Nachdem mich Geoff bereits vor dem Buerokratie- und Korruptionswahnsinn beim Abholen eines Paketes aus Europa gewarnt hatte, habe ich mich entschieden die Hilfe von Koffe anzunehmen, einem Einwohner den Geoff in den vergangenen Tagen in Dakar kennengelernt hatte.

Geoff, jemand, Koffe, Mark, ich vor der Abfahrt aus Dakar

Noch guter Dinge, fuhren Koffe und ich mit dem Motorrad zum etwa 30 Minuten entfernten Flughafen von Dakar. Das DHL-Buero war schnell gefunden und nach geringer Wartezeit teilte die bildhuebsche (wie die meisten Frauen hier) Dame am Schalter Koffe mit, dass mein Paket nicht existiere und ueberhaupt ich nicht die richtige Nummer habe, denn sie benoetigt eine 10-stellige, meine hatte aber 12. Mehr koenne sie fuer mich nicht tun. Was war zu tun? Zunaechst einmal mehr Informationen beschaffen. Wir suchten das naechste Internetkaffe auf und ueberpruften nochmals die Nummer in der Sendungsverfolgung auf dhl.de. Die Nummer war korrekt und der Status lautete “Im Zielland angekommen”. Ein Anruf bei Tom von KTM  Berlin brachte keine weiteren Infos zu Tage und ich bat ihn lediglich mir die eingescannte Paketquittung per email zu schicken, um etwas in der Hand zu haben. Ein Anruf bei DHL Deutschland foerderte eine nun neue internationale Paketnummer zu Tage, die aber leider nicht 10stellig war. Mehr konnte man mir nicht sagen, ausser das das Paket im Zielland angekommen ist und  vermutlich beim Zoll liegt. Zurueck am Flughafen schleiften wir uns durch endlose Bueros und Gaenge des Zollgelaendes, Koffe immer vorne Weg, ich wie ein Hund hinterher. Das Paket war nicht auffindbar, auch nachdem wir uns nach der allgemeinen Mittagspause noch zum DHL Hauptquartier begeben haben, war es scheinbar verschwunden. Voellig entnervt rief ich nochmals bei DHL Deutschland an und das Telefonat erbrachte dann des Raetsels Loesung. In Deutschland sind DHL und die Post eine Einheit, ganz im Gegensatz zu Senegal, wo es sich um Konkurenten handelt. Im Normalfall, so geschehen bei Geoffs Paket, landet ein intern DHL-Express-versandtes Paket, also von DHL zu einem DHL-Delivery-Officce, korrekt im Buero vor Ort und wartet auf seinen Abholer; der dann ggfs. verstaendigt wird. In meinem Fall aber wurde das Paket ueber DHL verschickt (den DHL Paketschein hatte ich ja dann zum Vorzeigen aus Toms Email) ging dann aber ueber einen Standartpostweg an die Post  in Senegal mit der Adresse des DHL Bueros am Flughafen. DHL in Senegal war also nicht mehr der Lieferant des Paketes, sondern lediglich der Empfaenger. Das Paket war also bei der Post, aber wo? Der DHL Paketschein den wir bei der Post am Flughafen vorzeigten, stifftete jedenfalls immense Verwirrung, da die Postangestellten immer vehement darauf verwiesen das es sich um ein DHL Paket handele und nicht bei der Post liegt. Im Folgenden verbrachten wir also Stunden und fuhren von Post zu Post in Dakar und erklaerten immer wieder aufs Neue warum es sich eben doch um ein Paket handelte, das bei der Post liegen muesse, nur um wieder und wieder in eine weitere Filiale geschickt zu werden.
Als wir tatsaechlich in einer Post ankamen und mein Reifen nach vorne geholt wurde, fuehlte es sich an wie ein Geschenk des Himmels. Leider durfte ich meine Emotion nicht zeigen, um den Zollpreis nicht gefaehrlich in die Hoehe zu treiben. Diesen konnte Koffe dann noch erfolgreich von 60 Euro (mit Quittung) auf 35 Euro (ohne Quittung) herunterhandeln und so wurde ich Teil der hier gaengigen Geschaftspraxis und verliess uebergluecklich, nach etwa 10 Stunden und genau 37 kopfschuettelnden schwarzen Koepfen, mit meinem Reifen in der Hand das Gebaude.

