Herbstimmung 1

Herbstimmung 1

Diesmal wurde der Schalter Richtung Herbst umgelegt. Nach dem grünen Tiflis wechseln die Bäume ihre Farbe zu gelb und rot. Die Straßen sind bereits überseht mit Laub und ich fahre durch einen bunten, wirbelnden Blätterregen. Nur die immer noch sehr warmen 26 Grad (Nachts allerdings sehr frisch) verhindern, dass ich mich gänzlich nach Herbstdeutschland versetzt fühle.

Armenien hat es nicht gerade leicht im Umfeld seiner Nachbarn. Die Grenzen zur Türkei sind geschlossen (Genozitkonflikt) und die Grenzen zu Aserbaidschan im Osten und im Westen sind ebenfalls geschlossen (Bergkarabachkonflikt). Mit Russland haben sie zwar gute Beziehungen, aber keine Grenze – schlecht. Dazwischen liegt Georgien, was wiederum schlechte Beziehungen mit Russland (Kaukasuskrieg) und eine halb geschlossene Grenze (bestehend aus einem! Grenzübergang mitten im Kaukasus) hat – noch schlechter. Zugang zu offenem Gewässer haben sie ebenfalls nicht – prinzipiell immer ganz schlecht. Bleibt noch die islamische Republik Iran im Süden, die sich ihrerseits vielen Sanktionen durch den Westen ausgesetzt sieht. Keine einfache Position, um sich frei zu entwickeln, zumal es bei keinem der Konflikte in der Region nach einer Lösung in naher Zukunft aussieht. “Its complicated” sagt Irakli, mein sympathischer Gastgeber in Tiflis. Kompliziert und festgefahren, kein Wunder, wenn es schleppender vorangeht, als möglich.

Sowjet Kino

Sowjet Kino

Ich lege eine langsame Gangart ein und unterbreche die Fahrt nach Jerewan, der Hauptstadt des Landes (von der ich selbst nie gehört hatte), für einen Zwischenstop in Dijilan. Eine der schönsten Gegenden des Landes soll es sein, Pensionen und B&Bs soll es geben und sowjetische Künstler und Denker hat es seit eh und je in die mit Laubwald bewachsenen Berge gezogen, liest man. Soweit stimmt das auch alles, aber die Realität weicht von der geweckten Assoziaten dennoch weit ab. Der Ort wird durch Sowjetarchitektur geprägt, die ihre Blütezeit seit langem überschritten hat. Das Kino ist verlassen und hinter der Eingangstür stapeln sich Zementsäcke. Die Fenster des Einkaufzentrums im Zentrum splittern und werden durch improvisierte Holzklammern zusammengehalten. Vom einstigen Warenhaus der Stadt ist nur noch ein einfacher Supermarkt im Keller geöffnet, der Rest steht leer. Kioske sind geschlossen, die Fenster verstaubt. Eine wuchtige Zementbushaltestelle verfällt. Ein verrostetes Stahlrohr sprießt hervor, der Rest wird von Moos bewohnt. Ein einzelner Mann wartet darin. Es ist still. Hier und da trotten ein paar Menschen die Bürgersteige entlang. Laub fliegt durch die Straßen.
Man kann sie förmlich noch sehen, die leuchtenden Kinderaugen mit dem Softeis in der Hand, die auf ausgestellte Spielwaren in den Schaufenstern starren. Geschäftiges Treiben, ein Kommen und Gehen im Zentrum, Menschen die am Brunnenrand sitzen und sich in der Sonne ausruhen. Heute sitzt keiner am Brunnen. Er sprüht noch Wasser, scheint aber auch nicht so richtig zu wissen warum eigentlich. Wie auf einem verlassenem Rummel fühlt es sich an. Ein wenig melancholisch, man spürt die Zeit und die Veränderung. Es macht ruhig, aber es ist auch schön, irgendwie friedlich.

