Knapp eine Woche ist seit dem letzten Eintrag in Calabar, Nigeria vergangen, doch bis heute bin ich nur etwa 150 Kilometer Luftline weitergekommen. Der notwendige Umweg ueber das Bergland Kameruns war fahrtechnisch die bislang schwierigste Etappe und hat mich nicht nur geografisch vom Tief ins Hoch gefuehrt. Ich schreibe aus Limbe, Kamerun, einem entspannten Ort in der nordwestlichen Kuestenregion und erhole mich fuer zwei Tage hier, bevor die Fahrt weiter Richtung Sueden geht.

Flusseinblick in Ostnigeria

Flusseinblick in Ostnigeria

Die letzten Tage in Nigeria, waren objektiv das schoenste was Nigeria zu bieten hatte. Die Vegetation wird zunehmend dichter, die Orte kleiner und ruhiger und der Verkehr laesst spuerbar nach. Wir fahren uerber Bruecken, die Einblick in idylische Flussverlaeufe gewaehren. Von der tadellosen Strasse aus sehen wir Fischerboote und Frauen, die Sachen waschen und zum Trocknen auslegen (Waesche wird zum Trocknen oft einfach auf dem Boden ausgebreitet). Dennoch hat mich das bislang staerkste Reisetief heimgesucht und meine Gedanken zu entfernt liegenden, moeglichen Zukunftsproblemen entfuehrt. Reisemuedigkeit, vielfaeltige kleinere und groessere Sorgen diesseits und jenseits der Reise, ein wenig Weihnachtsmelancholie und vorallem wieder neue Probleme mit der KTM ergaben ein ungutes Gemisch.

Ein Gabeldichtring hat sich entschlossen nicht mehr seiner Bestimmung nachzukommen und verteilt nun grosszuegig Gabeloel auf Reifen, Bremsscheibe und Bremse. Das wirkt sich nicht nur massiv unguenstig auf die Federung/Daempfung aus, sondern ist auch noch sehr gefaehrlich, da es sich negativ und schwer vorhersehbar auf die Bremskraft (wenigstens habe ich zwei Bremsscheiben) und auf die Traktion des Reifens auswirkt. Die Bremsfluessigkeit kann ich durch regelmaessiges Austauschen eines sich vollsaugenden Lappens um die Gabel groesstenteils abfangen, aber leider ist mir die Moeglichkeit verwehrt neues Oel als temporaere Loesung oben nachzufuellen, um die Daempfungseigenschaften zu erhalten, da hierfuer Spezialwerkzeug noetig ist. Bei Marks Suzuki gibt es fuer diesen Zweck eine einfache Schraube. Vielen Dank KTM. Alles was ich voruebergehend tun kann, ist die Steifigkeit aller Einstellungen nach oben zu setzen, um ein Durchschlagen der Gabel zu verhindern und zuzusehen, wie das Oel so nach und nach aus der Gabel verschwindet. So hoppele ich also mit einer voellig unsensiblen, ultraharten Federung und eingeschraenkter Bremswirkung durch die Gegend. Schwierige “Strassen”, auf deren Bezwingung ich mich seit langem gefreut habe, liegen vor uns und gerade jetzt versagt das Fahrwerk. Mein Vertrauen in die KTM ist auf den absoluten Nullpunkt gesunken und ich bin mittlerweile jeden Morgen erstaunt, dass sie ueberhaupt anspringt. Die Summe der Probleme ist jenseits meiner Akzeptanzgrenze angewachsen und verwehrt mir zunehmend den Spass am Fahren. Die Herausforderung Afrika zu durchqueren besteht fuer mich in erster Line darin, das Motorrad am Laufen zu halten.

Melancholisch und missmutig gestimmt nehme ich frueh meine Fahrt Richtung Kamerun auf und versuche mir mit guten Argumenten ein Laecheln auf die Lippen zu zwingen, aber der Blick fuer die Gegenwart und die Freude ueber mein Privilegium hier sein zu duerfen, scheint verloren. Ich sehe, aber ich erkenne nichts. Ich fahre, aber ich geniesse es nicht und meine Reise scheint sich auf Grenzueberquerungen, Visaangelegenheiten und Hotelsuchen zu beschraenken.

Soviel zum Tief, nun zu Kamerun.

Kamerun kuendigt sich auf dem Papier als eines der vielseitigsten Laender Afrikas an. Es erstreckt sich vom Lac Tchad im Norden, also Wuestenregionen, ueber bergige Grasslandschaften, trockene und felsige Hochregionen, bis hin zu tropischen Regenwaeldern und traumhaften Sandstraenden. Waehrend im Westen Englisch gesprochen wird, dominiert im Rest des Landes Franzoesisch. Im Norden herscht der Islam vor, im Sueden das Christentum und zwischendurch wohnen zahlreiche traditionelle Staemme. Die Jahresniederschlagsmengen im Sueden sind extrem und verwandeln nicht befestigte Strassen in unpassierbare Matschlandschaften, waehrend im Norden Duerre herscht. Von Entspannung auf Traumstraenden ueber Hochgebirgstrekking bietet Kamerun ein weitreichendes Aktivitaetsspektrum. Viele Gruende also, sich auf unser naechstes Ziel zu freuen.

