Knapp eine Woche ist seit dem letzten Eintrag in Calabar, Nigeria vergangen, doch bis heute bin ich nur etwa 150 Kilometer Luftline weitergekommen. Der notwendige Umweg ueber das Bergland Kameruns war fahrtechnisch die bislang schwierigste Etappe und hat mich nicht nur geografisch vom Tief ins Hoch gefuehrt. Ich schreibe aus Limbe, Kamerun, einem entspannten Ort in der nordwestlichen Kuestenregion und erhole mich fuer zwei Tage hier, bevor die Fahrt weiter Richtung Sueden geht.

Flusseinblick in Ostnigeria

Flusseinblick in Ostnigeria

Die letzten Tage in Nigeria, waren objektiv das schoenste was Nigeria zu bieten hatte. Die Vegetation wird zunehmend dichter, die Orte kleiner und ruhiger und der Verkehr laesst spuerbar nach. Wir fahren uerber Bruecken, die Einblick in idylische Flussverlaeufe gewaehren. Von der tadellosen Strasse aus sehen wir Fischerboote und Frauen, die Sachen waschen und zum Trocknen auslegen (Waesche wird zum Trocknen oft einfach auf dem Boden ausgebreitet). Dennoch hat mich das bislang staerkste Reisetief heimgesucht und meine Gedanken zu entfernt liegenden, moeglichen Zukunftsproblemen entfuehrt. Reisemuedigkeit, vielfaeltige kleinere und groessere Sorgen diesseits und jenseits der Reise, ein wenig Weihnachtsmelancholie und vorallem wieder neue Probleme mit der KTM ergaben ein ungutes Gemisch.

Ein Gabeldichtring hat sich entschlossen nicht mehr seiner Bestimmung nachzukommen und verteilt nun grosszuegig Gabeloel auf Reifen, Bremsscheibe und Bremse. Das wirkt sich nicht nur massiv unguenstig auf die Federung/Daempfung aus, sondern ist auch noch sehr gefaehrlich, da es sich negativ und schwer vorhersehbar auf die Bremskraft (wenigstens habe ich zwei Bremsscheiben) und auf die Traktion des Reifens auswirkt. Die Bremsfluessigkeit kann ich durch regelmaessiges Austauschen eines sich vollsaugenden Lappens um die Gabel groesstenteils abfangen, aber leider ist mir die Moeglichkeit verwehrt neues Oel als temporaere Loesung oben nachzufuellen, um die Daempfungseigenschaften zu erhalten, da hierfuer Spezialwerkzeug noetig ist. Bei Marks Suzuki gibt es fuer diesen Zweck eine einfache Schraube. Vielen Dank KTM. Alles was ich voruebergehend tun kann, ist die Steifigkeit aller Einstellungen nach oben zu setzen, um ein Durchschlagen der Gabel zu verhindern und zuzusehen, wie das Oel so nach und nach aus der Gabel verschwindet. So hoppele ich also mit einer voellig unsensiblen, ultraharten Federung und eingeschraenkter Bremswirkung durch die Gegend. Schwierige “Strassen”, auf deren Bezwingung ich mich seit langem gefreut habe, liegen vor uns und gerade jetzt versagt das Fahrwerk. Mein Vertrauen in die KTM ist auf den absoluten Nullpunkt gesunken und ich bin mittlerweile jeden Morgen erstaunt, dass sie ueberhaupt anspringt. Die Summe der Probleme ist jenseits meiner Akzeptanzgrenze angewachsen und verwehrt mir zunehmend den Spass am Fahren. Die Herausforderung Afrika zu durchqueren besteht fuer mich in erster Line darin, das Motorrad am Laufen zu halten.

Melancholisch und missmutig gestimmt nehme ich frueh meine Fahrt Richtung Kamerun auf und versuche mir mit guten Argumenten ein Laecheln auf die Lippen zu zwingen, aber der Blick fuer die Gegenwart und die Freude ueber mein Privilegium hier sein zu duerfen, scheint verloren. Ich sehe, aber ich erkenne nichts. Ich fahre, aber ich geniesse es nicht und meine Reise scheint sich auf Grenzueberquerungen, Visaangelegenheiten und Hotelsuchen zu beschraenken.

Soviel zum Tief, nun zu Kamerun.

Kamerun kuendigt sich auf dem Papier als eines der vielseitigsten Laender Afrikas an. Es erstreckt sich vom Lac Tchad im Norden, also Wuestenregionen, ueber bergige Grasslandschaften, trockene und felsige Hochregionen, bis hin zu tropischen Regenwaeldern und traumhaften Sandstraenden. Waehrend im Westen Englisch gesprochen wird, dominiert im Rest des Landes Franzoesisch. Im Norden herscht der Islam vor, im Sueden das Christentum und zwischendurch wohnen zahlreiche traditionelle Staemme. Die Jahresniederschlagsmengen im Sueden sind extrem und verwandeln nicht befestigte Strassen in unpassierbare Matschlandschaften, waehrend im Norden Duerre herscht. Von Entspannung auf Traumstraenden ueber Hochgebirgstrekking bietet Kamerun ein weitreichendes Aktivitaetsspektrum. Viele Gruende also, sich auf unser naechstes Ziel zu freuen.

Am Grenzuebergang scheint die Zeit langsamer zu verlaufen. Jeder hat eine Unmenge davon, jeder will erstmal reden, jede Handbewegung wird im Schneckentempo ausgefuehrt. Wir haben Zeit, schalten einen Gang runter und lassen die Beamten gewaehren. Versunken im Dschungel ragt eine Stahlbruecke ueber einen Fluss, eingewachsen von dichter Vegetation. Es ist feucht, am Horizont verschwinden Urlwaldriesen im Dunst und jeder Qubikmeter Raum ist gefuellt von einer unbeschreiblichen Vielzahl von Pflanzen. Kamerun, am anderen Flussufer ist eine gruene undurchdringliche Wand. Seit meiner Kindheit fasziniert mich der Begriff Urwald und obwohl ich in meiner Reise durch Zentralamerika zu einigen Dschungel-eingestuften Gebieten gekommen bin, habe ich nie einen Urwald gesehen, der meiner wahren Vorstellung entsprach. Undurchdringlich muss er sein und gleichzeitig hoch, Baumriesen mit Lianen und gruenen Haengegewaechsen, nur unterbrochen von einer schmalen Strasse, die schneller zuwaechst, als dass man sie freihalten kann, ueberall kreucht Getier und in den Wipfeln, weit ueber den Koepfen springen Affen. Zum ersten Mal finde ich eine Vegetation, die meiner Vorstellung sehr nahe kommt. Befriedigt sauge ich die Eindruecke auf und fuehle mich weit, weit jenseits jeglicher urbaner oder entwickelter Strukturen. Wohlbemerkt befinden wir uns auf der Hauptstrasse auf einem der groessten Grenzuebergaenge zwischen Nigeria und Kaemrun.

Die Grenzangelegenheiten brauchen seine Zeit, sind allerdings ohne Schwierigkeiten hinter uns gebracht und nachdem wir unsere westafrikanischen Francs in zentralafrikanische Francs umgetauscht und unsere Reifen zwecks besserer Haftung auf einen geringeren Luftdruck veringert haben, tauchen wir ins gruene Verlies ein. Die Strasse verdient ihren Namen nicht. Vielmehr handelt es sich um ein sich staendig veraenderndes Gebilde aus Sand, Matsch und Erdkruste. Sobald es regnet, verwandelt sich die urspruengliche Wegfuehrung durch die sich tief eingrabenden Fahrzeuge in eine Schluchtenlandschaft, die die Strasse zum Teil metertief in den Boden versinken laesst. Ist der Morast zu tief geworden, wird eine neue Route daneben durch den Dschungel geschlagen, um die unpassierbar gewordenene Hauptstrecke zu umfahren. Gluecklicherweise hat es seit mehreren Wochen nicht geregnet und wir sehen das getrocknete und hartgewordene Ergebnis, das viele, schwere Fahrzeuge in den nassen Tagen geformt haben. Dennoch verlangt es uns teilweise einiges an Fahrkoennen ab, um unsere Motorraeder unbeschadet durch die Schikanen zu bewegen. Mein Gemuet wird zunehmend leichter und ich jage die angeschlagende KTM ohne Ruecksicht auf Verluste zu Gunsten maximalen Fahrspasses durch die Strassenwueste. Ich bin hier, in Kamerun, und darf sehen was ich sehe und erleben was ich erlebe, hier und jetzt und keiner kann mir diesen Moment nehmen. Ich bin wieder in der Gegenwart und der Reise angekommen, jedes Problem wird wieder loesbar, ueberwindbar. Ohne Tief kein Hoch.

Hotelblick in Mamfe zu Weihnachten

Hotelblick in Mamfe zu Weihnachten

Unsere geplante Tagesdistanz muessen wir im Laufe unseres Dschungelkampfes auf die Haelfte reduzieren und erreichen Stunden spaeter erschoepft Mamfe, die erste groessere Stadt auf der Seite Kameruns. Es ist der 24.12., Weihnachten und wir sitzen auf der Strasse und essen den ueblichen aber wohlverdienten Reis mit Sosse, beobachten das Geschehen und sind gluecklich. Mark praesentiert mir (nach deutschem Brauch am Abend des 24.12.) ein Weihnachtsgeschenk – Nigeriaaufkleber, ein echtes Abenteuer-Motorradfahrergeschenk. Ich hole meinen bereits in Lome, Togo erstandenen aufblasbaren Weihnachtsmann hervor und kompletiere unseren Weihnachtsabend.

p1010361Der kommende Tag fuehrt uns auf aehnlichen Strassenverhaeltnissen aus dem tiefen Regenwald zum hochgelegenen Grassland bei Bamenda. Langsam und schwitzend, aber mit Hochgenuss wuehlen wir uns, verschlungen von dichtem Gruen, bis zum Ziel durch. Die Strasse wird kaum befahren und ist zum Teil unpassierbar fuer Autos. Wir sehen nur zwei davon, einen ultra-gelaendetauglichen, hochgelegten Allrad-Toyota und einen hoffnungslos steckengebliebenen LKW, der auf die Ausbesserung eines Strassenabschnittes warten muss, um weiterzukommen. Vier Personen sind damit beschaeftigt die metertief in den Schlamm eingefahrene Strasse auf etwa 40 Meter Laenge wieder zuzuschaufeln. Wie lange der Fahrer des LKW bereits auf die Fertigstellung wartet, weiss ich nicht, aber bevor er weiterkommt, duerften Tage vergehen. Ich beobachte die Arbeiter eine Weile bei ihrer muehvollen Ackerei, waehrend sich Mark an mir vorbei durch das Hindernis graebt. Der Aufwand fuer die Instandsetzung ist enorm und der bei Fertigstellung erreichte Zustand haelt unter Umstaenden nur wenige Wochen, hoechstens aber bis zum kommenden Regen. Es ist ein staendiger Kampf mit der Natur, gegen Regen und Matsch und der unbaendigen Wachstumswut des Regenwaldes.

p1010368Die Reaktionen der Einwohner auf uns auf diesem Abschnitt der Strecke sind besonders heftig. Kinder am Strassenrand  ergreifen teilweise panikartig die Flucht und stuerzen Hals ueber Kopf in den Dschungel. Andere stehen fassungs- und regungslos mit offenem Mund da und starren mich an. Mein Anblick ist mit nichts Bekanntem vereinbar. Ich fahre stehend auf dem recht hohen Motorrad und bin damit sehr gross, trage auffaellige Schutzbekleidung und einen recht radikal aussehenden Helm. Das Motorrad ist im Vergleich zu den hier erwerblichen Chinamoehren geradezu gigantisch und hat aufgrund der Verkleidung aeusserlich kaum Gemeinsamkeiten. Fuer Viele ist es eher ein Flugzeug, als ein Motorrad und ich wurde schon ernsthaft gefragt, ob es fliegen kann. Der Auspuff grummelt und roehrt und seit Lome knattert er irrsinnig laut beim Gaswegnehmen. Komplettiert wird mein Auftritt durch die boese dreinblickende Maske aus Mali, die ich jetzt, stolz auf mein wiedergewonnenes Licht, von hinten beleuchte. Dennoch, sobald ich winke, froehlich laechele und “Merry Christmas” rufe, schlaegt die Stimmung blitzartig um und ich sehe ergreifend herzliches, offenes und durch und durch ehrliches Laecheln. Es ist Weihnachten und die Dorfbewohner tragen ihre beste Sonntagskleidung. Wir sehen fein zurecht gemachte Jungs und Maenner in Anzuegen und bunte, sehr schick gekleidete Frauen, ein aussergewoehnlicher Anblick in einer ansonsten so wilden Umgebung.

