Das Ueberqueren einer Grenze und Eintauchen ins neue Land ist immer mit ein wenig Aufregung verbunden. Gerade erst hat man sich an die Gegebenheiten eines Landes gewoehnt und weiss was ist erlaubt und worauf wird geachtet, faengt das Kennenlernen nach dem Ueberqueren einer Grenze wieder von vorne an. Alles kann sich aendern und haeufig waren die Unterschiede zwischen den Laendern, deren Grenzen einst nur auf dem Schreibtisch festgelegt wurden, dramatisch. Zunaechst ist die Grenzueberquerung der erste Eindruck der neuen Welt und Grenzbeamte sind die ersten Repraesentanten eines jeden Landes. In Gabon gehen wir ins Immigrationsbuero direkt am Grenzfluss und finden einen etwas zu gut ernaehrten Beamten vor, der oben ohne, mit aufgeknoepfter Hose an seinem Schreibtisch sitzt und gerade von einem jungen, zierlichen Mann massiert wird. Direkt neben dem Schreibtisch liegt eine Matratze und der Fernseher laeuft, waehrend ein zweiter Beamter mit Fussbaltrikot am Nachbartisch sitzt und Musik aus seinem Handy hoert. Viel Durchgangsverkehr herscht hier nicht und unser Erscheinen ist eine spuerbar ungewoehnliche Begebenheit. Etwas lethargisch aber freundlich werden die Formalitatetn erledigt, bevor wir ins Landesinnere entlassen werden und man sich wieder den eigenen Vergnuegungen widmet.

Die Durchmischung von Privat und Geschaeft ist im uebrigen nicht ungewoehnlich und die Nutzung eines groesseren Teils der Arbeitszeit fuer private Belange selstverstaendlich. Fernseher und Musik in Hotels oder Restaurants sind grundsaetzlich zur Unterhaltung der Angestellten vorhanden und die Lautstaerke ist auf deren Beduerfnisse (meist ist alles sehr laut) eingestellt. Wenn gerade etwas Wichtiges in den beliebten Seifenopern passiert, arbeitet praktisch keiner mehr und wenn man sich erlaubt zu fragen, wann denn nun der vor 20 Minuten bestellte Kaffe kommt, kriegt man tatsaechlich die Antwort “Ich schaue grad fern” zurueck. Im Buero von Western Union muss ich mich gedulden, bis der Bearbeiter die Audio-CDs fuer seine Freundin fertiggebrannt hat, den Mann im Supermarkt muss ich aufwecken, bevor er mir etwas verkauft und wenn bei irgendjemanden das Handy klingelt, ist sowiso fuer die Zeit des Gespraechs erst einmal alles vorbei, egal mit wem man es zu tun hat und was dieser gerade getan hat. Nichts hat hoehere Prioritaet als das Handy.