Am Grenzuebergang scheint die Zeit langsamer zu verlaufen. Jeder hat eine Unmenge davon, jeder will erstmal reden, jede Handbewegung wird im Schneckentempo ausgefuehrt. Wir haben Zeit, schalten einen Gang runter und lassen die Beamten gewaehren. Versunken im Dschungel ragt eine Stahlbruecke ueber einen Fluss, eingewachsen von dichter Vegetation. Es ist feucht, am Horizont verschwinden Urlwaldriesen im Dunst und jeder Qubikmeter Raum ist gefuellt von einer unbeschreiblichen Vielzahl von Pflanzen. Kamerun, am anderen Flussufer ist eine gruene undurchdringliche Wand. Seit meiner Kindheit fasziniert mich der Begriff Urwald und obwohl ich in meiner Reise durch Zentralamerika zu einigen Dschungel-eingestuften Gebieten gekommen bin, habe ich nie einen Urwald gesehen, der meiner wahren Vorstellung entsprach. Undurchdringlich muss er sein und gleichzeitig hoch, Baumriesen mit Lianen und gruenen Haengegewaechsen, nur unterbrochen von einer schmalen Strasse, die schneller zuwaechst, als dass man sie freihalten kann, ueberall kreucht Getier und in den Wipfeln, weit ueber den Koepfen springen Affen. Zum ersten Mal finde ich eine Vegetation, die meiner Vorstellung sehr nahe kommt. Befriedigt sauge ich die Eindruecke auf und fuehle mich weit, weit jenseits jeglicher urbaner oder entwickelter Strukturen. Wohlbemerkt befinden wir uns auf der Hauptstrasse auf einem der groessten Grenzuebergaenge zwischen Nigeria und Kaemrun.

Die Grenzangelegenheiten brauchen seine Zeit, sind allerdings ohne Schwierigkeiten hinter uns gebracht und nachdem wir unsere westafrikanischen Francs in zentralafrikanische Francs umgetauscht und unsere Reifen zwecks besserer Haftung auf einen geringeren Luftdruck veringert haben, tauchen wir ins gruene Verlies ein. Die Strasse verdient ihren Namen nicht. Vielmehr handelt es sich um ein sich staendig veraenderndes Gebilde aus Sand, Matsch und Erdkruste. Sobald es regnet, verwandelt sich die urspruengliche Wegfuehrung durch die sich tief eingrabenden Fahrzeuge in eine Schluchtenlandschaft, die die Strasse zum Teil metertief in den Boden versinken laesst. Ist der Morast zu tief geworden, wird eine neue Route daneben durch den Dschungel geschlagen, um die unpassierbar gewordenene Hauptstrecke zu umfahren. Gluecklicherweise hat es seit mehreren Wochen nicht geregnet und wir sehen das getrocknete und hartgewordene Ergebnis, das viele, schwere Fahrzeuge in den nassen Tagen geformt haben. Dennoch verlangt es uns teilweise einiges an Fahrkoennen ab, um unsere Motorraeder unbeschadet durch die Schikanen zu bewegen. Mein Gemuet wird zunehmend leichter und ich jage die angeschlagende KTM ohne Ruecksicht auf Verluste zu Gunsten maximalen Fahrspasses durch die Strassenwueste. Ich bin hier, in Kamerun, und darf sehen was ich sehe und erleben was ich erlebe, hier und jetzt und keiner kann mir diesen Moment nehmen. Ich bin wieder in der Gegenwart und der Reise angekommen, jedes Problem wird wieder loesbar, ueberwindbar. Ohne Tief kein Hoch.

Hotelblick in Mamfe zu Weihnachten

Hotelblick in Mamfe zu Weihnachten

Unsere geplante Tagesdistanz muessen wir im Laufe unseres Dschungelkampfes auf die Haelfte reduzieren und erreichen Stunden spaeter erschoepft Mamfe, die erste groessere Stadt auf der Seite Kameruns. Es ist der 24.12., Weihnachten und wir sitzen auf der Strasse und essen den ueblichen aber wohlverdienten Reis mit Sosse, beobachten das Geschehen und sind gluecklich. Mark praesentiert mir (nach deutschem Brauch am Abend des 24.12.) ein Weihnachtsgeschenk – Nigeriaaufkleber, ein echtes Abenteuer-Motorradfahrergeschenk. Ich hole meinen bereits in Lome, Togo erstandenen aufblasbaren Weihnachtsmann hervor und kompletiere unseren Weihnachtsabend.

p1010361Der kommende Tag fuehrt uns auf aehnlichen Strassenverhaeltnissen aus dem tiefen Regenwald zum hochgelegenen Grassland bei Bamenda. Langsam und schwitzend, aber mit Hochgenuss wuehlen wir uns, verschlungen von dichtem Gruen, bis zum Ziel durch. Die Strasse wird kaum befahren und ist zum Teil unpassierbar fuer Autos. Wir sehen nur zwei davon, einen ultra-gelaendetauglichen, hochgelegten Allrad-Toyota und einen hoffnungslos steckengebliebenen LKW, der auf die Ausbesserung eines Strassenabschnittes warten muss, um weiterzukommen. Vier Personen sind damit beschaeftigt die metertief in den Schlamm eingefahrene Strasse auf etwa 40 Meter Laenge wieder zuzuschaufeln. Wie lange der Fahrer des LKW bereits auf die Fertigstellung wartet, weiss ich nicht, aber bevor er weiterkommt, duerften Tage vergehen. Ich beobachte die Arbeiter eine Weile bei ihrer muehvollen Ackerei, waehrend sich Mark an mir vorbei durch das Hindernis graebt. Der Aufwand fuer die Instandsetzung ist enorm und der bei Fertigstellung erreichte Zustand haelt unter Umstaenden nur wenige Wochen, hoechstens aber bis zum kommenden Regen. Es ist ein staendiger Kampf mit der Natur, gegen Regen und Matsch und der unbaendigen Wachstumswut des Regenwaldes.