Kinder im Weihnachtsdress in Bamenda

Kinder im Weihnachtsdress in Bamenda

Auf den letzten 50 Kilometern erwartet uns eine gute Asphaltschicht auf einer breiten Strasse. Wir geniessen das Gefuehl ungeschuettelt und zuegig voranzukommen, aber freuen uns den hinter uns liegenden Abschnitt erlebt zu haben, denn sicher wird irgendwann in Zukunft eine ebenso gute Strasse durch den Dschungel geschlagen sein und das Besondere zu Gunsten hoeherer Effizienz verloren gehen. Erschoepft geniessen wir abends ein kaltes Bier und ich stelle befriedigt fest, dass Weihnachten zwar eine Zeit ist, den man mit seiner Familie verbringen sollte, ist dies allerdings nicht moeglich, kann ich mir fuer diesen Weihnachten keinen schoeneren Tag vorstellen, als den gerade hinter mir liegenden.

p1010377Es ist kuehler hier im Grasshochland und angenehm zur Abwechslung mal nicht schwitzen zu muessen. Morgends und abends hole ich sogar mein tief in den Koffern vergrabenes Fliess hervor. Der Wechsel der Landschaft von der tropischen Vielfalt zu den uns nun umgebenden grassbewachsenen teils felsigen Bergen, koennte groesser nicht sein. Geradezu alpine Gefuehle kommen bei mir auf und wuerde sich nicht die eine oder andere Palme oder Bananenpflanze ins Bild mischen, koennte man fast annehmen im italienischem Alpenvorland zu sein. Leider liegt ein dichter Dunst ueber allem, der den Blick auf die einzigartige Landschaft stark einschraenkt. Wir lernen spaeter, dass es sich um feinen Saharastaub handelt, der durch den Hamatan in der Trockenzeit herangeweht wird. Erst mit dem Einsetzen der Regenzeit klart es sich auf. Auch hier in Limbe sieht es nicht anders aus. Limbe befindet sich am Fuss des ueber 4000 Meter hohen, aktiven Vulkans Mount Cameroun, der direkt ueber uns aufragt. Sehen kann man ihn nicht.

Blick vom Hotel in Miramare in Limbe

Blick vom Hotel Miramare in Limbe

Wir erholen uns ein paar Tage im wunderschoenen, direkt am felsigen Strand gelegenen Hotel Miramare, bevor ich, einer Einladung folgend, zum weiter suedlich gelegenen Kribi fahren werde, um am schoensten Strand Kameruns Sylvester zu verbringen.

Zurueck im “Alltag” eines Motorradfernreisenden beginnt das neue Jahr mit einem Aufenthalt in Yaounde und der Jagd nach den Visa fuer Gabon und DRC, nach Angola, den voraussichtlich am schwierigsten zu bekommenden Visa. Ich erwarte, dass sich, keine unerwarteten Vorkommnisse vorausgestzt, unsere Reise von Gabon bis Namibia beschleunigen wird, da fehlende touristische Strukturen und zeitlich begrenzte Visa den Aufenthalt erschweren, bzw. verkuerzen werden. Doch nach Plan laeuft hier ja sowiso nichts und nicht zu vergessen – Ich fahre eine KTM. ;) Liebe KTM-Fahrer unter euch, nehmt mir meinen Sarkasmus nicht uebel. Ich liebe sie nach wie vor und fuer Europa wuerde ich sie mir ohne Zoegern wieder kaufen. Kein anderes Motorrad bietet mehr Fahrspass auf so vielfaeltige Weise, fuer Afrika hingegen sollte man besser die Finger davon lassen.

Ich wunesche euch einen guten Rutsch und es wuerde mich freuen, euch auch 2009, zum letzten Teil meiner Fahrt, wieder hier begruessen zu duerfen.

Es ist schon erstaunlich wie sich die Ereignisse ueberschlagen, sobald man sich wieder bewegt. In Lome sitzend habe ich mich schon gefragt, was mich wohl erwartet, in Benin und Nigeria. Was wird passieren, worueber es sich zu schreiben lohnt, was ueberhaupt erwaehnenswert ist. Schliesslich koennte es doch sein, das nichts passiert, wir niemanden kennenlernen, keine Probleme haben oder nennenswerten Ereignisse durchleben. Doch wer eine Reise tut, der hat was zu erzaehlen und so haben sich auch in unserer letzten Etappe wieder Eindruecke und Erlebnisse in einer Menge angehaeuft, das ich es hier nur stark selektiert widergeben kann. Viel Spass beim Lesen und willkommen zureuck.

Wir sind in Calabar, Nigeria angekommen. Nigeria – was mache ich hier eigentlich, frage ich mich immer wieder. Nunja, es liegt auf dem Weg, aber warum wuerde irgendjemand hierher kommen wollen? Ich war nie in einem Land, das so ungeeignet fuer Touristen ist und es gibt auch keine – fast keine. Doch zunaechst zu Benin.

Wir haben uns entschieden im Interesse zuegigeren Vorankommens, im Vorfeld kein Visum fuer Benin zu beantragen, sondern lediglich das 48 Stunden Transitvisum an der Grenze zu nehmen und auf der Durchreise durch das schmale Land (etwa 100 km im Sueden) nur eine Nacht in einem Ort namens Abomey zu verbringen. Abomey, das Zentrum der Dahomey Dynastie, eines blutigen und martialischen Koenigreiches im 18./19. Jahrhndert, bietet in erster Linie ein Museum auf dem Gelaende des ehemaligen Palastgebietes inkl. der zum Teil erhaltenen Gebaeude.

Mit Aussnahme einiger gieriger Polizisten in Benin, die durch mein Gepaeck schnueffelten und alles was sie fanden, geschenkt bekommen wollten und einer etwas langwierigen Verhandlung an der Grenze zu Benin ueber die Hoehe der zu zahlenden Strafe, (wir hatten das Visum fuer Togo um 3 Tage ueberschritten), war die Fahrt durch die gruenen, dicht bewachsenen Huegel eindrucksvoll und nach der langen Ruhepause ein Genuss. Beim Vorbeifahren sehen wir Frauen am Strassenrand, die mit grossen Fischen winken und Maenner die gefangene riesige Ratten hochhalten. Ich freue mich aufs Neue in eine Welt einzutauchen, die immer wieder Unerwartetes bereithaelt. Benin empfaengt uns mit einem kurzen Regenschauer, der die Gerueche und Farben intensiviert. Ein Fest fuer die Sinne. Ich atme tief ein und geniesse die kraeftigen Farben im Licht der untergehenden Sonne.

Tobi, Mark und Fahrer auf der Rueckfahrt

Tobi, Mark und Fahrer

In Abomey angekommen, erwarten uns zwei Ueberraschungen. Ein dreitaegiges, jaehrlich einmaliges Voodoofestival geht an diesem Abend mit einer grossem Abschlusszeremonie zu Ende (was fuer ein Zufall) und wir treffen auf 3 junge Bayern, Tobi, Marcel und Sonja, die ebenfalls auf Motorraedern unterwegs sind und im gleichen Hotel wie wir absteigen. Wir verschwenden keine Zeit und kaum angekommen, steigen wir auf die lokalen Motorradtaxis und werfen uns ins bunte Voodootreiben. Jeweils zwei von uns plus Fahrer passen auf die kleinen 125ger Moppeds, die extra fuer diesen Zweck zusaetzliche Fussrasten angewschweisst bekommen haben. Trotz der immensen Zuladung mit uns grossen Europaern, erweisen sich die kleinen, billigen Chinafahrzeuge als erstaunlich fahrstabil, selbst in zum Teil nicht ganz einfachen Sandpassagen. Wir haben viel Spass auf unserer Fahrt und erreichen die Zeremonie etwa eine Stunde vor ihrem Hoehepunkt.

Voodoo Zeremonie

Voodoo Zeremonie

Nachdem wir den Weissenzoll ueber unseren Fuehrer an den Voodoochief abgeliefert haben, duerfen wir dem Spektakel beiwohnen. Auf einem grossen Platz sind mehrere Hundert sehr bunt bekleidete Maenner und Frauen zugegen, in deren Zentrum eine offensichtlich lebendige, aber stark narkotisierte weisse Kuh liegt. Zu etwas traegen Trommelklaengen tanzen zuerst die Frauen und dann die Maenner jeweils einzeln um die Kuh und vollfuehren dabei speziefische Gesten mit ihren Messern. Es wird gelacht und geulkt und alles wirkt eher erheiternd als ernst oder gar gruselig. Die Taenze um die Kuh intensivieren sich mit hereinbrechender Daemmerung, bis letzlich recht pragmatisch die zuckende Kuh von ihrem Kopf befreit wird. Dieser wird daraufhin fuer alle sichtbar herumgetragen und schliesslich zusammen mit dem ebenfalls abgeschnittenen Schwanz praesentativ abgelegt. Kopf und Blut durchlaufen jetzt umfangreiche Zeremonien, denen wir nicht beiwohnen koennen, sagt man uns und wir verlassen das Fest nach einem anstrengenden Tag vieler neuer Eindruecke und in Vorfreude auf ein abschliessendes kuehles Bier.

