr Leistung kennt und gewohnt ist. Ist ein derart schlechtes Gewicht-Leistungsverhältnis überhaupt noch zeitgemäß, wenn Hersteller sich gegenseitig mit immer mehr Leistung und dabei immer geringerem Gewicht überbieten? Das ein Mehr nur allzuoft Verkaufsargumente der Hersteller sind und mit dem eigentlichen Nutzen, dem eigentlichen Mehrwert oder Spass eine Produktes wenig zu tun haben, ist sicher kein Geheimnis. Im Falles des Motorrades hängt es maßgeblich von dessen Einsatzzweck ab und so werde ich immer wieder auf die aus meiner Sicht wichtigen Kriterien einer Fernreiseenduro zurückkommen. Viel Leistung gehört nicht unbedingt dazu und keiner wird sich die Ténéré zulegen, um über den Nürburgring zu fahren, aber entspannt auf der Landstraße überholen zu können, ist auch für eine Fernreiseenduro eine gewünschte Eigenschaft. Nun, sie verbringt keine Wunder und wird einem auch niemals dieses atemanhaltende Speed-Beschleunigungsgrinsen ins Gesicht zaubern, darüber sollte man sich bewusst sein. Auf der Prioritätenliste eines idealen Fernreisemotorrades ist dieser Aspekt aber verhältnismäßig weit unten angesiedelt und obwohl ich zugeben muss, dass es mir manchmal an Schmackes fehlt, muss ich doch resümieren ich vermisse es erfreulich selten. Nein, sie ist nicht besonders schnell und 48 PS sind eben nur 48 PS, aber Ja sie macht Spass, weil Motorradfahren eben viel mehr ist, als nur schnell zu fahren.
Den Sound der Ténéré finde ich hingegen sympathisch. Ein nicht aufdringliches Klappenrasseln vermengt sich mit einem satten aber doch recht zurückhaltenden Papp-Papp-Papp Einzylinder-Auspuffsound (Standardanlage), der sich auch bei starker Beschleunigung nie in ohrenbetäubenden Lärm verwandelt. Die KTM klingt satter, kräftiger und lauter und genau das hat mich in letzter Konsequenz eher gestört. Wenn ich als Fernreisender durch kleine Orte mit winzigen Gassen tuckere, will ich nicht die gesamte Atmosphäre mit dröhnendem Krawall vernichten und einen tendenziell negativen ersten Eindruck hinterlassen. Für mich ein Pluspunkt für die Ténéré. Der Sound ist im übrigen auch ein Hauptgrund gegen die Triumph Tiger 800 gewesen, die sich mit ihrem hochfrequenten Wimmern quasi auf der Stelle disqualifiziert hat.

Vollebeladen unterwegs

Vollebeladen inklusive Sozius unterwegs

Ab 2500 Umdrehungen nimmt die Ténéré recht sauber Gas an, in höheren Gängen erst ab 3000. Der Drehmomentverlauf ist unspektakulär, verändert sich im Drehzahlband subjektiv recht wenig und hat bei etwa 5000 Umdrehungen einen kleinen Einbruch. In der Praxis dreht man die Ténéré sehr selten bis an den roten Bereich von 7500 oder überhaupt jenseits der 5000 Umdrehungen. Es lohnt sich schlicht nicht und ab 4500/5000 klingt sie eher gequält. Der tatsächlich nutzbare Drehzahlbereich zwischen untertourigem Gehacke und übertourigen Gequäle ist daher recht klein und zwingt einem sehr häufig zum Schalten, was insbesondere in kurvigen Bergetappen immer wieder zu Gangwechseln mitten in der Kurve führt. Doch keine Sorge auch mit maximaler Zuladung (Gepäck + Sozius) kann man die Ténéré noch recht zügig durch anspruchsvolle Passstraßen treiben und muss sich bei weitem nicht hinten anstellen. Über Hochgeschwindigkeitsfahrten muss ich eigentlich keine Worte verlieren. Sie fährt 160, ja, aber sie will es eigentlich nicht und je mehr man sich im Laufe der Zeit mir ihr anfreundet, desto weniger will man ihr das wirklich antun, zu angespannt und zweckentfremdet klingt der Motor. Dennoch ist der Geradeauslauf mit Koffern auch bei höheren Geschwindigkeiten einwandfrei. Doch wie hoch steht eine hohe Geschwindigkeit auf der Prioritätenliste eines Fernreisemotorrades?  Richtig, ganz weit unten.
Das die KTM dem Motor der Ténéré weit überlegen ist, muss ich nicht weiter ausführen.