p1010368Die Reaktionen der Einwohner auf uns auf diesem Abschnitt der Strecke sind besonders heftig. Kinder am Strassenrand  ergreifen teilweise panikartig die Flucht und stuerzen Hals ueber Kopf in den Dschungel. Andere stehen fassungs- und regungslos mit offenem Mund da und starren mich an. Mein Anblick ist mit nichts Bekanntem vereinbar. Ich fahre stehend auf dem recht hohen Motorrad und bin damit sehr gross, trage auffaellige Schutzbekleidung und einen recht radikal aussehenden Helm. Das Motorrad ist im Vergleich zu den hier erwerblichen Chinamoehren geradezu gigantisch und hat aufgrund der Verkleidung aeusserlich kaum Gemeinsamkeiten. Fuer Viele ist es eher ein Flugzeug, als ein Motorrad und ich wurde schon ernsthaft gefragt, ob es fliegen kann. Der Auspuff grummelt und roehrt und seit Lome knattert er irrsinnig laut beim Gaswegnehmen. Komplettiert wird mein Auftritt durch die boese dreinblickende Maske aus Mali, die ich jetzt, stolz auf mein wiedergewonnenes Licht, von hinten beleuchte. Dennoch, sobald ich winke, froehlich laechele und “Merry Christmas” rufe, schlaegt die Stimmung blitzartig um und ich sehe ergreifend herzliches, offenes und durch und durch ehrliches Laecheln. Es ist Weihnachten und die Dorfbewohner tragen ihre beste Sonntagskleidung. Wir sehen fein zurecht gemachte Jungs und Maenner in Anzuegen und bunte, sehr schick gekleidete Frauen, ein aussergewoehnlicher Anblick in einer ansonsten so wilden Umgebung.

Kinder im Weihnachtsdress in Bamenda

Kinder im Weihnachtsdress in Bamenda

Auf den letzten 50 Kilometern erwartet uns eine gute Asphaltschicht auf einer breiten Strasse. Wir geniessen das Gefuehl ungeschuettelt und zuegig voranzukommen, aber freuen uns den hinter uns liegenden Abschnitt erlebt zu haben, denn sicher wird irgendwann in Zukunft eine ebenso gute Strasse durch den Dschungel geschlagen sein und das Besondere zu Gunsten hoeherer Effizienz verloren gehen. Erschoepft geniessen wir abends ein kaltes Bier und ich stelle befriedigt fest, dass Weihnachten zwar eine Zeit ist, den man mit seiner Familie verbringen sollte, ist dies allerdings nicht moeglich, kann ich mir fuer diesen Weihnachten keinen schoeneren Tag vorstellen, als den gerade hinter mir liegenden.

p1010377Es ist kuehler hier im Grasshochland und angenehm zur Abwechslung mal nicht schwitzen zu muessen. Morgends und abends hole ich sogar mein tief in den Koffern vergrabenes Fliess hervor. Der Wechsel der Landschaft von der tropischen Vielfalt zu den uns nun umgebenden grassbewachsenen teils felsigen Bergen, koennte groesser nicht sein. Geradezu alpine Gefuehle kommen bei mir auf und wuerde sich nicht die eine oder andere Palme oder Bananenpflanze ins Bild mischen, koennte man fast annehmen im italienischem Alpenvorland zu sein. Leider liegt ein dichter Dunst ueber allem, der den Blick auf die einzigartige Landschaft stark einschraenkt. Wir lernen spaeter, dass es sich um feinen Saharastaub handelt, der durch den Hamatan in der Trockenzeit herangeweht wird. Erst mit dem Einsetzen der Regenzeit klart es sich auf. Auch hier in Limbe sieht es nicht anders aus. Limbe befindet sich am Fuss des ueber 4000 Meter hohen, aktiven Vulkans Mount Cameroun, der direkt ueber uns aufragt. Sehen kann man ihn nicht.

Blick vom Hotel in Miramare in Limbe

Blick vom Hotel Miramare in Limbe

Wir erholen uns ein paar Tage im wunderschoenen, direkt am felsigen Strand gelegenen Hotel Miramare, bevor ich, einer Einladung folgend, zum weiter suedlich gelegenen Kribi fahren werde, um am schoensten Strand Kameruns Sylvester zu verbringen.