am Equator

am Equator

Viel ist zunaechst nicht anders hier in Gabon, stellen wir fest. Der uns umgebende Dschungel ist noch dichter. Graeber und Grabsteine findet man inmitten der Haeuser und ohne Begrenzung direkt am Strassenrand, als wollte man die Toten direkt am Leben teilhaben lassen. Es wirkt ein wenig verlassen auf den ersten Kilometern, ein Eindruck, den wir auch im Rest unserer Landesdurchquerung bestaetigt finden. 1,4 Millionen Menschen, von denen fast die Haelfte in der Hauptstadt Libreville wohnt, sind im Verhaeltnis zur Flaeche des Landes geradezu mickrig. Am Rande der Strassen findet man zwar viele Haeuser und Doerfer, aber haeufig wirkt es leer und unbewohnt. Auch die Strassen sind praktisch unbefahren. Es arbeiten mehr Leute am Strassenrand als Autos fahren. Die Strassenarbeiter haben alle Haende voll zu tun, dem Vordringen des Dschungels Einhalt zu gebieten und schneiden Graeser und Gebuesch. Das liegengelassene Gras wird spaeter nach dem Trocken verbrannt. Zum Trocknen hat das Gras jedoch nur wenig Zeit, denn die Trockenzeit in Gabon betraegt nur 2 Monate (Dezember und Januar). Trockenzeit heisst hier aber auch nur, dass es etwas weniger regnet. Aus touristischer Sicht ist Gabon irrsinnig teuer. Das wenige was es an entwickeltem Tourismus hier gibt, ist einer gut betuchten Schicht vorbehalten. Luxus-Oekotourismus koennte man es nennen. Umweltvertraegliche hochwertige Hoteleinrichtungen in den Parks, ohne wirkliche Alternativen, sind fuer Preise zwischen 200 – 400 Dollar die Nacht zu haben. Aber es scheint sich zu entwickeln, denn vor Ort finden wir haeufig ein weit groesseres Angebot an bezahlbaren Hotels, als in unseren Reisfuehrern erwaehnt ist. Die meisten der 13 Parks (10% der Landesflaeche) sind fuer den Tourismus jedoch (noch) unerschlossen. Das touristische Potential ist enorm und die Vielfalt der Pflanzen und Tiere atemberaubend. Nilpferde und Elefanten am Strand, Schimpansen und Gorillas in den Waeldern, Wale und Delphine vor den Kuesten, Riesenschildkroeten, Bueffel, die Liste ist scheinbar endlos. Zeit und Geld muss man jedoch mitbringen und beides sind rare Gueter eines Abenteuermotorradfahrers auf der grossen Tour mit fernem Ziel. Die Luftfeuchtigkeit ist nicht mehr zu uebertreffen. Hier in Lambarene fuehlt es sich kurz nach einem Regen an, als muesste man nur die Arme ausbreiten und koennte sich fortan schwimmend weiterbewegen. Die Feuchtigkeit spuert man auch in den Haeusern und Hotels und die Zimmer fuehlen sich immer mehr oder weniger klamm an.

Wir goennen uns auf dem Weg nach Sueden einen Abstecher zu einem Nationalpark, dem Lope Nationalpark. 115 Kilometer recht steinige Piste und zurueck sind der Preis und wir werden gruendlich durchgeschuettelt. Geoffs Federbein gibt den Geist auf (ausnahmsweise mal ein Schaden der nicht mit meinem Motorrad zusammenhaengt) und vermiest ihm verstaendlicher Weise den Ausflug. Landschaftlich hat es es sich aber gelohnt. Der Dunst, der in Kamerun ueber allem haengt und jegliche Sicht verhuellt, ist verschwunden und wir schauen in die Weite, ueber gruene Wiesen und dichte Waelder, ueber Fluesse und Felsen. Waeren da nicht die Holztransporter mit ihren riesigen geladenen Baumstaemmen, die uns geradezu selbstmoerderisch schnell entgegenrasen und dann in undursichtige Staubwolken einhuellen, waere die Fahrt ein ungetruebter Genuss. Das Holzgeschaft boomt und was nicht Nationalpark ist, wird gnadenlos platt gemacht. Wer erstmal den Reichtum eines Regenwaldes mit eigenen Augen und Ohren wahrnehmen durfte, koennte heulen. Regenwald waechst nicht mal eben so nach und anpflanzen kann man ihn schon gar nicht. Abgeholzter Regenwald ist verloren. Schaut man in die Kabinen der Laster, sieht man erstaunlicherweise keine Schwarzen, sondern Chinesen. Ueberall in Afrika sind sie, bestaetigt mir Lawrence, ein Suedafrkianer und fuegt hinzu, dass die Chinesen an erster Stelle stehen was den weltweiten Holzexport angeht, gefolgt von Frankreich mit einem SECHSTEL des Volumens (Die Zahlen habe ich nicht validiert und koennen variieren). In Kamerun bauen die Chinesen sogar extra die Strassen.