Nach kurzem Ausflug zum Lac Rose, dem Endpunkt der Paris-Dakar habe ich mich wieder von meiner gerade erst zusammengefundenen Gruppe abgespalten, um mein erstes Hilfsprojekt zu besuchen. Es handelt sich um die Finanzierung einer Wasserleitung in einem kleinen Dorf und ich wollte die Ankunft nicht durch das Auftauchen von 4 Motorraedern ueberstrapazieren.
Der Weg fuehrte mich weit abseits der ueblichen Routen. Nach laengerem hin- und hergeirre und einer groesseren Menge aufgeregt heraustuermender Dorfbewohner, fuhr ich am Ende mit einem Cousin meiner Kontaktperson zusammen auf dem Motorrad durch verwinkelte kleine Sandwege zum abgelegenen Teil des Dorfes. Die Behausungen hier bestehen aus umzaeunten oder ummauerten Familienanwesen in denen etwa 10 –  20 Angehoerige in Palmen- oder Lehm/Steinhuetten zusammen mit etlichem Viehzeug wohnen. Ich wurde herzlich aufgenommen, obwohl keinem wirklich klar war, was ich eigentlich will, ausser dass ich irgendwie in Kontakt mit einer Tochter der Familie war, die jetzt in Deutschland lebt (die auch das Projekt initiert hat). Der eigentliche Grund meines Aufenthaltes und die Existenz eines Betterplace Projektes im Internet habe ich zwar versucht zu vermittlen, aber ich zweifle das es wirklich verstanden wurde, zumahl sich die Kommunikation als uerberaus schwierig gestaltete. Der Kontakt zum Familienmitglied  war aber ausschlaggebend, um mich dem halben Dorf vorzustellen und so fuhren wir von Familie zu Familie und ich lernte den Familienaeltesten und alle Verwandten und Kinder kennen, bis mir der Kopf, voll mit fremdartigen Namen und laechelnden Schwarzen Muendern, nur so brummte. Ueberall wurde ich empfangen wie ein Mitglied der Familie, es war fantastisch. Und so war ich fuer einen Tag und eine Nacht nicht mehr Motorradreisender, sondern integriert in echten afrikanischen Alltag. Wir pflueckten Palmenfruechte und drueckten das Fruchtfleisch schluerfend mit dem Daumen aus der dreikammerigen Frucht. Schauten fern, wobei der Fernseher in den Hof getragen wurde und ueber einen Generator betrieben wurde, der weit mehr Laerm erzeugte als der Fernseher laut war. Wo bei uns Fliegen auf dem Bildschirm sitzen gesellte sich hier eine Gottesanbeterin hinzu und einer meiner neuen Familienfreunde trat neben mir plotzlich einen Skorpion tot. Alle sassen vorm Fernseher, bis, etwa 30 min spaeter, mitten in den Nachrichten das Benzin alle war und der Bildschirm schwarz wurde. Niemand schien sich im Geringsten daran zu stoeren und stattdessen tranken wir Palmenwein aus einer Plasteflasche.

Familie Thiaw - die Frauen haben sich extra schoen gemacht :)

Eigenartig fand ich, dass ich aus heiterem Himmel zum Essen gerufen wurde und daraufhin allein in meinem mir zugewiesenen Zimmer sass. Mittem im Raum stand ein Stuhl mit einer Kiste davor auf der ein Teller mit Spiegeleiern und gebratenen Zwiebeln stand. Da ich die anderen nie essen sah, nehme ich an, dass so jeder fuer sich in seinem Zimmer isst und ich nicht separat behadelt wurde, wissen tue ich es nicht. Das gleiche Essen und die gleiche Behandlung bekam ich auch am folgenden Morgen.
Die Verwandlung vom wandelnden Geldautomaten in ein intgriertes Familienmitglied hat mich deutlich spueren lassen, wie weit abseits ich mich fuer kurze Zeit vom normalen Touristenpfad begeben habe. So integriert ich war, so wenig wollte man jedoch von mir wissen. Mein eigentliches Ich liegt so weit jenseits dieser Welt, was haette ich schon vermitteln koennen? So konnte ich nicht ganz das Gefuehl abstreifen, ein Parasit zu sein. Ich haette gern etwas gegeben etwas von Wert dagelassen, aber vielleicht tut man dies automatisch ohne es bennen zu koennen. Einen kurzen Abriss zur Brunnensituation findet der Interessiert im Uebrigen auf Betterplace. Viel Gastfreundschaft habe ich empfangen und hatte zur Abwechslung mal nicht das Gefuehl am Ende eine Rechnung praesentiert zu bekommen.