Zurueck im “Alltag” eines Motorradfernreisenden beginnt das neue Jahr mit einem Aufenthalt in Yaounde und der Jagd nach den Visa fuer Gabon und DRC, nach Angola, den voraussichtlich am schwierigsten zu bekommenden Visa. Ich erwarte, dass sich, keine unerwarteten Vorkommnisse vorausgestzt, unsere Reise von Gabon bis Namibia beschleunigen wird, da fehlende touristische Strukturen und zeitlich begrenzte Visa den Aufenthalt erschweren, bzw. verkuerzen werden. Doch nach Plan laeuft hier ja sowiso nichts und nicht zu vergessen – Ich fahre eine KTM. ;) Liebe KTM-Fahrer unter euch, nehmt mir meinen Sarkasmus nicht uebel. Ich liebe sie nach wie vor und fuer Europa wuerde ich sie mir ohne Zoegern wieder kaufen. Kein anderes Motorrad bietet mehr Fahrspass auf so vielfaeltige Weise, fuer Afrika hingegen sollte man besser die Finger davon lassen.

Ich wunesche euch einen guten Rutsch und es wuerde mich freuen, euch auch 2009, zum letzten Teil meiner Fahrt, wieder hier begruessen zu duerfen.

Es ist schon erstaunlich wie sich die Ereignisse ueberschlagen, sobald man sich wieder bewegt. In Lome sitzend habe ich mich schon gefragt, was mich wohl erwartet, in Benin und Nigeria. Was wird passieren, worueber es sich zu schreiben lohnt, was ueberhaupt erwaehnenswert ist. Schliesslich koennte es doch sein, das nichts passiert, wir niemanden kennenlernen, keine Probleme haben oder nennenswerten Ereignisse durchleben. Doch wer eine Reise tut, der hat was zu erzaehlen und so haben sich auch in unserer letzten Etappe wieder Eindruecke und Erlebnisse in einer Menge angehaeuft, das ich es hier nur stark selektiert widergeben kann. Viel Spass beim Lesen und willkommen zureuck.

Wir sind in Calabar, Nigeria angekommen. Nigeria – was mache ich hier eigentlich, frage ich mich immer wieder. Nunja, es liegt auf dem Weg, aber warum wuerde irgendjemand hierher kommen wollen? Ich war nie in einem Land, das so ungeeignet fuer Touristen ist und es gibt auch keine – fast keine. Doch zunaechst zu Benin.

Wir haben uns entschieden im Interesse zuegigeren Vorankommens, im Vorfeld kein Visum fuer Benin zu beantragen, sondern lediglich das 48 Stunden Transitvisum an der Grenze zu nehmen und auf der Durchreise durch das schmale Land (etwa 100 km im Sueden) nur eine Nacht in einem Ort namens Abomey zu verbringen. Abomey, das Zentrum der Dahomey Dynastie, eines blutigen und martialischen Koenigreiches im 18./19. Jahrhndert, bietet in erster Linie ein Museum auf dem Gelaende des ehemaligen Palastgebietes inkl. der zum Teil erhaltenen Gebaeude.

Mit Aussnahme einiger gieriger Polizisten in Benin, die durch mein Gepaeck schnueffelten und alles was sie fanden, geschenkt bekommen wollten und einer etwas langwierigen Verhandlung an der Grenze zu Benin ueber die Hoehe der zu zahlenden Strafe, (wir hatten das Visum fuer Togo um 3 Tage ueberschritten), war die Fahrt durch die gruenen, dicht bewachsenen Huegel eindrucksvoll und nach der langen Ruhepause ein Genuss. Beim Vorbeifahren sehen wir Frauen am Strassenrand, die mit grossen Fischen winken und Maenner die gefangene riesige Ratten hochhalten. Ich freue mich aufs Neue in eine Welt einzutauchen, die immer wieder Unerwartetes bereithaelt. Benin empfaengt uns mit einem kurzen Regenschauer, der die Gerueche und Farben intensiviert. Ein Fest fuer die Sinne. Ich atme tief ein und geniesse die kraeftigen Farben im Licht der untergehenden Sonne.

Tobi, Mark und Fahrer auf der Rueckfahrt

Tobi, Mark und Fahrer

In Abomey angekommen, erwarten uns zwei Ueberraschungen. Ein dreitaegiges, jaehrlich einmaliges Voodoofestival geht an diesem Abend mit einer grossem Abschlusszeremonie zu Ende (was fuer ein Zufall) und wir treffen auf 3 junge Bayern, Tobi, Marcel und Sonja, die ebenfalls auf Motorraedern unterwegs sind und im gleichen Hotel wie wir absteigen. Wir verschwenden keine Zeit und kaum angekommen, steigen wir auf die lokalen Motorradtaxis und werfen uns ins bunte Voodootreiben. Jeweils zwei von uns plus Fahrer passen auf die kleinen 125ger Moppeds, die extra fuer diesen Zweck zusaetzliche Fussrasten angewschweisst bekommen haben. Trotz der immensen Zuladung mit uns grossen Europaern, erweisen sich die kleinen, billigen Chinafahrzeuge als erstaunlich fahrstabil, selbst in zum Teil nicht ganz einfachen Sandpassagen. Wir haben viel Spass auf unserer Fahrt und erreichen die Zeremonie etwa eine Stunde vor ihrem Hoehepunkt.

