Das Ueberqueren einer Grenze und Eintauchen ins neue Land ist immer mit ein wenig Aufregung verbunden. Gerade erst hat man sich an die Gegebenheiten eines Landes gewoehnt und weiss was ist erlaubt und worauf wird geachtet, faengt das Kennenlernen nach dem Ueberqueren einer Grenze wieder von vorne an. Alles kann sich aendern und haeufig waren die Unterschiede zwischen den Laendern, deren Grenzen einst nur auf dem Schreibtisch festgelegt wurden, dramatisch. Zunaechst ist die Grenzueberquerung der erste Eindruck der neuen Welt und Grenzbeamte sind die ersten Repraesentanten eines jeden Landes. In Gabon gehen wir ins Immigrationsbuero direkt am Grenzfluss und finden einen etwas zu gut ernaehrten Beamten vor, der oben ohne, mit aufgeknoepfter Hose an seinem Schreibtisch sitzt und gerade von einem jungen, zierlichen Mann massiert wird. Direkt neben dem Schreibtisch liegt eine Matratze und der Fernseher laeuft, waehrend ein zweiter Beamter mit Fussbaltrikot am Nachbartisch sitzt und Musik aus seinem Handy hoert. Viel Durchgangsverkehr herscht hier nicht und unser Erscheinen ist eine spuerbar ungewoehnliche Begebenheit. Etwas lethargisch aber freundlich werden die Formalitatetn erledigt, bevor wir ins Landesinnere entlassen werden und man sich wieder den eigenen Vergnuegungen widmet.

Die Durchmischung von Privat und Geschaeft ist im uebrigen nicht ungewoehnlich und die Nutzung eines groesseren Teils der Arbeitszeit fuer private Belange selstverstaendlich. Fernseher und Musik in Hotels oder Restaurants sind grundsaetzlich zur Unterhaltung der Angestellten vorhanden und die Lautstaerke ist auf deren Beduerfnisse (meist ist alles sehr laut) eingestellt. Wenn gerade etwas Wichtiges in den beliebten Seifenopern passiert, arbeitet praktisch keiner mehr und wenn man sich erlaubt zu fragen, wann denn nun der vor 20 Minuten bestellte Kaffe kommt, kriegt man tatsaechlich die Antwort “Ich schaue grad fern” zurueck. Im Buero von Western Union muss ich mich gedulden, bis der Bearbeiter die Audio-CDs fuer seine Freundin fertiggebrannt hat, den Mann im Supermarkt muss ich aufwecken, bevor er mir etwas verkauft und wenn bei irgendjemanden das Handy klingelt, ist sowiso fuer die Zeit des Gespraechs erst einmal alles vorbei, egal mit wem man es zu tun hat und was dieser gerade getan hat. Nichts hat hoehere Prioritaet als das Handy.

