Unser Visum gestattet es uns Angola innerhalb von 5 Tagen zu durchqueren, wenig Zeit fuer das grosse Land und wir wollen keine Zeit bereits am ersten Tag verlieren und treffen um halb Acht am Grenzuebergang ein. Zusammen mit uns wollen auch noch eine deutsche Familie (5 in a box), Englaender und Niederlaender (alle in Allradfahrzeugen) an diesem Morgen die Grenze ueberqueren. Wir entschieden uns im letzen Moment fuer den Grenzuebergang in Matadi, statt den hauptsaechlich genutzten in Luvo etwa 80 Kilometer vor der Stadt. Die Strassenverhaeltnisse sind zwar absehbar schlechter, aber die Entfernung ist erheblich geringer. Mit der Versicherung der drei Allradfahrzeuge im Ruecken, die uns im schlimmsten Fall das Gepaeck abnehmen koennen, fuehlen wir uns ausreichend fuer den Notfall unterstuetzt. Unsere Erfahrung im Kongo hat uns etwas vorsichtiger gemacht und nichts waere frustrierender, als in einem Zeitfenster von nur fuenf Tagen im Morast steckenzubleiben.

Unsere fruehe Ankunft verhilft uns leider nicht zu einem fruehen Start. Bis alle Stempel zusammen mit den dazugehoerigen Personen eintreffen und alle Formalitaten erledigt sind, ist es elf Uhr. Die Strasse die uns erwartet ist technisch anspruchsvoll und wir kommen nur langsam voran. Tiefe und breite Laengsrillen, die offenbar das Wasser nach grossen Regenfaellen abtransportieren, erfordern sehr weitsichtiges Fahren und das steile Auf und Ab durch die Berge erschweren die Fahrt zusaetzlich. Mir ist voellig unklar, wie die drei hinter uns fahrenden Autos die schmalen Strassen bewaeltigen koennen und bis Heute ist mir Nichts ueber deren Verbleib zu Ohren gekommen. Uns aber macht es Spass die richtigen Fahrlinien zu finden und lediglich der Gedanke an die im Verhaeltnis zu Gesamtstrecke laecherlichen Kilometer, die wir zuruecklegen, daempfen die Freude ein wenig.

unser erste Abend in Angola

unser erste Abend in Angola

Landschaftlich ist Angola im Norden ein Genuss. Es ist gruen, huegelig und uebersaeht mit schwarzen Felsen. Weitreichende Blicke wechseln sich ab mit dichtem Wald. Ein alter Bekannter gesellt sich dazu. Der Affenbrotbaum, den wir in Unmengen in Senegal und Mali gesehen haben, taucht wieder auf und vermittelt mir ein Gefuehl des Durchquerens des Kontinents. Nach Wochen des Fahrens zu einer immer ueppigeren Vegetation lassen wir den gruenen Guertel zunehmend hinter uns und naehern uns wieder trockenen Gegenden. Der Affenbrotbaum ist der erste Bote und heisst uns auf der anderen Seite Afrikas willkommen. Ein Funken Melancholie stellt sich ein, denn statt immer Neuem, sich Steigerndem, ist der Affenbrotbaum eine Wiederholung, ein Zeichen fuer die Endlichkeit unseres Abenteuers.

Dorf in Nordangola

Dorf in Nordangola

Die Doerfer weisen einen voellig neuen und einheitlichen Charakter auf. Neben eine breite, trockene, steinharte und durch Rillen zerrissene Strasse ordnen sich wie aufgefaedelt aus gelben Lehmziegeln gebaute, kleine Haeuser an. Der Moertel zwischen den Ziegeln ist ausgespuelt und die Daecher bestehen aus Stroh. Strasse und Haeuser sind einheitlich Erdgelb. Die Strasse ist dicht besiedelt mit Ziegen, Huehnern und Hunden, die nur sehr widerwillig den Weg freigeben. Viel Durchgangsverkehr gibt es auch nicht und am ersten Tag sehen wir kein einziges Fahrzeug. Wir sind von weitem hoerbar und wenn wir im Dorf ankommen, stehen alle vor ihren Huetten und die Kinder rennen zur Strasse. Wir sind in Eile, halten kaum und fahren zuegig und jede Durchfahrt ist akkustisch gepraegt vom “aaaaaAAAHHHhhhhhh” der schreienden und jubelnden Kinder. Es wird das letzte Mal sein, das wir eine Begeisterung in diesem Ausmass bei der Bevoelkerung bewirken.

