Wer Lust hat, mehr von meiner Fahrt durch Afrika zu sehen und zu hören, der ist eingeladen, mir bei einem Bilderabend Gesellschaft zu leisten.

Ich freue mich sehr darauf, am Freitag, den 25.09.09 um 21:00 Uhr im L.U.X Berlin die Gelegenheit zu haben, euch eine Auswahl unserer Bilder zu präsentieren, meine Erinnerungen herauszukramen und euch, diesmal auch verbal, einen näheren Eindruck vom Afrika, wie ich es erleben durfte, zu vermittlen.

Vielen Dank ans L.U.X. – Team, das mir die wunderbare Örtlichkeit an diesem Abend zur Verfügung stellt!

Bis bald,
euer migo.

Kongo

In nur 15 Stunden hat mich ein Flieger über eine Strecke getragen, für die ich 5 Monate auf dem Landweg benötigt habe, auf einem Weg so vielseitig und weit, dass ich ihn nicht als Ganzes im Kopf halten kann. 5 Monate in denen ich nahezu täglich Eindrücke aufgenommen habe, die sich über dem Maß des für mich Gewöhnlichen einordnen und die sich Erlebnis für Erlebnis in meinem Gedächtnis verewigt haben. Mit einer Mischung aus Melancholie, Stolz, Befriedigung und Glück denke ich an den ersten Tag zurück, an meine Abfahrt im nasskalten Berlin und die erste Etappe nach Aachen. Dann an den zweiten Tag, den dritten usw. und ich stelle fasziniert fest, dass ich mich bis zu meiner Ankunft in Kapstadt an nahezu jeden Tag dazwischen erinnern kann. Ich stehe am Kap der guten Hoffnung und schaue nach Norden, der Kontinent ragt quasi über mir auf und ist prall gefüllt mit den Erlebnissen der bei weitem außergewöhnlichsten Reise meines Lebens.

Von Marokko bis Südafrika zeigt Afrika viele, teils völlig verschiedene Gesichter und in einigen Beiträgen habe ich darauf hingewiesen wie stark sich Leben und Leute verändern, sobald man Grenzen überquert. Von den Berbern in Marokko, über die Sandwüsten in Mauretanien, der Musik Malis, der Lebensfreude Ghanas, dem Wahnsinn in Nigeria, dem Dschungel in Gabon, den Strassenwüsten in Kongo und der Aufbruchstimmung Angolas bis hin zu den entwickelten, westlichen Ländern Namibia und Südafrika ist Afrika so reich an verschiedenen Eindrücken, dass man sie kaum zusammenfassend beschreiben kann. Während man in Ghana den Eindruck einer gesunden Entwicklung erhält und Fortschritt spüren kann, scheint im Kongo nahezu alles stillzustehen. Während man im sprudelnden Nigeria das Gefühl hat, das Land hektet einem Herzinfarkt entgegen, scheinen in Mauretanien die Uhren langsamer zu laufen. Von Wüste zu Regenwald, Islam zu Christentum, Demokratie zu Diktatur, von urbaner moderner Ballung zu entlegensten, traditionellen Dörfern, von schillerndem Luxus zu erschreckender Armut – Afrika ist ein buntes Kaleidoskop. Gibt es dennoch Gemeinsames?

Afrika Lächeln

Es ist nicht einfach festzuhalten, dass typische afrikanische Lächeln. Mark hat eines in diesem Bild im Land der Dogon in Mali eingefangen.

Die oft erwähnte Freundlichkeit der Menschen ist eine Gemeinsamkeit. Unkenrufen zum Trotz, sind wir nicht durch Länder gekommen in den wir uns nicht willkommen gefühlt hätten, in denen uns die Menschen mit Missgunst oder Abneigung begegnet wären. Das ehrliche und von Herzen kommende afrikanische Lächeln, gesehen auf tausenden Gesichtern im ganzen Kontinent, so offen und frei von Künstlichkeit, gehört für mich zweifelsfrei zu den intensivsten Erfahrungen. Nichts beeinflusst die tägliche Stimmung mehr, als das durchs Lächeln vermittelte Gefühl willkommen zu sein. Würde man Afrika in einem Bild festhalten wollen, so müsste es das Lächeln einer der vielen Menschen sein, die einem täglich auf dem Weg begegnen. Afrika sind vor allem auch Kinder. 44% der Bevölkerung südlich der Sahara sind 15 Jahre oder jünger und es sind immer die Jüngsten, die zuerst angerannt kommen, eine Traube um uns bilden und uns neugierig bestaunen. Häufig sieht man sich in Läden, auf Tankstellen und Strassen oder Märkten um und stellt fest, dass ein Großteil der Arbeiten von Kindern verrichtet werden. Die Mütter sind jung und die Generationenfolge ist hier schneller und trotz erschreckend hoher Kindersterberaten hat Afrika das größte Bevölkerungswachstum weltweit. Würde man Afrika in einem Geräusch festhalten, so müsste es das Schreien spielender Kinder sein.

Wir drei am Ende des vermutlich schwierigsten Tages der Reise, der Schlammschlacht im Kongo. Ein unvergesslicher Moment für uns alle.

Wir drei am Ende des vermutlich schwierigsten Tages der Reise, der Schlammschlacht im Kongo. Ein unvergesslicher Moment für uns alle.

Natürlich gehören zu meinem Afrika auch meine Abenteuermotorradfahrerkollegen Geoff, Mark und im ersten Teil der Reise Peter. Ohne uns zu kennen aber mit einer gemeinsamen Mission im Herzen, haben wir uns auf eine Reise begeben, die uns eng zusammenschweissen sollte. Wir sind so verschieden, wie man es nur sein kann und ohne die gemeinsame Leidenschaft für Reise und Motorrad hätten wir vermutlich nicht zueinander gefunden oder wären zusammen geblieben. Doch in unserer Unterschiedlichkeit ergaben wir ein funktionierendes Team, das in schwierigeren Etappen zusammenhielt, auch wenn es nicht immer reibungsfrei war. Wir haben von den Anderen gelernt und auch profitiert. Der reiseerfahrene Mark hat die nötige Ruhe gewahrt und erfolgreich ein allzuschnelles Durchqueren verhindert und auch wenn sich Geoff und ich nahezu täglich über Marks Trödelei beschwert haben, haben wir Afrika dadurch letztlich intensiver erlebt. Geoff, unser Teamplayer, hat die Gruppe immer wieder zusammengehalten und zusammengebracht, auch wenn er den Zusammenhalt als sehr dominanter und lauter Charakter gleichzeitig hin und wieder auf die Probe gestellt hat. Von beiden habe ich in den zahlreichen von Bier begleiteten Fachsimpeleien viel übers Motorrad gelernt und immer wieder von deren technischen Verstand profitiert. Ich denke ich war in einiger Hinsicht ein wichtiges Bindeglied für unseren Zusammenhalt und habe die anderen durch meine Freude an der Navigation etwas sorgenfreier und entspannter durch Afrika geführt. Dennoch war es wichtig und gesund hin und wieder der Gruppe zu entfliehen und Afrika auf ganz eigene, individuelle Weise zu entdecken, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Heute teilen wir einige der intensivsten Erfahrungen unseres Lebens und finden in den Anderen die wahrlich einzigen, die wirklich wissen, wie es war, damals auf dem Motorrad in Afrika. Der Anblick von Mark und Geoff, von hinten gesehen auf dem Motorrad sitzend, hat sich für immer in meine Erinnerungen eingebrannt. Ein vertrauter Anblick in der immer wechselnden, fremden Welt. Danke Jungs, dass ihr da wart!

ktmIch kann diesen Beitrag nicht schreiben, ohne meiner wichtigsten Begleitung, der KTM, einige Worte zu widmen. Wir waren nicht immer gute Freunde auf dem Weg, aber im Grunde hat sie mich nicht vor unlösbare Probleme gestellt. Wenn allerdings der gesammte Erfolg der Reise am zuverlässigen Funktionieren des Motorrades hängt, wird man schonmal etwas hysterisch, wenn man irgendwo weitab und allein mit einen Problem festsitzt, dass die Weiterfahrt bedroht. Die Konsequenzen eines Ausfalls sind fatal für die Reise und die Reise war in diesen 6 Monaten mein Leben. Sie hat ein paar Schwächen, die man kennen sollte, wenn man sich mit ihr auf eine derartige Reise wagt, aber solange sie brav unter einem schnurrt, ist sie aus meiner Sicht das Beste was man auf zwei Rädern bewegen kann. Nach 29350 Kilometer inniger Beziehung, habe ich die Liebe für mein schwarzes Biest nicht verloren und bin heute sensibilisiert fuer jedes Verhalten und jedes Geräusch. Viel Spass hat sie mir bereitet und auf den anspruchsvollen Etappen habe ich viel dazugelernt. Sie ist gross und schwer, aber mit einem Fahrwerk ausgestattet, dass über allem erhaben ist und mit nur 3 Stürzen und 5 Umkippern habe ich weit seltener als meine Mitreiter die Kiste aus der Horizontalen befreien müssen. Das ist dann allerdings zugegeben kein Spass mehr. Würde ich sie wieder mit auf die nächste Reise nehmen? Ja, ich denke schon.

Die Fahrt hat mich tief in den schwarzen Kontinent hineingezogen und mich dabei vollkommen in Anspruch genommen. Abseits der Dinge des Alltags, die uns jeden Tag beschäftigen und deren Vielzahl uns häufig vom eigentlichen Leben ablenken, durfte ich es für mehrere Monate geniessen meine Aufmerksamkeit sehr wenigen aber grundlegenden Dingen zu widmen. Das Motorrad muss fahren, ich muss essen und irgendwo schlafen. “Ride, Eat, Sleep, Repeat” stand passend auf Geoffs Tshirt und eingebettet in diesem sich immer wieder auf neue Weise wiederholenden Zyklus, vergesse ich die Welt ausserhalb meiner Reise. Ich bin hier und Afrika ist mein Leben, meine einzige Realität, weitab von Finanzkrise und Rezession, Terminen und Werbeflut. Ich bin fernab von der Qual der Auswahl und dem unüberschaubaren Angebot unserer konsumorientierten Welt. Doch in der Reduzierung meiner täglichen Tätigkeiten auf ein Minimum, entdecke ich mehr Leben und ein weitaus stärkeres Gefühl des Erfülltseins am Ende des Tages, als in meinem so reichhaltigen Zurückgelassenen. Ich nehme das Wenige intensiver und ablenkungsfreier wahr. Auf einer Fahrt über eine anspruchsvolle Piste gibt es in meiner Welt nur noch die Strasse, das Motorrad und mich. Jeder Gedanke und jeder Muskel dient nur einem Zweck. Es wirkt reinigend und befreiend.

Das Wenige lässt Raum für Zusätzliches und schafft Platz, dem Unerwarteten Zeit einzuräumen. In Afrika gibt es kein “Du ich kann grad nicht, weil ich muss noch..”, oder ein “Ich würde gerne, aber”, denn man hat immer die Zeit für einen Austausch, Zeit für den Anderen. Der Grund ist nicht das Fehlen wichtiger zu erledigender Dinge, im Umfeld eines jeden gibt es Dinge von grosser Bedeutung und Ziele die man erreichen will, sondern das Priorisieren des Sozialen, oft Familiären, gegenüber Individuellem, vor allem aber gegenüber einer ablaufenden Zeit. Wie es Kapuscinski so wunderbar herausgestellt hat, in unserer westlichen Welt, läuft Zeit ab, in Afrika nimmt man sich Zeit, man erschafft die Zeit die nötig ist. Dinge brauchen so lange Sie brauchen, während bei uns die Dinge so lange brauchen müssen, wie wir für sie einplanen, ein ständiger Wettlauf gegen eine tickende Uhr. Es hat etwas länger gedauert, bis ich mich auf den Rhythmus Afrikas eingestellt hatte. Die “Du ich kann grad nicht, weil ich muss noch..”-Einstellung erwies sich als fest verankert. Doch man muss viel weniger als man denkt.

Der Tag bietet Gelegenheiten jenseits von Müssen und Plänen und Zeitfenstern und häufig versteckt sich das eigentliche Leben genau hinter diesen Gelegenheiten. Ich spreche dabei nicht unbedingt von Gelegenheiten, die bei Ergreifung eine grosse persönliche Bereicherung ergeben, sondern von den vielen kleinen Möglichkeiten etwas Positives zu hinterlassen oder zu erfahren. Ein Lächeln, ein Händedruck, eine Aufmerksamkeit, eine Interessensbekundigung, ein Kompliment, ein Gedankenaustausch der den Anderen anregt, etwas hinterlässt, eine freundliche Geste, das Ausdrücken von Respekt. Hierzu ein typisches Beispiel aus meiner nahezu täglichen Erfahrung.

Ich fahre übers Land und hin und wieder durch kleine Dörfer, die häufig nur aus einer Aufreihung einfacher Häuschen am Strassenrand bestehen. Ich bin angehalten mein Tempo auf langsame 50 km/h zu reduzieren. Nach der flotten Überlandfahrt fühlt sich die Geschwindigkeit scheinbar unerträglich langsam an. Wir haben ein Tagesziel und je eher wir es erreichen, desto entspannter können wir den Abend geniessen, also fahre ich nur bedingt langsamer. In der zügigen Durchfahrt sehe ich die zum Strassenrand rennenden und winkenden Kinder zu spät und kann nicht mehr auf sie reagieren. Ich muss mich darauf konzentrieren, keine Tiere zu überfahren und sehe konzentriert und etwas grimmig aus. Die unter einem Baum sitzenden Älteren beobachten mich interessiert aber etwas skeptisch. 30 Sekunden später verlasse ich das Dorf. Ich hinterlasse enttäuschte Kinder, die eine Art Supermann vorbeifahren sehen, der sie ignoriert hat. Der Aufregung folgt Ernüchterung. Ich hinterlasse auch ein Dorf verärgerter Älterer, die meine Ankunft etwas weniger enthusiastisch wahrnehmen und eher um ihre Kinder besorgt sind, die durch die häufig zu schnell fahrenden Fahrzeuge gefährdet sind. In Deutschland käme noch der Lärmaspekt hinzu, aber in Afrika wird Lärm im Grunde genommen nicht als etwas Negatives wahrgenommen.
Bei einer Durchfahrt mit 50 km/h sehe ich die Kinder kommen, ich lächele (erstaunlicherweise kann man sehr deutlich erkennen, ob man unter dem Helm lächelt oder nicht) und winke zurück. Neben Details wie den am Strassenrand angebotenen Waren oder den Maniok stampfenden Frauen sehe ich jetzt auch die Älteren unter dem Baum und winke ihnen ebenfalls zu. Diese wechseln von ihrer abwartenden, beobachtenden Haltung zu einem gemeinsamen, einladenden Lächeln und winken ebenfalls. Eine Minute später verlasse ich das Dorf.  Ich zeige Respekt, Aufmerksamkeit, eine freundliche Gesinnung und Anstand und nehme eine grössere Vielzahl von Details wahr, wofür ich doch eigentlich überhaupt hier bin. Alle Beteiligten nehmen aus dieser kurzen Begebenheit ein kleines, positives Gefühl mit. Ich muss zweimal häufiger schalten und komme abends 30 Sekunden später an.

Man könnte das Beispiel noch weiterführen. Aufgrund der Beschwerden der Dorfbewohner über zu schnelle Fahrzeuge werden später hohe Bodenschwellen im ganzen Ort installiert. Von nun an wird jeder Motorradfahrer bei der Durchfahrt geschüttelt und ist genervt. Jede Bodenschwelle ist auf unbestimmte Zeit eine kleines Ärgernis. Noch weiter gedacht erhöhen sich durch das ständige Beschleunigen zwischen den Bodenschwellen die Benzinkosten, die grössere mechanische Beanspruchung verringert die Haltbarkeit des Motorrades und der Fahrer beansprucht seinen Rücken stärker, was wiederum zu Problemen im Alter führen kann. Je weiter man denkt, desto weniger darf man natürlich die Durchfahrt als isoliertes Ereignis betrachten. Tausende zu schnell fahrende Motorräder beeinflussen die Einstellung der Dorfbewohner und wiederum nur viele tausende Bodenschwellen beeinflussen messbar den Benzinverbrauch oder die Haltbarkeit von Mensch und Maschine.