Voodoo Zeremonie

Voodoo Zeremonie

Nachdem wir den Weissenzoll ueber unseren Fuehrer an den Voodoochief abgeliefert haben, duerfen wir dem Spektakel beiwohnen. Auf einem grossen Platz sind mehrere Hundert sehr bunt bekleidete Maenner und Frauen zugegen, in deren Zentrum eine offensichtlich lebendige, aber stark narkotisierte weisse Kuh liegt. Zu etwas traegen Trommelklaengen tanzen zuerst die Frauen und dann die Maenner jeweils einzeln um die Kuh und vollfuehren dabei speziefische Gesten mit ihren Messern. Es wird gelacht und geulkt und alles wirkt eher erheiternd als ernst oder gar gruselig. Die Taenze um die Kuh intensivieren sich mit hereinbrechender Daemmerung, bis letzlich recht pragmatisch die zuckende Kuh von ihrem Kopf befreit wird. Dieser wird daraufhin fuer alle sichtbar herumgetragen und schliesslich zusammen mit dem ebenfalls abgeschnittenen Schwanz praesentativ abgelegt. Kopf und Blut durchlaufen jetzt umfangreiche Zeremonien, denen wir nicht beiwohnen koennen, sagt man uns und wir verlassen das Fest nach einem anstrengenden Tag vieler neuer Eindruecke und in Vorfreude auf ein abschliessendes kuehles Bier.

Die Besichtigung des Dahomey Palastes am kommenden Morgen empfand ich etwas ernuechternd. Ein paar Mauern und altes Zeug konnten keine Interesse entfachen. Die Lieblingsbeschaftigung der Dahomy schien das Abtrennen der Koepfe der Feinde zu sein, bis sie im 18.Jahrhundert entdeckten, das es lukrativer ist, die Feinde als Sklaven an die Franzosen zu verschachern. Alles deutet auf ein blutgieriges und kriegerisches Volk hin. Das Motiv der Enthauptung findet man ueberall auf Wandmalereien, Stoffen und Kriegsgeraet. Der Schaedel der Feinde wurde auch gerne weiterverwendet z.B. als Basis fuer einen Faecher oder als Stuetze fuer den Thron. Kriegsherren, die keine abgetrennten Feindeskoepfe mit nach Hause bringen, werden um ihren eigenen Koepfe erleichtert. Mit anderen Worten, im Falle der Niederlage bleibt man besser fern der Heimat. Bei wichtigen Gebaeuden wurde dem Lehmmaterial der Mauern eine Portion Blut der Feinde beigemischt. Blutig zur Schau gestellte Ueberlegenheit, wo man hinschaut.

Grenzuebergang

Grenzuebergang

Der wenig genutzte Grenzuebergang nach Nigeria bei Keuta erweist sich als etwas langwierig, aber weitgehend stressfrei. Die Beamten auf beiden Seiten sind etwas ueberfordert mit den Formalitaeten. Insbesondere dem Polizist in Benin schien das Konzept der Ein- und Ausreise unverstaendlich zu sein. Bis zum Schluss war ihm nicht klar das wir von Benin nach Nigeria wollen und schliesslich mussten wir ihm sagen welchen Stempel er verwenden muss, welches Visa das von Benin ist und wo er stempeln kann. Da es keinen Zoll an der Grenze gab, wir aber auf unserem Carnet einen Ausreisestempel benoetigen, nehmen wir einfach seine Stempel und er freut sich, gegen einen geringen Obolus, nochmals stempeln zu koennen. Auf Nigeriaseite dauert es ein Weile bis wir, eskortiert von freundlichen Helfern, das Immigrationsbuero erreichen, um es zunaechst ohne Personal vorzufinden. Der Beamte wird aber benachrichtigt und erscheint etwas spaeter mit Stempeln und Buch. So schwierig es war ueberhaupt ein kurzes Visum fuer Nigeria zu bekommen, so einfach war es jetzt die Dauer des Aufenthaltes zu verlaengern. Auf die Frage wie lange wir den bleiben moechten, antwortete Mark 3 Wochen und, Voila, drei Wochen sind uns gewaehrt.

Nach der Grenze werden wir zunaechst von Strassenblockaden empfangen und davon nicht zu wenig. In den ersten 10 Kilometern zaehle ich davon zwanzig Stueck. Polizei, Militaer aber auch Zivilisten, jeder scheint hier das Recht zu haben, seine eigene Strassenblockade aufzubauen. Die meisten sind mit automatischen Waffen ausgeruestet. Eine Blockade besteht immer aus der Einengung der Strasse durch Holzstaemme oder Reifen oder aehnlich Geeignetem, um die sich mehrere Personen gruppieren, die den Verkehr in beide Richtungen aufhalten. Haeufig gibt es fuer die verbleibende Durchfahrt ein langes Brett, durch das Naegel geschlagen sind, die reifenunfreundlich mit der Spitze nach oben zeigen. Dieses wird dann bei Bedarf rein- oder rausgeschoben. Was genau der offizielle Hintergrund der einzelnen Blockaden ist, ist mir schleierhaft, in der Praxis handelt es sich jedoch um eine Moeglichkeit geeignete Passanten um etwas Wegzoll zu erleichtern. Eines ist uns sofort klar, wenn wir halten, haben wir verloren. Nicht nur duerfte jeder Stopp viel Zeit kosten, und bei der grossen Anzahl der Barrikaden verringert sich die moegliche zurueckgelegte Tagesdistanz erheblich, sondern auch Geld, dass wir in vielen kleineren und groesseren Portionen abtreten wuerden. Wir haben einen entscheidenden Vorteil, wir sitzen auf Motorraedern. Damit sind wir erstens ein ungewoehnlicher Anblick und zweitens recht schmal. Beides nutzen wir gnadenlos aus. Das Augenmerk der Kontrolloere liegt auf Autos, je teurer desto vielversprechender. Die vielen Moppeds sind uninteressant. Wer Mopped faehrt, besitzt nicht viel.