Warten auf Benzin

Warten auf Benzin

Die Benzinsituation in Angola ist eine Schilderung wert. Dass wir in Gegenden ohne groessere Orte oder Staedte auf Benzin unbekannter Qualitaet aus Flaschen angewiesen sind, ist nichts Neues mehr, aber dass wir auch in N’zeto der ersten groesseren Stadt auf unserem Weg durch Angola keine Tankstelle finden, ueberrascht uns doch gehoerig. Wo kommt das Benzin aus den Flaschen denn her und wer bringt es hierher? Die erste Tankstelle sehen wir dann spaeter kurz vor Luanda. Sie wird belagert von Hunderten von Autos, Moppeds und einer Unmenge von Menschen mit gelben Kanistern. Die Tankstelle ist kaum als solche erkennbar. Das Bild wiederholt sich und irgendwann sind auch wir gezwungen, uns ins bunte Treiben zu stuerzen. Fassungs- und Tatenlos parken wir in der Naehe der Autoschlangen und beobachten das Geschehen. Die Tanksaeulen sind umstellt von grossen gelben Kanistern, die auf ihre Befuellung warten. Jeder versucht sich irgendwie nach vorne zu draengen. Moppeds nutzen die kleinste Luecke auf dem Weg zur begehrten Zapfpistole. Die Autos bewegen sich in winzigen Schritten Zentimeter fuer Zentimeter ihrem Ziel entgegen. Kleine Minitransporter mit einer Ladeflaeche transportieren leere Kanister und uns wird klar, wie sich das Benzin in die entlegenen Regionen des Landes verteilt. Selbstorganisierte Distribution ueberlastet die wenigen vorhandenen Tankstellen und treibt den Benzinpreis jenseits der Tanksaeulen auf einen Preis ueber dem Doppelten des Originalen. Bei 40 Cent Ausgangspreis koennen wir damit aber immer noch ganz gut leben. Wir stehen eine Weile neben dem Geschehen und denken nicht im Traum daran, uns hinten anzustellen. Wir haben nur fuenf Tage und koennen es uns nicht leisten, Stunden auf eine Tankfuellung zu warten. Aus Gruenden die wir nicht hinterfragen, wird der Tankwart auf uns aufmerksam und laedt uns ein, direkt an den Anfang der Schlange zu kommen, vorbei an Autos, Moppeds und Kanistertraegern. Keiner beschwert sich im Geringsten und wir nehmen dankend an. Das ist es eben Afrika, es gibt immer eine Loesung, oft unerwartet und anders als man denkt.

In N’zeto verkuendet uns Mark, dass er sich totkrank fuehlt und unmoeglich weiterfahren kann. Wir suchen das naechstmoegliche Hotel auf und Mark verabschiedet sich ins Bett. Es ist Mittag und wir verlieren mindestens einen halben Tag, aber hoffen auf Marks Besserung bis zum naechsten Morgen. Die Durchquerung in fuenf Tagen ist nicht mehr zu schaffen. Waehrend Mark sich erholt, schlagen Geoff und ich die Zeit mit einigen Bieren tot und versuchen hoffnungslos, mit dem einen oder anderen Kontakt aufzunehmen. Die Landessprache ist Portugiesisch und die Sprachbarriere ist meist unueberwindlich. Im Norden des Landes trifft man den einen oder anderen der Franzoesisch spricht und im Sueden einige mit Englischkenntnissen, aber in der Regel zucken wir nur mit den Schultern und unsere Kommunikationsversuche bleiben fruchtlos. Wenigstens geht es Mark am kommenden Morgen etwas besser und wir treten unsere Weiterfahrt mit reduziertem Tempo nach Luanda an.

