Von drei selbsternannten Guides verfolgt, habe ich mich in die nahezu unertraegliche Hitze eines Internetcafes gerettet. Meine Guides stehen jetzt draussen und sorgen dafuer, dass niemand mein Motorrad anfaesst. Nach meinen bisherigen Erfahrungen eine hier gaenzlich ueberfluessige Taetigkeit. Die Menschen hier im Inland sind so herzlich, offen und natuerlich, dass man sich hier sofort wohl fuehlt.

Ich im Adrar Gebirge

im Adrargebirge, oben auf dem Plateau in 80 km Entfernung liegt Chinguetti

Heute morgen aus Chinguetti gekommen sitze ich jetzt in Atar und werde mit einer kleinen Unterbrechung in Terjit, einer Oase in der Naehe, nach Senegal aufbrechen.
Chinguetti war das bisher herausragende Erlebnis dieser Reise. Die Strasse dorthin war bereits eine Herausforderung. Bestehend aus ca. 20 – 30 cm voneinander entfernt liegenden harten Querrillen und einer darueber liegenden Sandschicht, war die Strasse nur ab einer Geschwindigkeit von etwa 80 km/h befahrbar, dann naemlich fliegt das Motorrad fast vibrationsfrei ueber den Untergrund. Sobald man langsamer wird, etwa weil eine uneinsichtige Kurve vor einem liegt, geraet das Motorrad in die Rillen und schuettelt sich derart intensiv, dass man glaubt jeden Moment faellt die gesamte Konstruktion aus Blech und Schrauben auseinander. Der auf den Rillen liegende Sand macht die Sache auch nicht leichter, da dann zusaetzlich die gesamte Fuhre anfaengt unangenehm hin und herzuschwimmen. In der Hoffung die Strasse offenbahrt uns keine unvorhersehbaren Ueberraschungen sind wir also hochkonzentriert ueber die Piste geflogen, den Sand hinter uns aufwirbelnd und ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen, als mir bewusst wurde, dass ich ganau dieses Bild im Vorfeld der Reise im Kopf hatte. Hier bin ich also und fege bei 30 Grad ueber staubige Pisten der Sahara entgegen.
Peter hat sich leider bei einem ansonsten unproblematischen Sturz im tieferen Sand, die Kofferhalterung abgerissen, was seine Stimmung bei Ankunft in Chinguetti etwas getruebt hat.
Chinguetti liegt direkt am Rande der Duenen. Es gibt keinen Strom, kein Telefon und kein Benzin, die Menschen strahlen uebers ganze Gesicht und die Kinder, die uns auch hier sofort umringen, sind liebenswuerdig und trotz ihrer Neugier nicht aufdringlich. Die Strassen haben keine Namen und sind nur staubige Pfade und nach Einbruch der Dunkelheit kann man sich nur noch mit Taschenlampen in der Stadt zurechtfinden, naja wir zumindest. Die Menschen sitzen abends vor ihren Laeden, gruessen ohne gleich etwas verkaufen zu wollen und irgendwo in der Ferne hoert man trommeln und singen. Hier ist Afrika denke ich und fuehle mich bereits am ersten Abend trotz anstrengender Fahrt wohl.
Wie viele andere Stadte ist auch Chinguetti eine Art Geisterstadt. Die urspruengliche Siedlung (vor 1300) wurde vor langer Zeit von den Duenen ueberrollt und auch die aktuelle “alte Stadt” besteht zu 70% aus Ruinen. Stadt die Ruinen abzureissen oder aufzubauen, zieht man einfach in ein neues Haus daneben oder eine Strasse weiter, das scheint mit weniger Aufwand verbunden zu sein. Da es praktisch nie regnet eignen sich aber auch die dachlosen Ruinen mit einem uebergspannten Stoffdach noch hervorragend um Kind und Ziegen unterzubringen. Uerberall schichtet sich der Sand an den Waenden und die Tueren der unbewohnten Ruinen sind unpassierbar zugeweht.
Eine wichtige Stadt war es einst und es kamen hier bis zu 30000 Kamele zusammen, beladen mit Waren aus Timbuktu, dem Sueden oder Marokko. Wie die meisten anderen Handelsstadte der Sahara hat auch Chinguetti seine Bedeutung mit dem Aufkommen der Seehandels eingebuesst. 7 zum Teil erhaltene Bibliotheken zeugen auch von der akademischen Bedeutung der Stadt. Heute sind die meisten Buecher vom Verfall betroffen oder gaenzlich von Termiten zerfressen.