Eine typische Barrikadendurchfahrt gestaltet sich folgendermassen. Mark faehrt voraus, das Augenmerk auf Zeichen der Einengung der Strasse gerichtet und versucht sich hinter ein vorausfahrendes Auto zu klemmen, um moeglichst lange ungesehen zu bleiben, sobald eine Barrikade sichbar wird. Ich schliesse moeglichst nahe auf. Um die vielen Moppeds ungehindert durchfahren zu lassen, gibt es meist neben der eigentlichen Durchfahrt eine zweite Moeglichkeit, um an den Kontrolloeren vorbeizukommen. Moeglichst spaet tauchen wir aus dem Sichtschatten der Autos auf und fahren nicht zu langsam, aber auch nicht auffallend schnell auf die Passage zu. Bevor wir tatsaechlich als potentielles Ausbeutungsziel wahrgenommen werden, sind wir schon fast auf Augenhoehe. In vielen Faellen wird uns dann mit mehr oder weniger deutlichen Handbewegungen signalisiert, das wir langsam fahren bzw. stoppen sollen. Wir winken dann froehlich, gespielt naiv zurueck und “Vrooom” schiessen durch die Barrikade. Einige reagieren darauf sehr ungehalten, schreien und drohen, muessen sich aber damit abfinden, ihre Chance verpasst zu haben. Der ueberwiedende Teil der Strassenblockaden gestaltet sich aber als unkritisch und die offiziellen Militaers auf den von uns bevorzugten grossen Strassen winken uns im allgemeinen durch. Dennoch ist es ein angespanntes Fahren, da man staendig damit rechnen muss doch angehalten zu werden.

Neben den Strassenblockaden tut der allgemeine Verkehr sein uebriges, um unsere Konzentration permanent auf Hoechstniveau zu halten. Was hier passiert ist nichts anderes als Strassenkrieg. Die Strasse ist eine gesetzesfreie Zone, in der jeder macht, was er fuer richtig haelt. Je groesser das Auto, desto ruecksichtsloser faehrt sein Insasse. Es wird gefahren wo Platz ist, egal auf welcher Strassenseite, so schnell wie es nur irgend geht. Einen Mindestabstand gibt es nicht. Wer langsam fahert oder klein ist, sieht zu dass er moeglichst nahe am Strassenrand oder sogar neben der Strasse faehrt. Es gibt auch keine festgelegte Anzahl von Fahrspuren (Fahrmarkierungen fehlen). Soviele Autos wie nebeneinander auf die Strasse passen, fahren auch nebeneinander. Mal wird links ueberholt, mal rechts, mal in der Mitte. Wenn ein Fahrzeug auf der entgegenkommenden Spur den eigenen Ueberholvorgang unmoeglich macht, ueberholt man nur dann nicht, wenn das Fahrzeug kleiner ist, als das eigene. Im anderen Fall muss das entgegenkommende Fahrzeug zusehen, dass es von der Strasse verschwindet. Auf der etwa zweispurigen Strasse von Lagos nach Benin City gibt es zwischen den Fahrtrichtungen eine etwa 80 cm hohe Betonblockade, die die Strasse trennt. In regelmaessigen Abstaenden ist diese jedoch unterbrochen. Ist ein Fahrer der Meinung, das der Verkehr in seiner Richtung zu voll ist und vorausgesetzt sein Auto ist gross genug, entscheidet er einfach auf der gegenuebliegenden Seite entgegen dem Verkehr weiter zu fahren und auf dieser Strasse eine dritte Spur in die andere Richtung aufzumachen. Haeufig folgen dann andere, sobald dies einer tut. Ich will betonen, dass es sich hier um eine Schnellstrasse handelt, die meisten fahren hier ueber 100 km/h . Die Konsequenz ist, dass man bei jedem Ueberholvorgang auf seiner Seite ueberpruefen muss, ob nicht veilleicht ein Bus auf der Ueberholspur entgegenkommt. Mir ist beim ersten Mal fast das Herz stehen geblieben, als mir diese Praxis noch unbekannt war und mir ploetzlich ein Laster mit Lichthupe auf meiner Ueberholspur entegenkam. Die Anzahl der Unfaelle ist entsprechend ueberwaeltigend. Neben der Strasse liegen in regelmaessigen Abstaenden Laster oder Autos, gepluendert oder ausgebrannt. Jeden Tag sehen wir mehrere Unfaelle, die sich gerade ereignet haben muessen.