Ob dass das Richtige war? - Geoff bei seiner Lieblingsbeschäftigung

Ob ich hier das Richtige mache? - Geoff bei seiner Lieblingsbeschäftigung

Was will ich damit sagen? Man befindet sich tagtäglich in permanenter Interaktion mit seiner Umwelt und jede Aktion hinterlässt eine Wirkung, wenn auch häufig nur eine sehr kleine, kaum wahrnehmbare. Wie gehe ich mit meiner Umwelt um und mit welcher Verhaltensweise will ich mich identifizieren. Man definiert sich mit jeder Handlung und setzt ein kleines, winziges Zeichen. Wir suchen nach einem für uns direkt messbarem Ergebnis unserer individuellen Handlungen, aber es sind vor allem die zahllosen kleinen Gesten aller, die in der Summe unser Miteinander ausmachen. Meist reicht es aus in sich zu gehen und zu fragen, was das Richtige ist. Das Richtige ist häufig leider nicht das Einfache oder Bequeme, doch auch etwas nicht zu tun ist eine Haltung und Zusehen ein Standpunkt. Natürlich kann ich mich nicht mit jedem Strassenverkäufer (um diesen Beitrag wieder zurück nach Afrika und zu meiner Reise zu lenken) darüber erklärend auseinandersetzen, warum ich ihm leider nicht seinen Schmuck oder die Masken abkaufen kann, doch die Bereitschaft dazu wird mich in den meisten Fällen zu einem respektvollen Umgang bewegen, statt einfach ignorant und gestört wegzusehen.

Ich blicke heute über Afrika zurück und frage mich, was von meiner Reise übrig geblieben ist, für mich und für andere. Ich selbst fühle mich nach diesem Rausch von Impressionen und Erlebnissen erstaunlich leer und wurzellos, aber auch rein und frei. Einige hören von meiner Reise und denken ich komme inspiriert zurück nach Hause, voller neuer Ideen und Vorhaben. Doch ich habe schnell bemerkt, dass ich Afrika viel intensiver erlebe, wenn ich mich auf das hier und jetzt konzentriere, statt auf das Übermorgen. Afrika hat mir keine konkreten Vorschläge für mein Leben danach gemacht, aber es hat mich auf tieferer Ebene beeinflusst und sicher verändert. Dazu gehört mehr Offenheit gegenüber Anderem und Neuem, ein sensibleres Gespür was für mich wichtig ist und was zählt, mehr Flexibilität, vor allem aber eine grössere Ruhe gegenüber all den kleinen und grossen Ereignissen des Tages, die sich unvorhergesehen und scheinbar störend in den Weg stellen. Ein Tag der perfekt nach Plan abläuft ist leer und karg, es sind die Überraschungen und Ungewöhnlichkeiten, die man abends seinem Liebsten oder besten Freund mitteilt. Was hätte ich erlebt und gelernt, wenn ich in diesem Blog nur über Abreise von, Ankunft in, Essen dort, Abreise von… geschrieben hätte? Hättet ihr mitgelesen? Ohne einen Plan und den Blick auf das Morgen wäre ich sicher nicht in Kapstadt angekommen, aber jedem Tag genügend Raum für eine Entwicklung jenseits des Planes zu geben und das Unerwartete willkommen zu heissen, statt es zu bekämpfen, war die wahre Bereicherung der Reise. “If you take a journey, dont take the trip but let the trip take you”, hat ein Freund von Mark sehr passend dazu gesagt.

Jenseits einer persönlichen Entwicklung denke ich auch bei anderen etwas hinterlassen zu haben. Ich hoffe bei den vielen Menschen die ich auf dem Weg treffen durfte, durch kurzen Blickkontakt auf dem Motorrad oder bei längeren Gesprächen, als kleiner Botschafter einer entfernten Welt etwas Positives bewirkt zu haben und dem Bild des weissen Mannes aus dem meist idealisiert gelobten Europa eine persönliche und natürliche Note gegeben zu haben. Wir sind keine Superhelden, sondern essen, schlafen und lieben genauso wie wir Wasser zum kochen benutzen. “Was esst ihr denn?” war eine sehr typische Frage, wenn wir umringt von einheimischen Dorfbewohnern eine Pause gemacht haben. “Das gleiche wie ihr. Das was auf dem Markt angeboten wird.” – manchmal reduziert sich die Botschaft auf das Fundamentalste. Dennoch waren wir Vorbilder, sogar Idole und der Stoff aus dem Träume sind. Für viele war unsere Mission jenseits des Vorstellbaren und allein unsere Gegenwart ein Höhepunkt. Am unvergesslichen Abend in Bodom, Ghana wurden wir sogar Teil der übermittelten Geschichte des Dorfes. Die Aufregung und die Begeisterung in den Augen der mich umringenden Kinder werde ich immer in Erinnerung behalten. Ich hoffe unser Auftreten hat etwas aufgeklärt und inspiriert und vielleicht dem einen oder anderen die Motivation gegeben selbst eines Tages in die Ferne zu ziehen.

Zu guter Letzt hoffe ich natürlich auch für euch, die Leser, einen kleinen Beitrag geleistet zu haben und neben ein wenig Unterhaltung, für den einen oder anderen eine Anregung zu eigenen Unternehmungen geliefert zu haben. Es ist einfacher als man denkt. Das schwierigste der gesamten Reise, war der feste Entschluss loszufahren, das Bekannte zu verlassen, loszulassen. Die Hindernisse und Probleme auf dem Weg bewältigen sich dann fast wie von selbst. Ich erinnere mich sehr gut an das mulmige Gefühl über die Grenze nach Marokko zu fahren, den Schutz Europas hinter mir lassend. Ich fahre in eine Welt ohne Auffangnetz, während die meisten ihr Leben lang daran arbeiten, ihre Zukunft abzusichern. Doch man stellt sich nicht ohne Wasser mitten in die Wüste. Man ist umgeben vom Besten was Afrika zu bieten hat, seinen liebenswerten Bewohnern, die sich insbesondere durch Hilfsbereitschaft und der Fähigkeit zur Improvisation auszeichnen. Mehr Absicherung benötigt man nicht und nach meiner Erfahrung kommt selbst mitten in der Wüste jemand über den nächsten Hügel spaziert, bittet um eine Zigarette und kennt den Weg zur nahegelegenen Oase.

Ich blicke zurück über ein halbes Jahr in Afrika und schaue auf einen lebendigen, sprudelnden Teil meines Lebens. Afrika ist mir vertraut geworden. Es ist ein Teil von mir geworden und ich ein Teil Afrikas. Wenn ich in Berlin einem Afrikaner auf der Strasse begegne, muss ich intuitiv lächeln und will sagen “Hallo, hier bin ich, ich bin einer von euch.”, doch ich finde nicht das wunderbare afrikanische Lächeln, dass mir Afrika entgegengebracht hat. Retrospektiv fühlt sich die Fahrt nahezu wie ein gelesenes Buch über eine andere Person aus einer anderen Welt an. Ich schaue aus dem Fenster meiner Berliner Bleibe und die Erinnerungen an die Abenteuer der vergangenen Monate könnten auch aus einem langen Traum stammen, so irreal, so unvereinbar mit der mich hier umgebenden Realität scheinen sie mir. Ich werde oft gefragt “Erzähl, wie wars!?” und es fällt mir schwer zu antworten. Wo soll ich anfangen? Das Erzählen der vermeintlichen Höhepunkte vermittelt nicht das Gefühl in Afrika zu sein, auf sich allein gestellt, das Motorrad zwischen den Beinen und die Strasse im Blick, alles was man braucht in zwei kleinen Koffern verstaut, jeder Tag eine fremde Welt ohne Garantien, das Leben so hautnah, dass es eine Gänsehaut auslösst. Man muss es erleben, dabeisein und eintauchen. Wer sich vom  Ballast des Alltags befreit, den Komfort und die Bequemlichkeit abschüttelt und den Schritt ins unbekannte Fremde wagt, wird mit einer Erfahrung belohnt, die nie und nimmer den Entschluss in Frage stellt. Selten habe ich die Richtigkeit einer Entscheidung intensiver und überzeugter gespürt, als bei der Entscheidung für Afrika und wer sich mit ähnlichen Gedanken trägt, dem will ich wärmstens empfehlen, Zögere nicht und geh raus in die Welt.

end

Nach laengerer Pause melde ich mich aus dem Urlaub von meiner Reise zurueck. Zwei Wochen Botswanarundreise haben mich entgegen der gewohnten Reiserichtung wieder nach Norden bis Simbabwe gefuehrt und mich nun auch mit den Eindruecken belohnt, die man pauschal von Afrika am ehesten erwartet – mit einer wilden und vielfaeltigen Tierwelt.

Die KTM wurde in Windhoek bei Mikes Motocycles weitesgehend ueberholt und sollte fuer die letzte Tour auf ausschliesslich guten, asphaltierten Strassen geruestet sein. Die Reifen sind ein letztes mal gegen neue Strassenreifen ausgetauscht worden und selbst der defekte Daempfer konnte innerhalb von vier Tagen repariert werden, trotz Versand nach und Reparatur in Johannesburg. Ein Hoch auf die entwickelte, serviceorientierte Welt denke ich und starte Richtung Osten, durch die immer gleich aussehende Kalahari.

Trans Kalahari Highway

Trans Kalahari Highway

Um Freunde in Botswana zu besuchen und Chen abzuholen, meine wunderbare neue Reisebegleitung, die fuer den Ausflug durch Botswana als Sozia zur Abwechlung den Platz hinter mir einnehmen wird, fuehrt mich mein Weg zunaechst nach Gaborone. Trocken und trostlos verbindet man im allegemeinen mit Wuesten, aber am Ende der Regenzeit praesentiert sich mir die Kalahari, die den Grossteil der Flaeche Botswanas ausmacht, als gruene Vielfalt. Wiesen, Buesche, Straeucher und kleine Baeume praegen das Bild. Hunderte von weissen und gelben Schmetterlingen flattern ueber der Strasse und werden in grosser Anzahl von der KTM gefressen oder enden, grundsaetzlich immer auf den ersten Metern, als Fleck auf meinem frisch geputzten Visir. Flach ist es hier und keine Erhoehungen gewaehren mir einen weiten Blick ueber die endlos gleiche Landschaft. Der erste Berg auf dem Weg ist keiner. Es ist die groesste Diamantenmine Botswanas bei Jwaneng, die als aufgeschuetteter abgeflachter Berg bereits von weitem sichtbar ist. Das Geschaeft mit Diamanten ist das Rueckrat der Wirtschaft Botswanas und stellt neben Viehzucht und Tourismus die wichtigste Einnahmequelle dar.

Neben Schmetterlingen sind die ansonsten menschenleeren Strassen zahlreich von Ziegen, Kuehen, Pferden und besonders Esel besiedelt, die frei ueber die angrenzenden Wiesen und die Strasse streifen und daher eine entspannte Hochgeschwindigkeitsfahrt unmoeglich machen. Ich weiss nicht, wie die Kuehe und Ziegen halbwegs effektiv von ihren Besitzern zwecks gewinnbringender Verwertung eingesammelt werden, aber gluecklich sehen sie aus, wie sie unbehindert grasend ihres Weges ziehen und zur Mittagszeit gemeinsam unter den Baeumen ruhen. Das Rindflleisch soll hier besonders zart und lecker sein, was ich vollstens bestaetigen kann. Aber nicht nur domestiziertes Geviechzst gibt es, auch Paviane, Strausse und Schildkroeten schreckt man auf. Ansonsten bietet die Fahrt viel Zeit die Gedanken fliegen zu lassen oder ueber ulkig klingenden Ortsnamen auf den Strassenschildern, wie Molepolole oder Phuduhudu, zu laecheln.

Nata Bird Sanctuary

Nata Bird Sanctuary

Kleinere Modifikationen am Motorrad schaffen genug Platz fuer zwei Personen und minimales Gepaeck und nach kurzer Verschnaufpause in Phakalane bei Gaborone im wunderschoenen Haus unserer Freunde machen sich Chen und ich auf den Weg in den entfernten Norden Botswanas, nach Kasane zum Vierlaendereck zwischen Namibia, Sambia, Simbabwe und Botswana. Die Fahrt fuehrt uns vorbei an sogenannten Pfannen (Pans), flache, weitflaechige Ebenen, die in der Regenzeit, bzw. danach (jetzt), vollstaendig mit Wasser gefuellt sind und zahlreichen Voegeln ein ungestoertes Brutparadies bieten. Wir sehen Pelikane, (noch) weisse Flamingos, Riesentrappen (Kori Bustards), Loeffler (Spoonbills), Reiher, Ibis und viele andere, deren Namen mir laengst entfallen sind.

Elefanten im Schlamm

Elefanten im Schlamm

Ab Nata wird die Landschaft zunehmend wilder und afrikanischer. Ich kann die Tiervielfalt hinter den Baeumen foermlich spueren und verlangsame wachsam die Fahrt. In den noerdlichen Regionen Botswanas und dem angrenzenden Gebiet in Simbabwe leben etwa 45% aller Elefanten weltweit, 65000 davon allein im Chobe National Park und es dauert nicht lange, da beobachten wir gespannt auf dem Motorrad sitzend einen riesigen Dickhaeuter, der direkt am Strassenrand von den Baeumen nascht. Die Menge Wilgetiers, die wir in den kommenden Tagen zu sehen bekommen, ueberrascht uns immer wieder und waehrend wir noch unser Willkommensgetraenk in der wunderschoenen Chobe Marina Lodge in Kasane zu uns nehmen, beobachten wir eine grosse Affenfamilie, die, unbemerkt von einer Gruppe wuehlender Warzenschweine, durch die Baeume direkt an unserem Chalet vorbeizieht.

Nielpferde am Chobe Fluss

Nilpferde im Chobe Fluss

Kasane liegt direkt am Chobe Fluss, der die noerdliche Grenze des Nationalparks darstellt und nur wenige Minuten flussaufwaerts mit dem Boot befindet man sich bereits mitten unter Nilpferden, badenden Elefantenherden, Nilkrokodielen und Pavianen. Die Menge der Tiere und die Naehe zu ihnen ist ueberwaeltigend. Laut schmatzend laesst sich eine Gruppe Nilpferde nicht von unserer nahen Nachbarschafft im Boot vom Fressen abbringen und gewaehrt uns einen porentiefen Anblick auf die nicht ungefaehrlichen Kolosse. Unter der untergehenden Abendsonne, die die Landschaft in kraeftige, warme Farben taucht, beobachten wir Elefanten, die, nur den Ruessel an der Wasseroberflache haltend, an uns vorueberschwimmen, um sich auf der anderen Seite des Flusses gemeinschaftlich mit Schlamm zu beschmeissen. Die dadurch aufgetragene Schicht schuetzt vor Muecken. Selbst eine Elefantenhaut scheint gegen die Stechbiester nicht gewappnet zu sein.

chen vor den Vic Falls

Chen bei den Vic Falls

Ist man in Kasane, will man auch die nur 90 Kilometer entfernt liegenden Victoriafaelle nicht verpassen. Die groessten Wasserfaelle der Welt befinden sich an der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe und sind von beiden Laendern sichtbar. Wir entscheiden uns fuer die Simbabweseite, da man von hier aus einen besseren Blick haben soll und auch um einen kurzen Einblick in ein Land zu erhaschen, dass in letzter Vergangenheit nahezu ausschliesslich mit besorgniserregenden Meldungen in den Medien war. Der Grenzuebergang ist unproblematisch, lediglich Chen als Englaenderin muss etwas tiefer fuer das Visum in die Tasche greifen. Herr Mugabe ist nicht gerade bekannt fuer seine gute Beziehung zu den Inselbewohnern. Die Wasserfaelle stuerzen auf einer Laenge von 1700 Metern zwischen 80 und 108 Meter in die Tiefe. Auf der Simbabweseite kann man staunend und bis auf die Unterwaesche nasswerdend den groessten Teil der Faelle auf der gegenueberliegenden Seite ablaufen. Trotz meiner hohen Erwartungen, die sich seit meiner Kindheit be dem Namen Victoria Falls aufgebaut haben, enttaeuscht die wahre Erfahrung nicht. Die unvorstellbare Kraft des herabsturzenden Wassers kann man sehen, hoeren und auf der Haut spueren. In reissenden Stroemen stuerzt das Wasser auf der gewaltigen Laenge herab, verliert sich in undurchsichtiger Gischt und bildet unter der heissen Sonne Regenbogen.