Mit Erkältung und in strömenden Regen kämpfe ich mich nach Jerewan. Groß sind meine Erwartungen nicht an eine Stadt, die in erster Linie eine Planstadt aus Sowjetzeiten ist und praktisch keine historischen Viertel oder Gebäude aus seiner langen Geschichte übrig hat. Ich komme in einem familienbetriebenen Hostel (Glide Hostel) unter und fühle mich nach kurzer Zeit bereits wie der Sohn der Familie. Die Betten sind bemerkenswert schlecht (man spürt praktisch jede Feder und den darunterliegenden Rost), aber ich fühle mich wohl und stelle einmal mehr fest, wie unwichtig die “harten” Faktoren sind, solange man herzlich aufgenommen wird . Der Name Glide-Hostel ist entstanden, weil der Sohn der Familie ein Paraglider ist und entsprechend Flüge im bergreichen Armenien anbietet. Nach einem Abend über Paragliding-Videos und mit meinen Erinnerungen an eigene Sprünge, bin ich einmal mehr zur der Überzeugung gelangt, dass ich das bei Gelegenheit auch probieren sollte!

Streetart Yerevan

Streetart Jerewan

Überladen mit guten Tipps für Jerewan und Umgebung, mache ich mich auf, die Stadt zu erkunden. Sie ist großzügig angelegt und grün, geschäftig aber entspannt, überseht mit Cafés, Ausstellungen und allerlei Ständen und Fußgängerzonen. Man begegnet Streetart und Straßenmusikern, sieht Liebespaare in den Parks und singende Mädchengruppen, die durch die Straßen ziehen. Die Frauen fallen mir besonders ins Auge. Sie sind nicht außergewöhnlich schön, aber geben sich diesbezüglich außergewöhnlich große Mühe und häufig mit aufmerksamkeitserregenden Erfolg. In Anbetracht der Nähe des verhüllenden Iran, genieße ich daher die schöne Aussicht und erlaufe die Stadt so weit es Füße und Gesundheitszustand zulassen. Kiew und Tiflis haben eine und Jerewan hat auch eine bekommen, eine riesige, schwerttragende Eisenfrau, die über der Stadt thront. Mutter Ukraine, Georgien und Armenien heißen sie, sehen aber eher kämpferisch als mütterlich aus, aber wer will schon eine übergroße metallene Hausfrau mit Besen über der Stadt sehen. Das wäre aber doch zumindest mal ein pazifistisches Signal, vielleicht sollten wir eine auf den Müggelbergen haben, oder besser ein Mann mit Staubsauger!? Die beeindruckendste Schwertfrau aus den Hipzeiten der Kampfweiber dürfte aber wohl die in Wolgograd sein, aber das ist eine andere Reise.

Ararat

Ararat

Thronen tut vor allem einer über der Stadt, der gewaltige Ararat, der höchste Berg der Türkei. Ich hatte schon bedauert, ihn bei der Türkeidurchfahrt nicht in meine Route pressen zu können, mir war aber nicht bewusst, wie gewaltig sich dieser Berg in riesigem Umkreis in Szene setzt und auch von Jerewan gut zu sehen ist. Ein Whisky, Bier, eine Bank, Hotels, Cafes, Yoghurt und vieles mehr tragen seinen Namen hier.

Verkehrstechnisch geht es nach all den Suizidfanatikern Georgiens in Armenien wieder etwas ruhiger zu, wären da nicht die Marschrutkas. Marschrutkas sind 10-Sitzer Transporter, von denen es unzählbar viele gibt und die nach Bedarf halten und Leute aufnehmen bzw. absetzen. Was grundsätzlich der günstigen und flexiblen Beförderung der Bevölkerung zu gute kommt, schadet der entspannten Stadtfahrt. Die rechte, der meist vorhandenen zwei Spuren ist eigentlich ausschließlich den ständig und plötzlich haltenden und startenden Marschrutkas vorbehalten. Da andere Marschrutkas den auf der Marschrutkaspur gerade haltenden Marschrutkas ausweichen müssen, schießen diese Marschrutkas ebenfalls sehr plötzlich auf die verbleibende linke Spur. Man muss also in permanenter Marschrutkaalamstufe verweilen. Selbst auf der Marschrutkaspur zu fahren, ist nur für wirklich Fortgeschrittene oder Abenteuermotorradfahrer geeignet. Wie ihr merkt, mag ich im übrigen das Wort Marschrutka :) .