p1010506-modified-in-gimp-image-editorEingestaubt von Kopf bis Fuss kommen wir in Lope an und muessen erfahren, dass es kein Benzin gibt. Auf den etwa 500 Kilometern seit der Grenze gab es genau 2 Tankstellen mit Benzin, beide in einer Stadt (Oyem) und ich fahre bereits auf Reserve. Eine Rueckfahrt ohne Tanken ist nicht moeglich. Es gibt eine Frau in der Stadt, die Benzin hat, aber kein Offizielles, erfahren wir und jemand rennt los, um sie zu holen. Das eh minderwertige Benzin wird hier weiter mit Ethanol gestreckt und dann zu einem Drittel teurer verkauft, als an den wenigen offiziellen Tankstellen im Land. Das ein moderner KTM-Motor mit solch einem Gemisch umgehen muss, hat sicher keiner der Ingenieure bei KTM bedacht, denke ich und schuette das Zeug in meiner Not aus einem Eimer in meinen Tank.

Lope Nationapark

Lope Nationapark

Waehrend Geoff sich mit seinem Federbeinproblem beschaftigt und Mark bereits den Rueckweg angetreten hat, goenne ich mir einen Fuehrer und begebe mich auf einen dreistuendigen Ausflug in die Berg- und Waldwelt des Nationalparks. Wir erklimmen die mit Wiesen bewachsenen Berge und sind innerhalb kuerzester Zeit voellig durchnaesst, als haette ich mich mitsammt meiner Klamotten unter eine Dusche gestellt. Das Geld und die Kamera in der Hose sind nass und mir tropft der Schweiss von den Handgelenken. Es ist unfassbar. Kaum ueberschreiten wir jedoch die Grenze zum Wald aendert sich die Temperatur drastisch. Es fuehlt sich 10 Grad kaelter an. Ich friere fasst. Wir sind umgeben von einer Vielfalt von Geraeuschen, die das Ohr zu ueberfordern scheinen. Man kann den Tierreichtum geradezu hoeren. In der kurzen Zeit sehen wir 3 verschiedene Affenarten, unter anderem Schimpansen, die vor uns Reisaus nehmen und spater ein lautes Affenkreischkonzert geben. Ich musste gleich an Miles denken (fuer Insider). Ich haette stundenlang durch das magisch anmutende Dickicht streifen koennen, laege nicht die weite Rueckfahrt ueber die Piste und nach Lambarene vor uns.

Auf der Fahrt dorthin vergebe ich der Strasse zwischen Ndjole und Bifoun die Asphaltfahrspasshoechstwertung. Perfekter Belag, idealer Kurvenradius, kaum Verkehr und mitten durch den tiefsten Dschungel. Nur das Atlasgebirge in Marokko mit seinen atemberaubenden Blicken und genialen Strassen kann damit bislang mithalten. Vor Spass in den Helm kreischend, schwinge ich mich durch die Kurven. Was ist befreiender und vollkommen einnehmender als Motorradfahren? Man tut nichts und denkt an nichts anderes als an das was man gerade in diesem Moment tut. Motorradfahren. Wie in einem Rausch fliege ich von links nach rechts, in perfekter Einheit mit der Maschine. Bremsen, Schalten, Kuppeln, Gasgeben, alles geschieht wie von selbst, automatisiert in tausenden von Fahrstunden.

Zum ersten Mal seit Mali macht es mir wieder richtig Spass der lokalen Musik zuzuhoeren. Sie geht ins Blut, hat viel Bass und Rythmus und macht einfach richtig Spass. Afrikanisch ist sie und mit Druck und Energie und einer riesigen Portion Lebensfreude erfuellt, dass man sofort mitgerissen wird. Naja ich zumindest. Geoff und Mark haben kein Ohr dafuer. Abenteuerlust schliesst fuer mich allerdings die Musik hier ein und ich lasse mich gern darauf ein. Musik und Tanz ist einer der wichtigsten Teile des afrikanischen Lebens und wir muessen laecheln, als wir zum aktuellen Gaboncharthit, von Tsamba Maroute, schon die ganz Kleinen, die kaum stehen koennen, etwas unbeholfen aber durchaus musikinspiriert mithopsen sehen.