am Equator

am Equator

Viel ist zunaechst nicht anders hier in Gabon, stellen wir fest. Der uns umgebende Dschungel ist noch dichter. Graeber und Grabsteine findet man inmitten der Haeuser und ohne Begrenzung direkt am Strassenrand, als wollte man die Toten direkt am Leben teilhaben lassen. Es wirkt ein wenig verlassen auf den ersten Kilometern, ein Eindruck, den wir auch im Rest unserer Landesdurchquerung bestaetigt finden. 1,4 Millionen Menschen, von denen fast die Haelfte in der Hauptstadt Libreville wohnt, sind im Verhaeltnis zur Flaeche des Landes geradezu mickrig. Am Rande der Strassen findet man zwar viele Haeuser und Doerfer, aber haeufig wirkt es leer und unbewohnt. Auch die Strassen sind praktisch unbefahren. Es arbeiten mehr Leute am Strassenrand als Autos fahren. Die Strassenarbeiter haben alle Haende voll zu tun, dem Vordringen des Dschungels Einhalt zu gebieten und schneiden Graeser und Gebuesch. Das liegengelassene Gras wird spaeter nach dem Trocken verbrannt. Zum Trocknen hat das Gras jedoch nur wenig Zeit, denn die Trockenzeit in Gabon betraegt nur 2 Monate (Dezember und Januar). Trockenzeit heisst hier aber auch nur, dass es etwas weniger regnet. Aus touristischer Sicht ist Gabon irrsinnig teuer. Das wenige was es an entwickeltem Tourismus hier gibt, ist einer gut betuchten Schicht vorbehalten. Luxus-Oekotourismus koennte man es nennen. Umweltvertraegliche hochwertige Hoteleinrichtungen in den Parks, ohne wirkliche Alternativen, sind fuer Preise zwischen 200 – 400 Dollar die Nacht zu haben. Aber es scheint sich zu entwickeln, denn vor Ort finden wir haeufig ein weit groesseres Angebot an bezahlbaren Hotels, als in unseren Reisfuehrern erwaehnt ist. Die meisten der 13 Parks (10% der Landesflaeche) sind fuer den Tourismus jedoch (noch) unerschlossen. Das touristische Potential ist enorm und die Vielfalt der Pflanzen und Tiere atemberaubend. Nilpferde und Elefanten am Strand, Schimpansen und Gorillas in den Waeldern, Wale und Delphine vor den Kuesten, Riesenschildkroeten, Bueffel, die Liste ist scheinbar endlos. Zeit und Geld muss man jedoch mitbringen und beides sind rare Gueter eines Abenteuermotorradfahrers auf der grossen Tour mit fernem Ziel. Die Luftfeuchtigkeit ist nicht mehr zu uebertreffen. Hier in Lambarene fuehlt es sich kurz nach einem Regen an, als muesste man nur die Arme ausbreiten und koennte sich fortan schwimmend weiterbewegen. Die Feuchtigkeit spuert man auch in den Haeusern und Hotels und die Zimmer fuehlen sich immer mehr oder weniger klamm an.

Wir goennen uns auf dem Weg nach Sueden einen Abstecher zu einem Nationalpark, dem Lope Nationalpark. 115 Kilometer recht steinige Piste und zurueck sind der Preis und wir werden gruendlich durchgeschuettelt. Geoffs Federbein gibt den Geist auf (ausnahmsweise mal ein Schaden der nicht mit meinem Motorrad zusammenhaengt) und vermiest ihm verstaendlicher Weise den Ausflug. Landschaftlich hat es es sich aber gelohnt. Der Dunst, der in Kamerun ueber allem haengt und jegliche Sicht verhuellt, ist verschwunden und wir schauen in die Weite, ueber gruene Wiesen und dichte Waelder, ueber Fluesse und Felsen. Waeren da nicht die Holztransporter mit ihren riesigen geladenen Baumstaemmen, die uns geradezu selbstmoerderisch schnell entgegenrasen und dann in undursichtige Staubwolken einhuellen, waere die Fahrt ein ungetruebter Genuss. Das Holzgeschaft boomt und was nicht Nationalpark ist, wird gnadenlos platt gemacht. Wer erstmal den Reichtum eines Regenwaldes mit eigenen Augen und Ohren wahrnehmen durfte, koennte heulen. Regenwald waechst nicht mal eben so nach und anpflanzen kann man ihn schon gar nicht. Abgeholzter Regenwald ist verloren. Schaut man in die Kabinen der Laster, sieht man erstaunlicherweise keine Schwarzen, sondern Chinesen. Ueberall in Afrika sind sie, bestaetigt mir Lawrence, ein Suedafrkianer und fuegt hinzu, dass die Chinesen an erster Stelle stehen was den weltweiten Holzexport angeht, gefolgt von Frankreich mit einem SECHSTEL des Volumens (Die Zahlen habe ich nicht validiert und koennen variieren). In Kamerun bauen die Chinesen sogar extra die Strassen.