Hier hätte ich auch länger bleiben können, muss ich überrascht bei meiner Abfahrt feststellen und verdanke dies zu einem großen Teil meiner liebenswerten Gastfamilie, die meinem Aufenthalt die wichtige Wärme beigesteuert hat, die so entscheidend für den Gesamteindruck ist. Aber die Tenere wartet bereits ungeduldig und befüllt mit neuem Öl (10000 KM sind schon rum) und so mache ich mich auf den Weg Richtung Süden, vorbei an den zahllosen Klöstern, Mauern, Höhlen, Steinhaufen und was die hier uralte kulturhistorische Geschichte sonst noch alles zu bieten hat.

Boxer, fährt ...

Ural, fährt ...

Ich treffe auf einen Motorradfahrer und seine Frau auf einer alten Ural mit Beiwagen, halte interessiert an und schaue ihnen bei der Arbeit zu. Nach kurzer Zeit kommt der Mann und schenkt mir eine Handvoll Nüße. Eine schöne und keine ungewönliche Geste und da ich dazugelernt habe und immer mehr Essen mit mir rumschleppe als nötig, gebe ich ihm ein Stück meines Süssbrotes aus einer Gegend um Jerewan. Ich mag diese kleinen teilenden Gesten, die so soviel zu einem positiven Miteinander beitragen. Obwohl man potentiell etwas bekommen kann, was ma nicht mag aber im Allgemeinen etwas gibt, was man mag, ist das Resultat meist ein Gutes. Die Geste schafft etwas, was mehr wert ist als das Produkt.

Nach der farbenfrohen Herbstaugenweide, in der ich das nördlichere Armenien vorgefunden habe, befinde ich mich nun im deutlich trockeneren Süden und in greifbarer Nähe zum Iran. Ich muss zugeben, ich bin einigermaßen aufgeregt! Einmal werde ich noch wach, dann ist es soweit und ich bin mir sicher, alles wird wieder ganz anders.

Vielen Dank fürs Mitlesen, bis bald und bleibt dran!

Kontraste

Kontraste

Herzlich Willkommen in Georgien, sagt der Grenzbeamte auf Deutsch, nach einer denkbar einfachen Grenzüberquerung. Zunächst einmal verblüffen die Unterschiede. Statt Kopftüchern tragen Frauen Stöckelschuhe, statt Gebetsruf tönen Kirchenglocken, aus lateinischen Buchstaben werden Georgische, aus kalt wird warm und aus Lira wird Lari. Die außergewöhnlichste Änderung aber geschieht bei Klima und Vegetation. Man mag es kam glauben, aber als hätte jemand einen Schalter umgelegt, findet man sich plötzlich in subtropischer Umgebung wieder. Palmen säumen den Straßenrand und nach der trockenen Türkei ist es sichtbar grüner und spürbar  feuchter. Die Lage zwischen dem kleinen Kaukasus im Süden und dem großen Kaukasus im Norden und dem schwarzen Meer im Westen bewirkt das milde Klima. Bei gutem Wetter (ich hatte immer gutes) sieht man die schneebedeckten Gipfel der Gebirge am Horizont, während man unter Palmen Schatten sucht. Befindet man sich etwa in der Mitte zwischen Norden und Süden, sieht man zur gleichen Zeit die Schneegipfel des kleinen und des großen Kaukasus.