Beim Fahrverhalten sehe ich jedoch einen andere aus meiner Sicht die größte Schwäche der Ténéré überhaupt, die merkwürdigerweise nie in anderen Testberichten erwähnt wird. Lastwechselreaktionen. Es ist fast unmöglich gleichbleibend ruckelfrei zu fahren. Am stärksten nimmt man das Verhalten beim Hinunterfahren am Berg war. Wenn die Motorbremse das Motorrad am schneller fahren hindert und man dann versucht Gas zu geben, ist auch bei penibelster Gashand ein stärkeres Ruckeln nicht zu verhindern. Das Problem tritt jedoch auch bei normalem Geradeauslauf auf, wenn der Antrieb bei gleichbleibender Gasdrehgriffstellung zwischen Schub- und Zugbetrieb wechselt und man ständig hin- und herruckelt. Das Verhalten ist äußerst nervig und auch bei sehr vorsichtiger Fahrweise nicht komplett abstellbar. Das Phänomen dürften die meisten Motorradfahrer kennen, fällt hier jedoch unangenehmer auf. Falls jemand einen Hinweis hat, wie sich das Verhalten mindern lässt, wäre ich sehr dankbar für einen Kommentar.

abgenutzte Ruckdämpfer im Hinterrad

abgenutzte Ruckdämpfer

[Update]
Einem Hinweis aus dem deutschen XT Forum folgend, habe ich die Ruckdämpfer mit Stücken Fahrradschlauch verstärkt. Das Verhalten ist nicht vergsesssen, aber deutlich besser geworden. Die Abnutzung nach den ersten 5000 relativ zahm gefahrenen Kilometern ist enorm. Da fragt man sich sich doch, warum da kein anderes Material  verwendet wird.

 

Die Schaltung ist knackig und präzise. Ich kann mich nicht erinnern auch nur einmal einen Gang verfehlt zu haben, nicht reinbekommen zu haben oder zwischen Gängen gelandet zu sein. Auch der Leerlauf ist immer problemfrei gefunden. Sehr gut. Für einen Einzylinder gestalten sich auch die Vibrationen erfreulich zurückhaltend. Mir ist kein Körperteil je eingeschlafen!

Ein positives Kapitel ist auch der Verbrauch. Sie ist recht genügsam und bei freundlicher Cruisingfahrweise genehmigt sie sich etwa 4 Liter auf 100 Kilometer. Auffällig ist lediglich, dass sich der Verbrauch sehr schnell verschlechtert, wenn längere Etappen jenseits 120 km/h zurückgelegt werden. Höhere Geschwindigkeiten wirken sich erheblich stärker verschlechternd aus als bei der KTM. Diese schneidet jedoch mit etwa 7,5 Litern bei sehr zurückhaltender Fahrweise deutlich schlechter ab. Da auch noch der Tank der Ténéré mit 23 Litern recht üppig ausfällt, sind Reichweiten von 500km möglich. Verbrauch und die daraus resultierenden Kosten bzw. Reichweite sind für mich wichtige Kriterien für eine Fernreiseenduro, daher klarer und wichtiger Punktsieg für die Ténéré.

Während man sich zwar über eine große Reichweite freuen kann, ist die Anzeige des Restbenzins sehr unzuverlässig. Zunächst nimmt sie gar nicht ab, dann immer schneller, dann schnellt sie wieder nach oben und dass alles auch noch nach nicht immer gleichem Prinzip. Die Reserveleuchte springt an wenn noch 7 Liter im Tank sind, oft früher. Ich habe es noch nie länger als bis 20 Liter verbrauchten Sprit ausgehalten auf die blinkende Reserveleuchte zu schauen, bevor ich nachgetankt habe. Kein dramatischer Kritikpunkt, aber man wird früher unruhig als nötig, auch nach 5000 Kilometern noch.
Ähnlich ungenau ist auch der Tacho, der etwa 10% von der Realität abweicht, was mir GPS und damit übereinstimmende Geschwindigkeitswarnungen auf beruhigten Straßen bestätigen.