Wir besuchen das Albert Schweitzer Hospital in Lambarene. Fasziniert bestaune ich das Lebenswerk eines bewundernswerten Mannes, der es am Anfang des letzen Jarhunderts vollbracht hat, unter schwierigsten Bedingungen, moderne Medizin in einer von mystischen Glauben dominierten Welt zu etablieren. Ich nehme mir vor, nach meiner Rueckkehr mehr ueber den Nobelpreistraeger zu recherchieren, waehrend ich durch die liebevoll erhaltenen Raeume des Doktors schlendere.

Wahrend Mark und Geoff versuchen ein paar Dollars zu tauschen (es ist ein wenig schwierig hier an Geld zu kommen), stehe ich auf dem kleinen Parkplatz des Hospitals und beobachte geballte und dunkle Wolkenformationen auf mich zurasen. Wind kommt auf und die alten Blaetter der pausenlos Gruen erzeugenden tausenden Baeume, werden durch die Luft gewirbelt. Grosse, schwere Wedel werden von den Palmen gerissen und schlagen auf die Metalldaecher der Bungalows. Innerhalb weniger Minuten wird es dunkel. Ich kann die Wassermassen ueber mir foermlich spueren, so erdrueckend schwer und tief ziehen sich die Wolken ueber mir zusammen. Als wuerden sie sich oeffnen und mich einfach verschlingen wollen, denke ich und mich ergreift ein beklemmendes Gefuehl. Ich mag Gewitter, liebe sie sogar, aber das hier – das ist eine andere Kategorie. Die Kraft die sich ueber uns zusammenballt ueberwaeltigt mich, aber ich geniesse die Intensitaet der Naturgewalt und mich ueberkommt eine Gaensehaut. Weltuntergangsstimmung.

Wir springen auf die Motorraeder und versuchen dem Sturm zu entkommen. Auf einer der Bruecken angekommen, sehen wir, dass die Flussufer bereits aus der Sicht verschwunden sind. Wolken, Regen, Baeume und Fluss sind eine einzige dunkelgraue Masse. Kurz bevor wir das rettende Hotel erreichen haemmert der Regen auf uns herab, als gaebe es kein morgen. Wir sind in der kurzen Trockenzeit und erleben den dritten Regenguss seit unserer Ankunft in Lambarene vor 15 Stunden. Ich denke an die nicht asphaltierten Pisten auf dem gut 650 Kilometer langen Weg nach Brazzaville in Congo und mir wird etwas unwohl. Schlamm gehoert neben Sand zu den groessten Feinden des Motorradfahrers und kann die Reisegeschwindigkeit auf ein Bruchteil reduzieren. Eine sonst einfache Strasse wird zur kraftraubenden Herausforderung. Michael, ein Deutscher, der am 1.12. hier eingeflogen ist, um mit dem Motorrad nach Angola zu fahren (wir wollten ihn eigentlich treffen, waren aber 1.5 Monate zu spaet dran :) ), ist auf die gleichen Wetterverhaeltnisse gestossen. Nach 3 Wochen packt er seine Sachen und fliegt wieder zurueck. “I was to afraid to go alone. the rain is overwhelming. … all f..d up.” schreibt er uns spaeter in einer email.

Sollte sich das Unwetter beruhigen, werden wir morgen Richtung Congo aufbrechen. In Abhaengigkeit der Strassenverhaeltnisse muessten wir fuer den Weg etwa 2 bis 5 Tage benoetigen. Gute Nachrichten haben wir derweil von Alex, einem uns voraus fahrenden Russen, erhalten. Dieser ist bereits in Suedafrika angekommen und hat erfolgreich sowohl DRC als auch Angola durchquert. Leider hat er uns die Visadetails verschwiegen, aber wir sind sicher, was er kann, koennen wir auch. Mein naechster Bericht kommt hoffentlich aus Brazzaville. Danke fuers Mitlesen und bleibt weiter dran.

