Es war schon ein sehr gemischtes Gefuehl auf der Faehre stehend das gute alte Europa aus den Augen verschwinden und auf der anderen Seite Afrika naeher kommen zu sehen. Schwindende Sicherheit als Preis fuer das Abenteuer. Ein wenig mulmig war mir da schon. Nach nur 40 Minuten steht, bzw. faehrt, man auf der anderen Seite und findet sich zunaechst in Ceuta einer unter spanischer Hoheit stehenden Halbinsel und neben Melilla dem letzten Aussenposten Europas auf dem afrikanischen Kontinent, wieder. Der Kulturschock bleibt zunaechst aus und man erlebt stattdessen einen bunten Mix aus franzoesischen, spanischen und arabischen Einfluessen. Berber, Araber, Europaeer zusammengewuerfelt auf kleinsten Raum in einer sauberen und gepflegten Stadt mit augenscheinlich hohem Lebensstandard.

Ich muss zugeben in all der Vorbereitung auf das Ganze, der Organisation und dem Versuch zeitnah mit den beiden anderen zusammenzutreffen, habe ich vollkommen vernachlaessigt mich darauf vorzubereiten was mich im direkt vor mir liegenden Marokko erwartet. Weder kante ich die Waehrung noch hatte ich mich damit auseinandergesetzt welche Route jetzt als naechstes einzuschlagen ist. Dank GPS-Routing war das ja auch bislang gar nicht noetig. Fuer Afrika aber sind die GPS Karten eher rudimentaer und ein automatisches Routing gibs schon gar nicht. Nach einstuendiger Grenzueberquerung (Marokko duerfte noch eines der einfachsten sein) fand ich mich ein einer anderen Welt mit extremen Gegensaetzen zum gerade verlassenen Ceuta wieder. Steigt man aus einem Flieger akzeptiert man einfach, das die Welt nach dem Ausstieg eine komplett andere sein kann. Wenn man sich hingegen fahrend durch Europa bewegt hat man Zeit sich an die Veraenderungen zu gewoehnen. Nach nur 100 Metern Grenzgebiet ist aber einfach alles anderes und das mulmige Gefuehl der Faehre war auf einen Schlag mit ganzer Kraft zurueck und ich ertappe mich bei dem Gedanken “Motorrad, bitte bitte bleib heil, hier will ich nicht mit dir liegenbleiben”. Solange es sich bewegt ist das Motorrad der Inbegriff der Freiheit, sobald es steht wird es zum Gefaengnis. Kein guter und kein richtiger Gedanke, aber so fuehlt es sich momentan noch an. Daran werde ich noch arbeiten muessen. Dennoch, als ich in Tetouan anhielt um Geld zu holen beobachtete mich ein auf einer Mauer sitzender mit30jaehriger Mann und laechelte mich bei meiner Abfahrt warm an und winkte mir zu. In diesen 3 Sekunden war das beklemmende, mulmige Gefuehl der Fremde fast gaenzlich aufgebraucht. Mehr braucht es eben manchmal nicht.

Auf dem Weg nach Rabat

Die Fuelle der Eindruecke kann ich hier nicht wiedergeben. Es gibt viel Armut, man sieht rudimentaerste Landwitschaft, immer wieder Ansammlungen von Maennern, die mit einfachem Geraet irgendwo neben der Strasse irgendwas buddeln, natuerlich Muell insbesondere schwarze Muelltueten, die staendig herumwehen und sich in grosser Zahl in Zaeunen ansammeln. Insbesondere aber sieht man viel Polizei. Eigentlich hat beinahe jeder Keisverkehr einen eigenen Polizisten, der dort steht und nach dem Rechten schaut, manchmal sind es sogar zwei. Im allgemeinen stehen sie nur rum, sind aber im Falle eines kurzen Staues blitzschnell bereit auf der Trillerpfeife pustend und wild gestikulierend auf sich aufmersam zu machen. Da dies dann auch den Rest der Fahrer ablenkt entsteht dann tatsaechlich eine verfahrene Situation, die ein weisendes Eingreifen des Polizisten erfordert.

Ich muss (neben Franzoesisch) als Wichtigstes lernen mit den ueberall vorhandenen Leuten umzugehen, die einem staendig jeden auch nur kleinsten Service abnehmen wollen. So gibts es neben den ueblichen Koffertraegern, Schuhputzern  und Stadtfuehrern auch Helfer fuer Grenzproblematiken, Uebersetzer die ploetzlich aus dem Nichts auftauchen und bei kleinsten Verstaendigungsproblemen helfen wollen, Kindern, die sich anbieten Geld in den Parkautomaten zu werfen, damit man nicht extra hingehen muss, andere die das Motorrad bewachen wollen und etliche mehr. Und natuerlich bin ich einigen auf den Leim gegangen, schliesslich haben die gute Uebung darin ploetzlich unverzichtbarer Teil deines Tages zu werden und man will ja nicht unhoeflich sein; aber manchmal gehts dann wohl anders nicht, da muss ich erst noch Strategien entwickeln.

Die Mauer umgibt praktisch den gesamten Innenkern Rabats und umschliesst die labyrinthische Medina

Rabat ist an Eindrueken mehr als ich hier noch abtippen kann. Und vieles muss ich erstmal verarbeiten. Und um auf den Titel einzugehen, der groesste Kulturunterschied ist eben der Islam. Und wenn man fuer alle hoerbar die Gebetsaufrufe durch die Stadt klingen hoert, fuehle ich mich schon sehr fremd und auch ausgeschlossen. Fuer Gehoerlose wird dann im Uebrigen eine weisse Fahne gehisst. Dies mal nur als Info, von meinem nicht abzuwimmelnden Stadtfuehrer, am Rande. Aber es fasziniert mich und ich geniesse es jetzt tatsaechlich auf dem eigenen Motorrad ganz woanders angekommen zu sein.

Mark und Geoff haben sich derweil nach Casablanca verkruemelt und warten jetzt dort. Ich schliesse heute abend dorthin auf (nur 90 km entfernt). Allein ists doch etwas nervenaufreibend mit all dem Gepaeck hinten drauf nach einem Hotel zu suchen und jedesmal Angst zu haben einen Teil des Gepaeckhaufens geklaut wiederzufinden.

So, ich begebe mich jetzt in die Medina von Rabat und versuche einen Ersatz fuer den verlorengegangenen Verschluss eines meiner Extrakanister zu besorgen, ohne den ich knapp 100 km Reichweite verlieren wuerde. Spaetestens wenn man in abgelgenere Wuestenregionen in Mauretanien will, gehts es ohne den zweiten Kanister nicht mehr. Und falls sich einer wundert warum ich hier sitze und endlos tippe, statt draussen Marokko zu erleben -  es giesst in Stroemen.

Ach und eines habe ich noch vergessen…. AHHHH es gibt gar kein Bier nirgends.

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