Abends sitzen wir im einzigen Restaurant (ein Franzose, der sich in die Stadt verliebt hat, haelt es geoeffnet) und reden mit Moma einem Senegalesen der sich hier angesiedelt hat. Zur Frage warum hier eine Strassenbeleuchtung aufgebaut ist, aber nichts leuchtet, meint er nur, die Anlage waere recht neu und zur Foerderung des Tourismus gebaut. Auch gibt es einen neuen Generator, aber es schaltet ihn keiner an. Das Licht waere auch viel zu hell und stoert nur wenn man im Sommer vor seinen Haus oder Laden schlafen will. Keiner interessiert sich wirklich dafuer. Wir laecheln und freuen uns ueber den fantastischen Sternenhimmel weit ab von jeglicher Lichtemmision.

Fuehrer mit Packkamel voraus

zu langsam fuer den Selbstausloeser

meine Spuren im Sand

Unbestrittenes Highlight war ein 2-taegiger Ausflug in die Wueste. Peter hat sich auf die Rueckreise begeben und ich habe mir zusammen mit Irshad, dem einzigen anderen Touri in der Stadt, einem Englaender pakistanischer Abstammung, einen Wuestenfuehrer und 2 Kamele geleistet. Unsere Tour war zweifelsfrei eine der unbeschreiblichsten Naturerlebnisse meines Lebens und wenn ich Irshad auf einem der naechsten Duenehuegel stehen sehe, er mich mit erstauntem Gesichtsausdruck ansieht und die Arme als Zeichen seiner Fassungslosigkeit seitlich ausgetreckt hochhebt, weiss ich, er ist genauso ueberwaeltigt wie ich. Als wuerde man durch eine Traumwelt streifen, endlos weit, sich staendig aendernd, ein Meer surrealer Formen und Farben an denen man sich einfach nicht satt sehen kann. Wir folgen in teilweise grossem Abstand unserem nur arabisch sprechenden Fuehrer und versuchen die Eindruecke in Bildern einzufangen und wissen dass es nicht gelingen kann. Es ist als wuerde man die Formen einer schoenen Frau betrachten, die neben einem nackt auf dem Bett liegt und auch hier kann ein Foto den eigentlichen Reiz des Daseins nicht im geringsten einfangen, hat Irshad sehr teffend dazu bemerkt.
Die Duenen selbst sind teilweise ueber hundert Meter hoch und als wir uns sitzend und schlitternd die Berge hinunterfallen liessen, konnte ich einen Wunsch nicht unterdruecken – “Allah gib mir ein Snowboard”. Wow waer das ein Spass aber ich hoffe instaendig, dass es nie dazu kommen wird, dass man sich Snowboards in Chinguietti ausborgen kann, auch wenn es sicher gut funktionieren wuerde und die Vorstellung mit Snowboards beladene Kamele durch die Wueste ziehen zu sehen ist schon sehr ulkig.
Unser Fuehrer war eine bewundernswerte Einheit mit seiner Umgebung. Alles passierte in Harmonie mit dem Kamel und der Duenenwelt. Unscheinbar hockt er sich hin, um sich verborgen vom weiten Umhang seiner Beduerfnisse zu entledigen, baeckt Brot im Saharasand, schreitet scheinbar gewichtslos ueber den Sand, hinterlaesst nie Spuren an den Orten unserer Pausen, betet regelmaessig zu Allah, der hier irgendwie naeher zu sein scheint, und, fuer mich besonders ungreifbar, findet die Kamele wieder. Diese naemlich werden in den Zeiten der Pausen und der Nacht zum fressen einfach frei laufengelassen. Damit sie nicht zu weit kommen werden die Vorderbeine etwas zusammengebunden, sie koennen dann zwar nicht mehr rennen, aber im Zeitraum einer Nacht kommen sie durchaus sehr weit. Vor dem Sonnenaufgang und nach dem Gebet verschwindet unser Fuehrer in irgendeine Richtung und taucht etwa 50 Minuten spaeter mit den Kamelen im Schlepptau wieder auf. Es bleibt mir ein Raetsel wie er auch nur wusste in welche Rictung er gehen sollte. Leider sind wir erbaermlich an jeglicher Art Kommunikation gescheitert, selbst Irshad, der als Moslem selbst etwas Ararbisch spricht war nicht in der Lage sich zu verstaendigen. Sehr schade, wir haetten ihn so viel fragen koennen.
Die Nach selbst war mit Ausnahme des Sternenhimmels und einer etwa 5 Sekunden sichtbaren hell erleuchteten Sternenschnuppe (lang genug um auch Irshad darauf aufmerksam zu machen, so dass auch er sie noch sehen konnte) fuer mich die Kaeltekatastrophe. Die letzten Naechte waren recht warm und ausgehend davon, das fuer Decken gesorgt sein wuerde, hatte ich nichts weiter fuer die Nacht mitgebracht. Nachdem unser Fuehrer kurz nach Einbuch der Dunkelheit unter seiner Decke und Irshad in seinem Schlafsack eingeschlafen waren, stand ich vor einer vor Kaelte halb schlaflosen Nacht. Zitternd und durchgefrohreren bis auf die Knochen lag ich die letzen 3 Stunden vor Sonnenaufgang eingewickelt in die widerwaertig stinkende Kameldecke (kleine Decke zwischen Sattel und Kanmelruecken) und habe mir nichts sehnlicher gewuenscht als die Zeit vordrehen zu koennen. Die kalte Jahreszeit hat jetzt angefangen und der Temperaturumschwung fand genau in dieser Nacht statt. Die Quittung habe ich umgehend erhalten und so sitze ich jetzt hier mit Schnupfen, Husten und traenenden Augen und fuehle mich ziemlich miserabel :( .

