Bevor ich ab morgen moeglicherweise in paar Tage laenger dem Internet fernbleibe, will ich noch mal eine kleine Aktualisierung zischendurch einschieben.

Die KTM kaempft hier in der Stadt mit der erbarmungslosen Hitze und macht mir das Leben schwer. Das Motorrad wird dermassen heiss, dass ich gezwungen bin zwischen zwei verschiedenen Fahrpositionen in regelmaessigen Abstand zu wechseln um mich vor den unertraeglichen Hitzeausbruechen unter mir zu schuetzen. So wechsele ich zwischen sitzend fahren und die Beine gespreizt vom Motorrad halten, um die Fussfesseln und Waden zu retten, und stehend fahren um mir eine geringe Chance auf Fortpflanzung in der Zukunft zu erhalten. Das Motorrad wird so heiss, dass alle metallenen Teile im unteren Bereich kaum noch anfassbar sind und, was viel schlimmer ist, die Rueckbremse zunehmend weniger greift, bis hin zur totalen Funktionslosigkeit. Letzteres Verhalten hat mir in der Stadt auf einer sandigen Strasse beinahe einen Auffahrunfall beschert. Klasse!

die Zeite Klasse in Youchuas Schule

die Zeite Klasse in Youchuas Schule

Mein Kontakt zum naechsten Betterplaceprojekt war Juergen Nagler, den ich, in Bamako angekommen, anrief und mich mit ihm am kommenden Tag verabredete. Am naechsten Tag nahm sich Juergen die Zeit, mir die Schule in einem Aussenbezirk Bamakos zu zeigen und sich ausfuehrlich mit mir ueber die Hilfsprojekte und seine Arbeit vor Ort zu unterhalten. Die Schule sticht aus seiner Umgebung hinsichtlich seiner baulichen Erscheinung geradezu hervor und ist ein Glanzbeispiel fuer erfolgreiche und vorallem nachhaltige Arbeit im Bildungsbereich vor Ort. Aufgebaut von einem Einheimischen, der als Direktor der Schule fuer den langristigen Erfolg sorgt, ist die Schule zur Zeit dennoch auf Unterstuetzung angewiesen, um auch den Kindern armer Familien eine Bildungschance zu bieten. Ich konnte mich davon ueberzeugen, dass hier eingesetzte Hilfsgelder zu einem Ergebnis mit hoher Qualitaet fuehren und werde daher einen Teil des Geldes aus der Marathoninitiative fuer die Unterstuetzung der Bildung der Kinder vor Ort einsetzen. Mein Feedback dazu und Naeheres zum Projekt findet der Interessierte wieder auf Betterplace. Juergen selbst hat in Niamana in der Naehe von Segou ein Projekt teilweise ueber Betterplace finanzieren koennen, welches auch in meiner Marathoninitiative als Bespiel aufgenommen ist. Wenn alles gut geht, werde ich es ebenfalls besuchen koennen und vielleicht auch die Gelegenheit haben, einen Vergleich mit einer oeffentlichen Schule zu ziehen.

Eine kleine typische Episode, die ich miterlebt habe, waehrend ich im Cafe auf Juergen wartete, will ich euch nicht vorenthalten. Es ereignete sich ein Unfall, in dem ein Merzedesfahrer einen Roller uebersah und ihn umfuhr. Der Roller lag halb unter dem Auto, der Fahrer schien aber in Ordnung zu sein und etwa 2 Minuten gab es ein hitziges Wortgefecht zu dem sich zahlreiche Schaulustige gesellten. Soweit also nichts Ungewoehnliches, dann aber ging alles ganz schnell. Der Autofahrer zueckte das Portemonaie und reichte ein paar Scheine rueber und fuhr davon. Zur gleichen Zeit hielt ein weiteres Auto und der Faherer bot seine Hilfe an, der Roller wurde kurzerhand in den Kofferraum getellt und etwa 4 Minuten spaeter sah alles wieder so aus wie vorher. Problemloesung auf afrikanisch.

Es gibt Tage die beinhalten mehr Erfahrungen und Erlebnisse, als das man sie verdauen koennte und ich liege abends im Zelt und bin von der Fuelle der Eindruecke ueberwaeltigt. Selbst das Festhalten der Ereignisse in Kurzform scheint mich zu ueberfordern. Wichtigstes Element aber sind die Menschen, die ich auf persoenlicher und freundschaftlicher Ebene kennenlernen konnte. Juergen, den ich ueber Betterplace kennen lernen durfte und mit dem ich einen interessanten Tag verbracht habe und ueber nachhaltiges Reisen, Hilfsprojekte und Bildung vor Ort reden konnte, Kirsten einer Hamburgerin, die Westafrika liebt und einfach solange bleiben moechte bis es ihr keinen Spass mehr macht und auf der Suche nach Musik und Tanzunterricht ist, eine ausserordentlich liebenswerte suedafrikanische Familie, die ein Jahr mit dem Jeep rund um Afrika reist, auf meinem Campingplatz uebernachtet und mich zum Barbecue anlud, Joe ein Englaender, der sich ihnen zeitweise angeschlossen hat, Olli ein Englaender, der Westafrika ebenfalls auf einem Motorrad bereist, Gunnar und Sonja, die in einem Unimog durch Afrika fahren und etliche Einwohner Malis, mit denen ich in viele kurze Gespraeche verwickelt war. Mir wird klar dass ich an manchen Tagen mehr Menschen auf einer persoenlichen Ebene kennenlerne als in Deutschland in den vergangenen 2 Jahren. Es sind nicht irgendwelche Menschen, es sind liebenswerte, interessante Leute und ich ertappe mich, den Kommunikationsmuffel, tief involviert in allerlei Gespraeche und erkenne mich selbst kaum wieder. All diese Menschen begegne ich in einer Umgebung, die in sich selbst und in jedem Detail voll neuer Bilder und Gerueche und Geraeusche ist. Vieles Gesehene ist ungewohnt oder unbekannt und jeder Blick offenbahrt ein Fuelle an Neuem. An solchen Abenden liege ich im Zelt, rekapituliere das Erlebte und laechele tief erfuellt in mich hinein, denn ich spuere, dass mich das Leben mit ganzer Kraft ergriffen hat. Ich fuehle mich lebendig und schlafe mit voller Vorfreude auf die Ereignisse des kommendenden Tages ein.