Die Besichtigung des Dahomey Palastes am kommenden Morgen empfand ich etwas ernuechternd. Ein paar Mauern und altes Zeug konnten keine Interesse entfachen. Die Lieblingsbeschaftigung der Dahomy schien das Abtrennen der Koepfe der Feinde zu sein, bis sie im 18.Jahrhundert entdeckten, das es lukrativer ist, die Feinde als Sklaven an die Franzosen zu verschachern. Alles deutet auf ein blutgieriges und kriegerisches Volk hin. Das Motiv der Enthauptung findet man ueberall auf Wandmalereien, Stoffen und Kriegsgeraet. Der Schaedel der Feinde wurde auch gerne weiterverwendet z.B. als Basis fuer einen Faecher oder als Stuetze fuer den Thron. Kriegsherren, die keine abgetrennten Feindeskoepfe mit nach Hause bringen, werden um ihren eigenen Koepfe erleichtert. Mit anderen Worten, im Falle der Niederlage bleibt man besser fern der Heimat. Bei wichtigen Gebaeuden wurde dem Lehmmaterial der Mauern eine Portion Blut der Feinde beigemischt. Blutig zur Schau gestellte Ueberlegenheit, wo man hinschaut.

Grenzuebergang

Grenzuebergang

Der wenig genutzte Grenzuebergang nach Nigeria bei Keuta erweist sich als etwas langwierig, aber weitgehend stressfrei. Die Beamten auf beiden Seiten sind etwas ueberfordert mit den Formalitaeten. Insbesondere dem Polizist in Benin schien das Konzept der Ein- und Ausreise unverstaendlich zu sein. Bis zum Schluss war ihm nicht klar das wir von Benin nach Nigeria wollen und schliesslich mussten wir ihm sagen welchen Stempel er verwenden muss, welches Visa das von Benin ist und wo er stempeln kann. Da es keinen Zoll an der Grenze gab, wir aber auf unserem Carnet einen Ausreisestempel benoetigen, nehmen wir einfach seine Stempel und er freut sich, gegen einen geringen Obolus, nochmals stempeln zu koennen. Auf Nigeriaseite dauert es ein Weile bis wir, eskortiert von freundlichen Helfern, das Immigrationsbuero erreichen, um es zunaechst ohne Personal vorzufinden. Der Beamte wird aber benachrichtigt und erscheint etwas spaeter mit Stempeln und Buch. So schwierig es war ueberhaupt ein kurzes Visum fuer Nigeria zu bekommen, so einfach war es jetzt die Dauer des Aufenthaltes zu verlaengern. Auf die Frage wie lange wir den bleiben moechten, antwortete Mark 3 Wochen und, Voila, drei Wochen sind uns gewaehrt.

Nach der Grenze werden wir zunaechst von Strassenblockaden empfangen und davon nicht zu wenig. In den ersten 10 Kilometern zaehle ich davon zwanzig Stueck. Polizei, Militaer aber auch Zivilisten, jeder scheint hier das Recht zu haben, seine eigene Strassenblockade aufzubauen. Die meisten sind mit automatischen Waffen ausgeruestet. Eine Blockade besteht immer aus der Einengung der Strasse durch Holzstaemme oder Reifen oder aehnlich Geeignetem, um die sich mehrere Personen gruppieren, die den Verkehr in beide Richtungen aufhalten. Haeufig gibt es fuer die verbleibende Durchfahrt ein langes Brett, durch das Naegel geschlagen sind, die reifenunfreundlich mit der Spitze nach oben zeigen. Dieses wird dann bei Bedarf rein- oder rausgeschoben. Was genau der offizielle Hintergrund der einzelnen Blockaden ist, ist mir schleierhaft, in der Praxis handelt es sich jedoch um eine Moeglichkeit geeignete Passanten um etwas Wegzoll zu erleichtern. Eines ist uns sofort klar, wenn wir halten, haben wir verloren. Nicht nur duerfte jeder Stopp viel Zeit kosten, und bei der grossen Anzahl der Barrikaden verringert sich die moegliche zurueckgelegte Tagesdistanz erheblich, sondern auch Geld, dass wir in vielen kleineren und groesseren Portionen abtreten wuerden. Wir haben einen entscheidenden Vorteil, wir sitzen auf Motorraedern. Damit sind wir erstens ein ungewoehnlicher Anblick und zweitens recht schmal. Beides nutzen wir gnadenlos aus. Das Augenmerk der Kontrolloere liegt auf Autos, je teurer desto vielversprechender. Die vielen Moppeds sind uninteressant. Wer Mopped faehrt, besitzt nicht viel.

Eine typische Barrikadendurchfahrt gestaltet sich folgendermassen. Mark faehrt voraus, das Augenmerk auf Zeichen der Einengung der Strasse gerichtet und versucht sich hinter ein vorausfahrendes Auto zu klemmen, um moeglichst lange ungesehen zu bleiben, sobald eine Barrikade sichbar wird. Ich schliesse moeglichst nahe auf. Um die vielen Moppeds ungehindert durchfahren zu lassen, gibt es meist neben der eigentlichen Durchfahrt eine zweite Moeglichkeit, um an den Kontrolloeren vorbeizukommen. Moeglichst spaet tauchen wir aus dem Sichtschatten der Autos auf und fahren nicht zu langsam, aber auch nicht auffallend schnell auf die Passage zu. Bevor wir tatsaechlich als potentielles Ausbeutungsziel wahrgenommen werden, sind wir schon fast auf Augenhoehe. In vielen Faellen wird uns dann mit mehr oder weniger deutlichen Handbewegungen signalisiert, das wir langsam fahren bzw. stoppen sollen. Wir winken dann froehlich, gespielt naiv zurueck und “Vrooom” schiessen durch die Barrikade. Einige reagieren darauf sehr ungehalten, schreien und drohen, muessen sich aber damit abfinden, ihre Chance verpasst zu haben. Der ueberwiedende Teil der Strassenblockaden gestaltet sich aber als unkritisch und die offiziellen Militaers auf den von uns bevorzugten grossen Strassen winken uns im allgemeinen durch. Dennoch ist es ein angespanntes Fahren, da man staendig damit rechnen muss doch angehalten zu werden.

Neben den Strassenblockaden tut der allgemeine Verkehr sein uebriges, um unsere Konzentration permanent auf Hoechstniveau zu halten. Was hier passiert ist nichts anderes als Strassenkrieg. Die Strasse ist eine gesetzesfreie Zone, in der jeder macht, was er fuer richtig haelt. Je groesser das Auto, desto ruecksichtsloser faehrt sein Insasse. Es wird gefahren wo Platz ist, egal auf welcher Strassenseite, so schnell wie es nur irgend geht. Einen Mindestabstand gibt es nicht. Wer langsam fahert oder klein ist, sieht zu dass er moeglichst nahe am Strassenrand oder sogar neben der Strasse faehrt. Es gibt auch keine festgelegte Anzahl von Fahrspuren (Fahrmarkierungen fehlen). Soviele Autos wie nebeneinander auf die Strasse passen, fahren auch nebeneinander. Mal wird links ueberholt, mal rechts, mal in der Mitte. Wenn ein Fahrzeug auf der entgegenkommenden Spur den eigenen Ueberholvorgang unmoeglich macht, ueberholt man nur dann nicht, wenn das Fahrzeug kleiner ist, als das eigene. Im anderen Fall muss das entgegenkommende Fahrzeug zusehen, dass es von der Strasse verschwindet. Auf der etwa zweispurigen Strasse von Lagos nach Benin City gibt es zwischen den Fahrtrichtungen eine etwa 80 cm hohe Betonblockade, die die Strasse trennt. In regelmaessigen Abstaenden ist diese jedoch unterbrochen. Ist ein Fahrer der Meinung, das der Verkehr in seiner Richtung zu voll ist und vorausgesetzt sein Auto ist gross genug, entscheidet er einfach auf der gegenuebliegenden Seite entgegen dem Verkehr weiter zu fahren und auf dieser Strasse eine dritte Spur in die andere Richtung aufzumachen. Haeufig folgen dann andere, sobald dies einer tut. Ich will betonen, dass es sich hier um eine Schnellstrasse handelt, die meisten fahren hier ueber 100 km/h . Die Konsequenz ist, dass man bei jedem Ueberholvorgang auf seiner Seite ueberpruefen muss, ob nicht veilleicht ein Bus auf der Ueberholspur entgegenkommt. Mir ist beim ersten Mal fast das Herz stehen geblieben, als mir diese Praxis noch unbekannt war und mir ploetzlich ein Laster mit Lichthupe auf meiner Ueberholspur entegenkam. Die Anzahl der Unfaelle ist entsprechend ueberwaeltigend. Neben der Strasse liegen in regelmaessigen Abstaenden Laster oder Autos, gepluendert oder ausgebrannt. Jeden Tag sehen wir mehrere Unfaelle, die sich gerade ereignet haben muessen.

Auf den grossen Strassen faellt ein anderes Phenomaen auf. Der Strassenverlauf ist immer wieder durch sehr schlechte Abschnitte unterbrochen, meist Schotterpassagen mit grossen Loechern, die die Fahrer zwingt, stark zu bremsen und entsprechend langsam zu ueberqueren. Diese Gelegenheit wird von einer grossen Anzahl von Strassenverkaeufern genutzt, um die Fahrzeuge geradezu zu umzingeln und den Vorbeifahrenden Waren anzubieten. Der Verkauf gestaltet sich hektisch und erfolgt im Allgemeinen ohne ein Anhalten der Autos, was sofortiges Hupen und den Zorn der anderen Fahrer nach sich ziehen wuerde und endet haeufig im Herausschmeissen der Geldscheine. Die grosse Anzahl der Verkaeufer foerdert wiederum den Stau, da man jetzt nicht mehr nur auf die Strasse achten muss, sondern auch darauf, keine Leute zu ueberfahren, was sich wiederum positiv fuer die Verkaeufer auswirkt, die dadurch mehr Zeit haben, sich auf die zusaetzlich verlangsamten Autos zu stuerzen. Manche Strassenzustaende sind derart schlecht, also geeignet, dass sich ganze Maerkte darum entwickeln. Es werden Staende gebaut, um die Waren zu lagern und selbst im Schatten sitzen zu koennen. In einigen Faellen sind die Strassenmaerkte fernab jeder Ortschaft so stark angewachsen, dass man sich fragt, was zuerst hier war, die kaputte Strasse oder der Markt. Wenn es dem Markt gelingt ausreichend stark anzuwachsen, bevor die Strasse repariert wird, reicht die schiere Anzahl der auf der Strasse stehenden Verkaeufer aus, um den Verkehr auch im Nachhinein noch hinreichend aufzuhalten. Verrueckt? In Nigeria ist alles verrueckt.
Abschliessend lasst mich noch etwas zu den Verhaeltnissen sagen, die einen erwarten wenn man in die Staedte kommt. Zunaechst einmal ist hier jede Stadt riesig und die grossen Verbindungsstrassen fuehren immer durch die Staedte hindurch. Sobald ich auf dem GPS die naechste Stadt kommen sehe, heisst es tief Luft holen, alle Kraefte sammeln und durch, denn es wird voll werden. Voll mit allem, Menschen, Autos, Motorraeder, Muell, Staenden und Waren. Manchmal ist es so voll, dass ich grade noch ausreichend Platz habe um meine Fuesse auf den Boden zu stellen und das Motorrad zu stuetzen. Was auf den Strassenmaerkten auf der offenen Strasse passiert, geschieht hier hundertfach auf geringerem Raum. Jeder Quadratmeter wird genutzt. Ich sinke in mich hinein und versuche die Welt um mich geschehen zu lassen und zu beobachten, waehrend ich hoffnungslos zwischen den Autos eingeklemmt bin und was ich sehe ist ein vollkommen unkontrolliertes Chaos aus Metall und Fleisch. Es ist die maximale Konzentration menschlicher Energie auf eingeschraenkten Raum. Waehrend mir der Schweiss aus dem Helm in den Nacken laeuft und die KTM die Hitzegrenze ueberschreitet, und das kann ich ihr nicht mal uebel nehmen, gucke ich links neben mich in einen Kleinbus, der neben allerlei Gepaeck 40 statt der urspruenglich vorgesehenen 15 Passagiere enthaelt, die unbeeindruckt fleissig mit den Strassenhaendlern handeln und Wasser oder Bananen kaufen. Rechts neben mit steht ein Laster, dessen Ladung bis zum Himmel zu reichen scheint, die weit in meine Richtung bedrohlich ueber mir lehnt. Mehr geht einfach nicht. Hier ist alles am Limit. Auf Kreuzungen faehrt jeder sobald Platz vor der Stossstange ist und sind es auch nur wenige Zentimeter. Wer wartet oder jemanden vorbeilaesst, verliert, den der Platz wird sofort von anderen eingenommen. Jeder kaempft seinen eigenen persoenlichen Strassenkampf.