Aber es sind nicht die Eindruecke der Wasserfaelle, die uns auf der Rueckfahrt beschaeftigen. Bereits waehrend wir in den gleichnamigen Ort Victoria Falls einfahren, sehen wir die Zeichen einer ruinierten Wirtschaft. Geschlossene Laeden, mit Zeitungspapier zugeklebte Fensterscheiben und geschlossene Tankstellen weisen selbst hier in der vielleicht touristischsten Ecke des Landes direkt an der Grenze auf die dramatische Lage im Land hin. Der Eintritt zu den Wasserfaellen kostet 50 Trillion Simbabwe Dollar, oder etwa 15 Euro. Die Hyperinflation hat die eigene Waehrung mittlerweile jedoch zur voelligen Nutzlosigkeit verkommen lassen. Simbabwe Dollar werden im allgemeinen nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert, erklaert uns ein Souvenierverkaeufer, waehrend er uns zu unserem Einkauf eine 100 Trillion Dollar Note, das ist eine 1 mit 14 Nullen, als Souvenier dazu gibt. Von einer Verkaeuferin erfahren wir spaeter, dass sie seit langem kein Geld mehr fuer ihre Arbeit bekommen hat und ihre Kinder nicht mehr zur Schule gehen, weil die Lehrer aufgrund ausbleibender Bezahlung nicht mehr unterrichten. Simbabwe hat eine Arbeitslosenrate von 90%, aber auch die wenigen die einen Job haben, sind von der hoffnungslosen Situation im Land betroffen. “Wir leiden hier” sagt sie und ich glaube ihr aufs Wort. Tief bewegt gebe ich ihr 3 Dollar Trinkgeld und sie sagt sie wird mich niemals vergessen, was ich ihr zwar diesmal nicht glaube, aber in Anbetracht der katastrophalen Lage handelt es sich fuer sie um ein kleines Vermoegen. Ich erfahre spaeter, dass selbst im angrenzenden Botswana der Mindesttageslohn bei nur etwa 3 Dollar liegt.
Wenige Meter entfernt, auf der Victoria Falls Grenzbruecke zwischen Sambia und Simbabwe, zahlt man 105 Dollar, um sich mit dem Bungeeseil in die Tiefe zu stuerzen.
Irgendwie haelt man sich aber ueber Wasser und bezieht Essen aus den Nachbarlaendern. In Kanye in Botswana treffe ich eine Kellnerin aus Simbabwe, die von ihrem geringen Lohn Grundnahrungsmittel, Reis, Mehl etc., kauft und einem Busfahrer mitgiebt, der sie zu ihrer Familie den langen Weg nach Harare bringt. Geld hilft hier nicht, es ist einfach nichts da, was man kaufen koennte. Bei Amtsantritt Mugabes, war das Land noch als die Kornkammer Afrikas bekannt, aber eine blinde und gewaltsame Umverteilung des Landeigentums fuehrte bald zum Kollaps. Ein Einwohner Malawis, den ich in Suedafrika treffe, erzaehlt mir, dass malawische Aerzte ihre Ausbildung frueher in spezialisierten Krankenhaeusern in Simbabwe abgeschlossen haben. Heute arbeiten Aerzte aus Simbabwe in Malawi, weil Hospitaeler geschlossen werden. Cholerakranke versuchen nach Suedafrika zu kommen, um sich dort behandeln zu lassen.
Tief in Gedanken versunken, versuchen wir auf unserer Rueckfahrt die Hoffnungslosikeit der Situation im Land zu verdauen. Mit welcher Perspektive waechst ein Kind derzeit in Simbabwe ohne Schulbildung auf? Der groesste Wasserfall der Welt, eines der sieben natuerlichen Weltwunder, ist angesichts des Elends weit in den Hintergrund gerueckt.

Okawango Delta aus der Luft

Okawango Delta aus der Luft

Ueber einen kleinen Umweg durch den Caprivi Streifen im Nordosten Namibias gelangen wir ins Okawango Delta, einem weitflaechigen Gebiet, in dem sich der Okawango Fluss in vielen tausend Flussarmen verliert, um letzlich ohne Muendung in der Kalahari zu versickern. Weite Gebiete des Deltas sind nicht mit dem Motorrad bzw. dem Auto zu erreichen und die Passierbarkeit der Wege ist waehrend der Regenzeit noch staerker eingeschraenkt. Wir lassen uns das Highlight Botswanas dennoch nicht entgehen, lassen das Motorrad stehen, steigen in eine 6-sitzige Cesna und lassen uns fernab jeglicher Strassen direkt in den Busch bringen. Die etwas grosszueger investierten Pulas (Botswanas Waehrung) belohnen uns mit einer ausserordentlich idylischen Unterbringung in traumhaften Zeltchalets im Little Kwara Camp, die keine Wuensche offen lassen. Im See vor dem Camp baden tagsueber Nilpferde, ein Elefant pflueckt die Blaetter vom Baum direkt neben unserer Terasse und eine Gruppe Paviane zieht vorbei. Am Ufer des Sees stehen Stoerche und Impalas und weiter in der Ferne ziehen Giraffen elegant ihres Weges. Nachts ist die Luft erfuellt von den zahllosen Geraeuschen des Busches, vereinzelt unterbrochen vom Roehren der Nilpferde, die jetzt in unmittelbarer Naehe am Land grasen. Es ist uns untersagt nachts die Zelte zu verlassen, aber wer wuerde dies in Anbetracht der Nachbarschaft von Nilpferden, Leoparden, Geparden und Loewen schon tun wollen. In einem adrenalinpumpenden Jagdkrimi beobachten wir Letztere ein ausgewachsenes Warzenschwein jagen, das nur mit Haaresbreite entkommt. Eine schoenere und reichere Buscherfahrung abseits vom Massentourismus der grossen Nationalparks kann ich mir nicht vorstellen.

kurz vor Kapstadt

kurz vor Kapstadt

Nachdem sich Chen wieder zurueck ins kalte Deutschland verabschiedet hat, begebe ich mich wieder allein auf meine letzte Etappe zum finalen Ziel. Mein Weg fuehrt mich suedlich direkt zur Kueste und von dort ueber die Sunshine Coast und Garden Route bis nach Kapstadt. Die Vielfalt und Dichte touristischer Highlights in Suedafrika ist erschlagend. In den 600 Nationalparks des Landes gibt es wenig, was man nicht sehen oder machen kann. Die wunderschoene Garden Route laedt ununterbrochen zum Anhalten ein. Elefanten-, Schlangen-, Voegel-, oder Affenparks – etliche Tiersorten haben hier ihren eigenen passend fuer den Touristen aufbereiteten Park. Mit fehlt jedoch die Ruhe mich den Attraktionen ausgiebig zu widmen. Geoff und Mark warten bereits in Kapstadt fuer ein letztes Abenteuermotorradfahrervereinigungstreffen und die Naehe Kapstadts zieht mich an. Jenseits der Angebote ist die Landschaft zwischen den aufragenden Bergen und der teils rauhen teils sandstrandigen Kueste ein Genuss. Besonders nach der Eintoenigkeit Botswanas kann man sich an den bergigen Kulissen kaum sattsehen und ich geniesse bewusst die offiziel letzten Kilometer meiner Reise.

Was sich in Namibia bereits andeutete ist in Suedafrika nach langjaehriger Apartheid unuebersehbar, der Schwarze ist degradiert zum Menschen zweiter Klasse. Vielleicht nehme ich die Auswirkungen intensiver wahr, nachdem ich viele Monate in Schwarzafrika verbracht habe und auf gleicher Augenhoehe mit den Einwohnern umgegangen bin. Allein die Separierung der Wohnviertel empfinde ich erschreckend, ja geradezu gruselig und abstossend. Jede Stadt hat etwas ausserhalb die sogenannten Townships, Barackensiedlungen, in denen die Schwarzen leben, die zum Arbeiten in die eigentlichen Staedte kommen, um den Weissen mit allen niedrigeren oder sagen wir weniger qualifizierten Arbeiten zu dienen. Die Townships vor Kapstadt ziehen sich kilometerweit hin und ich weiss nicht, wie man die Einfahrt in eine der zweifelsfrei schoensten Staedte der Welt uneingeschraenkt geniessen kann, ohne in den schaebigen Aussenbezirken beide Augen zuzumachen. Insbesondere in den laendlicheren Regionen spuere ich im Umgang zwischen den Weissen und Schwarzen eine klar Ueber- bzw. Unterordnung. Auf beiden Seiten sind die Auswirkungen der Apartheid so fest im Denken verankert, das sie auch nach dessen offizieller Abschaffung ueberdeutlich sichtbar sind. Trotzdem empfinde ich keinerlei negative Spannungen beim Umgang mit den Schwarzen. Ich werde immer ausserordentlich zuvorkommend behandelt, aber, wie ich es zumindest empfinde, mit einem Schuss Unterwuerfigkeit. Vielleicht ist es fuer viele Leser nicht direkt nachvollziehbar, aber ich schaeme mich hier in Suedafrika ein Weisser zu sein.

Suedafrika bereits im Fussballfieber -  das neue Green Point Stadium in Kapstadt

Suedafrika bereits im Fussballfieber - das neue Green Point Stadium in Kapstadt

Kapstadt hingegen empfinde ich trotz meiner hohen Erwartungen als aussergewoehnlich schoen. Insbesondere nachdem ich in Namibia, Botswana und auch Suedafrika in erster Linie Zweckstaedte ohne jeglichen Charm vorgefunden habe, deren Zentren im Grunde nur aus lieblosen Shoppingzentren bestehen, ist Kapstadt mit historischer Bausubstanz eine wahre Oase. Einzigartig ist natuerlich in erster Linie die grandiose Lage der Stadt entlang dem Tafelberg und den wunderschoenen Buchten mit zahlreichen Sandstraenden. Auf dem Weg durch die Stadt wird man immer wieder mit Blicken belohnt, die zum Innehalten und Geniessen einladen, ein wuerdiger Abschluss fuer eine in Berlin begonnene Reise. ;)

Ganz so schnell moechte ich meine Reisebeschreibungen an dieser Stelle allerdings noch nicht abschliessen. Gestattet mir noch einen letzten “Afrika – ein Rueckblick” Beitrag, bevor ich euch hoffentlich etwas inspiriert in eigene Welterkundungen entlasse.

Vielen Dank fuers Ausharren und bis zum naechsten, letzten Mal.

Unser Visum gestattet es uns Angola innerhalb von 5 Tagen zu durchqueren, wenig Zeit fuer das grosse Land und wir wollen keine Zeit bereits am ersten Tag verlieren und treffen um halb Acht am Grenzuebergang ein. Zusammen mit uns wollen auch noch eine deutsche Familie (5 in a box), Englaender und Niederlaender (alle in Allradfahrzeugen) an diesem Morgen die Grenze ueberqueren. Wir entschieden uns im letzen Moment fuer den Grenzuebergang in Matadi, statt den hauptsaechlich genutzten in Luvo etwa 80 Kilometer vor der Stadt. Die Strassenverhaeltnisse sind zwar absehbar schlechter, aber die Entfernung ist erheblich geringer. Mit der Versicherung der drei Allradfahrzeuge im Ruecken, die uns im schlimmsten Fall das Gepaeck abnehmen koennen, fuehlen wir uns ausreichend fuer den Notfall unterstuetzt. Unsere Erfahrung im Kongo hat uns etwas vorsichtiger gemacht und nichts waere frustrierender, als in einem Zeitfenster von nur fuenf Tagen im Morast steckenzubleiben.

Unsere fruehe Ankunft verhilft uns leider nicht zu einem fruehen Start. Bis alle Stempel zusammen mit den dazugehoerigen Personen eintreffen und alle Formalitaten erledigt sind, ist es elf Uhr. Die Strasse die uns erwartet ist technisch anspruchsvoll und wir kommen nur langsam voran. Tiefe und breite Laengsrillen, die offenbar das Wasser nach grossen Regenfaellen abtransportieren, erfordern sehr weitsichtiges Fahren und das steile Auf und Ab durch die Berge erschweren die Fahrt zusaetzlich. Mir ist voellig unklar, wie die drei hinter uns fahrenden Autos die schmalen Strassen bewaeltigen koennen und bis Heute ist mir Nichts ueber deren Verbleib zu Ohren gekommen. Uns aber macht es Spass die richtigen Fahrlinien zu finden und lediglich der Gedanke an die im Verhaeltnis zu Gesamtstrecke laecherlichen Kilometer, die wir zuruecklegen, daempfen die Freude ein wenig.

unser erste Abend in Angola

unser erste Abend in Angola

Landschaftlich ist Angola im Norden ein Genuss. Es ist gruen, huegelig und uebersaeht mit schwarzen Felsen. Weitreichende Blicke wechseln sich ab mit dichtem Wald. Ein alter Bekannter gesellt sich dazu. Der Affenbrotbaum, den wir in Unmengen in Senegal und Mali gesehen haben, taucht wieder auf und vermittelt mir ein Gefuehl des Durchquerens des Kontinents. Nach Wochen des Fahrens zu einer immer ueppigeren Vegetation lassen wir den gruenen Guertel zunehmend hinter uns und naehern uns wieder trockenen Gegenden. Der Affenbrotbaum ist der erste Bote und heisst uns auf der anderen Seite Afrikas willkommen. Ein Funken Melancholie stellt sich ein, denn statt immer Neuem, sich Steigerndem, ist der Affenbrotbaum eine Wiederholung, ein Zeichen fuer die Endlichkeit unseres Abenteuers.

Dorf in Nordangola

Dorf in Nordangola

Die Doerfer weisen einen voellig neuen und einheitlichen Charakter auf. Neben eine breite, trockene, steinharte und durch Rillen zerrissene Strasse ordnen sich wie aufgefaedelt aus gelben Lehmziegeln gebaute, kleine Haeuser an. Der Moertel zwischen den Ziegeln ist ausgespuelt und die Daecher bestehen aus Stroh. Strasse und Haeuser sind einheitlich Erdgelb. Die Strasse ist dicht besiedelt mit Ziegen, Huehnern und Hunden, die nur sehr widerwillig den Weg freigeben. Viel Durchgangsverkehr gibt es auch nicht und am ersten Tag sehen wir kein einziges Fahrzeug. Wir sind von weitem hoerbar und wenn wir im Dorf ankommen, stehen alle vor ihren Huetten und die Kinder rennen zur Strasse. Wir sind in Eile, halten kaum und fahren zuegig und jede Durchfahrt ist akkustisch gepraegt vom “aaaaaAAAHHHhhhhhh” der schreienden und jubelnden Kinder. Es wird das letzte Mal sein, das wir eine Begeisterung in diesem Ausmass bei der Bevoelkerung bewirken.