Blick vom Campingplatz in Bamako

Blick vom Campingplatz in Bamako

Ich geniesse mein Zeit hier in Bamako, obwohl es objektiv irsinnig anstrengend ist. Es ist voll und verstaut, es ist dreckig und stinkig, es laermt und kommt auch nachts kaum zur Ruhe, die Hauptstrassen sind erfuellt vom blauschwarzen Dunst der Abgase, die Nebenstrassen sind hoffnungslos staubig und jeden Abend werde ich von Mueckenschwaermen heimgesucht, so dass ich mittlerweile komplett zerstochen und zerkratzt bin. Hier herschen sicher keine paradiesischen Zustaende und ich freue mich auch wieder auf eine entspanntere Umgebung und gute Luft auf weiten Strassen, aber ich bin froh in diese schwierige, vielleicht sogar abstossende Stadt einen so gluecklichen Einstieg gefunden zu haben. Mein Uebernachtungsort, ein Campingplatz mitten in der Stadt mit Blick auf den Fluss Niger, vorbeifahrende Kanus und der idealen Aussicht auf die untergehende Sonne hat sicher einen wesentlichen Teil zu meinem positiven Eindruck beigetragen. Mit dem Visum fuer Burkina Faso im Gepaeck verlasse ich morgen Malis Hauptstadt Richtung Segou, um dort meine Besuche der Schulprojekte abzuschliessen und begebe mich danach weiter Richtung Osten ins Gebiet der Dogon. Vorher wartet allerdings noch eine Tanzauffuehrung und ein gemeinsames Couscousessen auf mich, bevor wir alle wieder unsere eigenen Wege gehen, doch die Erfahrung sagt, dass wir uns nicht zum letzten Mal gesehen haben.

Ein wesentlicher Teil des Individualreisens besteht im Austausch mit anderen Reisenden, die man auf der Strasse aber vor allem in den Hotels und Herbergen oder auf Campingplaetzen antrifft. Dieser Austausch bestimmt massgeblich die Route die anpeilt, die Unterkuenfte die man anfaehrt, die Dauer des Aufenthaltes usw. Aus diesem Grund ist der Verlauf der Reise auch so spontan und Plaene aendern sich praktisch auf taeglicher Basis. Fuer die kommenden Laender verdichten sich zunehmend auch Informationen ueber moegliche Probleme, die gewissermassen eine graue Problemwolke ergeben. Kamerun etwa ist ab Mitte Ende Februar nicht mehr passierbar, da der dann einsetzende Regen die Strassen vollkommen unpassierbar macht. Auch wenn man es sich als Europaer schwer vorstellen kann, muss man es Ernst nehmen. Jeglicher Verkehr ist fuer die Dauer des Regens auf bestimmten Routen eingestellt. Es soll derzeit aufgrund der Konflikte keine Visa fuer die DRC geben. Visas fuer Angola sind praktisch nicht zu bekommen und man sollte in allen angolanischen Botschaften auf dem Weg anfragen und es wenigstens versuchen. Nigeria ist im suedlichen Teil des Landes aufgrund der massiven Bedraengnis durch die Bevoelkerung, auch aggressiver Natur, und dem extremen Verkehr nur unter groesster physischer und psychischer Anstrengung passierbar. Lagos sollte man besser vollstaenig meiden. Korruption ist so berbreitet, dass man praktisch ueberall zahlt um weiterzukommen. Willkuehr an Grenzen und unterwegs verlangsamen die Reisegeschwindigkeit, wenn man teilweise einfach stundenlang festgehalten wird, um zu klaeren, ob das Passieren tatsaechlich gestattet ist. Alles Geruechte oder ernstzunehmende Informationen? Das meiste steht im Gegensatz zu meinen bisherigen Erfahrungen. Sollte es wirklich so schwierig werden auf dem Landweg Kapstadt zu erreichen? Sollte es womoeglich gar unmoeglich sein und an Formalien scheitern? Bleibt dran und ihr werdet es erfahren. Bis zum naechsten mal, dann vermutlich aus der Gegend um Mopti, wo besondere touristische Highlights Malis auf mich warten.

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