Auf dem Weg nach Casamance, der suedwestlichsten Region Senegals, muss man durch The Gambia, einem vollkommen von Senegal eingeschlossenen Staat, fahren, der im Grunde nur aus gleichnahmigen Fluss und ein wenig Land drumherum besteht und im Gegensatz zu Senegal eine ehamals britsche Kolonie ist. Da hier nicht die Einheitswaehrung CFA (gespr. CEFA) der franzoesisch-westafrikanischen Staaten gueltig ist, wollte ich zunaechst einfach nur schnell durch, um dann suedlich von The Gambia in Senegal, zu uebernachten. Auf der Faehre lernte ich aber zwei Frauen, Juli (Australien -  Schulverwaltung) und Sovie (USA – Montessori in Vorschule), kennen, die fuer das VSO (Volunteer Services Overseas) in Soma, The Gambia an einer Schule arbeiteten. Beide sind bereits seit ueber 18 Monaten im Land und waren spuerbar erfreut einen Gast zu haben und so liess ich mich von meiner Devise, mich von der Reise fuehren zu lassen und nicht vom vorher gehegten Plan, leiten und folgte deren Einladung zur Uebernachtung. Die Menschen in The Gambia sind spuerbar anders. Sie wirken selbstbewusster, stolzer, froehlicher und lockerer. Man spricht Englisch, was es fuer mich natuerlich erheblich leichter macht in Kontakt zu kommen. Alles in allem war mein Aufenthalt in The Gambia und der Abend mit den sympatischen VSO-Helferinen eine gute Entscheidung. Nur die Hitze in der voelligen Windstille hat mir vor allem nachts schwer zu schaffen gemacht. Auf dem Weg durch die Grenze traf ich dann im Uebrigen auch auf einen Polizisten, der mit ernster Miene auf mein Motorrad deutete und “I want moto” sagte. Schockiert suchte ich zunaechst nach einer Pistole und konnte keine sehen und entschied mich ihm locker laechelnd und haendeshuettelnd zu erklaeren, das er das Motorrad zwar wolle, ich es aber dringend benoetigte und ihm leider nicht geben koenne und weigerte mich vehement, wie von ihm vorgschlagen auf die “Polizeistation” und damit abseits der oeffentlichen Blicke zu folgen. So ganz kann ich nicht mehr nachvollziehen wie es passierte, aber das Gespraech wandelte sich recht schnell von bedrohlich zu “ich bin dein bester deutscher Freund”, wir tauschten Emails und ich fuhr ueber die Grenze.

So siehts hinter meiner Herberge aus, auf der anderen Seite ist gleich der Strand

Casamance ist in den vergangenen Jahren von Rebellenuebergriffen betroffen gewesen, was die Anzahl der Touristen hat stark zurueckgehen lassen. Als Reaktion trifft man auf dem Weg zur Kueste auf massive Militaerpraesenz, zum Teil mit gepanzerten Autos und schwerem Geschuetz. Auch die Reaktion der Leute auf den Strassen (die im uebrigen staendig variiert) ist hier eher verbissen und man erntet beim Durchfahren die eine oder andere nicht gerade wohlwollende Geste. Solche Eindruecke wirken sich sehr stark auf das Grundgeguehl aus und ich war froh, dass hier an der Kueste der Weisse spuerbar gern gesehener Gast ist. Kafountine ist der erste Erholungsort auf meiner Reise und ich werde hier 2 Tage am Strand entspannen, alles waschen und dringend meine Sachen in Ordnung bringen, bevor totales Chaos in meinen Koffern ausbricht und alles, versandet und nass, unbrauchbar zu werden droht. Hier ist es besonders gruen und voller bunter Blumen, vorallem aber Voegel und ganz in der Naehe ist ein Naturpark, der insbesondere fuer Vogelbeobachtung empfohlen wird. Ich werde aber in erster Linie ausruhen, zu den hier vorwiegend gespielten Reggaelauten schaukeln und zur Entspannung von Rastamans Kraut Gebrauch machen.

Mittwoch treffe ich wieder auf Mark, der weiter suedlich an der Kueste in einem Strandort sitzt und heute Nacht die Wahlen in den USA verfolgen wird. Geoff und Peter sind derweil schonmal auf dem Weg Richtung Mali.

Bis bald meine Lieben.

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