Warten auf Benzin

Warten auf Benzin

Die Benzinsituation in Angola ist eine Schilderung wert. Dass wir in Gegenden ohne groessere Orte oder Staedte auf Benzin unbekannter Qualitaet aus Flaschen angewiesen sind, ist nichts Neues mehr, aber dass wir auch in N’zeto der ersten groesseren Stadt auf unserem Weg durch Angola keine Tankstelle finden, ueberrascht uns doch gehoerig. Wo kommt das Benzin aus den Flaschen denn her und wer bringt es hierher? Die erste Tankstelle sehen wir dann spaeter kurz vor Luanda. Sie wird belagert von Hunderten von Autos, Moppeds und einer Unmenge von Menschen mit gelben Kanistern. Die Tankstelle ist kaum als solche erkennbar. Das Bild wiederholt sich und irgendwann sind auch wir gezwungen, uns ins bunte Treiben zu stuerzen. Fassungs- und Tatenlos parken wir in der Naehe der Autoschlangen und beobachten das Geschehen. Die Tanksaeulen sind umstellt von grossen gelben Kanistern, die auf ihre Befuellung warten. Jeder versucht sich irgendwie nach vorne zu draengen. Moppeds nutzen die kleinste Luecke auf dem Weg zur begehrten Zapfpistole. Die Autos bewegen sich in winzigen Schritten Zentimeter fuer Zentimeter ihrem Ziel entgegen. Kleine Minitransporter mit einer Ladeflaeche transportieren leere Kanister und uns wird klar, wie sich das Benzin in die entlegenen Regionen des Landes verteilt. Selbstorganisierte Distribution ueberlastet die wenigen vorhandenen Tankstellen und treibt den Benzinpreis jenseits der Tanksaeulen auf einen Preis ueber dem Doppelten des Originalen. Bei 40 Cent Ausgangspreis koennen wir damit aber immer noch ganz gut leben. Wir stehen eine Weile neben dem Geschehen und denken nicht im Traum daran, uns hinten anzustellen. Wir haben nur fuenf Tage und koennen es uns nicht leisten, Stunden auf eine Tankfuellung zu warten. Aus Gruenden die wir nicht hinterfragen, wird der Tankwart auf uns aufmerksam und laedt uns ein, direkt an den Anfang der Schlange zu kommen, vorbei an Autos, Moppeds und Kanistertraegern. Keiner beschwert sich im Geringsten und wir nehmen dankend an. Das ist es eben Afrika, es gibt immer eine Loesung, oft unerwartet und anders als man denkt.

In N’zeto verkuendet uns Mark, dass er sich totkrank fuehlt und unmoeglich weiterfahren kann. Wir suchen das naechstmoegliche Hotel auf und Mark verabschiedet sich ins Bett. Es ist Mittag und wir verlieren mindestens einen halben Tag, aber hoffen auf Marks Besserung bis zum naechsten Morgen. Die Durchquerung in fuenf Tagen ist nicht mehr zu schaffen. Waehrend Mark sich erholt, schlagen Geoff und ich die Zeit mit einigen Bieren tot und versuchen hoffnungslos, mit dem einen oder anderen Kontakt aufzunehmen. Die Landessprache ist Portugiesisch und die Sprachbarriere ist meist unueberwindlich. Im Norden des Landes trifft man den einen oder anderen der Franzoesisch spricht und im Sueden einige mit Englischkenntnissen, aber in der Regel zucken wir nur mit den Schultern und unsere Kommunikationsversuche bleiben fruchtlos. Wenigstens geht es Mark am kommenden Morgen etwas besser und wir treten unsere Weiterfahrt mit reduziertem Tempo nach Luanda an.

Einfahrt in Luanda

Einfahrt in Luanda

Die ersten Eindruecke der Hauptstadt schockieren mich. In Stau, Smog und endlosen Lasterschlangen fahren wir im Schneckentempo dem Zentrum entgegen. Es ist trocken und sandig und man sieht Slums und Muell sprichwoertlich bis zum Horizont. Muellberge, zum Teil brennend, trennen die Strasse von der dramatischen Armut der Wellblechsiedlungen. Ich bekomme eine Gaensehaut. Eine trostlosere und schockierende Gegend habe ich in ganz Afrika nicht gesehen. Luanda im Zentrum ist der zum Himmel schreiende Gegensatz. Moderne Autos, Haeuser und Geschaefte und die deutliche Praesenz von Geld und Reichtum praegen das Bild. Ueberall wird gebaut und renoviert, die Stadt ist in Bewegung, im Aufbruch und nicht nur die Stadt, Angola, besonders im Sueden, ist im Umbruch. Des Oefteren habe ich bereits die Praesenz der Chinesen in Afrika erwaehnt, aber in Angola sind Chinesen bereits ein Teil der Bevoelkerung. Tausende sind im Land. China baut die Strassen, die Bahnlinien, die Hotels und die Stadien. China baut die Rohstoffe ab und der Anblick chinesischer Zeichen an Autos, Fabrikgelaenden und Baustellen ist Normalitaet. Wir erfahren spaeter, dass viele chinesische Arbeiter nicht einmal einen Pass haben und das aus gutem Grund, denn es handelt sich in der Regel um Haeftlinge, die durch ihren Arbeitseinsatz die Haftzeit verkuerzen. Auch gehen chinesische Ein- und Ausfuhren ohne den ueblichen buerokratischen Aufwand in kuerzester Zeit von Statten. China baut beinahe die komplette Infrastruktar Angolas zum Dumpingpreis. In nur drei Jahren sind praktisch alle Asphaltstrassen des Landes von Chinesen gebaut worden. Angola richtet den Basketball Afrikacup im Jahr 2010 aus und Chinesen baut alle notwendigen Stadien im Land.

Je weiter wir nach Sueden vordringen desto trockener und wuestenhafter wird das Land und gleichzeitig umso entwickelter und westlicher. Auf dem Weg zum Landesinneren und unserer letzten Station nach Lubango kommen wir auf eine ueber 1500 Meter hohe Hochebene. Das Land wird wieder gruen und die Temperaturen angenehm. Auf dem Weg zur Grenze werden wir nochmals mit Matsch und schwierigen Strassenverhaeltnissen konfrontiert, bis eine neue Strasse mit neuen Strassenschildern und den Entfernungsangaben bis zur Grenzstadt, Santa Clara, unsere letzte Offroadpiste abloest. Waherend ich mit 120 km/h am Ende des 6. Tages der Grenze entgegenfliege, kann ich mich nicht entscheiden ob ich lachen oder weinen soll. Unsere letzte Piste liegt hinter uns, der Weg nach Namibia ist sprichwoertlich geebnet und Nambia selbst ist ein anderes Afrika, ein gezaehmtes, westliches Afrika. Ich fuehle mich stolz und das Gefuehl etwas Besonderes erreicht zu haben stellt sich ein. Wir haben es geschafft. Wir sind so gut wie durch und das Abenteuer ist vorbei. Wars das schon? Ich will es nicht wahrhaben und schwanke emotional auf und ab, wie ein kleines Boot im grossen Ozean. Das Ziel kommt in greifbare Naehe und wieder wird mir bewusst, dass das Ziel nur die Motivation, der Weg aber das Erlebnis ist. Ohne Ziel gibt es aber keinen Weg und das Erreichen des Ziels ist nunmal Teil des Weges. Der Alltag umschliesst das Abenteuer und wuerde man nicht aus dem Alltag kommen und in den Alltag zurueckkehren, waere auch das Abenteuer nur ein Alltag.

Nach kurzen Verhandlungen an der Grenze ueber die Hoehe des Strafe fuers Ueberziehen des Visums stehen wir auf dem Boden Namibias. Alles ist anders hier. Nach ueber 4 Monaten in Afrika merke ich, wie sehr ich mich an afrikanische Verhaeltnisse gewoehnt habe. Das neue namibianische Afrika ueberwaeltigt mich beinahe genauso wie das Eintauchen in Afrika aus Europa kommend. Fuer den Leser duerfte es allerdings von geringem Interesse sein, meine Eindruecke hier zu beschreiben, denn fuer die meisten beschriebe ich lediglich gewoehnlichen Alltag. Es gibt fliessendes Wasser und zwar immer und noch unglaublicher, das Wasser ist sogar warm. Es gibt Strom ohne Ausfaelle. Nach Monaten sehe ich zum ersten Mal wieder eine Scheibe Kaese. Es gibt Geldautomaten an jeder Ecke, ich stecke meine EC-Karte rein und bekomme ohne Fehlermeldungen den gewuenschten Betrag ausgezahlt. Es gibt Speisekarten und das fantastischste ist, das man auch bestellen kann was draufsteht. Ich sehe andere weisse Menschen und nicht wenige. Namibia ist das erste Land in Afrika, dass Muelleimer hat und im Gegensatz zum Rest der Laender auf meinem Weg geradezu klinisch sauber wirkt. Fruestueckbuffets, Fastfoodrestaurants, Schoppingcenter, 95 Oktan Benzin, Cadburys Schokolade, perfekte Strassen ueberall – ich koennte endlos fortsetzen. Das Besondere ist, dass alles fuer aussergewoehnlich wenig Geld zu haben ist. Namibia ist billig.

Waehrend ich feststelle, wie sehr sich mein Auge an das rauhe Afrika gewoehnt hat, frage ich mich, wie viel meiner Eindruecke der vergangenen Monate keinen Weg hier in den Blog gefunden haben, weil ich sie fuer zu normal eingestuft habe, obwohl sie fuer den Leser interessant oder gar faszinierend gewesen waeren. Es ist sehr schwer nicht den urspruenglichen, westlichen Blick auf die neue Welt zu verlieren und das Besondere fuer die Daheimgebliebenen auch nach so langer Zeit noch zu erkennen und ich bin ueberzeugt, dass Vieles durch meine Gewoehnung unerwaehnt geblieben ist.

Etosha Nationalpark -  weiter Blick und tiefe Wolken, ein typsicher Anblick in Namibias Morden

Etosha Nationalpark - weiter Blick und tiefe Wolken, ein typsicher Anblick in Namibias Norden

Jetzt bin ich in Windhoek, untergebracht in der wunderbaren Chameleon Lodge und umgeben von vielen Touris, Backpackern und Ueberlandreisenden in eigenen Vehikeln. Ich treffe auf Neil, einen Schotten, der auf einer BMW 1200GS die gleiche Tour in die andere Richtung machen wollte (scotland from the cape) und seit 4 Wochen in Namibia festsitzt, weil zur Zeit kein Visum in Namibia fuer Angola ausgestellt wird. Frustriert und geknickt verschifft er jetzt das Motorrad nach Ghana, um von dort aus weiterzufahren. Manchmal hilft auch alles Wollen und Versuchen nichts und wir sind umso gluecklicher, dass wir trotz aller Bedenken letzlich nicht an solch unueberwindlichen Problemen gescheitert sind.

Ich verbringe hier in Windhoek eine knappe Woche um organisatorische Dinge zu erledigen. Die KTM steht mit einer langen Problemliste beim Haendler und ein neuer voruebergehende Pass ist bei der deutschen Botschaft beantragt. Der Alte ist nach 17 Grenzueberquerungen voll und bringt mich nicht mehr durch Botswana und Suedafrika. Waehrend ich auf KTM und Pass warte, vertreibe ich meine Zeit mit Pizzen, Schokolade, Eiscreme und geniesse meinen Exotenstatus unter den Reisenden. Windhoek ist im uebrigen erheblich Deutscher als ich erwartet hatte, schliesslich sind die Zeiten deutscher Kolonialisierung lange vorbei. Dennoch, wo man hinblickt, liesst man deutsche Worte, vom Gastwirt ueber den Baecker, die Apotheke oder die Jagdfarm, die deutsch Sprache ist praesent. Gestern habe ich doch tatsaechlich Kassler mit Sauerkraut bestellt. Leberkaes oder sogar Eisbein gefaellig?, in Windhoek kein Problem.

Ende der Woche trete ich meine Weiterreise nach Gaborone in Botswana an, um dort alte Bekannte zu treffen, mir eine kleine Auszeit zu goennen und danach mit der letzten Etappe nach Kapstadt durch Suedafrika meine Reise zu beenden. Aber ganz so schnell gehts nicht und ganz soweit ist es noch nicht. Ihr werdet wieder von mir hoeren.

Stromschnellen

Stromschnellen auf dem Congo - eines der Gruende, warum nicht einmal Boote zwischen Brazza und Point Noir bzw. Kinshasa und Matadi verkehren koennen

Ich entscheide mich in die DR Congo allein vorauszufahren und lasse Mark und Geoff zunaechst in Brazzaville zurueck. Beide haben noch diverse organisatorische Dinge zu erledigen und ich kann derweil die Visasituation vor Ort in Matadi auskundschaften. Die Grenzueberquerung von Brazzaville nach Kinshasa mit der Faehre erwies sich stressfreier als erwartet, einzig eine Hygienekomission verursachte etwas Schwierigkeiten. Geoff hatte bereits davon gehoert, dass man auf Kinshasaseite versucht, eine gehoerige Portion Dollars zu verdienen, indem man angeblich das Fahrzeug desinfizieren muesse. Ein Herr in weissem Kittel und zugegeben echt aussehender Identifikation verweigert mir dann auch die Ausfahrt aus dem Grenzgelaende. Ich lasse mich nicht darauf ein, stelle mich stur und werde zunehmend sauerer, bis man man mich zaehneknirschend entlaesst.

Ahh, welch gutes Gefuehl nach langer Wartezeit alle Grenzformalitaeten hinter mir gelassen zu haben und frei ins Land zu fahren. Es gab diverse Berichte, dass andere trotz gueltigem Visum nicht ins Land gelassen wurden, weil sie kein Angolavisum vorweisen konnten (was ja nur in DRC zu bekommen ist) und so konnte ich bis zum Schluss nicht sicher sein, ob ich tatsaechlich durchgelassen werde. Guten Mutes suche ich mir meinen Weg durchs belebte Kinshasa und freue mich auf meine Fahrt nach Matadi, als ploetzlich ein Getraenketraeger mit einem Kasten auf der Schulter vor mir auf die Strasse tritt. Der Kasten sitzt auf der mir zugewandten Schulter, er kann mich also nicht sehen und er laeuft direkt in meine Fahrtrichtung. Ich bremse sofort, komme aber nicht zum stehen und fege ihn von der Strasse. Oh nein, Oh nein, Oh nein. Mein soeben gewonnennes Freiheitsgefuehl verpufft innerhalb weniger Sekunden und die furchtbarsten, moeglichen Konsequenzen schiessen mir durch den Kopf. Ich bin in Kinshasa, DRC in einem der korruptesten Regionen ueberhaupt, bis vor ein paar Monaten gab es in diesem Land noch Krieg und ich fahre jemanden an. Diesmal habe ich ganz schlechte Karten.

Zunaechst jedoch steige ich vom Motorrad und renne zu meinem Opfer. Er ist etwa 20 Jahre und liegt inmitten seiner zerbrochenen Flaschen, blutet an Fuss und Kopf, will aber gleich wieder aufstehen. Waehrend ich mich um ihn kuemmere, bemerke ich wie jemand an meinem Tankrucksack rumfummelt und spuere zur gleichen Zeit eine Hand, die versucht sich in meine Oberschenkeltasche zu zwaengen, wo sich mein Portemonaeie befindet. Es hat sich natuerlich sehr schnell eine Traube Neugieriger um uns gebildet und die allgemeine Aufruhr wird gnadenlos sofort ausgenutzt. Ich reisse die Hand weg von der Tasche und stuerme zurueck zum Motorrad, um den Dieb zu vertreiben. Zur gleichen Zeit sehe ich wie andere die heil gebliebenen Flaschen einsammeln und damit wegrennen. Drei Diebstahlsdelikte zur gleichen Zeit, wo bin ich nur gestrandet. Bevor ich zum Motorrad komme, bin ich umringt von Polizisten. Der Unfall ereignete sich direkt vor einer Polizeizentrale. Ich bin mir nicht sicher ob das gut oder schlecht ist. Mein Unfallopfer steht derweil wieder auf eigenen Fuessen und sieht sehr ungluecklich aus, scheint aber ohne groessere Schaeden davongekommen zu sein. Wir gehen ins Praesidium, eine Ruine, in dessen Inneren Pappwaende eingezogen wurden, um einzelne Minibueros abzuteilen. Mir werden alle Dokumente abgenommen, doch ich weigere mich vehement auch den Motorradschluessel abzugeben und man laesst ihn mir. Zusammen mit einem Polizisten, der schlechtes Englisch spricht, sich aber in den kommenden Stunden als grosse Hilfe erweist, fahren wir zunaechst ins Hospital. Von diesem Moment an blute ich meine wohlgehueteten Bardollars, die ich fuer DRC und Angola aufgehoben hatte. Wir verbringen etwa 3 Stunden im Krankenhaus, waehrend Patrice, der Polizist,  darueber wacht, dass ich nicht wegrenne und ich nacheinander die Behandlungen fuer meinen Patienten bezahle. Mit grosser Erleichterung hoere ich, dass es nur leichte Wunden und ein paar Prellungen sind. Nach der Intensitaet des Aufpralls haette ich durchaus mit Bruechen gerechnet.