Ein frohes neues Jahr wuensche ich euch aus Yaounde, Kamerun. Nach meinem etwas misslungenen Sylvesterabstecher nach Kribi, im Suedwesten des Lands, verbringen wir jetzt einige Tage in der Hauptstadt, um Visa fuer die kommenden Laender zu beschaffen.

ohne Worte

Bohrinsel und Piroge - der ganze Kontrast in einem Bild

Mit wunderschoenen, teils einsamen Palmenstraenden und entspannter Atmosphare erfuellt Kribi meine Erwartungen an ein tropisches Strandparadies voll und ganz. Ein Geheimtipp ist es allerdings laengst nicht mehr und so finde ich mich umgeben von weissen und fetten Maennern in Begleitung schwarzer Schoenheiten wieder. Es ist unaestaetisch und geradezu beschaemend, mitanzusehen, wie viele der weissen, uebergewichigen Urlauber unbeholfen den Strand entlang schwabbeln und ich frage mich was der vorbildlich gebaute Kellner neben mir wohl denkt, wenn sein Blick ueber die teils verbrannten Fettmengen schweift. Die Hotel- und Essenpreise liegen hier auf zwei- bis dreifachem Landesniveau, was meinem Bestreben meine Ausgaben zu reduzieren, nicht gerade entgegen kommt. Abends kommt ein Gruppe Pygmaeen in den Hotelhof, die sich trommelend und tanzend vor einem schwerfaelligen Publikum verausgaben, das, unsensibel fuer Rythmus und Musik, ausschliesslich damit beschaeftigt ist, mit dicken Fingern grosse Krabben von ihrem Inhalt zu befreien. Baeh.. ich fuehle mich deplaziert und suche mir stattdessen fritierte Bananen, pufferaehnliches Gepaeck und Fleischspiesse bei den Essensstaenden am Stadtstrand. Meine Bekannten aus Limbe, die mich ermutigt hatten hier vorbeizuschauen (und auch das Hotel empfahlen) erschienen erst am spaeten Sylvesterabend, um mir dann mitzuteilen, das fuer eine geradezu utopisch hohe Summe ein Essen in einem besseren Hotel reserviert wurde. Ich sage dankend ab und traeume bereits friedlich, wenn das neue Jahr seinen Anfang nimmt. Dennoch, meine Fahrt durch den Dschungel nach Campo, der letzten Siedlung vor Equatorial Guinea, auf teils schwieriger Piste, aber ausnahmsweise ohne Gepaeck, war trotz der eingeschraenkten Funktionalitaet meiner Gabel ein riesen Spass. Ich gewinne zunehmend Vertrauen in mein Offroadfahrkoennen und geniesse es die recht schwere Maschine flink und vorausschauend durch teils anspruchsvolle Abschnitte zu bewegen. Nach etwa 160 stehend verbrachten, vollkonzentrierten Kilometern, spuert man abends jeden Muskel (besonders unterer Ruecken) und eine enorme Erschoepfung. Allen Motorradfahrern da draussen, die sich lediglich auf glattem Asphalt aufhalten, sei gesagt, ihr verpasst eine ganze Welt auf zwei Raedern.

Motorradfahren hat hier noch einen zusaetzlichen Ruhebonus. Es gibt immer jemanden der guckt, kommt, pfeifft, ruft, fragt oder winkt. Man befindet sich immer im Zentrum der Aufmerksamkeit und an manchen Tagen ist es einfach zuviel. Waehrend man faehrt, ist man jedoch immun. Die Bewegung schafft einen Abstand, der manchmal noetig ist und an einigen Tagen, wenn sich zu grosse Mengen um uns ansammeln, fuehlt sich das Aufsetzen des Helmes, das Anlassen des Motors und das Beschleunigen in den ersten Gang fasst wie eine Befreiung oder Flucht an. Meistens aber geniesse ich den Kontakt zur Umwelt und ich stelle erstaunt fest, wie dick meine Haut gegenueber dem staendigen Ansturm auf meine Person geworden ist. Nach drei Monaten in Afrika bringt micht fast nichts mehr aus der Ruhe. Solange man bereit ist, sich auf die Situationen einzulassen, mit den Leuten redet, statt genervt zu reagieren, Interesse und Respekt zeigt, statt von oben herab zu schauen und vorallem laechelt und freundlich bleibt, wird man mit positiven Erfahrungen belohnt. Selbst anfangs scheinbar negative oder gar aggressive Begegnungen haben sich am Ende bislang fast immer in Wohlgefallen aufgeloesst. Gleiches gilt auch fuer den Verkehr. Wenn man nicht dagegen ankaempft und an eigenen Regeln festhaelt, sondern sich auf die Gewohnheiten und den Fahrstil vor Ort einlaesst und mitschwimmt, verlieren auch katastrophale Strassenschlachten in Nigeria oder einigen Hauptstaedten Westafrikas ihren Schrecken. Ampeln, Strassenrichtungen, Fahrspuren oder Geschwindigkeitsbegrenzungen, hier sind das alles nur Vorschlaege. Wenn man lernt in welchem Rahmen die Vorschlaege Beachtung finden, wird das moegliche Verhalten andererer Verkehrsteilnehmer vorhersehbar und man genehmigt sich selbst die gleichen Freiheiten in der Auslegung der Richtlinien, wissend, dass auch das eigenen Verhalten nicht auf Ueberraschung bei den anderen stossen wird.