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einer geht noch

So intensiv wie der Verkehr, so intensiv sind auch die Menschen. Waehrend wir in anderen Laendern angelaechelt werden, manche den Daumen hoch halten oder winken, wird hier geradezu gejubelt und geschrien. Wenn wir halten, kommen auch hier die Menschen, aber mit einer Energie und Kraft einer anderen Kategorie. Mit aller Macht werden Haende geschuettelt und “Welcome to Nigeria” wird uns geradezu entgegengebruellt. Zurueckhaltung gibt es hier nicht. Die Leute kommen, fassen alles an, wollen alles haben. Hier gibt es keine Ruhe, keinen Rueckzug, keine Entspannung. Es brodelt immer und ueberall.

Viele Menschen erzeugen viel Muell und diesen sehen wir auf riesigen teils brennenden Halden entlang der Strasse, besiedelt von den Aermsten der Armen, die dort nach was auch immer mit Schaufeln buddeln, waehrend auf den Strassen die Anzahl ultrateurer SUVs erstaunlich hoch ist. Oelfoerderung und sehr ungleiche Verteilung hat in Nigeria die Entstehung einer sehr kleinen, sehr reichen Oberschicht gefoerdert.

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Pause am Strassenrand

Teure Hotels in schlechtem Standard, so gut wie keine Internetcafes, dutzende taegliche Stromausfaelle in allen Stadten in denen wir uebernachtet haben, Banken ohne Visaautomaten und wenige und schlechte Restaurants sind nicht gerade touristenfreundlich. Das Lokalgericht, das wir uns gestern getraut haben zu bestellen (Afanga Soup – es gab noch gelbe Suppe, rote Suppe und weisse Suppe), war hoffnungslos ungeniessbar fuer uns, ein Taxi das wir benoetigt haetten, um zu einer Restaurantempfehlung im Buch zu kommen, haben wir in dem Verkehrchaos nicht auftreiben koennen. Als Fussgaenger benoetigt man die volle Aufmerksamkeit, um nicht in eine der zahlreichen stinkenden Abwassergraeben zu treten oder in Bauloecher zu fallen. Nachts ist es selbst in den Staedten aufgrund der Stromproblematik haeufig voellig duster und man weiss besser genau wo sein Hotel ist (und die Loecher und Graeben). Dafuer haben die meisten Haushalte eigene Stromgeneratoren neben dem Haus, die zusaetzlich zur Verkehrslawine Abgase erzeugen und Laerm verursachen. Benzin ist eben billig in Nigeria (ca. 35 Cent der Liter). Der Laerm wird uebertoent durch noch lauteren HipHop, der ruecksichtlos durch die Strassen haemmert.
Es ist schwierig, Gefallen an Nigeria zu finden und fuer mich ist das beste an Nigeria die Grenze zu Kamerun. Aber das Land ist riesig und wir haben auf unserer Durchfahrt nur einen kleinen Teil (und vorallem Strassen) gesehen. Doch wo will man hin? Im Niger Delta werden regelmaessig Weisse entfuehrt, in noerdlicheren Regionen kommt es immer wieder zu toedlichen Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Christen. Jede Fahrt innerhalb des Landes ist gepraegt durch Barrikaden und unmenschliche Stadtdurchquerungen und die Staedte selbst sind unkontrollierte, zugemuellte Geschwuere. Nigeria ist ein materialisierter Schrei. Es ist ein intensives, angespanntes, fanatisches “Ahhhhhhhhhh”. Es saugt an meinen Kraeften, zu jeder Minute des Tages.

Wir haben es Jerry, einem Hotelangestellten, zu verdanken, dass wir hier in Calabar im entfernten Suedwesten des Landes doch noch eine andere Seite Nigerias zu sehen bekamen. Gemeinsam haben wir auf Motorradtaxis entspanntere Seiten der Stadt erkundet und einen netten Abend verbracht. Calabar duerfte aber eine Ausnahme darstellen und wird von reichen Nigerianern im gesamten Land als Urlaubsziel, inbesondere jetzt zur Weihnachtszeit, genutzt. Die Hochgeschwindigkeitsrueckfahrt auf dem Mottoradtaxi durch die unbeleuchteten, vollen Strassen Calabars, hat mich dann aber doch wieder daran erinnert wie nah man hier am Wahnsinn lebt.

Die Kommunikation mit den Einheimischen, auch mit Jerry, gestaltet sich hingegen haeufig schwierig auch wenn wir auf Englisch zurueckgreifen koennen. Es faellt auf, dass fuer uns offensichtliche und einfache Fragen hier nicht verstanden werden, bzw. man die Beantwortung bestimmter Art Fragen  nicht gewohnt ist. Generell stoesst man immer auf Probleme wenn man konkrete Fragen stellt, wie “Wie weit ist es bis dorthin?” oder “Wie lange benoetigt man bis dorthin?”, oder “Wann ist jemand da?”. Die Reaktion ist immer Erstaunen und Unsicherheit und die Antworten liegen generell weitab der Realitaet. Man kommt eben an wenn man ankommt, man benoetigt so lange wie man braucht und jemand ist hier wenn er herkommt. Auch die Warum-Frage verursacht Schwierigkeiten. Auf die Frage “Warum ist es dort schoen?” erhaelt man, nach einem kleinen typischen Aufschrei und einer kurzen Pause des Erstaunens ueber eine solche Frage, die Antwort “Weil man schoene Dinge dort sieht?”.

Die KTM verursacht weiter Bauchschmerzen. Neu sind jetzt ein permanent zu heisser Motor und, noch viel schlimmer, ein Aussetzten des Motors, inbesondere wenn er kalt ist. Letzteres klingt auch akkustisch gar nicht gut und verursacht manchmal, das der Motor vollstaendig ausgeht, was in Schraeglage zum sofortigen Sturz fuehren wuerde. Angespanntes Fahren mit reaktionsbereiter Hand an der Kupplung sind nicht gerade ein Genuss. Ein erster Reparaturversuch hat leider nicht den erwuenschten Erfolg gebracht. Ich hoffe ich kann dem Problem auf die Spur kommen.

Vor uns liegen Kamerun und Gabon und ich erwarte schlechte und anspruchsvolle Strassen durch dichten Dschungel. Wir naehern uns dem Equator (in Gabon) und kommen in ein Gebiet, dass zwar Jahresschwankungen in der Niederschlagsmenge aufweist, wo es jedoch ganzjaehrig regnen kann, was sich immens auf den Zustand der Strassen auswirkt. Ich freue mich auf eine der landschaftlich aufregendsten Abschnitte unserer Reise mit ueppigster Flora und Fauna und hoffe mir sind sowohl Wetter als auch KTM wohlgesonnen. Das Visum fuer Kamerun holen wir heute abend ab und morgen gehts weiter, auf in neue Abenteuer.

Bevor ich auf moeglichwerweise etwas laengere Zeit in unserer naechsten Etappe durch Nigeria nach Kamerun untertauche, will ich noch ein kurzes Update zwischenschieben.

Strasse in Lome am Sonntag

Strasse in Lome am Sonntag

Gestern traf ich auf zwei deutsche Maedels, die in Ghana ein Auslandssemester machen und zur Zeit in Togo auf Reisen sind. Beide sind bereits seit August in Westafrika und haben die Regenzeit hier teilweise miterlebt. Sie erwaehnten, dass das Leben auf der Strasse nahezu zum Stillstand kommt und wie drastisch der Unterschied zur Trockenzeit ist. Die Aussage hat mich angeregt etwas naeher hinzusehen.

Das Leben hier wie ich es taeglich beobachte, passiert auf der Strasse. Im Gegensatz zu unseren Gewohnheiten ist die Strasse hier nicht nur der Weg, um von A nach B zu kommen, sondern Lebensraum, den man den ueberwiegenden Teil des Tages und auch zur Nacht bewohnt. Tausende von offenen Staenden aus Holz werden taeglich bei Sonnenaufgang mit Waren aller Art befuellt und mit der Daemmerung wieder geleert. Zahllose Frauen tragen ihre Waren den gesamten Tag auf dem Kopf und machen durch Schreien, Klappern, Trommeln oder Rasseln auf sich aufmerksam.

gleiche Strasse am Wochentag

gleiche Strasse am Wochentag

Die Strassen sind gefuellt mit Motorradfahrern, die Mitnahmegelegenheiten suchen und Taxis, die sich durch enge Gassen hupen. In zahlreichen Essensstaenden werden auf kleinen Kohleoefen Bananen fritiert, Reis gekocht und Fleisch gegrillt und der Geruch brennender Kohle, fritierter Backwaren und gegrillter Huehner vermischt sich mit dem von Muell und Schweiss und Abgasen. Bettler bitten um Almosen, Kinder schreien und Babies haengen an den Ruecken der Frauen. Waren werden permanent ein-, ausgepackt und transportiert. Es wird gehandelt und diskutiert, sich beschwert und gexssst, waehrend andere inmitten des Trubels vor ihren Staenden liegen und schlafen. Wer sich seiner Beduerfnisse entledigen muss, tut dies inmitten der Menge am naechsten Gulli und gewaschen wird sich in kleinen mit Wasser gefuellten Schuesseln. Vorallem aber gibt es ueberall und staendig jemanden, der irgendwas mit dem Besen wegfegt. Das Geraeusch des harten Strohbesens auf Beton oder Lehmboden ist fuer mich, neben dem Gekraeh des Hahns, das markanteste Geraeusch Afrikas. Eigentlich gibt es immer und zu jeder Tageszeit jemanden in der Naehe der fegt. Es ist faszinierend, wenn man mal drauf achtet.
Eine grosse Menge an Personen ist einfach nur da, beobachtet und wartet auf eine Gelegenheit, auf welche Art und Weise auch immer, den einen oder anden Franc zu verdienen. Wo solllte sich diese Gelegenheit sonst bieten, wenn nicht hier auf der Strasse, wo alles Leben ablaeuft. Geht man abends durch die Strassen, sieht man mit Einbruch der Dunkelheit, ab halb sieben, ueberall Leute liegen, die auf Unterlagen am Strassenrand schlafen. Muetter mit ihren Kindern, Alte wie Junge schlummern ungestoert auf dem harten Boden. Hier und da spielt Musik, eine Gruppe von etwa 40 Leuten steht vor einem mickrigen Fernseher, die kleinen Kohleoefen brennen noch vereinzelt und die Leute sitzen zusammen und plauschen. Der Tag endet frueh, aber beginnt vor Sonnenaufgang. Fuer Viele gibt es kein Entkommen vor dem gemeinschaftlichen Treiben. Alles passiert in unmittelbarer Naehe zum Nachbarn, haeufig mit Hautkontakt. Keine Waende die den Sichtkontakt unterbinden, keine Tueren oder Fenster, die den Laerm aussperren, keine Zaeune, die andere auf Abstand halten, ein ununterbrochenes Interagieren mit den Mitmenschen. Die, die nicht auf der Strasse schlafen, verbringen wenig Zeit zu hause, denn der ueberwiegende Teil der Wohnungen duerfte heiss und stickig sein. Draussen gibt es frische Luft und das Leben zu erleben, wenig Grund drinnen zu hocken.