Die Bremswirkung ist widerum einwandfrei, gut dosierbar mit deutlichem Druckpunkt sowohl vorne als auch hinten. Klar besser als bei der KTM.
Das 21 Zoll  Vorderrad entspricht dem gängigen Standard, warum aber ein winziges 17 Zoll Hinterrad montiert ist, ist mir schleierhaft. Während das Vorderrad gelassen auch gröbere Unebenheiten frisst, rumpst man mit der Hinterhand häufig recht unangenehm durch die Löcher, was letztlich die potentielle Gesamtverträglichkeit schlechter Bodenverhältnisse mindert. Schade.

Man sitzt hoch auf der Ténéré, noch höher als auf der KTM und auch ich komme mit 1,90m nicht mehr mit beiden Füßen vollständig auf den Boden (ohne Beladung). Grund dafür ist nicht nur die Sitzhöhe, sondern auch der etwas breitere, weniger sportliche Sitz, der die Beine daran hindert senkrecht nach unten auf den Boden zu reichen. Dieser Nachteil (inklusive dem daraus resultieren Handlichkeitsverlust) wird meiner Meinung nach nicht durch ein Mehr an Bequemlichkeit wett gemacht. Der Sitz ist größer und weicher, aber dennoch rutsche ich nach längerer Fahrt auf einem unglücklichen Hintern, und nach besseren Sitzpositionen suchend, hin und her. Kein Plus! Ansonsten ist das Dreieck aus Sitzfläche, Lenker und Fußrasten einwandfrei und man sitzt erhaben und entspannt in luftigen Höhen. Die Geometrie stimmt und man fühlt sich schnell zu hause. Der Windschutz ist (wie auch bei der KTM) für größere Fahrer einfach zu niedrig. Bei Fahrten über 100 km/h spürt man deutlich den Fahrtwind gegen den Helm schlagen. Hier gibt es im Zubehör entweder eine höhere Scheibe oder einen Aufsatz von Touratech. Ich habe mich für letzteren entschieden und bin äußerst zufrieden mit dessen Wirksamkeit. Ein absolutes Must Have.

Selbstverstärkte Fussrasten

Selbstverstärkte Fussrasten

Wer im Stehen fahren will, sieht sich mit einigen Unzulänglichkeiten konfrontiert. Zunächst einmal präsentieren sich die Fussrasten nach dem Entfernen der Gummikappen hilflos mickrig. Man hat weder guten Halt, noch kann man entspannt längere Zeit darauf stehen. Der Lenker ist auch nach 2.5 cm Lenkererhöhung nicht richtig hoch genug und die Fußbremse auch nach maximaler Verstellung einen Tick zu hoch. Der Lack des Tanks befindet sich in etwa da, wo die Knie Halt suchen und ist einfach zu rutschig. An vielen Kritikpunkten kann man drehen (andere Rasten, Lenker noch höher, Flächen überkleben usw.) aber out of the Box ist sie erstmals enttäuschend.