Zurueck im Praesidium werden handschriftlich alle Formalitaeten genau festgehalten, wobei es bei den Fragen eigentlich nie um den Unfallhergang geht. Die Fragen sind groesstenteils buerokratischer Natur. Ich muss genaue Auskunft ueber meine Eltern geben, Namen und Berufe werden festgehalten. Man will meine Versicherung sehen. Ich habe natuerlich keine, praesentiere aber meine gruene Versicherungskarte und versichere, dass es sich um einen weltweiten Versicherungsschutz handelt. Leider werden auf dem Papier alle Laender mit Versicherungsschutz aufgelistet und den Namen DR Congo suchen die Polizeibeamten natuerlich vergeblich. Ich erklaere, dass es sich lediglich um Praesenzen meiner Versicherung in einigen Laendern handelt und die Allianz leider noch kein Buero in Kinshasa eroeffnet hat und man gibt sich zufrieden. Im Wesentlichen ist es vorallem wichtig man hat ueberhaupt etwas was man zeigen kann. Die gruene Versicherungskarte hat mir schon oft bei Strassenkontrollen geholfen, auch wenn die Kontrolloere kein Wort verstehen. Es sieht ausreichend offiziel aus. Die Frage die am naehesten mit dem eigentlichen Unfall zu tun hatte, war “Warum bin ich auf der Strasse gefahren”. Um auf die Hauptstrasse Richtung Matadi zu kommen, sage ich und die Antwort genuegt. “Warum sitze ich hier bei der Polizei”, beantworte ich mit “Weil ich in einem Unfall verwickelt war” und auch diese Antwort genuegt. Abschliessend werde ich darauf hingewiesen, dass ich Blut eines Mannes vergossen haette, was ein grosses Problem darstellt und was ich dazu sagen wuerde. Ich druecke meine ehrliche Anteilnahme aus, bitte instaendig um Entschuldigung und sage dass es mir sehr leid tut. Diesmal reicht die Antwort nicht aus und die Frage wird wiederholt. Ich fuege hinzu, dass ich  natuerlich bereit bin, fuer das vergossene Blut eine Entschaedigung zu zahlen. Meine angebotenen 50 Dollar werden akzeptiert und mein Opfer schreibt unter dem Diktat des bearbeitenden Polizisten, dass er sich mit der Entschaedigung einverstanden erklaert und keine weiteren Forderungen erheben wird. Eine Schuldfrage wurde eigentlich nie gestellt. Waere ich nicht hergekommen, haette es keinen Unfall gegeben, ganz einfach.

Die letzte verbleibende Formalitaet ist die eigentlich Strafe. 500 Dollar will man haben und es beginnt ein langwieriger Prozess, in dem ich versuche den Preis zu druecken. Am Ende zahle ich 100 Dollar, die direkt ins Portemonaeie des Fallbearbeiters wandern. Am spaeten Abend bin ich wieder frei und gezwungen in Kinshasa zu uebernachten.

Die Offenheit, mit der Korruption behandelt wird, ist schockierend. Bereits im Buero der Grenzbeamten habe ich mehrfach beobachtet, wie einige zur Beschleunigung des Prozesses Geld an den Leiter uebergeben haben, offensichtlich und fuer alle sichtbar, auch fuer die anderen Grenzbeamten. Man zahlt fuer einen Gefallen, eine Dienstleistung, ein Augenzudruecken wie man einem Kellner ein Trinkgeld gibt. Wer etwas fuer einen anderen tut, erwartet eine finanzielle Gegenleistung, egal ob er einen Job hat, dessen Gegenstand darin besteht eben diese Taetigkeit auszuueben. Bargeld ist hier allgegenwaertig. Jeder scheint Geld zu zaehlen, entgegenzunehmen, an andere zu uebergeben, abzuholen. Die groesste Geldnote ist ein 500 Frankenschein, etwa 60 Cent und man hantiert mit riesigen Buendeln, die staendig gezaehlt werden muessen. In der Rechnungsstelle im Hospital werden ganze Schuhkartons voller 500er Noten angekarrt. Einen Wert von 30 Euro kann ich nicht mehr im Portemonaie tragen und bin statt dessen gezwungen, mehrere Stapel Geldscheine auf mehrere Taschen zu verteilen. In der Praxis hat DRC jedoch zwei Waehrungen kongolesische Franken und Dollar. Man kann immer und ueberall mit Dollar bezahlen oder sie an zahllosen Wechselstellen gegen grosse Frankenbuendel eintauschen. Die Wechselstellen sind meist kleine Tische am Strassenrand mit grossen, aufgemalten Dollarzeichen und haeufig werden ganze Geldnotenberge darauf gestapelt. Geld, wo man hinsieht.

Korrupt und geldgetrieben sind meine zugegeben sehr einseitigen Eindruecke von Kinshasa und ich bin heilfroh am kommenden fruehen Morgen die 7-Millionenstadt zu verlassen und nach Matadi aufzubrechen.

Der Hof meiner christlichen Herberge

Der Hof meiner christlichen Herberge

In Matadi angekommen, finde ich eine christliche Mission, die in ihrem friedlichen und ruhigen Anwesen Zimmer vermietet. Es ist genau was ich brauche und ich kehre ein. Leider verwandelt sich meine entspannte Zuflucht innerhalb der Woche in eine Grundschule und ich bin umgeben von hunderten schreiender Kinder. Die Hauptlehrmethode in den viel zu grossen Klassen besteht darin, alle Kinder im Chor irgendetwas herunterbeten, nein schreien zu lassen, .. den ganzen Tag. Dennoch, meine Erleichterung hier und nicht in Kinshasa unter wiedrigen Umstaenden, umgeben von korrupten Beamten zu sein, steht weit ueber all dem Laerm.

Meine zweite Gabeldichtung ist nun ebenfalls undicht und ich kann die Reparatur nun nicht mehr hinausschieben. Das fehlende Werkzeug zusammengekauft und Spezialwerkzeug mit einfachen Mitteln aus auseinandergeschnittenen Plastetassen improvisert, kann ich loslegen. Ohne jegliches Verstaendnis fuer die Funktionsweise einer USD-Gabel, aber mit vielen guten Hinweisen aus dem Internet schaffe ich es in etwa 6 Stunden die Dichtungen auszutauschen, die Gabeln mit Automatikgetriebeoel aufzufuellen (Danke fuer den Tipp Thomas) und wieder erfolgreich zusammenzuschrauben. Ich war stolz wie ein Einschulungskind und bin gespannt obs haelt. Fuer alle KTM-Adventure-Fahrer moechte ich hier ausdruecklich die Seite www.ktm950.info empfehlen. Ohne das Internet und besonders diese hervorragende Seite waere ich schon des oefteren hoffnungslos aufgeschmissen gewesen.

Sehr gute Neuigkeiten kann ich von meinem Besuch im angolanischen Konsulat vermelden. Man war sehr hilfreich und wird uns ein Transitvisum ueber 5 Tage genehmigen. Mehr ist allerdings nicht moeglich.  Die Visaantraege haben wir bereits eingereicht (Geoff und Mark sind mittlerweile auch in Matadi angekommen). Vier Seiten mit Fragen mussten ausgefuellt werden und ein Angestellter hatte nochmals ein weiteres vierseitiges Fragedokument, das er, uns Fragen stellend, ausfuellte. Unter anderem mussten wir alle Geschwister unserer Eltern auflisten und beantworten wieviel die Anfertigung unserer Paesse in unserem Heimatland gekostet hat. Der ganze Antragsprozess nahm den gesamten Vormittag ein. Wenn alles gut geht, bekommen wir morgen unsere Visa und verlassen am Samstag DRC.

Ansonsten ist Matadi eine recht angenehme und freundliche Stadt. Ndele, das lokale Wort fuer weisser Mann, hoere ich permanent, wenn ich durch die Strassen schlendere. Jeder will mich gruessen und winkt mir zu. Alle sind freundlich, aber manchnmal wuensche ich mir nichts sehnlicher als unterzutauchen und in Ruhe die Stadt zu erlaufen.

abenteuerliche Ladenkonstruktion im huegeligen Matadi

abenteuerliche Ladenkonstruktion im huegeligen Matadi

Nach 4 Tagen in Matadi, habe ich noch keinen anderen Weissen hier gesehen. Da faellt man eben auf. Die Strassen sind voll mit wandernden Strassenverkaeufern und es ist sehr unterhaltsam, sich in eine der vielen Bars mit Stuehlen an der Strasse zu setzen und abzuwarten was einem angeboten wird. Neben den ueblichen Dingen wie Erdnuesse, Maiskolben, getrocknete Bananenscheiben, gekochte Eier, Fleischspiesse, selbstgemachte Kartoffelchips, Ananasscheiben, frittierte Teigbaelle, Waffeln, kleine Kuchen, Wurzeln zum draufrumkauen, eine Art Maden-Insektensalatmix (ganz widerlich)  und vieles eigenartige, nicht identifizierbare und in kleinen Tueten verpackte, sind hier besonders Wurstbrote der Renner. Ein Eimer mit einer Art Jagd- oder Mettwurst und ein anderer mit Brot. Die Wurstbrote werden dann auf Wunsch direkt vor Ort zusammengebaut. Aber es werden auch Waren angeboten, T-shirts, allerlei Kunstartikel, Spiegel, Taschentuecher, Zigaretten usw. und so ist es auch ohne Begleitung nie langweilig in einer Strassenbar ein Bier zu geniessen.

Mit Angola liegt unsere letzte, absehbar schwierigere Etappe vor uns und mir ist noch nicht klar, wie wir jetzt in der Regenzeit (seit dem Congo regnet es beinahe taeglich),  auf teilweise unbefestigten Strassen, innerhalb von nur 5 Tagen durch das riesige Land kommen sollen. Wir werden es herausfinden. Den kommenden Eintrag werde ich moeglicherweise erst aus dem fast 3000 Kilometer entfernten Windhoek einstellen koennen.

Vielen Dank wieder fuer eure rege Teilnahme, besonders an alle die Feedback hinterlassen. Ihr seid meine wichtigste Motivation meine Erlebnisse hier festzuhalten.

Alles fing gut und reibungslos an. Die Piste suedlich von Lambarene war das Beste, was man nach einer besseren Asphaltstrasse von einem Fahrweg erwarten kann. Dem aufwirbelnden Staub des Vorausfahrenden umgehen Geoff und ich indem wir nebeneinander fahren. Mark faehrt sowiso meist in seiner eigenen Geschwindigkeit hinter uns. Stundenlang verbringen wir so und die recht abwechslungslose Landschaft rauscht vorbei, hin und wieder unterbrochen durch aermliche Doerfer, bestehend aus Bretterbuden und Buschfleischangeboten am Strassenrand. Unterschiedlichste Affenarten, allerlei Buschviech das ich nie zuvor gesehen habe und sogar Babykrokodile haengen ausgebreitet an geeigneten Halterungen. Die Ureinwohner haben immer alles Essbare im Dschungel gejagt und sind auch in keinster Weise fuer die Bedrohung so vieler Affenarten verantwortlich. Nach meinen Informationen ist ihnen die Jagd und der Verzehr fuer den Eigengebrauch auch nicht untersagt, der Verkauf aber schon. Die Jagd und der Tausch, bzw. spaeter Verkauf, des erbeuteten Buschfleischs ist allerdings seit Generationen ein wichtiger Teil des Lebens der Einwohner, verankert in Traditionen. Waehrend ausserhalb der Nationalparks der Dschungel an den Hoechstbietenden verschachert und abgeholzt wird und viel Geld in wenige Taschen fliesst, wird der Aermste seiner Lebensgrundlage beraubt und in die Illegalitaet getrieben. Es ist haesslich und abstossend den Tot am Strassenrand zu sehen und man schaut etwas veraechtlich auf die Verkaeufer, aber das eigentliche Verbrechen passiert woanders.

Wir kommen gut voran und erreichen frueher als erwartet Ndende, den letzten groesseren Ort Gabons vor der Grenze zum Congo. Von hier aus, denken wir, brauchen wir vermutlich weitere 2 Tage nach Brazzaville. Aber es kam alles ganz anders.

p1010579-modified-in-gimp-image-editorDas Ueberqueren der Grenze gestaltet sich als langwierig. Gabon ist das erste Land, das aus unverstaendlichem Grund zwei Ausreisestempel in unseren Paessen hinterlaesst. Jede Kontrollperson ist enorm wichtig und verbringt viel Zeit damit unsere Daten auf losen Zetteln festzuhalten. Mehrere verschlossene Schranken warten auf den geeigneten Schluessel und so arbeiten wir uns Station fuer Station vor. Ausser uns scheint es niemanden zu geben, der in die eine oder andere Richtung ueber die Grenze will. Im Congo angekommen, erwartet uns ein Pfad. Mehr kann man es wahrlich nicht aufwerten. Ein ungewarteter Pfad aus gewoehnlicher Erde. Auch hier haben Autos in der Regenzeit tiefe Furchen eingefahren. Es ist ein staendiges auf und ab. In den Taelern steht das Wasser des letzen Regens und bedeckt teilweise die gesamte Strassenbreite. Bis zu 20 Meter sind die kleinen Strassenseen lang, trueb und ohne Hinweis wie tief oder steinig der Untergrund ist.
p1010562Jede Durchfahrt ist eine neue Ueberraschung und teilweise stehen wir bis zu den Knien unter Wasser, die Motorraeder bis zur Haelfte verschwunden. Langsam gewoehnen wir uns aber daran, gewinnen Vertrauen und geniessen unser Abenteuer. Unser Motorrad liegend im Matsch zu sehen, blieb uns an diesem Tag allerdings allen nicht erspaart. Abends erreichen wir Kibangou, die erste Siedlung erwaehnenswerter Groesse nach der Grenze.

Bereits morgens bemerkte ich, das ich nicht hundertprozentig fit bin, aber nicht anders als an anderen schlechten Tagen und mache mir keine Sorgen. Im Laufe des Tages macht sich allerdings eine gewisse Erschoepfung breit und ich beginne mich schwach zu fuehlen. Mein Zustand verschlechtert sich bis zum Abend und ich gehe direkt nach unserer Ankunft in Kibangou ins Bett. Bis zum kommenden Morgen entwickle ich zusaetzlich Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen. Alles deutet darauf hin, was seit unserem Aufenthalt im suedlichen Westafrika wie ein Damoklesschwert ueber mir haengt – Malaria. Ich nehme meine fuer den Notfall mitgebrachten Malarone-Tabletten und hoffe besorgt auf baldige Besserung. An Weiterfahrt ist in meinem Zustand sowiso nicht mehr zu denken. Mein Zustand verschlechtert sich stuendlich. Meine Lebenskraefte sinken im freien Fall und ich habe kaum noch die Kraft mich aufs Aussenklo zu schleppen. Als mich Geoff besorgt am fruehen Nachmittag aus meinem schaebigen Zimmer ins lokale Hospital schleift (ueberraschenderweise gabs eins), habe ich gerade noch genug Kraft, um meine Augen fuer 5 bis 10 Sekunden offen zu halten, bevor es mir zu anstrengend wird. Dort angekommen, kann ich nicht einmal mehr auf einem Stuhl sitzen. Die Diagnose Malaria wird bestaetigt. Ich nehme im Delirium war, wie mehrere Aerzte um mich herum stehen und Geoff alle Spritzen, Nadeln und Infusionsbehaelter auf ihren Neuwert ueberprueft und mir anschliessend eine Infusionsnadel in den linken Handruecken gesteckt wird. Eine Spritze pumpt etwas in mich hinein, was mich mit nahezu unertraeglichen Schmerz aus meinem Daemmer- in den Wachzustand reisst und meine Temperatur innerhalb kuerzester Zeit auf Normalniveau senkt. Ich spuere wie der Schmerz durch meine Adern meinen linken Arm nach oben kriecht. Selbst heute, ueber eine Woche spaeter, sind die Adern noch geschwollen und schmerzhaft. Mein Wachzustand haelt allerdings nicht lange an, denn im Folgenden wird mir ueber einen Tropf neben viel Fluessigkeit und Vitaminen, auch Chinin verabreicht, das aeltestete Malariamittel ueberhaupt. Wie Gift verbreitet es sich in meinem Koerper. Ich kann spueren wie es mich angreift, meine Atemfrequenz steigert, mein Gehoer anfaengt zu rauschen und meine Sicht zu flimmern beginnt. Voellig vernebelt verbringe ich den Rest des Tages im Bett meines Herbergszimmers und daemmere der Besserung entgegen. Der Infusionsvorgang wird am kommenden Tag wiederholt und ich fuehle mich langsam etwas besser, wenngleich noch sehr schwach.