Kontraste 2

Kontraste 2

Die sowjetischen Einflüsse aus der Zeit der Eingliederung in die UdSSR sind natürlich nicht zu übersehen. Alte Ladas und Wolgas, die ich seit mittlerweile Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe, gibt es hier in rauen Mengen genauso wie die scheinbar unzerstörbaren, stinkenden grünen Lastfahrzeuge. Erschreckend trostlose und heruntergekommende Zweckplattensiedlungen findet man ebenso wie heroische, übergroße Heldenstatuen. Georgisch ist die Amts- und Umgangssprache, aber Russisch wird praktisch von allen gesprochen. Zumindest derzeit ist das noch so. Zunehmend weniger Kinder und Jugendliche sprechen Russisch. Meine russischen Schulkenntnisse sind ebenfalls eher begraben als eingestaubt, aber ich bin mehr als überrascht, wie schnell längst verloren geglaubte Begriffe wieder zurück ins Bewusstsein gelangen. Nach wenigen Tagen hat sich bereits genug angesammelt, um einigermaßen zurechtzukommen. Ein riesiger Vorteil gegenüber der Türkei. Ansonsten ist man hier nicht besonders gut auf Russland zu sprechen, das als eine der wenigen Nationen die autonomen Gebiete im Norden Georgiens, Abchasien und Südossetien, anerkannt und unterstützt hat. De Fakto ist Georgien um einiges kleiner, als auf den Landkarten zu sehen ist.

Fruchtbrot (Nasuki) Verkäufer

Fruchtbrot (Nasuki) Verkäufer

Auch die Menschen hier sind völlig anders. Meine Erfahrungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Service und die Freundlichkeit in Cafes und Hotels ist teilweise derart unterhalb jeglichen Maßstabes, dass es mir manchmal einfach die Sprache verschlägt. Wenn die Kellnerin kommt und mit einer Geste und der zugehörigen Handbewegung ausdrückt “Also willste nun was bestellen oder nich?” oder der Hotelangestellte lieber fern sieht, als mir ein Zimmer zu geben und dann weiter sitzend den Schlüssel so hinhält, dass ich ihn ihm weit über die Theke lehnend aus der Hand nehmen muss, hilft es nicht gerade, um sich willkommen zu fühlen. Auf der anderen Seite habe ich einzigartige, herzensgute und gastfreundliche Menschen getroffen, die selbst meine besten Erfahrungen in der Türkei in den Schatten stellen. Ähnlich verhält es sich mit Leuten auf der Straße bei Fahrpausen. Es gibt den typischen, lässigen, fast immer große Sonnenbrillen tragenden Mann, der mich bewegungslos, abschätzend beobachtet. “Bisnis” steht ihm ins Gesicht geschrieben und ich bin zwar ungewöhnlich, aber letztlich uninteressant. In ländlicheren Gegenden verhält es sich meist anders. Leute kommen interessiert und stellen die üblichen Fragen, “Wie schnell fährt das Motorrad?”  und “Wieviel kostet es?”, klopfen mit auf die Schukter und wünschen mir gute Fahrt.

Batumi

Batumi

Fährt man an der Küste aus der Türkei kommend nach Georgien, kommt man nicht umhin in Batumi Halt zu machen. Ein süßes, sich in dynamischer Entwicklung befindendes Städtchen, dass ich auf Anhieb mag. Da Unterkünfte in Georgien tendenziell teurer sind, verbringe ich die Nacht in einem Hostel (als einziger Gast) und geniesse zusammen mit Kim (Kanada), die ich bereits in Yusufeli getroffen hatte und zufällig hier wiedertraf, das Stadtleben und die neue Kultur. Meine freundliche Hostelleiterin sagt mir, ich kann unmöglich Georgien verlassen, ohne Swanetien, eine schwer zugängliche Gebirgsgegend im Norden, gesehen zu haben. Ich höre das nicht zum ersten Mal und entscheide mich, den Umweg zu fahren, wie sich herausstellen sollte, eine der besten Entscheidungen meiner Reise bisher.