Zum Fahrwerk und der Handlichkeit. Zunächst einmal ist sie kein Leichtgewicht aber allen Unkenrufen zum Trotz empfand ich nach kurzer Eingewöhnungszeit die Handlichkeit der Ténéré auch in sehr groben Gelände noch völlig akzeptabel. Ich bin kein Verfechter der “Alles muss so leicht wie möglich sein”-Fraktion. Mehr Gewicht heißt in schwerem Gelände zwangsläufig mehr Krafteinsatz und schnellere Ermüdung, aber nicht dass man irgend etwas nicht bewältigen könnte. Außerdem reden hier wir über eine Fernreiseenduro und schweres Gelände steht sehr selten auf dem Programm, daher für mich – geringe Priorität. Leider wendet sich das Blatt bei schwerer Zuladung, der Standardfall beim Einsatz dieses Motorrades in fernen Ländern. Im Gegensatz zur KTM verändert sich die Handlichkeit der Ténéré recht drastisch und man verliert deutlich spürbar an Vertrauen. Insbesondere die Gabel ist viel zu lasch. Leider habe ich mich zu sehr von der Handlichkeit ohne Zuladung überzeugen lassen und mich gegen progressive Federn und Federbein entschieden. Dann auf der großen Fahrt, war es für kurzfristige Änderungen zu spät. Aber es geht natürlich auch und man gewöhnt sich daran. Im direkten Vergleich mit der KTM unterliegt die Ténéré jedoch um Dimensionen. Die KTM lässt sich von keiner Zuladung beeindrucken und verhält sich stoisch gleichbleibend auf sehr hohem Niveau. Ebenfalls unbeeindruckt ist die KTM im Geradeauslauf  von jeglichen Straßenunebenheiten oder Längsrillen, während die Ténéré viel williger auf Bodenveränderungen reagiert. Bei Staugedrängel zwischen Autoreihen auf schlechten Straßen ist das besonders spürbar. Die Ténéré fühlt sich sehr leicht und etwas zu wackelig im Vorderrad an und weicht schon beim Überqueren von Längsfahrbahnmarkierungen von der idealen Geradeauslinie ab, was dazu führt das man recht nervös ständig mit Lenkeinschlägen korrigieren muss. Im Gegenzug ist der Lenkeinschlag sehr weit und es lässt sich auch auf engen Straßen noch ohne Vor- und Zurückgeschiebe wenden. Die KTM ist ein Panzer im Vergleich.

Was fällt sonst noch auf. Den Auspuff umgibt eine Verkleidung, die mehr als nur optischer Schnickschnack ist, da sie nur handwarm wird. In der Mulde etwa zwischen den Kofferträgern und der Auspuffverkleidung passt äußerst praktisch genau eine Plastewasserflasche hinein, für die sonst immer kein richtiger Platz vorhanden ist und dadurch auch leicht zugänglich bleibt. Trotz direktem Kontakt mit dem Plaste, schmilzt die Flasche nicht. Die geringe Hitzeentwicklung gefällt auch einem Sozius.
Leider gibt es kein Stauraum (die KTM hat zwei kleine aber praktische Staufäche) und das mitgelieferte Werkzeug ist hoffnungslos unvollständig, vermutlich weil im vorgesehenen Werkzeugfach einfach kein Platz vorhanden ist. Nun ja, als Fernreisender ist man eh angehalten das mitgeführte Werkzeugsortiment aufzustocken.

Ein paar Worte zum Zubehör.
Den Plastikmotorschutz habe ich gegen einen Aluschutz von OTR ausgetauscht. Dieser macht einen sehr stabilen Eindruck und hat schon diverse Male ein beruhigtes Lächeln beim metallenen Geräusch einschlagender Steine erzeugt. Leider ist er auch sehr anfällig für Vibrationen und Nebengeräusche aller Art. Insbesondere eine Art Resonanzsingen konnte ich nur Abstellen, nachdem ich einen plastenen “provisorischen” Schwingungsdämpfer zwischen Motorschutz und Motorblock geklemmt habe. (Ganz zu Schweigen von der Zeit die man verwendet um die Geräuschquelle erstmals ausfindig zu machen) Schade auch, dass der Schutz nicht die aussenliegende Wasserpumpe mit abdeckt. Hier gibt es sicher bessere Alternativen auf dem Markt. Aussehen tut er aber mächtig abenteuerendurmäßig :) .