Weitere zwei Naechte verbringen wir in Kibango und Mark und Geoff muessen sich irgendwie die Zeit vertreiben. 500 Einwohner leben hier, aber es gibt keinen Strom oder ein Abwassersystem. Plumpsklo und Waschen aus Eimern ist hier die Praxis. Der einzige Generator, der 24 Stunden laeuft, betreibt, wer haette es anders gedacht, den mitten im Dorf stehenden Telekommunikationsmast. Niemand besitzt ein Auto, einzig die zahlreichen mit Holz beladenen Laster rauschen durch die Stadt. Unsere Unterkunft ist ein Loch, die Zimmer dreckig mit einem Bett ohne Laken, nichts weiter. Als ich am dritten Tag genug Kraft gewonnen habe, um mir die 100 Kilometer bis in die naechste groessere Stadt, Dolisi, zuzutrauen, sind wir alle heilfroh weiterzukommen.

Mein Malariaanschlag hat mir fuer etwa drei Tage intensivste Qualen auferlegt und ich kann mich nur an sehr wenige Zustaende in meinem Leben erinnern, in denen ich mich vergleichsweise Elend gefuehlt habe. Der gesamte Koerper wird angegriffen und in Mitleidenschaft gezogen. Die Wucht mit der man umgehauen wird, ist gewaltig. Im Vorfeld der Reise habe ich mich gegen eine Prophylaxe mit Tabletten entschieden und setzte auf Vorsicht, Mueckenspray und Moskitnetz. In der Realitaet sehe ich keine Moeglichkeit sich effektiv gegen die winzigen, kaum sichtbaren Muecken zu schuetzen und hatte jeden Tag Stiche. Mit Malaria ist nicht zu spassen und wenn mich Geoff in meinem Zustand voelliger Erschoepfung nicht ins Hospital gebracht haette, wuerde ich moeglicherweise diese Zeilen hier nicht schreiben. Ich habe meine Lektion gelernt.

Dolisi liegt auf der Hauptroute zwischen den groessten Stadten Congos, Point Noir und Brazzaville. Die Michelinkarte verzeichnet die Strasse als Hauptroute im Land. Wir schlussfolgern von nun an zuegig voranzukommen und freuen uns schon auf Brazzaville. 350 Kilometer muessten in einem Tag zu schaffen sein, denken wir und brechen am kommenden Tag in der Frueh auf. Doch wieder kam es ganz anders.

Die erhoffte Strasse, die N1 oder Rue de National, ist keine. Es ist ein unbestaendiges, staendig seine Oberflaeche veraenderndes, steiniges, loechriges und matschiges Pistenmonster. Selten kommt man ueber den zweiten Gang hinaus. Die wichtigste Verbindungsstrasse im Land ist eine Schande, eine peinliche Farce von einer Strasse. Ein Land voller Rohstoffe, von Oel ueber Holz und Diamanten hat es bis ins Jahr 2009 nicht geschafft seine beiden groessten Staedte miteinander zu verbinden. Selbst Mali, ein Land ohne Kuesten, ohne nennswerte Rohstoffvorkommen und eines der aermsten des Kontinents hat es geschafft eine vernuenftige Strasse durchs Land zu ziehen. Nach 75 Kilometern ist der Tag vorbei, meine wenige Kraft aufgebraucht und wir machen frustriert in Mandingo halt. Das Interesse an uns ist gross und wir schaffen es bis zum Schlafengehen zwei Fernsehinterviews fuer lokale Fernsehsender zu geben und duerfen einen interessanten Abend mit einigen Lehrern der Schule verbringen, die uns einen Einblick in die Verhaeltnisse in Congo gewaehren. Auch am naechsten Tag schaffen wir nur 75 Kilometer und uebernachten in Mindouli, wo man uns vor den schlechten Strassenverhaeltnissen auf den kommenden 50 Kilometern bis Kinkala warnt. Wir dachten wir kennen schon alles, aber was uns am naechsten Tag erwartete, uebertraf alles, was wir in Afrika bislang gesehenen, bzw. ueberhaupt fuer moeglich gehalten haetten.

p1010597Es wird matschig. Langsamer als an den Vortagen wuehlen wir uns durch teils tiefen Schlamm und muessen uns nacheinander gegenseitig helfen, um Anstiege zu erklimmen. Teilweise muss ich meine Koffer abbauen, um durch die engen ausgefahrenen Furchen zu passen und dann separat tragen. Wir muessen die Motorraeder aus festgefahrenen Situationen herausheben und sauen uns von Kopf bis Fuss mit Schlamm ein. Die Strasse verliert sich an manchen Stellen in zahllose Spuren, die die Laster vor uns auf der Suche nach einer besseren Durchfahrt hinterlassen haben. Jeder LKW ist mit mehreren Leuten besetzt, die in den Schikanen Aeste mit Blaettern abschneiden und Holz sammeln, um sie dem festgefahrenen Wagen vor die Raeder zu schmeissen. Jeder Anstieg wird zur Arbeit fuer alle und wenn es der Laster schafft, sich aus einer Mulde herauszuwuehlen, ist die Mulde 20 cm tiefer als sie vorher war. Hin und wieder versperrt uns ein LKW den Weg und wir schauen dem muehsamen Prozess zu. Wir koennen es nicht fassen, welch riesiger Aufwand damit verbunden ist, Gueter hier von A nach B zu bringen. Nichteinmal die Grundvoraussetzung fuer Handel oder das entstehen einer Wirtschaft sind hier geschaffen.

p10105621Wir erreichen eine Schlange von etwa 10 LKWs, die sich nicht bewegen. Das ist nicht gut, denke ich und ueberlasse es Mark und Geoff an den Anfang zu gehen und nach dem Grund zu suchen. Ich spuere erste Erschoepfungserscheinungen und merke, dass ich noch nicht ganz im Vollbesitz meiner Kraefte bin. Das schwere Motorrad inkl. Gepaeck durch dieses Terrain zu bewegen und die Motoraeder der Anderen durch schwierige Passagen zu schieben, kostet viel Kraft. Am Anfang der Schlange verliert sich die Strasse in unpassierbare Mondlandschaft. Hier ist kein Durchkommen mehr moeglich. Auf nicht absehbarer Laenge wird die Strasse durch schweres Gefaehrt wieder in Stand gesetzt. Wie lange es dauern wird, bis der naechste LKW passieren kann, weiss man nicht. Man wartet eben und die ersten warten bereits vier Tage darauf. Wir haben Glueck, es gibt eine Umfahrung, die fuer LKWs unbefahrbar ist, fuer uns aber kein Problem darstellt und erleben eine der schoensten Pistenfahrten bisher durch die rollende Huegellandschaft, um 15 Minuten spaeter wieder auf die Hauptroute zurueckzukommen.
p1010562-iiGuten Mutes setzen wir unseren beschwerlichen Weg fort, um wenig spaeter auf die naechste LKW-Schlange zu treffen. Diesmal laufe ich den Weg an den Anfang ab, um nach Moeglichkeiten zu suchen, vorbeizukommen. Es sind viel mehr LKWs hier und es herscht ein buntes Treiben. Hier und da sind Feuer und Kochstellen, ein kleiner Trampelpfand ist bereits ausgetreten, Leute sitzen in groesseren Gruppen, hoeren Musik aus Kofferradios und trinken Wein und am Anfang schaufeln etwa 20 Maenner in mehreren tiefen Loechern. Irgendwo hier gab es mal eine Strasse. Die Ersten warten seit einer Woche auf ihre Weiterfahrt! Es ist schwierig vorbeizukommen, aber nicht unmoeglich, denke ich und mit der Hilfe der Anwesenden manoevrieren wir uns langsam und unter irrsinnigen Kraftaufwand auf die andere Seite, wo sich die Laster in die andere Richtung stauen. Ich befinde mich kurz vor der totalen Erschoepfung und mich beginnt der Mut zu verlassen, dass ich genug Kraft aufbringen kann, das Motorrad hindurchzukaempfen. Langsam geht auch das Wasser zur Neige, wir haben wenig Essen und die Zeit rennt davon. Wir erholen uns kurz, hoffen auf Besserung der Strassenverhaeltnisse und fahren weiter. 1 Kilometer. Die naechste Schlange. Ich haette heulen koennen. Einen Kraftakt wie bei der letzten Durchquerung glaube ich nicht mehr aufbringen zu koennen und mich erfaesst Angst, dass ich das Motorrad aufgrund meiner Schwaeche nicht mehr durch die kommende Schikane bekomme. Und was ist, wenn es diesmal keinen Weg vorbei gibt und wir mit den Fahrern festsitzen? Zum ersten Mal auf meiner Reise wuenschte ich fuer einen Moment, ich waere nicht hier, frage mich warum ich mir das antue. Zusaetzlich sind wir natuerlich immer eine grosse Attraktion, werden umringt und befragt, um Geld und Zigaretten gebeten und auffaellig viele laufen dabei mit automatischen Gewehren herum. Die Rebellengefahr ist nach wie vor gross sagt man uns. Die Situation beginnt mich zu ueberfordern und meine Bereitschaft positiv auf meine Umwelt zu reagieren sinkt gegen Null. Geoff und Mark suchen nach einer Loesung. Diesmal sieht es schlecht aus. Es fuehrt kein offensichtlicher Weg vorbei und in der Schikane in der Mitte der Strasse versucht ein riesiges Raupenfahrzeug einzeln die grossen Laster durch den Dreck zu ziehen. Ein paar Haeuser stehen am Strassenrand und ein Einwohner bietet uns an, uns fuer ein wenig Geld hindurchzuhelfen. Geoff besichtigt die vorgeschlagene Route und wir willigen ein. Es ist abenteuerlich und nur mit der Hilfe aller moeglich und fuehrt uns durch Haus und Hof unseres Helfers. An einer unueberwindbaren Stelle graebt man uns extra einen Pfad, der uns zurueck auf die Strasse fuehrt. Wir schaffen es.

Der Rest des Weges ist nicht viel einfacher und nach dem Matsch erwartet uns auch noch Sand. Da sehe ich es ploetzlich vor mir. Asphalt. Eine Strasse erwaechst aus dem Sand, neu, schwarz, eben. Wer es nicht erlebt hat, wird es nicht nachvollziehen koennen, aber ich spuere eine sofortige Ausschuettung von Glueckshormonen. Mein Herz springt, mein Atem wird schneller, ich heule fast vor Freude und gebe Gas, rase wie ein verrueckter auf die Strasse zu. Dort angekommen, halte ich, setze den Helm ab, falle auf die Knie und kuesse den Belag. Mark und Geoff tun es mir gleich.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit ereichen wir auf dem Zahnfleisch Kinkala. 60 Kilometer haben wir heute geschafft. Dieser Tag hat uns alle bis ans Aeusserste getrieben und unsere Grenzen aufgezeigt. Ohne die gemeinsame Anstrengung, waere es nicht moeglich gewesen. Wir sind stolz, befriedigt und heilfroh, die Piste hinter uns gelassen zu haben. Wir stossen auf den Tag an (ich mit Cola) und entscheiden, dass wir nie diese Route gewaehlt haetten, wenn aus unseren Karten ersichtlich gewesen waere, wie schlecht die Strasse ist. Jetzt da es aber hinter uns liegt, war es eine der wertvollsten und abenteurlichsten Etappen unserer Reise.

Am kommenden Vormittag schuettet es stundenlang aus allen Wolken. Der gestrige Weg waere heute auch an den besseren Passagen fuer uns unpassierbar gewesen. Hoffnungslos aufgeweicht. Die schwierigen Schikanen waeren fuer uns genauso zur Blockade geworden wie fuer die vielen LKWs. Wir haetten durchnaesst festgesessen – eine Woche, zwei? Die Vorstellung ist erschreckend und beklemmend. Wir hatten irrsinniges Glueck mit dem Wetter. Hier gibt es keine Garantien, alles kann sich so schnell aendern. Wir haben auf unserem Weg seit Dolisi oft gefragt, wie lange es dauert nach Brazzaville zu kommen und haben sehr viele verschiedene Antworten erhalten. Jetzt nachdem wir es gerade hinter uns gebracht haben, koennten wir selbst keine Antwort geben.

Brazzaville ist nicht unbedingt die Belohnung, die wir uns fuer unsere Anstrengung erhofft haetten, aber es ist eine stressfreie und entspannte Stadt. Fliessend Wasser und Strom kann man uns auch hier in den ueberteuerten Hotels nicht garantieren und die Strassen in den Aussenbezirken haben teilweise Loecher, als waeren Meteoriten eingeschlagen. Dreck und Muell findet man hinter jeder zweiten Ecke und stinkende Baeche fliessen durch Berge von Plastetueten, Dosen und Flaschen. Neue Buerogebaeude stehen neben im Krieg zerbombten und verlassenen Baracken und der Zentralpark ist wie es aussieht seit langer Zeit eingezaeunt. Es ist teuer hier und wenn man abends durch die Strassen schlendert sieht man mehr kaeufliche Frauen als nicht kaeufliche. Das Schoenste ist der Blick ueber den Congo nach Kinshasa bei Nacht. Die deutlich groessere Metropole auf der anderen Seite des Flusses leuchtet mit vielen hohen Haeusern, die sich im Fluss spiegeln. Brazzaville und Kinshasa sind im uebrigen die am naehesten zusammenliegenden Hauptstaedte weltweit.

Nach Kinshasa zu gelangen, ist unser naechstes Ziel. Die Visa haben wir gleich als erstes beantragt. Nach mehrmaligen Vorsprechen und Erklaeren, was wir denn tun und warum wir nach DR Congo wollen, hat man uns aber die Paesse inklusive der ersehenten Visa ausgehaendigt. Auf der Reise muessen wir jetzt nur noch ein Visum benatragen und in eine Botschaft gehen. Angola ist das letzte Land auf unserer Route mit Visumspflicht. Leider muessen wir etwa eine Woche hier in Brazza verbringen, da wir auf Teile fuer Geoffs Motorrad warten muessen, dass mehrere Probleme entwickelt hat. Die KTM haelt sich derweil halbwegs gut. Mein Federbein hinten verliert jetzt ebenfalls Oel, aber ich kann bislang keine dramatischen Unterschiede feststellen. Ich nehme an, dass es sich im Laufe der Zeit verschlechtern wird. Bei einem Sturz habe ich mir die Halterung eines Koffers abgerissen und muss diesen jetzt mit Spanngurten festzurren, etwas nervig, aber nicht weiter dramatisch.

Congo hinterlaesst kein gutes Gefuehl. Man spuert dass das Land in der Hand einer Elite ist, die ein Vorankommen des Landes verhindert. Es gibt viele die denken die Rebellen, die im letzten Krieg aufbegehrt haben, hatten richtige, gute Gruende. Es mangelt an den grundlegensten Dingen, aber man sieht keine Bewegung, keine Baustellen nur Notreperaturen. Die Rohstoffe des Landes werden ausgebeutet, aber das Geld versickert in korruptiven Strukturen und landet vermutlich zu groesseren Teilen in der Schweiz. Wie immer sind es vorallem die Menschen die begeistern, hier in Congo mehr noch als anderswo. Leider habe ich waehrend meiner Krankheit viel von der Hilfsbereitschaft und Offenheit verpasst, aber auch ich konnte spueren wie sehr wir hier willkommen waren.