Auf den grossen Strassen faellt ein anderes Phenomaen auf. Der Strassenverlauf ist immer wieder durch sehr schlechte Abschnitte unterbrochen, meist Schotterpassagen mit grossen Loechern, die die Fahrer zwingt, stark zu bremsen und entsprechend langsam zu ueberqueren. Diese Gelegenheit wird von einer grossen Anzahl von Strassenverkaeufern genutzt, um die Fahrzeuge geradezu zu umzingeln und den Vorbeifahrenden Waren anzubieten. Der Verkauf gestaltet sich hektisch und erfolgt im Allgemeinen ohne ein Anhalten der Autos, was sofortiges Hupen und den Zorn der anderen Fahrer nach sich ziehen wuerde und endet haeufig im Herausschmeissen der Geldscheine. Die grosse Anzahl der Verkaeufer foerdert wiederum den Stau, da man jetzt nicht mehr nur auf die Strasse achten muss, sondern auch darauf, keine Leute zu ueberfahren, was sich wiederum positiv fuer die Verkaeufer auswirkt, die dadurch mehr Zeit haben, sich auf die zusaetzlich verlangsamten Autos zu stuerzen. Manche Strassenzustaende sind derart schlecht, also geeignet, dass sich ganze Maerkte darum entwickeln. Es werden Staende gebaut, um die Waren zu lagern und selbst im Schatten sitzen zu koennen. In einigen Faellen sind die Strassenmaerkte fernab jeder Ortschaft so stark angewachsen, dass man sich fragt, was zuerst hier war, die kaputte Strasse oder der Markt. Wenn es dem Markt gelingt ausreichend stark anzuwachsen, bevor die Strasse repariert wird, reicht die schiere Anzahl der auf der Strasse stehenden Verkaeufer aus, um den Verkehr auch im Nachhinein noch hinreichend aufzuhalten. Verrueckt? In Nigeria ist alles verrueckt.
Abschliessend lasst mich noch etwas zu den Verhaeltnissen sagen, die einen erwarten wenn man in die Staedte kommt. Zunaechst einmal ist hier jede Stadt riesig und die grossen Verbindungsstrassen fuehren immer durch die Staedte hindurch. Sobald ich auf dem GPS die naechste Stadt kommen sehe, heisst es tief Luft holen, alle Kraefte sammeln und durch, denn es wird voll werden. Voll mit allem, Menschen, Autos, Motorraeder, Muell, Staenden und Waren. Manchmal ist es so voll, dass ich grade noch ausreichend Platz habe um meine Fuesse auf den Boden zu stellen und das Motorrad zu stuetzen. Was auf den Strassenmaerkten auf der offenen Strasse passiert, geschieht hier hundertfach auf geringerem Raum. Jeder Quadratmeter wird genutzt. Ich sinke in mich hinein und versuche die Welt um mich geschehen zu lassen und zu beobachten, waehrend ich hoffnungslos zwischen den Autos eingeklemmt bin und was ich sehe ist ein vollkommen unkontrolliertes Chaos aus Metall und Fleisch. Es ist die maximale Konzentration menschlicher Energie auf eingeschraenkten Raum. Waehrend mir der Schweiss aus dem Helm in den Nacken laeuft und die KTM die Hitzegrenze ueberschreitet, und das kann ich ihr nicht mal uebel nehmen, gucke ich links neben mich in einen Kleinbus, der neben allerlei Gepaeck 40 statt der urspruenglich vorgesehenen 15 Passagiere enthaelt, die unbeeindruckt fleissig mit den Strassenhaendlern handeln und Wasser oder Bananen kaufen. Rechts neben mit steht ein Laster, dessen Ladung bis zum Himmel zu reichen scheint, die weit in meine Richtung bedrohlich ueber mir lehnt. Mehr geht einfach nicht. Hier ist alles am Limit. Auf Kreuzungen faehrt jeder sobald Platz vor der Stossstange ist und sind es auch nur wenige Zentimeter. Wer wartet oder jemanden vorbeilaesst, verliert, den der Platz wird sofort von anderen eingenommen. Jeder kaempft seinen eigenen persoenlichen Strassenkampf.

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einer geht noch

So intensiv wie der Verkehr, so intensiv sind auch die Menschen. Waehrend wir in anderen Laendern angelaechelt werden, manche den Daumen hoch halten oder winken, wird hier geradezu gejubelt und geschrien. Wenn wir halten, kommen auch hier die Menschen, aber mit einer Energie und Kraft einer anderen Kategorie. Mit aller Macht werden Haende geschuettelt und “Welcome to Nigeria” wird uns geradezu entgegengebruellt. Zurueckhaltung gibt es hier nicht. Die Leute kommen, fassen alles an, wollen alles haben. Hier gibt es keine Ruhe, keinen Rueckzug, keine Entspannung. Es brodelt immer und ueberall.

Viele Menschen erzeugen viel Muell und diesen sehen wir auf riesigen teils brennenden Halden entlang der Strasse, besiedelt von den Aermsten der Armen, die dort nach was auch immer mit Schaufeln buddeln, waehrend auf den Strassen die Anzahl ultrateurer SUVs erstaunlich hoch ist. Oelfoerderung und sehr ungleiche Verteilung hat in Nigeria die Entstehung einer sehr kleinen, sehr reichen Oberschicht gefoerdert.