Einfahrt in Luanda

Einfahrt in Luanda

Die ersten Eindruecke der Hauptstadt schockieren mich. In Stau, Smog und endlosen Lasterschlangen fahren wir im Schneckentempo dem Zentrum entgegen. Es ist trocken und sandig und man sieht Slums und Muell sprichwoertlich bis zum Horizont. Muellberge, zum Teil brennend, trennen die Strasse von der dramatischen Armut der Wellblechsiedlungen. Ich bekomme eine Gaensehaut. Eine trostlosere und schockierende Gegend habe ich in ganz Afrika nicht gesehen. Luanda im Zentrum ist der zum Himmel schreiende Gegensatz. Moderne Autos, Haeuser und Geschaefte und die deutliche Praesenz von Geld und Reichtum praegen das Bild. Ueberall wird gebaut und renoviert, die Stadt ist in Bewegung, im Aufbruch und nicht nur die Stadt, Angola, besonders im Sueden, ist im Umbruch. Des Oefteren habe ich bereits die Praesenz der Chinesen in Afrika erwaehnt, aber in Angola sind Chinesen bereits ein Teil der Bevoelkerung. Tausende sind im Land. China baut die Strassen, die Bahnlinien, die Hotels und die Stadien. China baut die Rohstoffe ab und der Anblick chinesischer Zeichen an Autos, Fabrikgelaenden und Baustellen ist Normalitaet. Wir erfahren spaeter, dass viele chinesische Arbeiter nicht einmal einen Pass haben und das aus gutem Grund, denn es handelt sich in der Regel um Haeftlinge, die durch ihren Arbeitseinsatz die Haftzeit verkuerzen. Auch gehen chinesische Ein- und Ausfuhren ohne den ueblichen buerokratischen Aufwand in kuerzester Zeit von Statten. China baut beinahe die komplette Infrastruktar Angolas zum Dumpingpreis. In nur drei Jahren sind praktisch alle Asphaltstrassen des Landes von Chinesen gebaut worden. Angola richtet den Basketball Afrikacup im Jahr 2010 aus und Chinesen baut alle notwendigen Stadien im Land.

Je weiter wir nach Sueden vordringen desto trockener und wuestenhafter wird das Land und gleichzeitig umso entwickelter und westlicher. Auf dem Weg zum Landesinneren und unserer letzten Station nach Lubango kommen wir auf eine ueber 1500 Meter hohe Hochebene. Das Land wird wieder gruen und die Temperaturen angenehm. Auf dem Weg zur Grenze werden wir nochmals mit Matsch und schwierigen Strassenverhaeltnissen konfrontiert, bis eine neue Strasse mit neuen Strassenschildern und den Entfernungsangaben bis zur Grenzstadt, Santa Clara, unsere letzte Offroadpiste abloest. Waherend ich mit 120 km/h am Ende des 6. Tages der Grenze entgegenfliege, kann ich mich nicht entscheiden ob ich lachen oder weinen soll. Unsere letzte Piste liegt hinter uns, der Weg nach Namibia ist sprichwoertlich geebnet und Nambia selbst ist ein anderes Afrika, ein gezaehmtes, westliches Afrika. Ich fuehle mich stolz und das Gefuehl etwas Besonderes erreicht zu haben stellt sich ein. Wir haben es geschafft. Wir sind so gut wie durch und das Abenteuer ist vorbei. Wars das schon? Ich will es nicht wahrhaben und schwanke emotional auf und ab, wie ein kleines Boot im grossen Ozean. Das Ziel kommt in greifbare Naehe und wieder wird mir bewusst, dass das Ziel nur die Motivation, der Weg aber das Erlebnis ist. Ohne Ziel gibt es aber keinen Weg und das Erreichen des Ziels ist nunmal Teil des Weges. Der Alltag umschliesst das Abenteuer und wuerde man nicht aus dem Alltag kommen und in den Alltag zurueckkehren, waere auch das Abenteuer nur ein Alltag.