Auf der Fahrt tiefer und tiefer in die Berge, sind es, neben dem deutlich aggressiveren Verkehr hier, vor allem die Tiere auf der Straße, die höchste Aufmerksamkeit fordern. Kühe, Ziegen, Pferde und Hunde bevölkern zu Hunderten die Straßen. Bei einer Einfahrt in einen der nicht beleuchteten Tunnel auf dem Weg nach Mestia, sehe ich kurz vor Tunneleintritt zwei Silhouetten am Ende des Tunnels. Da man aus dem Licht kommend, so gut wie nichts sieht, fahre ich entsprechend vorsichtig und stosse auf eine Kuh und einen Hund, die in absoluter Finsternis gemächlich auf meiner Spur dem Tunnelausgang entgegen laufen. Super gefährlich! Zwei Tunnel später liegt ein ausgewachsenes, totes Pferd am Fahrbahnrand. Kühe sind im Allgemeinen sehr friedlich und lassen sich durch nichts stören, man fährt einfach im Slalom um sie herum. Aber die Hunde… Für viele der in den Dörfern lebenden Hunde muss ich so etwas wie die Inkarnation des Bösen darstellen. Mit fletschenden Zähnen und maximaler Aggressivität stürzen sie auf die Straße, um mich anzubellen, als gelte es ihre gesamte Rasse vor dem Untergang zu verteidigen. Hunde die bellen, beißen nicht, sagt man, aber wenn man sieht und hört mit welch infernalischer Getriebenheit sie auf einen zukommen, will man sich nicht darauf verlassen.  Meist gebe ich etwas mehr Gas, fliege vorbei und habe sie nach etwa 20 bis 30 Metern abgeschüttelt. Bei einer dieser Begegnungen mit einem besonders großen Exemplar, dass ich schon aus einiger Entfernung wie einen Pfeil habe heranfliegen sehen, ist die Straße vor mir jedoch tief von Matsch und Spurrillen zerfurcht. Die Angst vor dem Hund siegt intuitiv gegen die Angst vor dem Matsch und ich gebe in die Schikane hinein Gas, das Viech direkt auf den Fersen. Ich schlingere und eiere von einem Straßenrand zum Anderen und verliere fast die Kontrolle, kann mich aber gerade so fangen und komme mit aufgeregt pumpender Pulsader im Hals davon. So nah an einem Sturz war ich auf dieser Fahrt noch nicht. Mistviecher! Ich habe schon einen richtigen Hass entwickelt.

Uschguli

Uschguli

Uschguli, der höchste ganzjährig bewohnte Ort Europas ist das lohnenswerte Ziel meines Umwegs. Beindruckend schön liegt er auf 2100 Metern Höhe am Fuße des Shkharas (5086m), gekennzeichnet durch die markanten Schutztürme der Swanetier. Ich sitze eine lange Zeit auf einer Wiese und beobachte das dörfliche, größtenteils handarbeitliche Treiben. Kartoffeln werden geerntet und Heu für die Kühe im Winter gesammelt. Gesund und kräftig sehen die Menschen hier aus und dass trotz der widrigen klimatischen Bedingungen. Auch ohne Hospitäler oder Ärzte in der Nähe erreichen sie ein sehr hohes Alter. Der Bach plätschert, die Bäume rascheln, ein Lüftchen bringt hin und wieder die Geräusche von Kindern oder Ackerarbeit herüber, Schweinefamilien trotten quiekend vorbei, ein Reiter gallopiert durchs Tal, überall an den Hängen grasen frei laufende Kühe, Schneegipfel ragen im Horizont über mir auf und die Sonne scheint mir warm ins Gesicht. Ich will mich gar nicht mehr wegbewegen, so schön ist es hier. Ich spüre einen tiefen inneren Frieden in mir und ein Lächeln huscht mir übers Gesicht. Ich bin glücklich.