Was passiert nun aber in der Regenzeit, wenn es taeglich herunterschuettet? Ich kann es mir schwer vorstellen, wie sich das jetzt in der Trockenzeit beobachtete Markgeschehen mit Unmengen von Wasser, vom Himmel fallend und durch die Strassen fliessend, vertraegt. Man wartet auf das Ende des Regengusses, um danach wieder ins taegliche Treiben und Leben zurueckzukehren. Waehrend bei uns Regen im Allgemeinen draussen passiert und selten unser Tagesgeschehen  beeinflusst, legt er hier das Geschehen komplett lahm und bringt Stillstand. Der Regen bringt die natuerliche Areitspause, die Sonne bestimmt den natuerlichen Zeitraum des Wachseins. Fuer die meisten von uns trifft keines von Beiden zu.

Die Sendung der Ersatzteile fuer die KTM ist zwar seit Samstag in Lome, ich konnte sie jedoch noch nicht aus den Klauen des Zolls befreien. Da Toni Togo mehr Erfahrungen damit haben, habe ich die Aufgabe jetzt an Michel, den Manager, uebergeben und bin recht zuversichtlich, dass ich nun schnell startklar bin.

Die Ausruestung und Klamotten sind, nach den Regentagen in Ghana, wieder trocken, meine Cashmittel aufgefuellt (Geldautomaten duerften eine Raritaet in den kommenden Laendern darstellen), ueberflussiges Gepaeck ist aussortiert und ueber Bord geworfen, ich bin bester Gesundheit, wenn auch ein wenig lediert. Alles spricht fuer den Aufbruch in neue Abenteuer und ich kanns nicht erwarten wieder “on the road” zu sein.

Etwas lediert bin ich wegen eines kleinen naechtlichen Zwischenfalls. Mark und ich waren auf dem Weg in eine Nachtbar und schlenderten leicht (ja nur leicht) angetrunken auf dem Buergersteig einer unbeleuchteten Strasse. Mein Blick richtete sich auf ein entgegenkommendes Taxi und gerade als ich es heranwinken wollte, schlug mein Kopf auf dem Betonboden auf und ich spuerte einen starken Schmerz im linken Knie. Ich war voellig perplex und konnte keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem einen und dem kommenden Augenblick herstellen. Erst zwei bis drei Sekunden spaeter war mit bewusst was passiert war. Ich war in einen offenen Gulli getreten und mein rechter Arm, das linke Bein und eben mein Gesicht bewahrten mich vor dem tiefen Fall. Mark, der hinter mir lief, sah noch wie ich mit dem Fuss ueber dem schwarzen Loch schwebte, doch bevor er etwas sagen, war ich auch schon unten. Die Folgen waren im Verhaeltniss zur potentiellen Gefahr gering. Ein geprelltes Knie, ein geprelltest Handgelenk, ein ueberdehnter grosser Zeh und Schmerzen in der Wange mit der ich aufschlug. Es haette schlimmer kommen koennen, aber der Schreck war gross. Gullideckel werden hier und in anderen aermlichen Regionen, haeufig geklaut, da das Eisen verkauft werden kann.

Leider hat der Vorfall meine Bewegungsfreiheit in den folgenden Tagen erheblich eingeschraenkt und so konnte ich weder bummelnd die Stadt erkunden, noch mein neuentdecktes morgendliches Joggen weiterverfolgen und verbrachte den Grossteil meiner Zeit lesend im erfrischenden Luftstrom meines Ventilators. Dafuer habe ich jetzt eine Empfehlung fuer alle, die etwas Afrikalust bekommen haben sollten. Mark hat mir ein sehr empfehlenswertes Buch gegeben, dass mitreissend und informativ einen Einblick in afrikanische Verhaeltnisse gibt. Es beschreibt die Erlebnisse und Beobachtungen eines polnischen Journalisten, Ryszard Kapuscinski, der in der zweiten Haelfte des vergangenen Jahrhunderts in den entlegensten Regionen Afrikas unterwegs war. Detailiert, intelligent und lebhaft geschrieben, ist es eine gelungene Einfuehrung in die Gesamtheit Afrikas, die Konflikte und Geschichte. Die englische Version heisst “Schadow of the sun”, ich glaube die deutsche Fassung ist mit “Afrikanisches Fieber” uebersetzt worden. Ein gutes Weihnachtsgeschenk fuer Afrikafans und/oder Reiselustige :) .

Wer mehr ueber unsere Reise lesen will und ueber Englischkenntnisse verfuegt oder einfach nur ein paar Bilder anschauen will, dem kann ich auch Marks Blog empfehlen. Nicht nur findet man hier ein anderen Blickwinkel auf die Ereignisse sondern, da wir im Allgemeinen von uns gegenseitig Bilder machen, auch Fotos von mir und Geoff. Mark ist Journalist und Schriftsteller und seine Ausfuehrungen bewegen sich im Gegensatz zu meinem grobschlaechtigen Getippe auf einem anderen Niveau. Es lohnt sich also, guckt mal rein.

Ansonsten will ich euch nicht weiter mit den alltaeglichen Tagesablaeufen hier in Lome langweilen und verweise auf neue Berichte in hoffentlich naher Zukunft. Falls sich in den kommenden Tagen keine Internetgelegenheiten ergeben sollten, wuensche ich euch sicherheitshalber schon mal ein schoenes Weihnachtsfest. Geniesst das Essen und die kuehle, klare Luft. Um beides beneide ich euch manchmal. Aber auch nur manchmal ;) .
Bis zum naechsten mal.

Unvermeidlicher Behoerdenkampf, KTM-Generalueberholung, ein vorsichtiger Einblick in die Realitaet des Voodoo, das Leben in Lome, eine Verhaftung mit Gefaengnisbesuch – kurzum auch diesmal gibt es wieder einiges zu berichten. Schoen das ihr wieder dabei seid!

Langsam aber sicher fahrend, bin ich in Lome,Togo angekommen. Die KTM und ich haben es bis hierher geschafft, ein Ziel, das sich seit einigen Wochen anfuehlte, wie ueber LOS zu kommen, gibt es hier doch den einzigen KTM-Haendler in Westafrika und die vermutlich beste Motorradwerkstatt zwischen Spanien und Suedafrika. Statt Geld zu bekommen, gebe ich es zwar fuer Reparaturen aus, aber kaufe mir damit sozusagen weitere Strassen auf dem Weg nach Sueden, um es mal bei dem Gleichnis zu belassen. Meinen bereits angekuendigten Besuch eines Betterplace Projektes in der Naehe von Accra musste ich aufgrund des Motorrades leider wieder absagen. Da es sich aufgrund der Reparatur und Visaformalien bereits andeutete, dass ich hier einige Tage verbringen werde, ist es umso erfreulicher, dass Lome eine ueberaus angenehme und sofort liebenswerte Stadt ist. Paul, ein Australier, irischer Herkunft, mit dem ich Zeit in Kokrobite und Lome verbracht habe, hat mich gefragt welche Hauptstadt mir auf dem bisherigen Weg am sympatischsten war und ich habe nach kurzem Revue passieren lassen – Lome – geantwortet.

Lome Strand

Kein verlassener Strand, sondern der Stadtstrand von Togos Hauptstadt. Direkt hinter den Palmen beginnt Lomes Zentrum.

Lome liegt direkt am Meer und hat einen ueberaus schoenen weiten Strand, gesaeumt mit einem etwa 30 Meter breiten Palmenguertel. Die Luft ist vergleichsweise sauber und es weht staendig eine frische Brise. Frisch ist natuerlich relativ zu verstehen. 33 Grad und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit reichen trotzdem fuehr mehrere durschgeschwitzte T-Shirts pro Tag. Die Stadt ist, die Marktgegend ausgenommen, weitlaeufig angelegt, mit vielen Frei- und Gruenflaechen, 2-3 geschossigen Haeusern und hat einen erheblich geringeren Wuselfaktor als bisherige Hauptstaedte auf meinem Weg. Nach wenigen Tagen auf Motorradtaxis durch die Stadt kutschiert, hat man bereits einen recht soliden Ueberblick ueber die Viertel und die Srassenstruktur. Wir sind im schoenen Hotel Le Galion am Rande des Zentrums untergekommen, dass mir, in der Naehe des Strandes gelegen, die Moeglichkeit bietet, wieder mal joggen zu gehen und zur Belohnung danach direkt in die warmen aber maechtigen Wellen zu springen.

Lome ist einfach und billig. Um beispielsweise abends Essen zu gehen, verlasse ich das Hotel und setzte mich auf eines der zahlreichen 125ger Motoradtaxis, die mich fuer etwa 15 Cent zu einem Essenstand am Strassenrand bringen. Essenstaende gibt es ueberall und bieten im Allgemeinen eine vielfaeltige Auswahl an Nudeln, Sossen, Reis, Salaten, Fruechten, frittierte Bananen und diversen anderen Speisen, die in zahlreichen Schuesseln untergbracht sind, aus denen man sich einen Teller zusammenstellen kann. Ein bunter grosser Teller inklusive unwiderstehlich leckerer Mango als Nachspeise und dem obligatorischen Fanice Eis schlaegt dann mit etwa einem bis zwei Euro zu Buche. FanMilk Eiscream hat sich in den vergangenen Tagen, seitdem es mir Paul in Kokrobite gezeigt hat, zur Sucht entwickelt. Es handelt sich dabei um vanillemillkshakeaehnliches Eis, das in eingeschweisten 100 ml Tueten verpackt ist. Man beisst eine Ecke ab und schluerft den Rest aus der Packung. Ueberall in der Stadt sind Verkaeufer unterwegs, die FanMilk Wagen vor sich herschieben und sich hupend ihren Weg durch die Strassen bahnen. Das Zeug ist derart lecker, dass ich bereits bei einer 2-stelligen Anzahl Eis am Tag angekommen war, bevor ich mir eine maximale Menge von 4 Stueck auferlegt habe, um Bauchschmerzen vorzubeugen.
Will man sich nicht selbst zum Essen bewegen, reicht es im Allgemeinen auch aus einfach die immerzu herumlaufenden Frauen abzuwarten, die von Kokusnuessen ueber allerlei Geback, nahezu jede erdenkliche Speise (und auch alles erdenkliche andere) auf dem Kopf tragen. Apropro Gebaeck, es gibt wieder leckere Baguettes und es wundert mich doch rueckblickend sehr, wie es moeglich ist, dass ein Land wie Ghana, ausschliesslich umgeben von ehemals franzoesischen Kolonien, es nicht schafft, selbst vernuenftiges Brot zu produzieren. Erstaunlich, aber andererseits hat auch kein deutscher Nachbar eine vergleichbare Qualitaet oder Vielfalt eines normalen deutschen Baeckers zu bieten. Einspruch erlaubt :) .