Als Tankrucksack verwende ich den Enduristan Sandstorm. Dieser passt super, sitzt fest, ist wasserdicht und stufenlos verstellbar. Kurz, eine sehr gute Kaufentscheidung und vermutlich der beste Tankrucksack den ich je besessen habe.
Gepäckhalterung und Koffer kommen ebenfalls von OTR. Auf die Diskussion Koffer oder nicht, will ich mich nicht einlassen, für mich überwiegen die Vorteile. Die Halterung macht einen äußerst stabilen Eindruck, insbesondere im Vergleich zur Hepco & Becker LockIt Variante (Ich wollte zunächst meine alten Gobi Koffer verbauen), der ich einfach keine Stabilität zugetraut hatte und die OTR freundlicherweise wieder zurückgenommen hat. Der OTR-Träger sitzt bombenfest. Die Koffer haben noch keinen Sturz überleben müssen, sitzen aber zunächst ebenfalls ohne jegliches Spiel verankert und trotzdem spielend leicht abnehmbar am Träger. Die Montage erfordert etwas Bastelei, da die Befestigung selbst an die Koffer gebohrt werden muss, aber der Aufwand lohnt sich. Lediglich die verwendeten Schrauben sind völlig inakzeptabel und tendieren schon beim Anschrauben zum Abreissen. Eine ist mir auch bereits während der Reise abgebrochen :( . Der einzige bisherige Defekt!

Als Handprotektoren habe ich mich für die hoffnungslos überteuerten Yamahaprotektoren entschieden, nachdem ich verzweifelt versucht hatte Acerbisprotektoren aus dem Zubehör anzubringen. Ohne größere Eingeständnisse an die Hebelstellung hätte ich diese nicht anbekommen. Die Yamahaprotektoren sehen gut aus, passen perfekt und bringen vor allem alternative Gewichte an den Enden mit, die die Originalgewichte ersetzen und Vibrationen verhindern. Zu teuer, aber gut!

Ich liebe die große Gepäckbrücke von Touratech! Sie sieht etwas ungewohnt groß aus, wenn man sie frisch verbaut hat, aber ist sehr hochwertig und irre praktisch. Meiner Meinung ein Muss.

Des weiteren habe ich noch den Hauptständer von SW-Motech verbaut. Für mich führt kein Weg am Hauptständer vorbei. Ja, wieder ein nicht unerhebliches Mehr an Gewicht, aber für Kettenpflege, Rad/Reifenwechsel und manchmal einfach den besseren Stand äußerst praktisch. Montage und Betrieb waren einwandfrei und das Aufbocken geht spielend leicht. Für mich auch immer wichtig, er klappert nicht und macht sich auch sonst nicht negative bemerkbar. Gut!

Fazit:

Sie ist nicht fehlerfrei und sicher auch nicht jedermanns Sache. Sie will eine Fernreiseenduro sein und patzt an einigen Stellen, aber nicht an den Wichtigen. Im Vergleich mit der KTM muss sie sich in der überwiegenden Anzahl der Disziplinen geschlagen geben, aber nicht in den Wichtigen. Lässt man den Preis außen vor, wird die KTM die Nase vorn haben, aber ist sie doppelt so gut? Denn das ist beinahe der preisliche Unterschied und letztlich für mich der finale Kaufentscheid zu Gunsten der Ténéré gewesen. Bislang ohne Reue.

Wichtig ist, dass sie 5000 Kilometer ohne Defekt, ohne jeglichen Öl/Wasser- oder Luftverbrauch, ohne unangenehme Überraschungen oder neue Geräusche gefahren ist. All paar Tage widme ich der Ténéré eine Inspektion und finde nichts was es tun gäbe, nichts was man nachfüllen müsste, nichts was festzuschrauben oder einzustellen wäre. Sie tut was sie soll und vermittelt bislang ein ungetrübtes Vertrauensgefühl, ein zuverlässiger Partner in der Ferne. Am Ende ist nichts wichtiger für eine Fernreiseenduro als die Zuverlässigkeit und im Falle eines Problems die Reparierbarkeit. Die KTM konnte mir nie dieses Gefühl geben. Es gab immer ein unterschwelliges und letztlich nicht unbegründetes Unbehagen. Ob die Ténéré weiter hält was sie verspricht, wird sich in den kommenden 5000 km durch die Türkei und Iran zeigen. Nach 10000 km werde ich eine weiteres Resümee ziehen. Ich bin gespannt.

 

Angekommen in Istanbul

Angekommen in Istanbul

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