Nach kurzen Verhandlungen an der Grenze ueber die Hoehe des Strafe fuers Ueberziehen des Visums stehen wir auf dem Boden Namibias. Alles ist anders hier. Nach ueber 4 Monaten in Afrika merke ich, wie sehr ich mich an afrikanische Verhaeltnisse gewoehnt habe. Das neue namibianische Afrika ueberwaeltigt mich beinahe genauso wie das Eintauchen in Afrika aus Europa kommend. Fuer den Leser duerfte es allerdings von geringem Interesse sein, meine Eindruecke hier zu beschreiben, denn fuer die meisten beschriebe ich lediglich gewoehnlichen Alltag. Es gibt fliessendes Wasser und zwar immer und noch unglaublicher, das Wasser ist sogar warm. Es gibt Strom ohne Ausfaelle. Nach Monaten sehe ich zum ersten Mal wieder eine Scheibe Kaese. Es gibt Geldautomaten an jeder Ecke, ich stecke meine EC-Karte rein und bekomme ohne Fehlermeldungen den gewuenschten Betrag ausgezahlt. Es gibt Speisekarten und das fantastischste ist, das man auch bestellen kann was draufsteht. Ich sehe andere weisse Menschen und nicht wenige. Namibia ist das erste Land in Afrika, dass Muelleimer hat und im Gegensatz zum Rest der Laender auf meinem Weg geradezu klinisch sauber wirkt. Fruestueckbuffets, Fastfoodrestaurants, Schoppingcenter, 95 Oktan Benzin, Cadburys Schokolade, perfekte Strassen ueberall – ich koennte endlos fortsetzen. Das Besondere ist, dass alles fuer aussergewoehnlich wenig Geld zu haben ist. Namibia ist billig.

Waehrend ich feststelle, wie sehr sich mein Auge an das rauhe Afrika gewoehnt hat, frage ich mich, wie viel meiner Eindruecke der vergangenen Monate keinen Weg hier in den Blog gefunden haben, weil ich sie fuer zu normal eingestuft habe, obwohl sie fuer den Leser interessant oder gar faszinierend gewesen waeren. Es ist sehr schwer nicht den urspruenglichen, westlichen Blick auf die neue Welt zu verlieren und das Besondere fuer die Daheimgebliebenen auch nach so langer Zeit noch zu erkennen und ich bin ueberzeugt, dass Vieles durch meine Gewoehnung unerwaehnt geblieben ist.

Etosha Nationalpark -  weiter Blick und tiefe Wolken, ein typsicher Anblick in Namibias Morden

Etosha Nationalpark - weiter Blick und tiefe Wolken, ein typsicher Anblick in Namibias Norden

Jetzt bin ich in Windhoek, untergebracht in der wunderbaren Chameleon Lodge und umgeben von vielen Touris, Backpackern und Ueberlandreisenden in eigenen Vehikeln. Ich treffe auf Neil, einen Schotten, der auf einer BMW 1200GS die gleiche Tour in die andere Richtung machen wollte (scotland from the cape) und seit 4 Wochen in Namibia festsitzt, weil zur Zeit kein Visum in Namibia fuer Angola ausgestellt wird. Frustriert und geknickt verschifft er jetzt das Motorrad nach Ghana, um von dort aus weiterzufahren. Manchmal hilft auch alles Wollen und Versuchen nichts und wir sind umso gluecklicher, dass wir trotz aller Bedenken letzlich nicht an solch unueberwindlichen Problemen gescheitert sind.

Ich verbringe hier in Windhoek eine knappe Woche um organisatorische Dinge zu erledigen. Die KTM steht mit einer langen Problemliste beim Haendler und ein neuer voruebergehende Pass ist bei der deutschen Botschaft beantragt. Der Alte ist nach 17 Grenzueberquerungen voll und bringt mich nicht mehr durch Botswana und Suedafrika. Waehrend ich auf KTM und Pass warte, vertreibe ich meine Zeit mit Pizzen, Schokolade, Eiscreme und geniesse meinen Exotenstatus unter den Reisenden. Windhoek ist im uebrigen erheblich Deutscher als ich erwartet hatte, schliesslich sind die Zeiten deutscher Kolonialisierung lange vorbei. Dennoch, wo man hinblickt, liesst man deutsche Worte, vom Gastwirt ueber den Baecker, die Apotheke oder die Jagdfarm, die deutsch Sprache ist praesent. Gestern habe ich doch tatsaechlich Kassler mit Sauerkraut bestellt. Leberkaes oder sogar Eisbein gefaellig?, in Windhoek kein Problem.

Ende der Woche trete ich meine Weiterreise nach Gaborone in Botswana an, um dort alte Bekannte zu treffen, mir eine kleine Auszeit zu goennen und danach mit der letzten Etappe nach Kapstadt durch Suedafrika meine Reise zu beenden. Aber ganz so schnell gehts nicht und ganz soweit ist es noch nicht. Ihr werdet wieder von mir hoeren.

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