Natuerlich gibts auch Schattenseiten. Die Armut ist zum Teil erschreckend. Man muss schon etwas genauer hinsehen, um zu erkennen, das viele der Leute , die tagsueber entspannt unter dem Palmenguertel schlafen, auch nachts keine Bleibe haben. Wenn ich frueh morgens am Strand jogge und durch die Abschnitte laufe, die den aermlichen Gegenden besonders nah sind, sieht man alle 20 – 40 Meter Menschen mit heruntergezogener Hose hocken, die in unmittelbarer Naehe der Kueste und damit meiner Laufspur, scheinbar schamlos und voellig offenbahr ihr Geschaeft verrichten. Es ist erniedrigend, traurig und widerlich und bleibt natuerlich auch nicht ohne Geruchsfolgen fuer den Strand. Ich sehe Frauen, die sich in den Abfluessen, die aus der Stadt kommen und ins Meer fliessen, waschen, schrecklich entstellte Krueppel, die am Strassenrand betteln und voellig verwahrloste Gestalten, die sich mir sprichwoertlich zu Fuessen werfen und um Almosen bitten. Dennoch sind dies Ausnahmen in einer ansonsten einladenden, lebendigen und  sympatischen Stadt.

Schaedel auf dem Fetisch Markt in Lome

Schaedel auf dem Fetisch Markt in Lome

Lome liegt mitten in der Region, in der die  Voodoo Religion stark verbreitet ist und ein Fetisch Markt am Stadtrand laedt ein, einen ersten Eindruck zu erhaschen. Die ueberall in der Region vorhandenen Maerkte bieten in erster Linie eines, getrocktnetes totes Getier jeder nur erdenklichen Spezies. In der Praxis dienen diese als Zutaten fuer Rezepte, die vom Voodoo Chief zusammengestellt werden. Die Zutaten werden daraufhin gemalen und unter festgelegten Zeremonien verbrannt, eingenommen, geopfert usw.. Wir haben den auf diesem Markt vorhandenen Voodoochief einen Besuch abgestattet und uns ueber die moeglichen erwerblichen Gluecksbringer aufklaeren lassen. Ich entschied mich fuer Gluecksbringer fuer die Reise, die Liebe und fuer Heim und Haus. Diese koennen, muessen aber nicht fuer die eigene Person sein. In einer Zeremonie werden diese dann mit der Zielperson personifiziert und muessen dann unter Einhaltung bestimmter Regeln aktiviert werden. Am Ende werden dann Muscheln gewuerfelt, die den Preis bestimmen, der natuerlich sehr hoch ist, aber dafuer umso staerker verhandelbar. Vorteilhaft ist, das die Talismane immer an eine Person gebunden sind, nicht an das Ziel. So koennen sie ein Leben lang fuer immer verschiedenen Reisen, die jeweiligen Frauen (oder Maenner) der Wahl, bzw. dem aktuellen Heim, unter Beachtung der Aktivierungszeremonien wiederverwendet werden. Ein echtes Schnaeppchen also.

Eigentlicher Grund des Aufenthaltes hier in Lome sind allerdings die Reparatur der KTM und das Beschaffen der Visa fuer Nigeria und wenn moeglich Angola, den, neben der DRC, problematischsten Laendern auf unserem Weg.

meine KTM bei Toni Togo

meine KTM bei Toni Togo

Toni Togo war eine sehr positive Ueberaschung. Eine gut ausgestatte Werkstatt in europaeischen Standard, ein Hof voller KTMs, ein schweizer Mechaniker mit Liebe fuer seine Arbeit und die Zusage, das mein fahrbarer Untersatz hier gut aufgehoben ist und alles repariert werden kann. Der Mechaniker hat auch noch viel Erfahrung mit meinem Modell und ich fuehle mich wie im Werkstatthimmel. Ich lege meine Reparaturliste vor und fuege noch etwas naiv hinzu, dass ich mir zusaetzlich wuensche, dass der Mechaniker eine volle Dursicht inklusive dem Einstellen der Ventile macht und moegliche Problem- oder Schwachstellen untersucht, damit ich mit gutem Gefuehl meine Weiterfahrt antreten kann. Als ich daraufhin am kommenden Tag vorbeischaue, sehe ich mein Motorrad voellig zerlegt vor mir stehen, mit einem Mechaniker, der voller Sorgfalt und Liebe in Bereichen operiert, die ich nie zuvor gesehen habe. Mit einem guten Gefuehl lasse ich ihn schrauben und bereite mich derweil schonmal auf eine saftige Rechnung vor. Leider sind nicht alle Ersatzteile vor Ort, so dass ich widerum DHL bemuehen muss. Die Teile sind bereits fuer ca. eine Fantastilliarde DHL Euro von KTM Berlin verschickt worden und sollten am Montag hier sein. Ich klopfe aufs Holz und warte es ab…

Die Beschaffung des Visums fuer Nigeria war mit Schwierigkeiten verbunden. Viel Hartnaeckigkeit, viermaliges Vorsprechen und einiges an organisatorischem Aufwand hat mich von “Nein, wir stellen nur Visa fuer Einwohner Togos aus. Sie muessen Ihr Visum in Deutschland beantragen.” ueber “Vielleicht bekommen Sie ein 5 Tage Transitvisum.” bis hin zu “Wir koennen Ihnen ein 14 taegiges Touristenvisum ausstellen.” gebracht. Dafuer erfoderlich waren letztlich der Pass, 2 Passbilder, 2 Antragsformulare, 2 Passkopien, 2 Kopien des Visums fuer Ghana, 80 Euro, ein freies Schreiben mit der Begruendung, was wir in Nigeria wollen und warum ich das Visum nicht schon in Deutschland beantragt habe, eine Notiz der deutschen Botschaft in Togo, die bestaetigt, dass ich ein braver Deutscher bin, der nur harmlos und touristisch Nigeria kennenlernen will, ein verhoeraehnliches, persoenliches Gespraech mit dem Bearbeiter und etwa 4 Stunden Wartezeit. Viel Aufwand fuer ein Land, dass seine Schatten vorauswirft und das wir nur zuegig durchqueren wollen. Schoen siehts aber aus das Visum in meinem Pass, der in Kokrobite aus Versehen mitgewaschen wurde und nun einem voellig zerfallenen Lappen aehnelt.

Ein taeglicher Besuch in der Botschaft von Angola hat allerdings leider nicht zum Erfolg gefuehrt, da zunaechst der Bearbeiter krank war und es sich letzlich heraustellte, dass alle angolanischen Visaantraege Westafrikas nach Abuja, Nigeria geschickt werden. Das wuerde sehr lange dauern, aber wir wissen aus recht zuverlaessiger Quelle, das in Abuja  keine Touristenvisa fuer Nichtafrikaner mehr ausgestellt werden. Das Problem wird also vertagt. Die DRC und Angola zu passieren duerfte sich als echte Herausforderung etablieren, denn wir wissen, dass ein uns vorausfahrender Motorradfahrer in Gabon festhaengt und kein Visum fuer die DRC erhaelt, es sei denn er hat einen Rueckflug oder ein Visum fuer Angola. Angolanische Visa werden hingegen, so der allgemeine Konsenz, wenn ueberhaupt nur in Kinshasa, DRC ausgestellt. Da beisst sich die beruehmte Katze in den Schwanz. Oder Catch 22 wie der Englaender sagen wuerde. Wir vertagen das Problem und bleiben optimistisch.

OK, warum nun aber “Hinter Gittern”?
Eines morgens entschied ich mich, entgegen meiner urspruenglichen Laufrichtung, nach Westen am Strand entlang Richtung Ghana zu joggen. Lome liegt nah an der Grenze und ich wollte bis zur Grenze und zurueck. Nach wenigen Kilometern hocke ich mich hin, um ein Boot in der aufgehenden Sonne zu fotografieren, als mich jemand anxsssst. “Xssssst” ist ein sehr effektives Geraeusch, dass das Ohr auch im lautstaerksten Stadtgetummel noch sehr differenziert, deutlich und vorallem praezise ortbar wahrnimmt. Da ich es aber immer und staendig hoere, weil mir irgendjemand irgendwas verkaufen will, bin ich darauf trainiert, nicht mehr zu reagieren, ignoriere ihn und jogge weiter. Im Augenwinkel sehe ich aber, dass er jemanden, den ich nicht sehen kann mit den Armen rudernd auf mich aufmerksam macht. Mein erster Gedanke ist “Die wollen meine Kamera” und ich laufe zunaechst kontinuierlich, aber mit wachsender Beklemmung weiter. Kurze Zeit spaeter stuermen drei in Uniform bekleidete Polizisten den Strand in meine Richtung und rufen und mir wird klar, dass ich besser kooperativ bin und gehe ihnen entgegen. Mit Erschrecken sehe ich die Wappen auf deren Uniform. Sie tragen die Aufschrift “Ghana”. Ich werde als illegaler Grenzgaenger abgefuehrt und muss mir von einem kleinen gruenen (Farbe der Uniform) Giftzwerg in anklagender und drohender Ausprache anhoeren, dass ich willentlich versucht haette in Ghana einzudringen und was ich mir dabei gedacht habe. Die Frage nach meiner Intention war allerdings ueberfluessig, denn er liess mich nie ausreden. Der Vorgesetzte war nicht da und so wurde ich kurzer Hand in einer etwa 10 qm grossen Zelle untergebracht. Das Gefuehl offiziel meiner Freiheit beraubt zu sein und das Geraeusch der einrastenden Gittertuer und des Schluessels werde ich wohl nie vergessen. In der Zelle waren noch drei weitere sehr ungluecklich aussehende Mitgenossen, die schweigend vor sich hinstaarten. Wir sprachen nicht. Bevor ich jedoch echtes Unbehagen entwickeln konnte, wurde ich etwa zwei Minuten spaeter wieder herausgeholt und in ein Buero gesetzt und man wies mich an dort zu warten. Der Giftzwerg wurde derweil im Nachbarraum vom zurueckgekehrten Vorgesetzten verhoert und ich wurde kurz darauf dazugeholt. Nachdem ich barfuss und verschwitzt vor den Grenzbeamten stehend die Gelegenheit bekam, meine Sichtweise zu schildern und darauf hinzuweisen, dass ich voellig ohne Wissen die Grenze ueberquert hatte und eine Grenze vom Strand aus auch nicht erkennbar ist (es gibt nichtmal ein Schild), wurde ich wieder zurueck ins Buero eskortiert. Der Fall war klar. Ich hatte illegal die Granze nach Ghana ueberquert, was eine Geldstrafe und den erneuten Erwerb eines Visums nach sich zieht. Alles was ich bei mir hatte waren eine Schwimmhose, ein T-Shirt, mein Hotelschluessel und eine Kamera und ich war gespannt wie sie die Umsetzung meiner Strafe organsieren wuerden. Noch einige Minuten diskutierten vier Maenner meinen Fall, bis der Giftzwerg ungehalten abmarschierte, was ich als gutes Zeichen interpretierte. Ein anderer kam heraus, bat mich mitzukommen und fuehrte mich wieder zum Strand hinunter, deutete Richtung Togo und sagte “You jog back”. Erleichtert bedankte ich mich, rannte davon und gelangte ungesehen, an den Grenzbehoerden Togos vorbei, wieder zurueck. Was fuer eine Aufregung noch vor dem ersten Kaffee!

bisherige Route

Die aus allen GPS Daten zusammengefuegte Route, leider nur als Bild. Die Berechnung fuer die vollstaendig nutzbare Google maps Version dauerte 3 Stunden...