Benzin am Strassenrand

Benzin am Strassenrand

Die entspannte Fahrt nach Yaounde am Neujahrstag fuehrt mich vorbei an aufgebauten Staenden, haeufig alte Tonnen mit Brettern als Ablageflaeche, auf denen die fuer die Dorfbewohner zugaenglichen Waren praesentiert werden. Meist handelt es sich hierbei um Kokosnuesse, Bananen, Rueben, Holz, Papaya usw.. Haeufig wird Benzin in Flaschen am Strassenrand aufgebaut. Tiere, bzw. Fleisch und Fisch haengen in den meisten Faellen an Seilen und baumelen im Wind. Streng verboten aber traurigerweise Realitaet, sehe ich auch tote Affen, die auf diese Weise zum Verkauf angeboten werden. Bushmeat (Buschfleisch) heisst das hier, was nicht nur Affen beinhaltet, sondern im Grunde alles was man im Urwald fangen kann.

gefangene Python

gefangene Python

Bewegt man sich in erster Linie auf ausgetreten Pfaden und in Staedten, vergisst man manchmal wie gross hier die Tiervielfalt ist. Jenseits der bewohnten Gebiete von Ostnigeria bis Gabon lebt eine der weltweit groessten Populationen unterschiedlichster Affensorten. Vom Drill und Mandrill, ueber Baboon bis Chimpansen und sogar Gorillas gibt es auch Arten, die nur hier existieren. Viele davon sind durch Wilddiebe und Abholzung bedroht. In Limbe konnte ich eine sehr beeindruckende Affenzuflucht besuchen, das Limbe Wildlife Sanctuary, die eine mittlerweile grosse Menge der oben erwaehnten Arten aufgenommen hat. Es werden lediglich Tiere beherbergt, die von Wilddieben beschlagnahmt werden. Es wird versucht, den beschlagnahmten Tieren wieder den Weg in die Freiheit zu ebnen, aber viele verbleiben, ohne Lebensraum bzw. verstoert, in der Obhut der Zuflucht. Waehrend ich die Gorillas beobachte, hoere ich am Kaefig der Papageien (ueber tausend Stueck wurden beim Versuch sie in Ausland zu schmuggeln, beschlagnahmt) viel Geschrei von mehreren Maennern. Angezogen von der Aufregung gehe ich hinueber und sehe, dass sie eine nicht zur Zuflucht gehoerende, sondern freie etwa fuenf Meter lange Python gefangen haben. Stolz, geradezu elektrisiert und mit einer Art Siegeslied ziehen die Maenner an mir vorbei. Die Schlange wird in einem von Menschen unbewohnten Gebiet wieder freigelassen, sagt man mir spaeter und mir wird bewusst, was sich tatsaechlich alles in unmittelbarer Naehe zum Strassenrand verbirgt.