Sobald Geoff sein Motorrad repariert hat, setzen wir nach Kinshasa ueber, um dann direkt nach Matadi an der angolanischen Grenze zu fahren und hoffentlich dort unser Visum fuer Angola zu bekommen. Angola ist der letzte Teil des “rauhen” Afrikas, der noch vor uns liegt und den wir aufgrund der zeitlichen Beschraenkung des Transitvisums innerhalb von 5 Tagen durchfahren muessen. Namibia, Botswana und Suedafrika versprechen sozusagen einen sanften Ausklang und, in aller Offenheit, “sanfter Ausklang” klingt in meinen Ohren gerade richtig gut.

Das Ueberqueren einer Grenze und Eintauchen ins neue Land ist immer mit ein wenig Aufregung verbunden. Gerade erst hat man sich an die Gegebenheiten eines Landes gewoehnt und weiss was ist erlaubt und worauf wird geachtet, faengt das Kennenlernen nach dem Ueberqueren einer Grenze wieder von vorne an. Alles kann sich aendern und haeufig waren die Unterschiede zwischen den Laendern, deren Grenzen einst nur auf dem Schreibtisch festgelegt wurden, dramatisch. Zunaechst ist die Grenzueberquerung der erste Eindruck der neuen Welt und Grenzbeamte sind die ersten Repraesentanten eines jeden Landes. In Gabon gehen wir ins Immigrationsbuero direkt am Grenzfluss und finden einen etwas zu gut ernaehrten Beamten vor, der oben ohne, mit aufgeknoepfter Hose an seinem Schreibtisch sitzt und gerade von einem jungen, zierlichen Mann massiert wird. Direkt neben dem Schreibtisch liegt eine Matratze und der Fernseher laeuft, waehrend ein zweiter Beamter mit Fussbaltrikot am Nachbartisch sitzt und Musik aus seinem Handy hoert. Viel Durchgangsverkehr herscht hier nicht und unser Erscheinen ist eine spuerbar ungewoehnliche Begebenheit. Etwas lethargisch aber freundlich werden die Formalitatetn erledigt, bevor wir ins Landesinnere entlassen werden und man sich wieder den eigenen Vergnuegungen widmet.

Die Durchmischung von Privat und Geschaeft ist im uebrigen nicht ungewoehnlich und die Nutzung eines groesseren Teils der Arbeitszeit fuer private Belange selstverstaendlich. Fernseher und Musik in Hotels oder Restaurants sind grundsaetzlich zur Unterhaltung der Angestellten vorhanden und die Lautstaerke ist auf deren Beduerfnisse (meist ist alles sehr laut) eingestellt. Wenn gerade etwas Wichtiges in den beliebten Seifenopern passiert, arbeitet praktisch keiner mehr und wenn man sich erlaubt zu fragen, wann denn nun der vor 20 Minuten bestellte Kaffe kommt, kriegt man tatsaechlich die Antwort “Ich schaue grad fern” zurueck. Im Buero von Western Union muss ich mich gedulden, bis der Bearbeiter die Audio-CDs fuer seine Freundin fertiggebrannt hat, den Mann im Supermarkt muss ich aufwecken, bevor er mir etwas verkauft und wenn bei irgendjemanden das Handy klingelt, ist sowiso fuer die Zeit des Gespraechs erst einmal alles vorbei, egal mit wem man es zu tun hat und was dieser gerade getan hat. Nichts hat hoehere Prioritaet als das Handy.

am Equator

am Equator

Viel ist zunaechst nicht anders hier in Gabon, stellen wir fest. Der uns umgebende Dschungel ist noch dichter. Graeber und Grabsteine findet man inmitten der Haeuser und ohne Begrenzung direkt am Strassenrand, als wollte man die Toten direkt am Leben teilhaben lassen. Es wirkt ein wenig verlassen auf den ersten Kilometern, ein Eindruck, den wir auch im Rest unserer Landesdurchquerung bestaetigt finden. 1,4 Millionen Menschen, von denen fast die Haelfte in der Hauptstadt Libreville wohnt, sind im Verhaeltnis zur Flaeche des Landes geradezu mickrig. Am Rande der Strassen findet man zwar viele Haeuser und Doerfer, aber haeufig wirkt es leer und unbewohnt. Auch die Strassen sind praktisch unbefahren. Es arbeiten mehr Leute am Strassenrand als Autos fahren. Die Strassenarbeiter haben alle Haende voll zu tun, dem Vordringen des Dschungels Einhalt zu gebieten und schneiden Graeser und Gebuesch. Das liegengelassene Gras wird spaeter nach dem Trocken verbrannt. Zum Trocknen hat das Gras jedoch nur wenig Zeit, denn die Trockenzeit in Gabon betraegt nur 2 Monate (Dezember und Januar). Trockenzeit heisst hier aber auch nur, dass es etwas weniger regnet. Aus touristischer Sicht ist Gabon irrsinnig teuer. Das wenige was es an entwickeltem Tourismus hier gibt, ist einer gut betuchten Schicht vorbehalten. Luxus-Oekotourismus koennte man es nennen. Umweltvertraegliche hochwertige Hoteleinrichtungen in den Parks, ohne wirkliche Alternativen, sind fuer Preise zwischen 200 – 400 Dollar die Nacht zu haben. Aber es scheint sich zu entwickeln, denn vor Ort finden wir haeufig ein weit groesseres Angebot an bezahlbaren Hotels, als in unseren Reisfuehrern erwaehnt ist. Die meisten der 13 Parks (10% der Landesflaeche) sind fuer den Tourismus jedoch (noch) unerschlossen. Das touristische Potential ist enorm und die Vielfalt der Pflanzen und Tiere atemberaubend. Nilpferde und Elefanten am Strand, Schimpansen und Gorillas in den Waeldern, Wale und Delphine vor den Kuesten, Riesenschildkroeten, Bueffel, die Liste ist scheinbar endlos. Zeit und Geld muss man jedoch mitbringen und beides sind rare Gueter eines Abenteuermotorradfahrers auf der grossen Tour mit fernem Ziel. Die Luftfeuchtigkeit ist nicht mehr zu uebertreffen. Hier in Lambarene fuehlt es sich kurz nach einem Regen an, als muesste man nur die Arme ausbreiten und koennte sich fortan schwimmend weiterbewegen. Die Feuchtigkeit spuert man auch in den Haeusern und Hotels und die Zimmer fuehlen sich immer mehr oder weniger klamm an.

Wir goennen uns auf dem Weg nach Sueden einen Abstecher zu einem Nationalpark, dem Lope Nationalpark. 115 Kilometer recht steinige Piste und zurueck sind der Preis und wir werden gruendlich durchgeschuettelt. Geoffs Federbein gibt den Geist auf (ausnahmsweise mal ein Schaden der nicht mit meinem Motorrad zusammenhaengt) und vermiest ihm verstaendlicher Weise den Ausflug. Landschaftlich hat es es sich aber gelohnt. Der Dunst, der in Kamerun ueber allem haengt und jegliche Sicht verhuellt, ist verschwunden und wir schauen in die Weite, ueber gruene Wiesen und dichte Waelder, ueber Fluesse und Felsen. Waeren da nicht die Holztransporter mit ihren riesigen geladenen Baumstaemmen, die uns geradezu selbstmoerderisch schnell entgegenrasen und dann in undursichtige Staubwolken einhuellen, waere die Fahrt ein ungetruebter Genuss. Das Holzgeschaft boomt und was nicht Nationalpark ist, wird gnadenlos platt gemacht. Wer erstmal den Reichtum eines Regenwaldes mit eigenen Augen und Ohren wahrnehmen durfte, koennte heulen. Regenwald waechst nicht mal eben so nach und anpflanzen kann man ihn schon gar nicht. Abgeholzter Regenwald ist verloren. Schaut man in die Kabinen der Laster, sieht man erstaunlicherweise keine Schwarzen, sondern Chinesen. Ueberall in Afrika sind sie, bestaetigt mir Lawrence, ein Suedafrkianer und fuegt hinzu, dass die Chinesen an erster Stelle stehen was den weltweiten Holzexport angeht, gefolgt von Frankreich mit einem SECHSTEL des Volumens (Die Zahlen habe ich nicht validiert und koennen variieren). In Kamerun bauen die Chinesen sogar extra die Strassen.

p1010506-modified-in-gimp-image-editorEingestaubt von Kopf bis Fuss kommen wir in Lope an und muessen erfahren, dass es kein Benzin gibt. Auf den etwa 500 Kilometern seit der Grenze gab es genau 2 Tankstellen mit Benzin, beide in einer Stadt (Oyem) und ich fahre bereits auf Reserve. Eine Rueckfahrt ohne Tanken ist nicht moeglich. Es gibt eine Frau in der Stadt, die Benzin hat, aber kein Offizielles, erfahren wir und jemand rennt los, um sie zu holen. Das eh minderwertige Benzin wird hier weiter mit Ethanol gestreckt und dann zu einem Drittel teurer verkauft, als an den wenigen offiziellen Tankstellen im Land. Das ein moderner KTM-Motor mit solch einem Gemisch umgehen muss, hat sicher keiner der Ingenieure bei KTM bedacht, denke ich und schuette das Zeug in meiner Not aus einem Eimer in meinen Tank.

Lope Nationapark

Lope Nationapark

Waehrend Geoff sich mit seinem Federbeinproblem beschaftigt und Mark bereits den Rueckweg angetreten hat, goenne ich mir einen Fuehrer und begebe mich auf einen dreistuendigen Ausflug in die Berg- und Waldwelt des Nationalparks. Wir erklimmen die mit Wiesen bewachsenen Berge und sind innerhalb kuerzester Zeit voellig durchnaesst, als haette ich mich mitsammt meiner Klamotten unter eine Dusche gestellt. Das Geld und die Kamera in der Hose sind nass und mir tropft der Schweiss von den Handgelenken. Es ist unfassbar. Kaum ueberschreiten wir jedoch die Grenze zum Wald aendert sich die Temperatur drastisch. Es fuehlt sich 10 Grad kaelter an. Ich friere fasst. Wir sind umgeben von einer Vielfalt von Geraeuschen, die das Ohr zu ueberfordern scheinen. Man kann den Tierreichtum geradezu hoeren. In der kurzen Zeit sehen wir 3 verschiedene Affenarten, unter anderem Schimpansen, die vor uns Reisaus nehmen und spater ein lautes Affenkreischkonzert geben. Ich musste gleich an Miles denken (fuer Insider). Ich haette stundenlang durch das magisch anmutende Dickicht streifen koennen, laege nicht die weite Rueckfahrt ueber die Piste und nach Lambarene vor uns.

Auf der Fahrt dorthin vergebe ich der Strasse zwischen Ndjole und Bifoun die Asphaltfahrspasshoechstwertung. Perfekter Belag, idealer Kurvenradius, kaum Verkehr und mitten durch den tiefsten Dschungel. Nur das Atlasgebirge in Marokko mit seinen atemberaubenden Blicken und genialen Strassen kann damit bislang mithalten. Vor Spass in den Helm kreischend, schwinge ich mich durch die Kurven. Was ist befreiender und vollkommen einnehmender als Motorradfahren? Man tut nichts und denkt an nichts anderes als an das was man gerade in diesem Moment tut. Motorradfahren. Wie in einem Rausch fliege ich von links nach rechts, in perfekter Einheit mit der Maschine. Bremsen, Schalten, Kuppeln, Gasgeben, alles geschieht wie von selbst, automatisiert in tausenden von Fahrstunden.

Zum ersten Mal seit Mali macht es mir wieder richtig Spass der lokalen Musik zuzuhoeren. Sie geht ins Blut, hat viel Bass und Rythmus und macht einfach richtig Spass. Afrikanisch ist sie und mit Druck und Energie und einer riesigen Portion Lebensfreude erfuellt, dass man sofort mitgerissen wird. Naja ich zumindest. Geoff und Mark haben kein Ohr dafuer. Abenteuerlust schliesst fuer mich allerdings die Musik hier ein und ich lasse mich gern darauf ein. Musik und Tanz ist einer der wichtigsten Teile des afrikanischen Lebens und wir muessen laecheln, als wir zum aktuellen Gaboncharthit, von Tsamba Maroute, schon die ganz Kleinen, die kaum stehen koennen, etwas unbeholfen aber durchaus musikinspiriert mithopsen sehen.

Wir besuchen das Albert Schweitzer Hospital in Lambarene. Fasziniert bestaune ich das Lebenswerk eines bewundernswerten Mannes, der es am Anfang des letzen Jarhunderts vollbracht hat, unter schwierigsten Bedingungen, moderne Medizin in einer von mystischen Glauben dominierten Welt zu etablieren. Ich nehme mir vor, nach meiner Rueckkehr mehr ueber den Nobelpreistraeger zu recherchieren, waehrend ich durch die liebevoll erhaltenen Raeume des Doktors schlendere.

Wahrend Mark und Geoff versuchen ein paar Dollars zu tauschen (es ist ein wenig schwierig hier an Geld zu kommen), stehe ich auf dem kleinen Parkplatz des Hospitals und beobachte geballte und dunkle Wolkenformationen auf mich zurasen. Wind kommt auf und die alten Blaetter der pausenlos Gruen erzeugenden tausenden Baeume, werden durch die Luft gewirbelt. Grosse, schwere Wedel werden von den Palmen gerissen und schlagen auf die Metalldaecher der Bungalows. Innerhalb weniger Minuten wird es dunkel. Ich kann die Wassermassen ueber mir foermlich spueren, so erdrueckend schwer und tief ziehen sich die Wolken ueber mir zusammen. Als wuerden sie sich oeffnen und mich einfach verschlingen wollen, denke ich und mich ergreift ein beklemmendes Gefuehl. Ich mag Gewitter, liebe sie sogar, aber das hier – das ist eine andere Kategorie. Die Kraft die sich ueber uns zusammenballt ueberwaeltigt mich, aber ich geniesse die Intensitaet der Naturgewalt und mich ueberkommt eine Gaensehaut. Weltuntergangsstimmung.

Wir springen auf die Motorraeder und versuchen dem Sturm zu entkommen. Auf einer der Bruecken angekommen, sehen wir, dass die Flussufer bereits aus der Sicht verschwunden sind. Wolken, Regen, Baeume und Fluss sind eine einzige dunkelgraue Masse. Kurz bevor wir das rettende Hotel erreichen haemmert der Regen auf uns herab, als gaebe es kein morgen. Wir sind in der kurzen Trockenzeit und erleben den dritten Regenguss seit unserer Ankunft in Lambarene vor 15 Stunden. Ich denke an die nicht asphaltierten Pisten auf dem gut 650 Kilometer langen Weg nach Brazzaville in Congo und mir wird etwas unwohl. Schlamm gehoert neben Sand zu den groessten Feinden des Motorradfahrers und kann die Reisegeschwindigkeit auf ein Bruchteil reduzieren. Eine sonst einfache Strasse wird zur kraftraubenden Herausforderung. Michael, ein Deutscher, der am 1.12. hier eingeflogen ist, um mit dem Motorrad nach Angola zu fahren (wir wollten ihn eigentlich treffen, waren aber 1.5 Monate zu spaet dran :) ), ist auf die gleichen Wetterverhaeltnisse gestossen. Nach 3 Wochen packt er seine Sachen und fliegt wieder zurueck. “I was to afraid to go alone. the rain is overwhelming. … all f..d up.” schreibt er uns spaeter in einer email.

Sollte sich das Unwetter beruhigen, werden wir morgen Richtung Congo aufbrechen. In Abhaengigkeit der Strassenverhaeltnisse muessten wir fuer den Weg etwa 2 bis 5 Tage benoetigen. Gute Nachrichten haben wir derweil von Alex, einem uns voraus fahrenden Russen, erhalten. Dieser ist bereits in Suedafrika angekommen und hat erfolgreich sowohl DRC als auch Angola durchquert. Leider hat er uns die Visadetails verschwiegen, aber wir sind sicher, was er kann, koennen wir auch. Mein naechster Bericht kommt hoffentlich aus Brazzaville. Danke fuers Mitlesen und bleibt weiter dran.