Daher werde ich mich in Tirjit entgegen meiner Planung etwas erholen, bis ich wieder fit bin. Die Wueste hat einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen und es reizt mich sehr nochmals zurueckzufahren um auch Quadane und den Guelb er Richat noch zu sehen. Ein paar Tage in der Wuesste ist wie eine Entschlackung der Seele. Ausser den fremdartigen Formen und Farben gibt es keine Reize, keine Geraeusche, keine Menschen einfach nichts. Mich laesst der Gedanke nicht los dieser Entschlackung auch eine koerperliche Entschlackung hinzuzufuegen und mich fuer 5 Tage nur mit meinem GPS und 15 Liter Wasser irgendwo in die Wuesste unter einen Baum zu setzen und zu fasten. Verrueckt denkt ihr?, mag sein, aber warum nicht, die Gelegenheit dazu hat man so wohl nicht sehr oft, vielleicht nie wieder. Aber ein Blick auf die Karte belehrt mich wieder eines besseren und so werde ich als naechstes wohl Dakar angehen und meine dann hoffentlich eingetroffenen Ersatzteile entgegennehmen. Spaetestens in Namibia gibt es wieder Wuesste sage ich mir und Mali liegt ja auch noch auf dem Weg.

einfach ein Traum

Vielen Dank wieder fuer eure zahlreichen Kommentare. Ich melde mich hoffentlich bald erholt aus Senegal zurueck und verabschiede mich damit vorerst von der faszinierenden Sahara und den liebenswerten Menschen dieser Region.

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