Yaounde

Yaounde

In Yaounde werde ich an einer Tankstelle von Wein trinkenden, stark angeheiterten Angestellten empfangen, die mir ein Glas mit Wein in die Hand druecken, bevor ich meinen Helm absetzen kann. Ein grosser, draussen aufgebauter Lautsprecher pustet mir lautstark den gerade hier beliebtesten Charthit aus der Elfenbeinkueste entgegen und ich schaukele froehlich mit meinem Wein mit. Besser konnte mein Empfang nicht sein. Es ist der 1. Januar und Feiertag und wer arbeiten muss, feiert eben trotzdem. Yaounde ist fuer eine Hauptstadt sehr entspannt und grosszuegig angelegt. Es verteilt sich auf mehrere gruene Huegel, liegt auf etwa 750 Meter ueber dem Meer und ist sehr angenehm temperiert. Zahlreiche Restaurants und Strassenverkauefer mit allerlei Obst, Snackshops und Supermaerkte, es gibt wenig was es nicht in unmittelbarer Naehe gibt. Besonders erwaehnenswert sind die herausragenden Patisserien. Selbst in Marokko habe ich nichts vergleichbares gesehen. Neben einer grossen Auswahl an unterschiedlichen Broten und Baguettes gibt es in erster Linie Torten, Gebaeck, Kekse, Kuchen, Sahnebizees, Zuckerschneken, Pfannkuchen (Berliner), einfach alles was das Schlemmerherz begehrt. Auch die Supermaerkte sind ueberraschend gut ausgestattet. Neben den ueblichen lokalen Produkten gibt es zu teilweise deftigen Preisen ein nahezu lueckenloses Angebot importierter Waren, vom franzoesischen Camembert ueber italienischen Wein bis zu amerikansichen Suesswaren. Sowohl Patisserien als auch die Topsupermaerkte sind natuerlich der wohlhabenden Schicht vorbehalten, die hier etwas groesser zu sein scheint. Interessant ist im Uebrigen, dass alle groesseren Supermaerkte von Libanesen gefuehrt werden, nicht nur hier in Kamerun, sondern ueberall in Westafrika. Mehr zu den Hintergruenden kann man hier nachlesen.

Untergekommen im Casba de Saints warte ich auf die Ankunft von Mark und Geoff. Geoff hatte Mark bereits in Limbe eingeholt, indem er mit einer Faehre von Calabar nach Limbe, den beschwerlichen Weg uebers Land umschifft hat und dabei etwa 2 bis 3 Tage aufholen konnte. Es ist ein feierliches Gefuehl die beiden in den Hof einfahren zu sehen und nach laengerer Zeit wieder in der Gruppe vereint in voellig fremder Umgebung zusammenzukommen. Trennung und Vereinigung sind ein natuerlicher und unvermeidlicher Teil unserer Fahrt. Jeder hat seine Macken und Eigenarten und will manchmal eigene, individuelle Erfahrungen machen, ohne Kompromisse eingehen zu muessen.

Mark entdeckt einen rostigen Nagel, der sich in meinen Hinterreifen gebohrt hat. Meine Hoffnung, dass er sich nicht bis in den Schlauch gebohrt hat, loesst sich beim Herausziehen hoerbar und buchstaeblich in Luft auf. Der aufmerksame Mitleser wird sich aus vergangenen Berichten erinnern, das der Wechsel des Hinterreifens keine ganz leichte Aufgabe bei meinem Motorrad ist und ich entscheide mich das Problem in die Haende eines etwa 18 Jaehrigen Reifenwechslers zu geben, der unweit von unserer Unterkunft zu finden ist. Etwa zwei Minuten, nachdem ich ihm erklaert hatte, dass es recht schwierig ist, den Reifen von der Felge zu bekommen, war der Reifen bereits ab und der Schlauch wurde geflickt. Nachdem der Flicken getrocknet war, dauert es nochmals ganze 3 Minuten, bis ich meinen aufgepumpten Reifen in der Hand halte. Tief beeindruckt schuettele ich meinem Held die Hand und gebe ihm 2 statt der geforderten 1 Euro 50. Wenn man weiss wies geht, dauert ein Reifenwechsel also etwa 5 Minuten. In Deutschland bezahlt man dafuer etwa 25 Euro.