Ein frohes neues Jahr wuensche ich euch aus Yaounde, Kamerun. Nach meinem etwas misslungenen Sylvesterabstecher nach Kribi, im Suedwesten des Lands, verbringen wir jetzt einige Tage in der Hauptstadt, um Visa fuer die kommenden Laender zu beschaffen.

ohne Worte

Bohrinsel und Piroge - der ganze Kontrast in einem Bild

Mit wunderschoenen, teils einsamen Palmenstraenden und entspannter Atmosphare erfuellt Kribi meine Erwartungen an ein tropisches Strandparadies voll und ganz. Ein Geheimtipp ist es allerdings laengst nicht mehr und so finde ich mich umgeben von weissen und fetten Maennern in Begleitung schwarzer Schoenheiten wieder. Es ist unaestaetisch und geradezu beschaemend, mitanzusehen, wie viele der weissen, uebergewichigen Urlauber unbeholfen den Strand entlang schwabbeln und ich frage mich was der vorbildlich gebaute Kellner neben mir wohl denkt, wenn sein Blick ueber die teils verbrannten Fettmengen schweift. Die Hotel- und Essenpreise liegen hier auf zwei- bis dreifachem Landesniveau, was meinem Bestreben meine Ausgaben zu reduzieren, nicht gerade entgegen kommt. Abends kommt ein Gruppe Pygmaeen in den Hotelhof, die sich trommelend und tanzend vor einem schwerfaelligen Publikum verausgaben, das, unsensibel fuer Rythmus und Musik, ausschliesslich damit beschaeftigt ist, mit dicken Fingern grosse Krabben von ihrem Inhalt zu befreien. Baeh.. ich fuehle mich deplaziert und suche mir stattdessen fritierte Bananen, pufferaehnliches Gepaeck und Fleischspiesse bei den Essensstaenden am Stadtstrand. Meine Bekannten aus Limbe, die mich ermutigt hatten hier vorbeizuschauen (und auch das Hotel empfahlen) erschienen erst am spaeten Sylvesterabend, um mir dann mitzuteilen, das fuer eine geradezu utopisch hohe Summe ein Essen in einem besseren Hotel reserviert wurde. Ich sage dankend ab und traeume bereits friedlich, wenn das neue Jahr seinen Anfang nimmt. Dennoch, meine Fahrt durch den Dschungel nach Campo, der letzten Siedlung vor Equatorial Guinea, auf teils schwieriger Piste, aber ausnahmsweise ohne Gepaeck, war trotz der eingeschraenkten Funktionalitaet meiner Gabel ein riesen Spass. Ich gewinne zunehmend Vertrauen in mein Offroadfahrkoennen und geniesse es die recht schwere Maschine flink und vorausschauend durch teils anspruchsvolle Abschnitte zu bewegen. Nach etwa 160 stehend verbrachten, vollkonzentrierten Kilometern, spuert man abends jeden Muskel (besonders unterer Ruecken) und eine enorme Erschoepfung. Allen Motorradfahrern da draussen, die sich lediglich auf glattem Asphalt aufhalten, sei gesagt, ihr verpasst eine ganze Welt auf zwei Raedern.

Motorradfahren hat hier noch einen zusaetzlichen Ruhebonus. Es gibt immer jemanden der guckt, kommt, pfeifft, ruft, fragt oder winkt. Man befindet sich immer im Zentrum der Aufmerksamkeit und an manchen Tagen ist es einfach zuviel. Waehrend man faehrt, ist man jedoch immun. Die Bewegung schafft einen Abstand, der manchmal noetig ist und an einigen Tagen, wenn sich zu grosse Mengen um uns ansammeln, fuehlt sich das Aufsetzen des Helmes, das Anlassen des Motors und das Beschleunigen in den ersten Gang fasst wie eine Befreiung oder Flucht an. Meistens aber geniesse ich den Kontakt zur Umwelt und ich stelle erstaunt fest, wie dick meine Haut gegenueber dem staendigen Ansturm auf meine Person geworden ist. Nach drei Monaten in Afrika bringt micht fast nichts mehr aus der Ruhe. Solange man bereit ist, sich auf die Situationen einzulassen, mit den Leuten redet, statt genervt zu reagieren, Interesse und Respekt zeigt, statt von oben herab zu schauen und vorallem laechelt und freundlich bleibt, wird man mit positiven Erfahrungen belohnt. Selbst anfangs scheinbar negative oder gar aggressive Begegnungen haben sich am Ende bislang fast immer in Wohlgefallen aufgeloesst. Gleiches gilt auch fuer den Verkehr. Wenn man nicht dagegen ankaempft und an eigenen Regeln festhaelt, sondern sich auf die Gewohnheiten und den Fahrstil vor Ort einlaesst und mitschwimmt, verlieren auch katastrophale Strassenschlachten in Nigeria oder einigen Hauptstaedten Westafrikas ihren Schrecken. Ampeln, Strassenrichtungen, Fahrspuren oder Geschwindigkeitsbegrenzungen, hier sind das alles nur Vorschlaege. Wenn man lernt in welchem Rahmen die Vorschlaege Beachtung finden, wird das moegliche Verhalten andererer Verkehrsteilnehmer vorhersehbar und man genehmigt sich selbst die gleichen Freiheiten in der Auslegung der Richtlinien, wissend, dass auch das eigenen Verhalten nicht auf Ueberraschung bei den anderen stossen wird.

Benzin am Strassenrand

Benzin am Strassenrand

Die entspannte Fahrt nach Yaounde am Neujahrstag fuehrt mich vorbei an aufgebauten Staenden, haeufig alte Tonnen mit Brettern als Ablageflaeche, auf denen die fuer die Dorfbewohner zugaenglichen Waren praesentiert werden. Meist handelt es sich hierbei um Kokosnuesse, Bananen, Rueben, Holz, Papaya usw.. Haeufig wird Benzin in Flaschen am Strassenrand aufgebaut. Tiere, bzw. Fleisch und Fisch haengen in den meisten Faellen an Seilen und baumelen im Wind. Streng verboten aber traurigerweise Realitaet, sehe ich auch tote Affen, die auf diese Weise zum Verkauf angeboten werden. Bushmeat (Buschfleisch) heisst das hier, was nicht nur Affen beinhaltet, sondern im Grunde alles was man im Urwald fangen kann.

gefangene Python

gefangene Python

Bewegt man sich in erster Linie auf ausgetreten Pfaden und in Staedten, vergisst man manchmal wie gross hier die Tiervielfalt ist. Jenseits der bewohnten Gebiete von Ostnigeria bis Gabon lebt eine der weltweit groessten Populationen unterschiedlichster Affensorten. Vom Drill und Mandrill, ueber Baboon bis Chimpansen und sogar Gorillas gibt es auch Arten, die nur hier existieren. Viele davon sind durch Wilddiebe und Abholzung bedroht. In Limbe konnte ich eine sehr beeindruckende Affenzuflucht besuchen, das Limbe Wildlife Sanctuary, die eine mittlerweile grosse Menge der oben erwaehnten Arten aufgenommen hat. Es werden lediglich Tiere beherbergt, die von Wilddieben beschlagnahmt werden. Es wird versucht, den beschlagnahmten Tieren wieder den Weg in die Freiheit zu ebnen, aber viele verbleiben, ohne Lebensraum bzw. verstoert, in der Obhut der Zuflucht. Waehrend ich die Gorillas beobachte, hoere ich am Kaefig der Papageien (ueber tausend Stueck wurden beim Versuch sie in Ausland zu schmuggeln, beschlagnahmt) viel Geschrei von mehreren Maennern. Angezogen von der Aufregung gehe ich hinueber und sehe, dass sie eine nicht zur Zuflucht gehoerende, sondern freie etwa fuenf Meter lange Python gefangen haben. Stolz, geradezu elektrisiert und mit einer Art Siegeslied ziehen die Maenner an mir vorbei. Die Schlange wird in einem von Menschen unbewohnten Gebiet wieder freigelassen, sagt man mir spaeter und mir wird bewusst, was sich tatsaechlich alles in unmittelbarer Naehe zum Strassenrand verbirgt.

Yaounde

Yaounde

In Yaounde werde ich an einer Tankstelle von Wein trinkenden, stark angeheiterten Angestellten empfangen, die mir ein Glas mit Wein in die Hand druecken, bevor ich meinen Helm absetzen kann. Ein grosser, draussen aufgebauter Lautsprecher pustet mir lautstark den gerade hier beliebtesten Charthit aus der Elfenbeinkueste entgegen und ich schaukele froehlich mit meinem Wein mit. Besser konnte mein Empfang nicht sein. Es ist der 1. Januar und Feiertag und wer arbeiten muss, feiert eben trotzdem. Yaounde ist fuer eine Hauptstadt sehr entspannt und grosszuegig angelegt. Es verteilt sich auf mehrere gruene Huegel, liegt auf etwa 750 Meter ueber dem Meer und ist sehr angenehm temperiert. Zahlreiche Restaurants und Strassenverkauefer mit allerlei Obst, Snackshops und Supermaerkte, es gibt wenig was es nicht in unmittelbarer Naehe gibt. Besonders erwaehnenswert sind die herausragenden Patisserien. Selbst in Marokko habe ich nichts vergleichbares gesehen. Neben einer grossen Auswahl an unterschiedlichen Broten und Baguettes gibt es in erster Linie Torten, Gebaeck, Kekse, Kuchen, Sahnebizees, Zuckerschneken, Pfannkuchen (Berliner), einfach alles was das Schlemmerherz begehrt. Auch die Supermaerkte sind ueberraschend gut ausgestattet. Neben den ueblichen lokalen Produkten gibt es zu teilweise deftigen Preisen ein nahezu lueckenloses Angebot importierter Waren, vom franzoesischen Camembert ueber italienischen Wein bis zu amerikansichen Suesswaren. Sowohl Patisserien als auch die Topsupermaerkte sind natuerlich der wohlhabenden Schicht vorbehalten, die hier etwas groesser zu sein scheint. Interessant ist im Uebrigen, dass alle groesseren Supermaerkte von Libanesen gefuehrt werden, nicht nur hier in Kamerun, sondern ueberall in Westafrika. Mehr zu den Hintergruenden kann man hier nachlesen.

Untergekommen im Casba de Saints warte ich auf die Ankunft von Mark und Geoff. Geoff hatte Mark bereits in Limbe eingeholt, indem er mit einer Faehre von Calabar nach Limbe, den beschwerlichen Weg uebers Land umschifft hat und dabei etwa 2 bis 3 Tage aufholen konnte. Es ist ein feierliches Gefuehl die beiden in den Hof einfahren zu sehen und nach laengerer Zeit wieder in der Gruppe vereint in voellig fremder Umgebung zusammenzukommen. Trennung und Vereinigung sind ein natuerlicher und unvermeidlicher Teil unserer Fahrt. Jeder hat seine Macken und Eigenarten und will manchmal eigene, individuelle Erfahrungen machen, ohne Kompromisse eingehen zu muessen.

Mark entdeckt einen rostigen Nagel, der sich in meinen Hinterreifen gebohrt hat. Meine Hoffnung, dass er sich nicht bis in den Schlauch gebohrt hat, loesst sich beim Herausziehen hoerbar und buchstaeblich in Luft auf. Der aufmerksame Mitleser wird sich aus vergangenen Berichten erinnern, das der Wechsel des Hinterreifens keine ganz leichte Aufgabe bei meinem Motorrad ist und ich entscheide mich das Problem in die Haende eines etwa 18 Jaehrigen Reifenwechslers zu geben, der unweit von unserer Unterkunft zu finden ist. Etwa zwei Minuten, nachdem ich ihm erklaert hatte, dass es recht schwierig ist, den Reifen von der Felge zu bekommen, war der Reifen bereits ab und der Schlauch wurde geflickt. Nachdem der Flicken getrocknet war, dauert es nochmals ganze 3 Minuten, bis ich meinen aufgepumpten Reifen in der Hand halte. Tief beeindruckt schuettele ich meinem Held die Hand und gebe ihm 2 statt der geforderten 1 Euro 50. Wenn man weiss wies geht, dauert ein Reifenwechsel also etwa 5 Minuten. In Deutschland bezahlt man dafuer etwa 25 Euro.

Eigentlicher Grund fuer unserern Aufenthalt in der Hauptstadt ist natuerlich wieder das etwas leidige Thema Visum. Wir versuchen hier gleich drei Visa zu bekommen, fuer Gabon, Congo und der DR Congo. Die Visa fuer Gabon und Congo konnten wir recht unproblematisch aber zu Hoechstpreisen erhalten. Alle bisherigen Berichte ueber Visaantraege fuer DRC in Yaounde die uns zu Ohren gekommen sind, waren allerdings negativ. Am Ende wurden alle abgelehnt. Wir wollen aber keine Moeglichkeit aussen vor lassen und reichen unseren DRC-Antrag am Freitag ein und verbleiben uebers Wochenende mit der Hoffnung auf Erfolg. Der Bearbeiter weisst uns allerdings bereits freundlich darauf hin, das wir durchaus abgelehnt werden koennen, die eingereichte Bearbeitungsgebuer dann aber dennoch faellig ist. Auf die Frage was denn ein Grund fuer eine Ablehnung sein koennte, antwortet er lediglich, das wuesste er nicht, es liegt ganz in der Hand des Konsulars, manchmal vergibt er Visa und manchmal eben nicht. Wir hoffen er hat ein gutes Wochenende und druecken die Daumen. Heute wurden uns dann allerdings die Paesse ohne Visum und ohne Begruendung wieder zurueckgegeben. Wir sollen es doch in Brazzaville, Congo nocheinmal versuchen, vielleicht haetten wir da mehr Glueck, sagt uns die Bearbeiterin. Mehr war nicht zu machen.

Da es nach allgemeiner Meinung nicht erfolgsversprechend ist, die Visa fuer Angola und DRC im sehr teuren Libreville, Gabon zu beantragen, werden wir aller Vorraussicht nach unseren naechsten Versuch in Brazzaville machen und haben dann bei Misserfolg eine letzte Chance in Point Noire. Zwischen allen uns bekannten Afrikatouristen, die derzeit nach Sueden unterwegs sind (wir duerften von den meisten wissen), herscht derweil ein Informationsausstausch ueber Handy und Email. Wer etwas Verwertbares erfaehrt, verbreitet die Information an die anderen. Dennoch, obwohl andere weiter suedlich sein duerften, ist uns bislang nichts Positives zu ohren gekommen. Langsam werden wir etwas nervoes und beginnen bereits Alternativplaene zu diskutieren. Sollten wir ein Angolavisum, aber kein DRCvisum erhalten, gaebe es etwa die Moeglichkeit von Cabinda, einem abgespaltenen Teil Angolas, der direkt von Congo aus zu erreichen ist, mit dem Boot oder Flugzeug ins Hauptterretorium das Landes zu gelangen und somit DRC zu umgehen. Wenn es hingegen stimmt, dass derzeit nur in Matadi in DRC, ein Visum fuer Angola zu bekommen ist, haben wir ein grosses Problem. Es gibt keinen Weg nach Sueden, der sowohl DRC als auch Angola ausschliesst. Zumindest keinen der ernsthaft in Erwaegung zu ziehen waere. Sollten wir das Visum fuer DRC aber nicht das fuer Angola bekommen, gibt es zumindest die theoretische Moeglichkeit Angola durch DRC zu umfahren. Doch dieser Versuch grenzt aufgrund der Situation im Land und der praktisch fehlenden Infrastruktur, von Strassen bis zu Benzin, an Leichtsinn. Es sieht nicht gut aus und Namibia, sozusagen das rettende Ufer auf der anderen Seite, fuehlt sich zunehmend ferner an, je naeher wir kommen.

Morgen geht es aber erstmal nach Gabon und ich hoffe wir koennen trotz der vor uns liegenden Schwierigkeiten die Fahrt und das Land geniessen.

Abschliessend vielen Dank wieder fuer eure Wuensche und Kommentare, auch fuer die Tipps zur Reparatur der Gabel. Geoff hat mir aus Lome derweil neue Dichtungen mitgebracht. Die Reparatur steht allerdings noch aus.  Machts gut und bis zum naechsten mal.

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