Trotz dem angenehmen Dasein hier in Lome zieht es mich weiter. Die Reise dehnt sich zunehmend aus und aus meinen angepeilten 3-4 Monaten werden nun voraussichtlich 5-6. Afrika scheint immer groesser zu werden, je laenger ich unterwegs bin und ein Blick auf die Karte sagt mir ich habe zwar die Haelfte des Weges von Berlin aus gesehen zurueckgelegt, aber der Weg durch Afrika ist noch ein sehr weiter. Wir legen Lome dennoch als Halbzeit fest und stossen darauf an. Wenn alles gut geht, werden wir am Dienstag unseren Weg fortsetzen und nach nur kurzem Abstecher in Benin zuegig in nur 3 – 4 Tagen durch Nigeria rauschen. Soweit der Plan. Geoff hat sich aus organisatorischen Gruenden fuer 10 Tage nach England verabschiedet, duerfte aber keine Probleme haben, uns wieder einzuholen.

Ich wuensche euch ein schoenes Wochenende und melde mich voraussichtlich vor Nigeria nochmals mit einem kurzen Update zurueck. Machts gut und bis zum naechsten Mal.

Leider ergaben sich in der vergangenen Woche keine akzeptablen Internetgelegenheiten, um den Blog zu aktualisieren. Daher muss ich euch heute einen etwas ausfuehrlicheren Ghanabericht zumuten. Vielen Dank fuer eure Kommentare, fuers Mitlesen und Dabeibleiben.

Afrika fuer Anfaenger, schreibt der Lonely Planet und es ist leicht zu erkennen warum. Der gefuehlte Unterschied nach dem Ueberqueren einer Grenze innerhalb Afrikas war nirgends groesser, als von Burkina nach Ghana kommend. Ghana ist als ehemals britische Kolonie englischsprachig und mir wird schnell bewusst wie viel intensiver man ein Land wahrnehmen kann, wenn man die Sprache nicht nur in Rudimenten, sondern gespraechstauglich beherscht. Mit der kurzen Ausnahme von Gambia, konnte ich mich seit dem Verlassen Deutschlands nur auf sehr niedrigem Niveau mit den Einwohnern verstaendigen. Die Moeglichkeit sich frei und unbeschraenkt austauschen zu koennen und Schilder, Werbungen, Speisekarten usw. zu lesen, eroeffnet einen viel tieferen Blick in Land und Leute. Als naechstes faellt auf, das die Religion deutlich expressiver zur Schau gestellt wird. Gott ist ueberall praesent, sowohl in der Sprache als auch in Schriftform. “So Gott will”, “wie von Gott geschaffen”, “in Gottes Gnade”, “gottgegeben” usw. wird regelmaessig in der ganz nornmalen Kommunikation benutzt. Auf Schildern und Autos findet mann Ausprueche wie “God is King”, “Jesus is with us”, “Good is good”, “Have Trust in the Lord” usw.. Beinahe jedes Geschaeft, jedes Unternehmen hat Gott oder Religion im Namen. Ein Lebensmittelladen wird zu “Lords cold store” und ein Friseur zu “Grace of God Haidresser”. Auch andere Sprueche die man am Strassenrand sieht, sind sehr unterhaltsam. Hier einige Beispiele: “Verzichte auf Gewalt, lebe friedlich mit deinem Nachbarn”, “Entscheide ueberlegt, lebe gluecklich”, “Kauf unserer Textilien – bringt Glueck in dein Leben”, “Say no to Sex, stay alive”. Zum ersten mal in Afrika sehe ich das omnipraesente Muellproblem angesprochen und man findet auch dazu Sprueche wie “Halte Ghana sauber, es ist dein Land” und sieht kleine blaue Muellwagen. Inwiefern die Behandlung des Muells nach dem Sammeln organsiert ist, kann ich allerdings nicht beurteilen.
Bessere Strassen, modernere Autos und Tankstellen, Ampeln, Strassenschilder und ein allgemein groesseres Konsumangebot, alles deutet auf ein vergleichsweise entwickeltes Land hin und wie Mark richtig bemerkte, wir haben seit Ghana keine Eselskarren mehr gesehen. Afrika fuer Anfaenger eben, aber dennoch Afrika, denn ausserhalb der Stadte trifft man auf eine aehnlich einfache Lebensweise in kleinen Doerfern und strohbedeckten Rundhuetten und auf eine Einwohnerschafft jenseits aller Englischkenntnisse.

typische Menschenauflauf sobald wir halten

typische Menschenauflauf sobald wir halten

Die Menschen hier unterscheiden sich in jeder Hinsicht mit Ausnahme der Hautfarbe von den Einwohner Burkinas oder Malis. Sie sind deutlich kommunikativer, expressiver und humorvoller, intensiver und lauter, lockerer und koeperlicher. Sie kommen um zu reden, nicht um zu verkaufen, sind neugierig und ueberhaeufen uns mit Fragen. Nirgends sonst haben sich nach so kurzer Zeit so grosse Menschentrauben um uns gebildet wie hier. Auch aeusserlich unterscheiden sie sich deutlich. Insbesondere die Frauen weisen mit breiten Schultern, kraeftigen Armen, tief eingefallenen Nasenwurzeln und breiten Gesichtszuegen recht maskuline Zuege auf. Viele haben auffaellige Schmucknarben im Gesicht, meist auf den Wangen links und rechts neben de Nase nach unten, hinten diagonal zu den Wangenknochen abfallend und manchmal wie Sonnenstrahlen hintern den Augen auf der Schlaefe.
Nachdem sich das Fruchtangebot in den letzten Laendern auf Melonen, Bananen und manchmal schlechten Orangen beschraenkt hatte, sieht man hier Kokusnuesse, Annanas, Papayas, Aepfel und vieles mehr und nach wochenlangem Reis mit Sosse und Huhn, geniessen wir Kochbananen (hmm super lecker), gegrillte Maiskolben, frittierte Teigbaelle (auch unwiderstehlich) und eine reichhaltige Auswahl diverser Gemuese von Essensstaenden am Strassenrand und auf Maerkten.

Es gibt aber auch einige Negativseiten. Die Qualitaet der Brot- und Backwaren ist nach den ehemals franzoesisch kolonoalisierten Laendern um mehrere Dimensionen abgefallen und statt Baguettte, Croisants und einer meist erstaunlichen Auswahl an Kuchen, trifft man hier einheitlich auf miserables Weissbrot. Unangenehm ist auch die deutlich hoehere Luftfeuchtigkeit. Ein T-Shirt ist nach 10 Minuten in der Sonne stehend komplett nass und Schweiss tropft pausenlos von Stirn und Nase, lediglich der Fahrwind verhilft zu ein wenig Abkuehlung. Die Musik wechselt von den feinfuehligen Klaengen Malis zu Pop- und HipHoplastigeren Sounds. Ein Wechsel, der der Mentalitaet der Menschen hier entgegenkommt, aber nicht unbedingt meinem Geschmack entspricht.

Es sind Wahlen in Ghana und ueberall grinsen die Gesichter der Kandidaten von Postern auf uns herab. Die Menge der Werbung der Parteien ist durchaus mit der in einer Wahl in Deutschland zu vergleichen, ungleich ist hingegen die Anteilnahme der Bevoelkerung im Wahlgeschehen. Waehrend sich bei uns in allgemeiner Politikverdrossenheit gerade mal 60 Prozent ueberhaupt zur Urne begeben, ist hier jeder und alles politisch in Bewegung. Die Leute tragen T-Schirts und Aufkleber der beiden Hauptparteien NPP (National Patriotic Party) und NDC (National Democratic Party) und tanzen ueberall mit den Erkennungsgesten ihrer Parteien. Ja, richtig gelesen, die Parteien haben ihre eigenen Gesten, insbesondere symbolisiert durch markante Bewegungen mit den Haenden und Armen. Wenn man in eine Menge fragt was sie denn waehlen werden, gibts gleich ein grosses Geschrei, alle springen auf und fangen an die Gesten ihrer Partei zu machen und dabei zu tanzen. Auch aus den Fenstern der Busse und am Strassenrand sieht man sie immer wieder, die markanten Handbewegungen. Wahlveranstaltungen sind in erster Linie riesige Parties. Wer mehr rockt gewinnt, so scheint es und auch das ist Ghana.

Aussicht auf den Mole National Park

Aussicht auf den Mole National Park

Unser erstes Ziel auf dem Weg nach Accra ist der Mole National Park, eines der Highlights auf dem Programm eines jeden Ghanatouristen. Auf den 60 Kilometern teils schwieriger Sandpiste zum Park, schwitzen und kaempfen wir uns zu einer ueberaschend guten Hotelanlage innerhalb des Parks durch und werden mit einem bezaubernden Ausblick ueber den Park, einem Pool und kaltem Bier belohnt. Vor einer bis zum Horizont reichenden, unberuehrten Waldkulisse beobeachten wir allerlei Voegel, Cobs, Krokodile, Warzenschweine und Elefanten bis die Sonne in einem blutrotem Himmel untergeht. Es ist maerchenhaft schoen.
Morgens werde ich von einem lauten Schniefen und Schnueffeln geweckt, oeffne die Augen und blicke durch die Gase meines Innenzeltes direkt ins Angesicht eines etwa 30 cm entfernt stehenden Warzenschweines, dass knieend mit der Nase den harten Boden umpfluegt und dabei laut schmatzt.
Abends wechsele ich mit Marks Hilfe im Schweisse meines Angesichsts meinen Vorderreifen, den ich bereits seit Spanien mit mir herumschleppe. Der alte Strassenreifen wollte und wollte nicht sterben, aber die teilweise schlechten Strassenverhaeltnisse zu den entlegenen Regionen diktieren jetzt den Wechsel auf den gelaendetauglicheren Ersatz. Ich druecke die Daumen, dass mich dieser bis nach Kapstadt traegt und sich als aehnlich ausdauernd wie der letzte erweisst. Nach der etwas muehsamen Aktion stehe ich triefend nass aber zufrieden neben meinem Motorrad. Selbst das Geld in den Hosentaschen ist feucht. Koeperliche Arbeit ist hier aufgrund der Luftfeuchtigkeit doppelt so schwer verrichtet, als noch 200 KM weiter noerdlich. In der Daemmerung besucht uns eine Gruppe Paviane und einer entscheidet sich auf meinem Motorrad sitzend nach Verwertbarem zu stoebern und allerlei Tueten und Taschen zu durchwuehlen, bevor ich ihn wegjagen kann. Paviane sind recht mutige und grosse Affen, die sich nicht unbednigt so leicht vertreiben lassen. Am Vortag hatte ein Horde, die Touris geradewegs attackiert, woraufhin alle fliehend in den Pool sprangen bevor die Hotelangestellten die Affen vertreiben konnten.