p1010506-modified-in-gimp-image-editorEingestaubt von Kopf bis Fuss kommen wir in Lope an und muessen erfahren, dass es kein Benzin gibt. Auf den etwa 500 Kilometern seit der Grenze gab es genau 2 Tankstellen mit Benzin, beide in einer Stadt (Oyem) und ich fahre bereits auf Reserve. Eine Rueckfahrt ohne Tanken ist nicht moeglich. Es gibt eine Frau in der Stadt, die Benzin hat, aber kein Offizielles, erfahren wir und jemand rennt los, um sie zu holen. Das eh minderwertige Benzin wird hier weiter mit Ethanol gestreckt und dann zu einem Drittel teurer verkauft, als an den wenigen offiziellen Tankstellen im Land. Das ein moderner KTM-Motor mit solch einem Gemisch umgehen muss, hat sicher keiner der Ingenieure bei KTM bedacht, denke ich und schuette das Zeug in meiner Not aus einem Eimer in meinen Tank.

Lope Nationapark

Lope Nationapark

Waehrend Geoff sich mit seinem Federbeinproblem beschaftigt und Mark bereits den Rueckweg angetreten hat, goenne ich mir einen Fuehrer und begebe mich auf einen dreistuendigen Ausflug in die Berg- und Waldwelt des Nationalparks. Wir erklimmen die mit Wiesen bewachsenen Berge und sind innerhalb kuerzester Zeit voellig durchnaesst, als haette ich mich mitsammt meiner Klamotten unter eine Dusche gestellt. Das Geld und die Kamera in der Hose sind nass und mir tropft der Schweiss von den Handgelenken. Es ist unfassbar. Kaum ueberschreiten wir jedoch die Grenze zum Wald aendert sich die Temperatur drastisch. Es fuehlt sich 10 Grad kaelter an. Ich friere fasst. Wir sind umgeben von einer Vielfalt von Geraeuschen, die das Ohr zu ueberfordern scheinen. Man kann den Tierreichtum geradezu hoeren. In der kurzen Zeit sehen wir 3 verschiedene Affenarten, unter anderem Schimpansen, die vor uns Reisaus nehmen und spater ein lautes Affenkreischkonzert geben. Ich musste gleich an Miles denken (fuer Insider). Ich haette stundenlang durch das magisch anmutende Dickicht streifen koennen, laege nicht die weite Rueckfahrt ueber die Piste und nach Lambarene vor uns.

Auf der Fahrt dorthin vergebe ich der Strasse zwischen Ndjole und Bifoun die Asphaltfahrspasshoechstwertung. Perfekter Belag, idealer Kurvenradius, kaum Verkehr und mitten durch den tiefsten Dschungel. Nur das Atlasgebirge in Marokko mit seinen atemberaubenden Blicken und genialen Strassen kann damit bislang mithalten. Vor Spass in den Helm kreischend, schwinge ich mich durch die Kurven. Was ist befreiender und vollkommen einnehmender als Motorradfahren? Man tut nichts und denkt an nichts anderes als an das was man gerade in diesem Moment tut. Motorradfahren. Wie in einem Rausch fliege ich von links nach rechts, in perfekter Einheit mit der Maschine. Bremsen, Schalten, Kuppeln, Gasgeben, alles geschieht wie von selbst, automatisiert in tausenden von Fahrstunden.

Zum ersten Mal seit Mali macht es mir wieder richtig Spass der lokalen Musik zuzuhoeren. Sie geht ins Blut, hat viel Bass und Rythmus und macht einfach richtig Spass. Afrikanisch ist sie und mit Druck und Energie und einer riesigen Portion Lebensfreude erfuellt, dass man sofort mitgerissen wird. Naja ich zumindest. Geoff und Mark haben kein Ohr dafuer. Abenteuerlust schliesst fuer mich allerdings die Musik hier ein und ich lasse mich gern darauf ein. Musik und Tanz ist einer der wichtigsten Teile des afrikanischen Lebens und wir muessen laecheln, als wir zum aktuellen Gaboncharthit, von Tsamba Maroute, schon die ganz Kleinen, die kaum stehen koennen, etwas unbeholfen aber durchaus musikinspiriert mithopsen sehen.