Eigentlicher Grund fuer unserern Aufenthalt in der Hauptstadt ist natuerlich wieder das etwas leidige Thema Visum. Wir versuchen hier gleich drei Visa zu bekommen, fuer Gabon, Congo und der DR Congo. Die Visa fuer Gabon und Congo konnten wir recht unproblematisch aber zu Hoechstpreisen erhalten. Alle bisherigen Berichte ueber Visaantraege fuer DRC in Yaounde die uns zu Ohren gekommen sind, waren allerdings negativ. Am Ende wurden alle abgelehnt. Wir wollen aber keine Moeglichkeit aussen vor lassen und reichen unseren DRC-Antrag am Freitag ein und verbleiben uebers Wochenende mit der Hoffnung auf Erfolg. Der Bearbeiter weisst uns allerdings bereits freundlich darauf hin, das wir durchaus abgelehnt werden koennen, die eingereichte Bearbeitungsgebuer dann aber dennoch faellig ist. Auf die Frage was denn ein Grund fuer eine Ablehnung sein koennte, antwortet er lediglich, das wuesste er nicht, es liegt ganz in der Hand des Konsulars, manchmal vergibt er Visa und manchmal eben nicht. Wir hoffen er hat ein gutes Wochenende und druecken die Daumen. Heute wurden uns dann allerdings die Paesse ohne Visum und ohne Begruendung wieder zurueckgegeben. Wir sollen es doch in Brazzaville, Congo nocheinmal versuchen, vielleicht haetten wir da mehr Glueck, sagt uns die Bearbeiterin. Mehr war nicht zu machen.

Da es nach allgemeiner Meinung nicht erfolgsversprechend ist, die Visa fuer Angola und DRC im sehr teuren Libreville, Gabon zu beantragen, werden wir aller Vorraussicht nach unseren naechsten Versuch in Brazzaville machen und haben dann bei Misserfolg eine letzte Chance in Point Noire. Zwischen allen uns bekannten Afrikatouristen, die derzeit nach Sueden unterwegs sind (wir duerften von den meisten wissen), herscht derweil ein Informationsausstausch ueber Handy und Email. Wer etwas Verwertbares erfaehrt, verbreitet die Information an die anderen. Dennoch, obwohl andere weiter suedlich sein duerften, ist uns bislang nichts Positives zu ohren gekommen. Langsam werden wir etwas nervoes und beginnen bereits Alternativplaene zu diskutieren. Sollten wir ein Angolavisum, aber kein DRCvisum erhalten, gaebe es etwa die Moeglichkeit von Cabinda, einem abgespaltenen Teil Angolas, der direkt von Congo aus zu erreichen ist, mit dem Boot oder Flugzeug ins Hauptterretorium das Landes zu gelangen und somit DRC zu umgehen. Wenn es hingegen stimmt, dass derzeit nur in Matadi in DRC, ein Visum fuer Angola zu bekommen ist, haben wir ein grosses Problem. Es gibt keinen Weg nach Sueden, der sowohl DRC als auch Angola ausschliesst. Zumindest keinen der ernsthaft in Erwaegung zu ziehen waere. Sollten wir das Visum fuer DRC aber nicht das fuer Angola bekommen, gibt es zumindest die theoretische Moeglichkeit Angola durch DRC zu umfahren. Doch dieser Versuch grenzt aufgrund der Situation im Land und der praktisch fehlenden Infrastruktur, von Strassen bis zu Benzin, an Leichtsinn. Es sieht nicht gut aus und Namibia, sozusagen das rettende Ufer auf der anderen Seite, fuehlt sich zunehmend ferner an, je naeher wir kommen.

Morgen geht es aber erstmal nach Gabon und ich hoffe wir koennen trotz der vor uns liegenden Schwierigkeiten die Fahrt und das Land geniessen.

Abschliessend vielen Dank wieder fuer eure Wuensche und Kommentare, auch fuer die Tipps zur Reparatur der Gabel. Geoff hat mir aus Lome derweil neue Dichtungen mitgebracht. Die Reparatur steht allerdings noch aus.  Machts gut und bis zum naechsten mal.

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