Vielleicht das Highlight der bisherigen Reise ereilte uns auf dem Weg zu einem Affenpark im Zentrum Ghanas. Wir fuhren auf sandigen Strassen durch dichten Regenwald, es war bereits 17 Uhr und der Himmel vor uns verdunkelte sich bedrohlich. Ich hatte seit Frankreich keinen Regen mehr gesehen und jahreszeitlich war auch hier kein Regen zu erwarten, aber Blitze in der Distanz, aufkommender Wind und die ersten Tropfen belehrten uns eines besseren. Wir entschieden die verbleibenden 20 Kilometer zu fahren und fuhren geradewegs ins Unwetter. Der sandige Boden verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in nahezu unpassierbaren Matsch, der insbesondere durch die sehr rutschige obere Schicht extrem schwer zu fahren war. Nachdem Geoff eine spektakulaere Rutschpartie vor meinen Augen hingelegt hatte und nur mit Ach und Krach das Motorrad halten konnte und der Regen ploetzlich sintflutartig auf uns hereinbrach, entschieden wir uns in einem Dorf namens Bodom zu halten und unter dem Terassendach einer Schule den Regen abzuwarten. Der Regen hielt nicht lange an, aber aufgrund der nun aufgeweichten Strassen haetten wir sehr vorsichtig und langsam fahren muessen und waeren erst im Dunkeln angekommen. Wir waren erschoepft und ich hatte kein Licht, also viel uns die Entscheidung sehr einfach – wir uebernachten hier – und die vielleicht intensivsten Stunden meines Lebens namen ihren Anfang. Ganz naiv wollten wir einfach unsere Isomatten herausholen, uns mit Einbrechen der Dunkelheit unter dem Vordach schlafen legen und mit Sonnenaufgang wieder aufbrechen. Aber es kam ganz anders.

Unter der Terasse stehend hatten wir schnell Gesellschafft von einigen Schulangehoerigen, denen wir unsere Entscheidung mitteilten. Diese sagten uns, wir muessten erst das Ja des Dorfchefs einholen und so machten wir uns auf den Weg durchs Dorf, um ihn aufzusuchen. Wahrend wir durchs Dorf streiften, sprangen ueberall die Kinder aus den Huetten, schauten uns mit grossen Augen an und folgten. Drei grosse Weisse in eigenartigen Klamotten sieht man ja nicht alle Tage. Da sich heraustellte, dass der Dorfchef nicht da war, mussten wir die Nummer zwei in der Rangfolge befragen und stiefelten durch den Matsch zu anderen Seite des Dorfes. Nummer zwei war eine Frau, die sich unser Anliegen anhoerte, aber entschied, dass wir nicht unter dem Dach schlafen duerften, sondern vernuenftig untergebracht sein muessten und so zogen wir ihr folgend wiederum durchs Dorf, um eine Bleibe fuer uns zu finden. Nach mehreren Stationen kamen wir schliesslich zum Community Center, einem kleinen recht schaebigen, in sich geschlossenen Hof mit 2 Zimmern und einer Latrine und versichtern, dass dies unseren Anspruechen mehr als gerecht wuerde.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir etwa 50 Gefolgsleute, zumeist Kinder, im Schlepptau und mir wurde langsam klar, dass wir hier so ohne weiteres keine Nachtruhe finden wuerden. Wir holten die Motorraeder, packten aus und fanden uns danach umringt von Neugierigen im offenen Hof unseres Hauses wieder. Waehrend einige fasziniert Geoff beim Handhaben seines Gaskochers bestaunten und andere mit aller Lautstaerke versuchten in Marks Fotos verewigt zu werden, wurde ich vom Rest auf der eilig herbeigeholten Bank umzingelt. Ich schuettelte ununterbrochen Haende, wurde von allen Seiten befingert, lernte Begruessungsformalien, die ersten Worte der hier gesprochenen Sprache, musste etliche Fragen beantworten und wurde diversen Frauen vorgestellt, die mich ausnahmslos heiraten und mit mir kommen wollten. Wobei kinderlose nicht verheiratete Frauen hier generell unter 18 sein duerften. Die Maedchen nahmen sich das Recht heraus meine Schultern und Arme pruefend auf Muskeln abzutasten und schienen nicht sonderlich beeindruckt. Das alles kam in parallelen Stroemen von allen Seiten um mich herum und ich konnte foermlich spueren wie die Menge meine verbliebende Tagesrestenergie aus mir heraussaugte.

unser Abend in Bodom

unser Abend in Bodom

Wir fragten, ob es eine Art Restaurant gaebe und wir vielleicht ein Bier haben koennten. Beides wurde bejaht und wir fanden uns ein wenig spaeter, von einer nicht minder grossen Menge umgeben, unter einem Strohdach wieder. Alles redet und schreit durcheinander. Ich spuere Hautkontakt ueberall, insbesondere die Brueste zweier Frauen in meinen Schultern, die mich uebers ganze Gesicht anstrahlen, sobald ich mich umdrehe. Mit beiden Fuessen stuetze ich mich nach vorne ab, um nicht vom wackeligen Plastikstuhl geschoben zu werden. In all der Aufregung taucht ploetzlich ein etwas aelterer Mann auf, der sich als Information Officer vorstellt und in dramatisierender Aussprache die bisherigen Ereignisse unserer Ankunft vortrug und dabei das Geschehene mit viel Mimik und Gestik ausschmueckte. Es fuehlte ich an, als waeren wir bereits Teil der muendlich uebertragenen Geschichte des Dorfes geworden. Er ging darauf ein, wie willkommen und sicher wir hier seien und nichts Boeses befuerchten muessten. Alles ist natuerlich begeleitet von vielen “God bless you”s. Wir laden ihn zu Bier und Zigaretten ein, die er fast zu willig annimmt und die Stimmung heizt sich zunehmend auf. Wir singen, tanzen, klatschen und albern bis zur totalen Erschoepfung, bevor wir uns letztlich dann doch alleingelassen in unser voruebergehendes Zuhause zurueckziehen duerfen. Der Abend war so intensiv und so Afrika, dass ich eine Gaensehaut hatte. Ich fuehlte mich foermlich ueberflutet von Eindruecken und spuerte die Erschoepfung noch den gesamten folgenden Tag.

Am naechtsen Morgen wartete bereits seit halb sieben ein Begruessungskommitee vor unserer Haustuer, um sich zu versichern, dass wir gut geschlafen hatten und uns zur Schule abzuholen, die wir versprochen hatten zu besuchen. Die in Klassen versammelten Kinder hielten einen Morgenappel, sprachen ein Gebet und sangen die Nationalhymne Ghanas. Wir hielten eine kleine Rede, die vom Direktor fuer die Kinder in die lokale Sprache uebersetzt wurde, stifteten ein Buch und 30 Euro und bedankten uns in endlosem Haendegeschuettel beim Schulkoerper und dem immer praesenten Information Officer, der es sich nicht nehmen liess wiederholt bei jedem einzelnen von uns auf seine schwierige Situation hinzuweisen und eine Spende einzufordern und dabei einiges an Wuerde einbuesste. Tief beruehrt und erschoepft verlassen wir Bodom unter Applaus und Geschrei und fuehlen uns wie Megastars. Was fuer ein Erlebnis. Mehr Afrika geht nicht.

Mark und Affe

Mark und Affe

Ein Wald voller Affen, Kumasi, die vielleicht geschaeftigste und mit Menschen und Waren vollgestopfteste Stadt die ich je sah, Cape Coast, ehemals eines der wichtigsten Umschlagpunkte fuer den Sklavenhandel mit eindrucksvollen Kerkern und Burgen, Kokrobite, ein idylischer Ort am Meer – unser Weg treibt uns voran und Ghana enttaeuscht nie. Keine Polzeikontrollen, eine entwickelte Infrastruktur mit groesstenteils guten Strassen, ueberall strahlende Gesichter, preiswertes und gutes Essen in den zahlreichen Huetten am Strassenrand, Sonnenschein und eine kuehle Brise in den Kuestenregionen, Ghana erhaelt meine Empfehlung fuer ein Reise nach Westafrika. Einfach Afrika.

Aus dem aus Visumsgruenden erzwungenen Abstecher, wurde die bislang bunteste und lebhafteste Etappe meiner Reise und ich bin froh hier nicht vorbeigefahren zu sein. Das Visum fuer Nigeria haben wir jedoch, aus Gruenden die zu beschreiben ich euch ersparen will, immer noch nicht und muessen den Antrag auf Togo oder Benin verschieben.

Das Motorrad kriecht derweil nur noch auf dem Zahnfleisch vor sich hin und Marks und Geoffs Spott habe ich seit langem sicher. Zu allem Unglueck hat sich jetzt auch noch herausgestellt, dass ein Glied der Kette defekt ist und das Zahnrad an dieser Stelle bereits am durchgescheuerten aeusseren und inneren Ring vorbei direkt am Verbindungspin zieht. Die Kette ist mehr als am Ende und ein Kettenriss hochwahrscheinlich und ich limitiere daher meine Hoechstgeschwindigkeit auf unter diesem Umstaenden immer noch gefaehrliche 75 KM/h, Tendenz fallend, und bete, dass die KTM nicht auf den letzten Kilometern vor Lome zusammenbricht. Die Reparaturkosten duerften mein ohnehin schon stark belastetes Budget weiter schrumpfen, aber sind ein absolutes Muss.

Der nun vor uns liegende Weg von Nigeria bis Angola duerfte aufgrund kaum bis nicht vorhandener touristischer Infrastrukturen, Armut, schlechten Strassenverhaeltnissen, Visaproblemen und ausufernder Korruption, einer langer und schwieriger werden. Ein positives Licht warf eine nigerianische Schulgruppe voraus, die wir in Cape Coast trafen und uns ermutigte, das Nigeria ein freundliches Land ist, das uns herzlich willkommen heissen wird. Nunja, wir werden sehen, mit den bisher gesammelten Informationen fuehlt sich die vor uns liegende Etappe an wie ein grosses schwarzes Loch, in das wir mit der Grenze zu Nigeria eintauchen, um hoffentlich auf der anderen Seite in Namibia oder Botswana wieder herauszukommen.

Ich wunesche euch allen eine schoene Woche und halte euch wenn moeglich weiter auf dem Laufenden.

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