Wir besuchen das Albert Schweitzer Hospital in Lambarene. Fasziniert bestaune ich das Lebenswerk eines bewundernswerten Mannes, der es am Anfang des letzen Jarhunderts vollbracht hat, unter schwierigsten Bedingungen, moderne Medizin in einer von mystischen Glauben dominierten Welt zu etablieren. Ich nehme mir vor, nach meiner Rueckkehr mehr ueber den Nobelpreistraeger zu recherchieren, waehrend ich durch die liebevoll erhaltenen Raeume des Doktors schlendere.

Wahrend Mark und Geoff versuchen ein paar Dollars zu tauschen (es ist ein wenig schwierig hier an Geld zu kommen), stehe ich auf dem kleinen Parkplatz des Hospitals und beobachte geballte und dunkle Wolkenformationen auf mich zurasen. Wind kommt auf und die alten Blaetter der pausenlos Gruen erzeugenden tausenden Baeume, werden durch die Luft gewirbelt. Grosse, schwere Wedel werden von den Palmen gerissen und schlagen auf die Metalldaecher der Bungalows. Innerhalb weniger Minuten wird es dunkel. Ich kann die Wassermassen ueber mir foermlich spueren, so erdrueckend schwer und tief ziehen sich die Wolken ueber mir zusammen. Als wuerden sie sich oeffnen und mich einfach verschlingen wollen, denke ich und mich ergreift ein beklemmendes Gefuehl. Ich mag Gewitter, liebe sie sogar, aber das hier – das ist eine andere Kategorie. Die Kraft die sich ueber uns zusammenballt ueberwaeltigt mich, aber ich geniesse die Intensitaet der Naturgewalt und mich ueberkommt eine Gaensehaut. Weltuntergangsstimmung.

Wir springen auf die Motorraeder und versuchen dem Sturm zu entkommen. Auf einer der Bruecken angekommen, sehen wir, dass die Flussufer bereits aus der Sicht verschwunden sind. Wolken, Regen, Baeume und Fluss sind eine einzige dunkelgraue Masse. Kurz bevor wir das rettende Hotel erreichen haemmert der Regen auf uns herab, als gaebe es kein morgen. Wir sind in der kurzen Trockenzeit und erleben den dritten Regenguss seit unserer Ankunft in Lambarene vor 15 Stunden. Ich denke an die nicht asphaltierten Pisten auf dem gut 650 Kilometer langen Weg nach Brazzaville in Congo und mir wird etwas unwohl. Schlamm gehoert neben Sand zu den groessten Feinden des Motorradfahrers und kann die Reisegeschwindigkeit auf ein Bruchteil reduzieren. Eine sonst einfache Strasse wird zur kraftraubenden Herausforderung. Michael, ein Deutscher, der am 1.12. hier eingeflogen ist, um mit dem Motorrad nach Angola zu fahren (wir wollten ihn eigentlich treffen, waren aber 1.5 Monate zu spaet dran :) ), ist auf die gleichen Wetterverhaeltnisse gestossen. Nach 3 Wochen packt er seine Sachen und fliegt wieder zurueck. “I was to afraid to go alone. the rain is overwhelming. … all f..d up.” schreibt er uns spaeter in einer email.

Sollte sich das Unwetter beruhigen, werden wir morgen Richtung Congo aufbrechen. In Abhaengigkeit der Strassenverhaeltnisse muessten wir fuer den Weg etwa 2 bis 5 Tage benoetigen. Gute Nachrichten haben wir derweil von Alex, einem uns voraus fahrenden Russen, erhalten. Dieser ist bereits in Suedafrika angekommen und hat erfolgreich sowohl DRC als auch Angola durchquert. Leider hat er uns die Visadetails verschwiegen, aber wir sind sicher, was er kann, koennen wir auch. Mein naechster Bericht kommt hoffentlich aus Brazzaville. Danke fuers Mitlesen und bleibt weiter dran.

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