Oma beim Brot machen

Oma beim Brot machen

Man kann hier lediglich bei Gastfamilien unterkommen und unter sehr einfachen Verhältnissen erhalte ich für eine Nacht direkten Einblick ins dörfliche Leben. Die Bettdecke schwer wie Blei, ein Bretterbudenklo mit Loch über dem Bach, das Nachts geradezu brutal kalt ist, ein kleiner Schwarzweißfernseher in einem Zimmer mit Bett und Küchentisch und eisernem Holzofen sind einige Eindrücke. Mit Bratkartoffeln, Tomaten, Ziegenkäse, Brot und Schaschka (einer Art Schnaps) als Abendbrot bin ich mehr als zufrieden und fühle mich herzlichst aufgenommen. Zusammen mit dem Vater der Familie leeren wir die gesamte (kleine) Flasche und trinken auf alles was uns einfällt, auf uns, auf Georgien und Deutschland, auf die Familie und die Eltern, auf die guten Menschen und am Ende sogar auf Merkel. Nach einer Flasche guckt man nicht mehr so genau hin :) . Währenddessen knetet die steinalt aussehende Oma Teig für das morgige Brot und das Fernsehen hört gar nicht mehr auf immer wieder Sarkozy bei seinem Besuch in Tiflis zu zeigen. Zu Europa wollen sie gehören die Georgier und ein französicher Staatspräsident im Lande ist ein große Sache. Am Morgen gibt es klare Brühe mit Rinderfleisch und ich lege ohne geringstes schlechtes Gewissen mein Vegetariertum für eine Speise ab.

Zagar Pass 2

Zagar Pass 2

Da ich es über allen Maßen nicht leiden kann, gleiche Wege zurückzufahren, entscheide ich mich den langen, kaum genutzten Weg über die Berge Richtung Osten zu nehmen. Mit Knaksen durchfahre ich die eisbedeckten Pfützen in den Straßenmulden und erlebe bei der Passüberquerung auf 2600 Meter in völliger Einsamkeit und umgeben von Schneegipfeln eine landschaftlich atemberaubende Bergwelt. Es kostet mich einen gesamten Tag, um die 150 Kilometer Bergwege zurück ins Tal zu bewältigen, aber die Anstregung war es allemal Wert.

Nach all den Highlights treffe ich in Kutaisi bei teuren Hotels, miserabelsten Service und einem geradezu grottenschlechten Frühstück mit ganzer Kraft auf die nüchterne Realität und reise schleunigst Richtig Tiflis (Tbilisi), meiner letzten Station in Georgien ab.

Hier finde ich eine der schönsten Übernachtungsmöglichkeiten (SkadaVeli) bisher. Irakli der Betreiber ist eine immens sprudelnde lokale Wissensquelle und derart zuvorkommend und hilfreich, dass ich mich entscheide 3 Tage hierzubleiben, die Stadt zu geniessen und von den vielen leckeren Speisen zu kosten, die es hier in Georgien gibt. Ach und erst der Wein (der Weltbeste sage die Georgier :) ) und und und. Ich sehe schon, ich hab wieder viel zu viel getippt und noch nicht einmal von dem Ukrainer auf der Tenere erzählt, Kim dem Koreaner, John dem Ami und Kita der Polin, den fehlenden Stoßstangen, den Fruchtbrotständen (Nasuki) am Straßenrand, der Batumi Jazzband im Hostel oder dem Musikfestval in Tiflis. Zu viel gibt es zu berichten. Georgien allein ist natürlich einen ganzen Urlaub wert, wie soll man das schon in einen Beitrag quetschen. Ab übermorgen gehts vermutlich etwas zügiger durch Armenien… naja warten wir mal ab wie zügig ;) .

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