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Pause am Strassenrand

Teure Hotels in schlechtem Standard, so gut wie keine Internetcafes, dutzende taegliche Stromausfaelle in allen Stadten in denen wir uebernachtet haben, Banken ohne Visaautomaten und wenige und schlechte Restaurants sind nicht gerade touristenfreundlich. Das Lokalgericht, das wir uns gestern getraut haben zu bestellen (Afanga Soup – es gab noch gelbe Suppe, rote Suppe und weisse Suppe), war hoffnungslos ungeniessbar fuer uns, ein Taxi das wir benoetigt haetten, um zu einer Restaurantempfehlung im Buch zu kommen, haben wir in dem Verkehrchaos nicht auftreiben koennen. Als Fussgaenger benoetigt man die volle Aufmerksamkeit, um nicht in eine der zahlreichen stinkenden Abwassergraeben zu treten oder in Bauloecher zu fallen. Nachts ist es selbst in den Staedten aufgrund der Stromproblematik haeufig voellig duster und man weiss besser genau wo sein Hotel ist (und die Loecher und Graeben). Dafuer haben die meisten Haushalte eigene Stromgeneratoren neben dem Haus, die zusaetzlich zur Verkehrslawine Abgase erzeugen und Laerm verursachen. Benzin ist eben billig in Nigeria (ca. 35 Cent der Liter). Der Laerm wird uebertoent durch noch lauteren HipHop, der ruecksichtlos durch die Strassen haemmert.
Es ist schwierig, Gefallen an Nigeria zu finden und fuer mich ist das beste an Nigeria die Grenze zu Kamerun. Aber das Land ist riesig und wir haben auf unserer Durchfahrt nur einen kleinen Teil (und vorallem Strassen) gesehen. Doch wo will man hin? Im Niger Delta werden regelmaessig Weisse entfuehrt, in noerdlicheren Regionen kommt es immer wieder zu toedlichen Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Christen. Jede Fahrt innerhalb des Landes ist gepraegt durch Barrikaden und unmenschliche Stadtdurchquerungen und die Staedte selbst sind unkontrollierte, zugemuellte Geschwuere. Nigeria ist ein materialisierter Schrei. Es ist ein intensives, angespanntes, fanatisches “Ahhhhhhhhhh”. Es saugt an meinen Kraeften, zu jeder Minute des Tages.

Wir haben es Jerry, einem Hotelangestellten, zu verdanken, dass wir hier in Calabar im entfernten Suedwesten des Landes doch noch eine andere Seite Nigerias zu sehen bekamen. Gemeinsam haben wir auf Motorradtaxis entspanntere Seiten der Stadt erkundet und einen netten Abend verbracht. Calabar duerfte aber eine Ausnahme darstellen und wird von reichen Nigerianern im gesamten Land als Urlaubsziel, inbesondere jetzt zur Weihnachtszeit, genutzt. Die Hochgeschwindigkeitsrueckfahrt auf dem Mottoradtaxi durch die unbeleuchteten, vollen Strassen Calabars, hat mich dann aber doch wieder daran erinnert wie nah man hier am Wahnsinn lebt.

Die Kommunikation mit den Einheimischen, auch mit Jerry, gestaltet sich hingegen haeufig schwierig auch wenn wir auf Englisch zurueckgreifen koennen. Es faellt auf, dass fuer uns offensichtliche und einfache Fragen hier nicht verstanden werden, bzw. man die Beantwortung bestimmter Art Fragen  nicht gewohnt ist. Generell stoesst man immer auf Probleme wenn man konkrete Fragen stellt, wie “Wie weit ist es bis dorthin?” oder “Wie lange benoetigt man bis dorthin?”, oder “Wann ist jemand da?”. Die Reaktion ist immer Erstaunen und Unsicherheit und die Antworten liegen generell weitab der Realitaet. Man kommt eben an wenn man ankommt, man benoetigt so lange wie man braucht und jemand ist hier wenn er herkommt. Auch die Warum-Frage verursacht Schwierigkeiten. Auf die Frage “Warum ist es dort schoen?” erhaelt man, nach einem kleinen typischen Aufschrei und einer kurzen Pause des Erstaunens ueber eine solche Frage, die Antwort “Weil man schoene Dinge dort sieht?”.

Die KTM verursacht weiter Bauchschmerzen. Neu sind jetzt ein permanent zu heisser Motor und, noch viel schlimmer, ein Aussetzten des Motors, inbesondere wenn er kalt ist. Letzteres klingt auch akkustisch gar nicht gut und verursacht manchmal, das der Motor vollstaendig ausgeht, was in Schraeglage zum sofortigen Sturz fuehren wuerde. Angespanntes Fahren mit reaktionsbereiter Hand an der Kupplung sind nicht gerade ein Genuss. Ein erster Reparaturversuch hat leider nicht den erwuenschten Erfolg gebracht. Ich hoffe ich kann dem Problem auf die Spur kommen.

Vor uns liegen Kamerun und Gabon und ich erwarte schlechte und anspruchsvolle Strassen durch dichten Dschungel. Wir naehern uns dem Equator (in Gabon) und kommen in ein Gebiet, dass zwar Jahresschwankungen in der Niederschlagsmenge aufweist, wo es jedoch ganzjaehrig regnen kann, was sich immens auf den Zustand der Strassen auswirkt. Ich freue mich auf eine der landschaftlich aufregendsten Abschnitte unserer Reise mit ueppigster Flora und Fauna und hoffe mir sind sowohl Wetter als auch KTM wohlgesonnen. Das Visum fuer Kamerun holen wir heute abend ab und morgen gehts weiter, auf in neue Abenteuer.

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